Aus gegebenem Anlass VIII

Predigt zum Stadtfest 

Heute, am zweiten Tag unseres Stadtfestes und in den letzten paar Tagen vor den Sommerferien nehmen wir uns Zeit. Zeit, um im Trubel des Stadtfestes und am Ende dieses Schuljahres bewusst innezuhalten und Luft zu holen. Zeit für uns und auch Zeit für Gott soll es sein.

Der Sommer ist grundsätzlich, finde ich, die allerschönste Jahreszeit. Vor allem, wenn Sommerferien sind und man ohne Ablenkung durch Schule oder Arbeit das tolle Wetter genießen kann. Sofort fallen mir da traumhaft vergnügliche Unternehmungen ein: 

an einen See zum Baden fahren, sich mit Freundinnen und Freunden auf ein Eis treffen, spät abends ohne zu frieren Sonnenuntergänge bewundern oder unterm Rasensprenger Abkühlung finden und mit Glück einen Regenbogen zwischen den Wassertropfen entdecken. 

Euch fallen bestimmt noch viel mehr tolle Sachen ein, die man machen kann. 

Viele von euch fahren in den Ferien bestimmt auch weg, für ein paar Tage oder sogar Wochen. Vielleicht reist ihr sogar an Orte und in Länder, wo ihr vorher noch nicht wart, in Gegenden, die euch noch fremd und unvertraut sind. 

Reisen finde ich total spannend, denn es verändert die Welt und verändert auch uns Menschen. Unterwegs entdecken Menschen Orte, blicken über Horizonte, sie finden aber auch zueinander, lernen sich neu oder noch einmal anders kennen. Reisen setzt in Bewegung und stiftet Verbindung. Reisen verändert und tut gut darin. Dazu muss der Weg gar nicht unbedingt in exotische Weiten führen. Das Verändernde und Besondere kann uns genauso gut an unscheinbaren,  ja, sogar auch tristen, kargen Orten begegnen. Und manchmal – so Gott will – kann ein Mensch dabei einen Blick aufs Himmelreich erhaschen und wird reicher beschenkt, als er oder sie es sich hätte ausmalen können.

Wenn uns etwas Besonderes im Unwirtlichen geschenkt wird und wir es nicht erklären können haben wir es, glaube ich, mit Gott zu tun. Gemeinsam unterwegs an unwirtlichen Orten, das Gefühl hat auch Jakob. 

Jakob geht auf Reisen – aber nicht freiwillig. Er ist auf der Flucht, wie Millionen von Menschen heute. 

Doch Jakob treiben nicht etwa Krieg oder Naturkatastrophen von zuhause weg, er flieht aus anderen Gründen. Jakob kann sich nämlich zuhause bei seiner Familie nicht mehr sehen lassen. Er hat den Vater und seinen etwas älteren Zwillingsbruder Esau zu seinem eigenen Vorteil schlimm betrogen, schließlich ist alles aufgeflogen. Sein Bruder Esau ist so traurig und wütend, er droht ihm sogar mit dem Tod. 

Aus Todesangst flieht Jakob nun aus seiner alten Heimat. Er hat keine Zeit zum Packen,  kann keine günstige und schön gelegene Unterkunft bei Air-Bnb buchen – in seiner Not weiß er auch gar nicht wohin. Obdachlos und völlig alleine macht sich Jakob also auf den Weg ins Ungewisse, zu Fuß.  Es wird eine Reise, die für ihn und die Welt alles verändern wird.

Jakob läuft und rennt immer weiter, taumelnd und stolpernd. Das geht so bis die Sonne untergeht, die hereinbrechende Nacht zwingt ihn dazu innezuhalten und in all der Bewegung ruhig zu werden. 

Wenn in der Bibel geschrieben steht, die Sonne geht unter und die Nacht kommt, ist das ein Zeichen dafür, dass etwas Wichtiges passieren wird. Die Nacht ist nämlich die Zeit der besonderen Gottesbegegnung. 

Aber zunächst ist hier draußen nichts – keine Herberge, kein Haus – nicht mal ein Stall. Ein tatsächlich unwirtlicher und unschöner Ort für eine spontane Übernachtung, mitten in der Einöde zwischen den zwei Orten Beerscheba und Haran. Hier wird Jakob auf der blanken Erde unter freiem Himmel schlafen müssen, ungeschützt und unbequem. So legt er seinen Kopf auf einen Stein, um zu schlafen. 

In der Nacht träumt Jakob. Und genau an dieser öden Stelle, mitten im Nirgendwo, begegnet ihm Gott. 

Im Traum sieht er eine Verbindung von dem Ort, wo er liegt, bis in die höchsten Höhen, eine Art Rampe. Für das hebräische Wort, dass da im alten Text steht findet Martin Luther später eine schöne Übersetzung:  bei ihm sieht Jakob eine „Himmelsleiter“. Engel steigen daran auf und ab. An ihrem Ende steht Gott und spricht zu Jakob: 

„Siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dieses Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe“. 

Was für eine wunderbare Verheißung! Und das ausgerechnet in dieser Situation und an diesem Ort. 

Gott kann einem Menschen zu jedem Zeitpunkt und an jedem Ort begegnen, glaube ich. Ein Aufbruch ins Ungewisse, eine Reise zu unbekannten Orten und Ruhe können aber dabei helfen, offener für Gottes Gegenwart zu sein. So wie bei Jakob.

Gott sieht Jakob und lässt sich von ihm sehen und hören. Obwohl Jakob bisher nicht gerade durch positives Verhalten aufgefallen ist, Jakob hat viel Unrecht getan und sich selbst in eine absolut isolierte Situation gebracht. Ohne Familie, ohne Freundinnen und Freunde, alleine irgendwo draußen in der Wildnis. Fern von allem. Aber nicht zu fern für Gott.

Gott vermag es, auch hier zu wirken, Gutes zu bewirken. Denn er hat große Pläne für diesen Jakob, der einmal Israel heißen und der Erzvater eines ganzen, heiligen Volkes werden soll. 

Bis Gottes Verheißungen ganz Wirklichkeit werden, wird für Jakob jedoch eine lange Zeit vergehen und erst danach wird im biblischen Text wieder die Sonne aufgehen. 20 Jahre wird er fern der Heimat sein und dort schwer arbeiten und eine Familie gründen. 

Sein Traum von der Himmelsleiter an jenem unwirtlichen Ort wird ihm in alledem zur Zuversicht. Denn Jakob vertraut nun auf Gottes Worte. Darauf, dass er ihm versprochen hat eines Tages wieder heimzukehren und bis zu diesem Tag bei ihm zu sein. Das Vertrauen auf diese Verheißung beginnt für Jakob in jener Nacht an diesem fremden, scheinbar tristen Ort. Ab sofort hat Jakob einen Orientierungspunkt für sich, wie einen Kompass. Auf Gott und seine Zusagen kann er sich verlassen, komme was das wolle. Gott kann alles zum Guten wenden. Gott begleitet ihn auf seinem langen Weg nach Hause. Seine Reise ist behütet. 

In der Nacht handelt Gott. Am morgen darauf handelt nun Jakob. Mit dem Stein, auf dem er geschlafen hat errichtet er einen kleinen Altar für Gott und nennt die Stätte Bethel. Als Zeichen dafür, dass ihm dieser unscheinbare Ort zu einem besonderen, einem heiligen Ort geworden ist, an dem er Gott ihm ganz nahe war. 

Gott kann einem Menschen zu jedem Zeitpunkt und an jedem Ort begegnen, glaube ich. Ein Aufbruch ins Ungewisse oder eine Reise zu unbekannten Orten und ein paar ruhige Momente können uns aber dabei helfen, offener für Gottes Gegenwart zu sein und auf seine Verheißung für uns zu lauschen. 

Wenn nun manche von euch in den Urlaub fahren und sich in eine ungewohnte Umgebung begeben, kann es auch dort passieren, dass sich ein zunächst fremder oder schlichter Ort in einen ganz besonderen Ort verwandelt. Und vielleicht, so Gott will,  wird auch an jenen Orten sichtbar, was für das Auge sonst unsichtbar ist: dass Himmel und Erde verbunden sind und Gott uns mit seinen Engeln auf unseren Lebenswegen und Reisen behütet und beschützt. 

Und wenn ihr irgendwann, irgendwo in diesen Sommerferien besonders stark dieses wunderbare Gefühl habt, dann macht es doch wie Jakob und legt einen Stein an die Stelle, wo ihr Gott und seine Verheißung spüren konntet. Nehmt euch einen der kleinen, weißen Steine, die jetzt von unseren Konfis verteilt werden und nehmt ihn mit auf euren Reisen, egal ob nah oder fern und lasst ihn dort. Weil für uns alle gilt: „Siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dieses Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe“.

Amen

Liebe Lesende – habt es gut in diesen Sommerwochen! 🙂  Ich hab ab morgen für eine Weile Urlaub und fahre an die See, yay!

Love and blessings, eure ploetzlichpfarrerin.