Chronik einer Konfifreizeit

Donnerstag, 28.03. 2019, 10.30 Uhr

Ich sitze am Schreibtisch im Arbeitszimmer und versuche, etwas Platz zu schaffen. So viel Chaos! Die Traueragende kann jetzt weg, das Gottesdienstmäppchen und die Liederbücher auch. Morgen geht es zur ersten Konfifreizeit in der neuen Gemeinde und noch bin ich ziemlich planlos. Vier Trauergespräche innerhalb einer Woche und zwei Beisetzungen haben mich neben dem üblichen Krams (Gottesdienst, Seniorenkreis, Kita-Andacht, Konvent, Supervision, Geburtstagskaffee und Besuche, Büro) voll in Anspruch genommen. Aber jetzt: 19 Konfis, zwei Teamerinnen und zwei Hauptamtliche (ein Diakon und ich) für drei Tage auf dem Land (wohin sonst?) zum Thema Gottesdienst und Gebet. Langsam entsteht eine Tabelle mit Zeiten, Räumen, Menschen und Inhalten. Außerdem eine Liste mit Dingen, an die ich denken muss. Ganz schön viel. Zum Glück hat Rahel mich mit schlauen Ideen und Material versorgt. Endlich komme ich jetzt dazu, ihre Mails zu lesen und Anhänge zu öffnen. Die nächsten Stunden verbringe ich mit Ausdrucken, Abheften und Sortieren. Bücher und Ordner stapeln sich auf dem Schreibtisch, hektisch bastele ich am Laptop Arbeitsblätter zusammen. Sie sind nicht wirklich schön, aber immerhin mit Löwenzahn-Bildchen. Am Nachmittag sind in der Gemeinde noch Termine, erst abends wird die Tabelle endlich fertig und ich schicke sie dem Kollegen.

Freitag, 29. 03. 08.35 Uhr

Rahel ruft an, ich bin verzweifelt. Wie geht es dir? – Grauenvoll, ich bin so müde, als wär hätte ich die Fahrt schon hinter mir. Was is das denn für ein mieser Start? Und wie hast du das dann gemacht mit den Bildern und den Konfis? Und dem Buch? Warum kommst du nicht einfach mit? Diese Fahrt macht mich echt nervös. Ob die beiden Gruppen miteinander können? Ob ich das Mietauto finden und fahren kann? Ob die Vorbereitung reicht? Ob ich permanent ausrasten und pubertierende Jugendliche an Wände klatschen werde? Ob die Wahl des Ortes wirklich ok war?

12.30 Uhr

Im Gemeindebüro hat der Kopierer Papierstau. Natürlich. Schon zum zweiten Mal. Ich fluche und pöbele also laut herum, zum Glück ist die Sekretärin erst heut nachmittag da. Nebenbei laminiere ich bunte Bilder mit betenden Menschen, packe Kisten mit Liederbüchern, Bibeln, Heftern, Kerzen, Teelichthaltern, Stiften, Papier und Kissen. All das Gerümpel schleppe ich schimpfend Stück für Stück ins unfassbar große und schicke Mietauto, das einen Gang mehr hat als Ulf, aufregend.. Als Dankeschön von einer Beisetzung steht in meinem Büro (noch in Folie eingepackt) ein riesiger Blumenstrauß. Ich denke an die gestaltete Mitte und packe ihn noch schnell dazu.

16.00 Uhr

Etwas zittrig komme ich beim Freizeitheim an. Die Fahrt war ziemlich rough, wütende Autofahrer, viele Baustellen, ein Unfall, der ominöse sechste Gang und ständig machte das Diensthandy Geräusche aus dem Rucksack. Erst jetzt kann ich den AB abhören und die Nachrichten lesen – ein Stau lässt den Rest der Gruppe zu spät kommen. Ist ok, so haben Lars (der Diakon) und ich mehr Zeit für die Feinplanung. Lars ist Freizeit-erfahren, ich bin froh, dass er mitkommt und auch schon da ist. Als erstes zeigt er mir seinen lädierten Arm („schwer tragen kann ich nicht“), na super. Ich überlege mir eine geschickte Zimmeraufteilung. Ans eine Ende des Flures die Hauptamtlichen, ans andere Ende die Teamerinnen. Die bekloppten Jungs (verdammte Pubertät! Verdammte Gruppendynamik!) direkt bei mir gegenüber, dann ist der Weg nachts kürzer. Eine weise Entscheidung, mit der ich mir gekonnt ins eigene Fleisch schneide. Außerdem suche ich eine Vase und gebe den Blumen Wasser, ich finde eine Karte mit Gruß und mehreren hundert Euro, krass viel Geld. Die hätten auch gut in der Gemeinde bleiben können, oh je.

20.00 Uhr

Konfis springen wie Toastbrote in die Luft, mimen Waschmaschinen und schmachten James Bond an. Vorher haben sie schon die Evolution von Amöben zu Kakerlaken zu Affen und Menschen ausgefochten. Gelächter und Freude erfüllen den Raum, alle machen mit. Das Spielen macht Spaß, mir auch. Erste Zufriedenheit.

20.45 Uhr

Taizégebet: die Kerzen leuchten, wir sitzen auf dem Boden (zum Glück hab ich an die Kissen gedacht) und singen. Die bekloppten Jungs sitzen mir gegenüber und werden von Kicheranfällen geschüttelt. Manchmal singen sie hoch und schief mit. Ich werde so wütend, dass es für eine Taizéandacht wirklich nicht angemessen ist und schimpfe mittellaut. Beim Spieleabend danach erfreut man sich u.a. auch an den Werwölfen im Düsterwald, manche Dinge ändern sich wohl nie.

Samstag, 00.04 Uhr

Jetzt ist es wohl ok, Schlafsachen anzuziehen. Warum habe ich eigentlich die Oropax vergessen? Und Alter, Lars schnarcht ja unglaublich laut, das hört man durch die Wand! Und er spricht im Schlaf! Und singt! So laut! Und dieses Bett wackelt. Oh no, eine Mädchenstimme kreischt hinten. Also nochmal raus.

2.30 Uhr

Die bekloppten Jungs machen Krach. Mein Menschenhasser-Level steigt bedrohlich. Warum hört Lars das eigentlich nicht? Barfuß klopfe ich wütend an die Tür der Rabauken und fordere Ruhe. Als ich wieder im Bett bin, sind die Jungs zwar endlich leiser, dafür höre ich Lars umso lauter. Ich packe mein Bettzeug und ziehe in ein Bett auf der anderen Zimmerseite (insgesamt habe ich drei zur Auswahl). Eben hab ich mich so aufgeregt, dass ich jetzt nicht schlafen kann, so ein Scheiß. Und ich war doch schon morgens so müde. Wie soll ich das denn noch zwei Tage aushalten? Ulkige Gedanken kommen. Hab ich eigentlich genug Wäsche eingepackt? Wo bekomme ich morgen zur Not noch was gekauft? Ich brauch auch dringen Oropax! Lass ich morgen die bekloppten Jungs von ihren Eltern abholen? Oder geb ich ihnen noch eine Chance? Wieviele Chancen sind gerechtfertigt? Welche Form von Kirchenzucht könnte vielleicht doch Früchte tragen? Gaaaarh.

10.00 Uhr

Die Gruppe ist unfassbar müde. Die Toasts wollen nicht springen, und die Waschmachinen drehen kaum. Dafür sind sie insgesamt ruhiger. Sogar die bekloppten Jungs, wenigstens ein Vorteil dieser fiesen Nacht. Ich bin ziemlich grumpy, Lars ist besser drauf als ich (kein Wunder) und erklärt mit viel Liebe zum Detail die Geschichte des Gottesdienstes. Ein paar hängen schlaff auf ihren Stühlen, andere hören tatsächlich zu. Ich (in übrigens frischer Wäsche) versuche, interessiert zu gucken und nicht zu müde zu wirken.

12.15 Uhr

Meine improvisierten Arbeitsblätter zum Weg des Gottesdienstes („Du kannst echt nicht kopieren, Sara!“) haben es den Kleingruppen schwer gemacht. Nach ein bisschen Erklären ging es aber gut und die Gruppen präsentieren nun ihre Ergebnisse. Ich lausche andächtig, denn die haben sich wirklich Gedanken gemacht. U.a. mögen sie Gebetsstille und die Musik (ha!). Sie können Predigt genießen und daraus etwas mitnehmen. Bei den Lesungen ist es für sie schwieriger, sich mitgenommen zu fühlen. Einer der bekloppten Jungs hat einen Löwenzahn auf ein Plakat gemalt, na immerhin waren die für etwas gut.

15.00 Uhr

Guck an, ohne zu murren läuft die Gruppe bei herrlichem Sonnenschein fast 40 Minuten in die benachbarte Kirche, um dort etwas Kirchenraumpädagogik zu machen. Lars und ich sind die Letzten, auch weil wir die Langsamsten sind. Die Stimmung ist gut. Wenn das jetzt in der Kirche läuft, geb ich ein Eis aus.

20.20 Uhr

In Workshops haben die Jugendlichen nach dem Ausflug mit anschließendem Eis einen Gottesdienst zusammengebastelt, komplett mit Liedern, Anspiel, Gebeten, Predigt, Moderation und Ideen für die Raumgestaltung. Die Teamerinnen, Lars und ich staunen: das könnte morgen, wenn die Eltern zum Gottesdienst hierher kommen, richtig, richtig gut werden.

21.20 Uhr

Nachtwanderung. Dunkel. Hysterisches Gegacker. Die Sterne funkeln sehen. Sich durch einen Parcours helfen. Nach sieben Minuten wieder im Haus, kürzeste Nachtwanderung der Welt, trotzdem ok.

Sonntag, 00.30 Uhr

DIESE VERDAMMTEN IDIOTEN! Die rufen und poltern durch den Flur, als ob es kein Morgen gäbe. Dabei ist da doch Gottesdienst! Gehört, auch noch durch die Oropax, die Lars zum Glück für mich noch übrig hatte. Ich stürme rüber, reiße die Tür auf und beschwere mich lauthals. Gott sei Dank ist diese Freizeit morgen vorbei. Immerhin macht hier keiner Quatsch mit Alkohol oder Rauchen und bisher musste niemand in die Notaufnahme, aber trotzdem. Diese Nächte, diese Unruhe und die Verantwortung, puh.

10.59 Uhr

Die Glocken draußen läuten (machen Konfis), der Raum ist mit Eltern und Geschwistern gut gefüllt. An der Wand ein gebasteltes Kreuz aus Holz, die Bilder der Betenden. auf den Tischen an der Seite leuchten Kerzen, auf dem Altar sind die Blumen, eine Bibel, eine große Kerze und der kleine Gesprächslöwe. Ich sitze am Klavier, gleich geht es mit dem Vorspiel los. Ein bisschen nervös bin ich schon, aber auch optimistisch. Die werden das schon gut machen, die jungen Leute. In mir macht sich schon jetzt Dankbarkeit breit, die Feedbackrunde vorhin ist ganz positiv ausgefallen („gute Zeit, tolle Gruppe, gute Raumaufteilung, was gelernt, Essen ok“). Ich spiele die ersten Töne von Bless the Lord und groove mich langsam ein. Mal einfach so Musik machen ist auch toll. Das Klavierspielen macht Spaß. Dann treten der Moderatoren auf und die Jugend übernimmt das Wort. Und es wird wirklich gut.

16.00 Uhr

Ich warte müde auf den Bus, der mich nach Hause bringt. Das Auto ist abgegeben, Lars und ich haben vorhin Kisten und Gedöns zusammen (das ist so viel einfacher!) ins Gemeindehaus gebracht, endlich ist Feierabend. Was für ein Glück und Segen, dass diese Fahrt so gut gelaufen ist! Dass sogar die bekloppten Jungs ihre gegenwärtigen Momente hatten, dass die Andachten dicht und stimmig waren, die Jugendlichen beim Singen mit den Füßen mitgewippt haben und dass trotz allem Schlafmangel und allem Unmut immer noch irgendwoher Energiereserven angekrochen kamen und das eine oder andere Glücksgefühl. Tatsächlich, schön wars.

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Immer noch Neuanfang

Vor einer Woche feierten wir in der Gemeinde einen Familiengottesdienst zum Weltgebetstag. Mit gedeckter Tafel in der Kirche, Aktionen vom KiGo-Team, einem ausgeliehenem Beamer (ich hab es immer noch nicht geschafft, den kaputten reparieren zu lassen, ups) und sogar auch ein paar Kindern. Ich war fein raus und habe „nur“ gepredigt, den Rest hat das Team übernommen – das ist vielleicht ein Luxus! Trotzdem wollte an dem Sonntag nicht so richtig Stimmung aufkommen, was auch daran gelegen haben wird, dass die Wochen davor ganz schön arbeitsintensiv und die Tage vor Sonntag nervenaufreibend, aber auch erkenntnisreich waren.

So eine Gemeinde ist ja ein vielfältiger Haufen, der sich zu Teilen gerne mal aufführt wie ein Irrenhaus, unabhängig von Alter, Familienstand und Bildung. Ich schrieb hier schon davon, dass es Rumorereien unter den „älteren Frauen“ gab, weil ich manche Menschen zur Begrüßung umarme. Neuerdings nimmt die Fraktion der nicht klar definierten besorgten Damen angeblich Anstoß an meinen Segensworten. Den Segen spreche ich inklusiv (Gott segne…Gott lasse ihr Angesicht..Gott lasse sein Angesicht…). Das passt manchen nicht: Ist ja auch anders als in der Bibel, wie die Neue das macht. Und anders, als ihr Vorgänger das gemacht hat. Und anders, als die anderen Pfarrerinnen und Pfarrer die wir kennen. Also gilt und wirkt der am Ende nicht. Um Himmels Willen!!!!!! Man könnte natürlich mit der Pfarrerin darüber reden, aber am Ende würde sie verständnisvoll zuhören und unsere Sorgen ernst nehmen und vielleicht sogar noch angemessen darauf reagieren und vielleicht würden wir dabei auch noch unseren Horizont erweitern, omg – das kann doch nun wirklich niemand wollen und von uns verlangen.

Und obwohl es mir hier sonst auf vielen Ebenen richtig gut geht und es nur eine diffuse Handvoll Menschen von über 2000 Gemeindegliedern ist, die sich offensichtlich gerade in der Regression befindet, war ich letzten Sonntag in recht verdrießlicher Stimmung und kaute auf meinen Gedanken herum: Es ist hier eben doch immer noch ein Neuanfang für alle Beteiligten. Reibung passiert, Abgrenzung auch und ebenso kommt es zu Befindlichkeiten und manchen Enttäuschungen. Wahrscheinlich ist das alles total im Rahmen, aber das macht es nicht weniger nervig. Erstaunlich, wie sehr eine vergleichsweise kleine Episode einem die Stimmung versauen kann. Und warum gibt es in der Stadt ältere Frauen, die scheinbar so gar nicht auf mich klarkommen? Und wo waren die auf dem Land? Oder hab ich die einfach nicht bemerkt oder gekonnt verdrängt? Die machen mich noch alle ganz wahnsinnig! Meine Verdrießlichkeit begann gerade sich in einen mittleren Menschenhass-Anfall zu steigern, als eine SMS aus meiner alten Gemeinde kam und mich anders aktivierte. „Liebe Frau Hitschmock, meine Mutter liegt im Sterben. Könnten Sie die Beisetzung machen? Es kennt sie sonst ja niemand. Ihre traurige C. B.“

Als ich vom Gottesdienst zuhause ankomme, rufe ich bei ihr an. Ihre Stimme hab ich so oft gehört, ich kenne ihr Lachen, aber nicht ihr Weinen. Kurz darauf fahre ich mit einem blauen Autochen namens Jerry (geliehen von Freunden) in meine alte Gemeinde und hoffe, dass die Mutter von Frau B. noch etwas durchhält. Eine Beisetzung in den kommenden Tagen schaffe ich nicht, aber eine Andacht zur Begleitung heute, das geht. Während ich fahre, werden mir die Straßen langsam vertrauter wird und die Landschaft scheint mich mich liebevoll in ihre weiten Arme zu nehmen. Und ich staune: das gibt es ja auch noch alles. Es fühlt sich an wie Luftholen nach einer langen Atempause.

Bei Frau B. hat sich in der Küche eine kleine Gemeinde für die Andacht zusammen gefunden, Nachbarinnen, Freundinnen – man kennt sich und hilft sich, auch jetzt. Ich kenne alle. Es ist ein herzliches Wiedersehen, ich werde auf den neuesten Stand gebracht (eventuell bald ein Nachfolger!) und erzähle von mir und wieder staune ich: das ist ja alles noch da. Die sind alle noch da. Gott sei Dank. Wir haben öfter hier in ihrem Haus oder im Hof gesessen, bei Kaffee und Kuchen und belegten Broten. Ganz früher hab ich mit Frau B. auch mal genüsslich Zigaretten geteilt, ach hach. Heute steht auf dem Küchentisch ein Teller mit Käse – und Schinkenschnittchen und kleinen sauren Gurken. Ich bin gerührt, dankbar und auch wirklich hungrig.

Die Mutter von Frau B. liegt im Zimmer nebenan, die Tür ist weit offen, wir hören sie atmen, etwas unruhig, aber regelmäßig. Manchmal lacht sie leise. Sie ist eine sanftmütige und liebevolle Sterbende, scheint gelöst, fast fröhlich. Obwohl sie schon sehr schwach (und auch dement) ist, kann sie bei „Lobe den Herren den mächtigen König“ einstimmen, sie betet das Vater Unser mit großen, wachen Augen mit und lässt sich mit duftendem Salböl segnen. Beim Abschied sage ich: Ich habe mich sehr gefreut, Sie wiederzusehen! Und sie antwortete mit hellem Blick: Ich mich auch!

Frau B. und ich umarmen uns kräftig als ich mich wieder auf den Weg nach Hause mache. Ich fahre erschöpft, aber beschenkt zurück. Wer hätte gedacht, dass aus so viel Verdrießlichkeit und Grummelei noch etwas so Wunderbares wachsen könnte? Und dann bleibt am Ende: so viel Liebe.