Abgefahren

Seit ich in der Stadt bin bewege ich mich viel mehr. Ich hatte echt schon Muskelkater, bin ja nix mehr gewöhnt. Hier plötzlich so Treppensteigen, ins Gemeindebüro/zur Kirche/auf den Friedhof/zum ÖPNV/Einkaufen/Besuch/ Gemeindekreis/… laufen. Zu Fuß und so. Das alles geht (…), weil hier nichts wirklich weit weg ist. Ulf hingegen hat seit August bedeutend weniger zu tun. Er dankte es mir damit, dass er sich letzten Montag gar nicht mehr rühren wollte und stehen blieb, bis ein gelber Mann sich schließlich unter ihn legte, einmal kräftig gegen irgendetwas schlug während ich Ulf startete und dann fuhr er wieder.

Passenderweise spielte sich diese kleine Episode ab, als ich nach der finalen Wohnungsübergabe gerade meine Schlüssel im alten Pfarrhaus abgegeben hatte. Vielleicht ist Ulf noch im Abschied und hat deshalb Anfangs- bzw. Anfahrtschwierigkeiten, wer weiß. Im duftenden Pfarrgarten hatten sich derweil Einige zur Apfelernte eingefunden, erfreutes Wiedersehen und Herzen. Na, hast du schon genug von der Stadt und kommst zurück? Ich habe Quitten mitgenommen und einen Apfel. Es ist eigentümlich. Wenn ich dort bin, umgibt mich sofort ein ganz heimeliges Gefühl, als würde ich eine kuschelwarme Decke um die Schultern gelegt bekommen.

Heute war Ulf am neuen Ort dann wieder ziemlich mobil, nämlich auf der Suche nach der Werkstatt, die wir laut gelbem Mann dringend aufsuchen mussten. Stadtverkehr morgens früh, es war kein Vergnügen. Meine Orientierung ist schlecht, manche Dinge ändern sich wohl nie. Mein Ärger darüber ebenso wenig, aber der hilft dann ja auch nicht weiter. Ich kam jedenfalls eine halbe Stunde später in der Werkstatt an als geplant (ständig verfahren), um dann 10 Minuten später wieder unverrichteter Dinge vom Hof zu rollen. Solange er jetzt startet…? – Hmja.. – …können Sie doch mit ihm fahren und noch den TÜV abwarten dann vielleicht reparieren lassen. Jeder Start birgt ab sofort ein Risiko, aber auch eine Chance zur positiven Überraschung. Ulf ist echt lebensnah unterwegs jetzt.

Ich versuche derweil, sportlich unterwegs zu sein und längere Strecken mit dem Rad zu fahren. Weil ich orientierungslos bin und der Technik zu leichtfertig vertraue entwickeln sich diese Fahrten bisher regelmäßig zu dramatischen Grenzerfahrungen. Bisher brauche ich immer mindestens doppelt solang wie die Vorhersage der Kartenapp. Entweder, weil ich Entfernungen falsch einschätze (In 200 Metern rechts abbiegen – ich biege sofort rechts ab), die App Wege vorschlägt, die wirklich nicht da sind (man kann ja schlecht durch Tunnelwände oder Teiche), oder weil die App unrealistische Vorstellungen über das durchschnittliche Tempo von Radfahrenden hat. Dass ich der App tatsächlich nicht trauen kann war in meinem Bewusstsein trotzdem noch nicht angekommen. Bis heute aus 31 Minuten entspanntem Radeln eine Stunde quasi Hochleistungssport (ständig Anhalten, App checken, Wenden, Wege suchen, nervös Uhrzeit checken, an Ampeln anhalten, Straßen überqueren ) wurde und im Anschluss ein Taufgespräch stattfand.

Zum Glück hatte ich mir die Zeit falsch gemerkt und war zu früh losgefahren. Aber trotzdem, Kackapp! Und was dachte ich mir eigentlich dabei, eben mal eine Strecke 9km Rad zu fahren (und dann später, nach getaner Arbeit also, auch noch alles wieder zurück)? Himmel! Erst nach einer Dreiviertel Stunde Fahrt durch vier Stadtteile fiel mir die gute Frage ein, warum die ihr Kind überhaupt von mir an meinem Ort taufen lassen wollen und nicht in ihrer Ortsgemeinde. Das hätte so viel einfacher sein können. Meh. Dann wäre mir auch das Treppensteigen und der Gang zum Elternabend in die Kita (fußläufig, natürlich) heut Abend leichter gefallen. Dafür waren da heut Nachmittag unterwegs lauter gelbe Blumen, herrliche Septembersonne, ein glitzernder kleiner Fluss neben dem Radweg und Wiesen, Bäume und Felder – so schön! Und mindestens fünf windschnittige Radrasende in Funktionskleidung, denen ich meistens im Weg stand, suchend und verwirrt, schwer atmend und je nach Lichtverhältnissen schwitzend oder frierend. Ich habe erst beim Ankommen bei der Tauffamilie (und dem freien Blick auf einen sehr großen Acker mit nur Weite dahinter) kapiert, dass die nicht einmal mehr in der Stadt wohnen, sondern schon außerhalb. Also, hier macht man was mit. Stellt sich nur die Frage: alle Wege führen aufs Land, oder was?

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15 Jahre später

…sitzen 64 Frauen und Männer in einer mittelgroßen Stadt in einem Restaurant, dessen zwei Servicekräfte ob des anhaltenden Hungers und Durstes der Gäste bald an die Grenzen ihrer Freundlichkeit geraten „Erst das Essen, dann die Getränke, gedulden Sie sich noch einem Moment!“. Ich habe beschlossen, mein erstes Klassentreffen ohne übertriebenen Rausch zu begehen, trinke einen Schluck Weißweinschorle und blicke mich gespannt um.

Links von mir sitzt in Teilen der Freundeskreis meiner Gymnasialzeit, am Tisch neben uns und neben der Bar hat sich ein buntes Durcheinander der ehemaligen Klassen a bis c versammelt. Gelächter und rumoriges Stimmgewirr schallen durch den kleinen Raum. Ich sehe, dass die anderen genauso neugierig ihre Blicke schweifen lassen. Wer ist denn das? Der sieht mit Glatze ja total anders aus…Waren die beiden nicht mal ein Paar? XY hat sich ja überhaupt nicht verändert! War der immer schon so groß oder ist er nochmal gewachsen? War Dingens nicht beim Film gelandet? Wollte sie nicht auch kommen oder hab ich sie nur noch nicht erkannt? Ist sie schwanger oder nicht?

Die entspannte und fröhliche Atmosphäre erstaunt und erleichtert mich. Zu Schulzeiten hat sich das mitunter anders angefühlt. Eine meiner Freundinnen hat Fotos mitgebracht, die bis auf den Kindergarten zurückgehen und von Tisch zu Tisch wandern. Unglaublich, wenn man sich die Knirpse von damals anschaut und mit den Erwachsenen von heute vergleicht. Jetzt haben viele selbst Familie und Kinder, sogar schon im Grundschulalter.

Und ich bin, auch in dieser illustren Runde, jetzt irgendwie die Pfarrerin. „Für eine Pfarrerin siehst du so lässig aus!“ (hier freue ich mich kurz sehr) „Oha, der Klerus kommt an die Bar!“ (und trinkt ganz ungeistlich Cola) „Ich überlege seit einiger Zeit, aus der Kirche auszutreten.“ „Die Pfarrerin aus unserer Gemeinde ist..“ „Der Tod von XY hat mich in eine tiefe Krise gestürzt damals…“ “ Wenn ich mal heirate, frage ich dich“ „Nach der Konfirmation habe ich irgendwie den Draht zur Kirche verloren“ „Bist du eigentlich…Katholisch oder evangelisch? „Du darfst doch aber heiraten, oder?“(ehm, seriously?!)

Nach einem längeren Gesprächsgang mit Tino, der früher mit langen Haaren Gitarre spielte und an diesem Abend mit bunten Ringelsocken, Knickerbockerhosen und Hipsterbrille auf einem Longboard (woher eigentlich?) angerollt kam, schüttele ich verwirrt den Kopf. Er macht irgendwas mit Gütern, Zahlen und Zügen und Computern, noch nie habe ich diese Berufsbezeichnung gehört und sie als Konsequenz auch sofort wieder vergessen. „Eine ganz andere Welt!“ sage ich zu Anna, meiner längsten Schulfreundin, die gerade Wein trinkt. Anna fängt an zu prusten: „DU hast doch den Job aus der anderen Welt!“

Es gibt auch jemanden aus meiner Klasse, der als Kameramann u.a. bei Festivals und Fußballspielen dabei ist. Jan will nun nochmal studieren, Archäologie soll es werden, ausgerechnet in meiner ehemaligem Studierendenstadt. Er erzählt mir, dass er Menschengruppen und größere Versammlungen immer sofort nach Licht und Ton abscanne. Jan. kann gar nicht mehr anders als die Welt mit den Augen eines Kameramannes zu sehen.

Den harten Kern verschlägt es gegen zwei Uhr nachts noch ins Tanzlokal nebenan. „Grauenvoll ist es immer!“ Melanie aus der A-Klasse hat Recht mit ihrer Behauptung. Der Ort, die fremden Menschen, der DJ und seine fiese Musik sind eine echte Anfechtung. Ich bin müde und übervoll an Eindrücken und Gefühlen. Der schlechte Discobeat hämmert mir schmerzhaft aufs Gemüt. Entweder ich bin zu alt für diesen Scheiß, zu sehr Pfarrerin oder mit zu gutem Geschmack gesegnet oder (was wohl am Wahrscheinlichsten ist), ich bin einfach zu nüchtern. Wir brechen bald auf, Anna und ich teilen ein Taxi. Früher sind wir diese Strecke immer mit dem Rad gefahren, nach dem ausgiebigen Tanzen in einem Club, den es heute nicht mehr gibt. Na, das waren noch Zeiten. Ach ja.

Kakteen ohne Kaffee

Durch die großen Fenster in meinem Wohnzimmer sieht man viel Himmel. Tagsüber ist es hier lichtdurchflutet, jetzt gerade sehe ich Sterne und Planeten funkeln. Und obwohl es mir fehlt direkt neben einer Kirche zu wohnen und die Glocken immer zu hören, ist es auch schön, einfach mal wieder eine ganz normale Wohnung zu haben. Bis auf den Postboten klingelt hier eigentlich (…) niemand. Keiner, der eben noch eine Patenschaftsbescheinigung braucht oder was Spenden möchte oder nur mal kurz in die Kirche gucken will. Niemand, der oder die sich dann wundert, wie die Pfarrerin in Schlumpiklamotten aussieht (schlumpig eben). Dafür gibt es in meinem Haus jetzt Nachbarinnen und Nachbarn, die meisten älter.

Auf meiner Etage wohnt noch ein Ehepaar, Mitte 60 vielleicht, sie taucht auch in der Gemeinde ab und auf. Und sie hat auch schon mal bei mir geklingelt. Ganz freundlich, mit einem grünen Blumenstrauß in der Hand um mich zu begrüßen und gute Nachbarschaft zu wünschen. Ihr Timing war allerdings schlecht, der Morgen nach dem anstrengenden Umzug. Eigentlich wollte ich ausschlafen. Sie klingelte und klingelte und ich versuchte mich auf (aus dem Pfarrhaus geübte Art) tot zustellen, aber sie ließ nicht nach und klingelte immer weiter. Also öffnete ich widerstrebend die Tür und versuchte, meinen Schlafanzug (mit Kaktusmotiv „hug me“, na, besser nicht) hinter dem Holz zu verbergen und streckte nur den Kopf und einen Arm um die Ecke. Freundliches Gelächter und Geplänkel unter für mich großer Anstrengung, all das vor dem ersten Kaffee. Fatal, really.

Meine Nachbarin hat scheinbar ein Händchen für schlechte Zeitpunkte und Fauxpas. Gestern hatte ich nach einem langen und eher peinlichen Kampf mit der Luftpumpe endlich mein Rad mit Luft versorgt und war viel zu spät dran für einen Abendtermin, als sie mich (verschwitzt und völlig entnervt) vor der Haustür antraf. Händeschütteln und Lächeln, alles ok, bis sie auf den neuen Gemeindebrief reagiert und mich beglückwünscht. Aber nicht etwa für die schöne Einführung oder den Familiengottesdienst, sondern für das schöne Foto auf der ersten Seite. „Also wirklich, so ein schönes Bild von Ihnen, das ist ja ganz toll, wie Sie da stehen, vor der Kirche zusammen mit Ihrer Vorgängerin. “ Garantiert hätte sie das nicht gesagt, wenn ich ein Mann wäre. Aber vielleicht hätte sie das auch nicht gesagt, wenn ich bei unseren bisherigen Begegnungen weniger müde/schlumpi/genervt/von Technik abgekämpft/ gewesen wäre. Hätte, hätte, Fahrradkette. Wenn die auch noch anfängt Quatsch zu machen, brauche ich ein Anti-Aggressionstraining. Vor allem, bevor ich den emeritierten Kollegen zwischen die Finger bekomme, der mich vor dem Seniorenkreis allen Ernstes als „süß“ bezeichnet hat. Alter! Süß! Das geht doch gar nicht!

Der Beamer hat im Gottesdienst übrigens gebrummt als wolle er abheben und schnell aus der Kirche fliegen. Stattdessen änderte sich sein Farbton immer mal wieder zu rot oder lila und das Bild flackerte aufgeregt. Rahel, die mit Mann und den Kindern im Gottesdienst war, fand es aber ganz unterhaltsam: „passte doch zur Geschichte“ Darin ging es um Fliegen und Zauberei, dann, wenn es dunkel ist und kleine und große Hexen wach werden. Und so schließt sich der Kreis zum Nachthimmel, der immer noch vor meinen Fenstern funkelt. Bisher sehe ich vom Balkon nur Flugzeuge und ab und an Hubschrauber fliegen. Wenn sich das ändert (vielleicht erweitert auf Beamer, Räder, Nachbarinnen oder Kolleg*innen), dann werde ich hier selbstverständlich davon berichten. Gute Nacht und träumt schön und groß und frei!

Slapstick auf höchstem technischen Niveau

Wer hätte gedacht, dass ich die ersten 30 Minuten alleine in „meiner“ neuen Kirche mit lautem Gefluche und Geschimpfe verbringen würde? Und kann es sein, dass mich die drei Jugendlichen auf der Bank vor der Kirche dabei gehört haben? Und warum ist eigentlich manchmal alles wie in einer schrägen Komödie?

1. Auftakt

Am Sonntag wird hier Familiengottesdienst gefeiert, mit Aktionen und Kindersegen und einer Bildererzählung, die mit Beamer auf eine Leinwand in der Kirche übertragen werden soll. Am Freitagnachmittag ist der (wohl neue) Beamer noch verliehen (der Leihende nicht zu erreichen). Ich stehe im Elektrogeschäft und überlege, wie hoch die Wahrscheinlichkeit eines HDMI-Anschlusses ist und kaufe sicherheitshalber zwei verschiedene Adapter für meinen Laptop. Sicher ist sicher.

2. Akt: im Büro

Wie verabredet finde ich den Beamer abends im Gemeindebüro und packe ihn vorsichtig aus. Er trägt seine Plastikhülle als Schutz, ein handgeschriebener Zettel mit Instruktionen flattert mir entgegen. Der Beamer ist riesig und schwer hat viel mehr Knöpfe als das kleine Gerät aus meiner ersten Gemeinde. Er leuchtet auch an ulkigen Stellen, etwas unheimlich. Erfreut bemerke ich den HDMI-Anschluss, finde aber lediglich zwei VGA-Kabel, aber dafür hab ich ja zum Glück auch einen Adapter besorgt, ich bin zufrieden. Laptop und Beamer vertragen sich, dann kann ich das Ganze ja gleich in der Kirche ausprobieren.

3. Akt: der Transport

Ich nehme Rucksack und Beamerungeheuer und gehe die paar Meter vom Gemeindehaus in die Kirche und schließe auf. Ein wenig Abendlicht fällt durch die bunten Fenster, es ist still und fühlt sich gut an hier zu sein. Ich singe ein paar Zeilen I saw lightning coming from the streets, you were trembling hearing your heartbeat Die Kirche klingt schön und mir ist nach Liebesliedern und das kleine bisschen Technik, das macht sich doch von ganz allein. Denke ich, bis ich das schicke Podest mitsamt Kabeltrommel in die Kirche rolle und sich auf dem Kopfsteinpflaster mit einem hellen pling eine Mutter von einer Schraube löst und das Podest ein Rad ab hat. Ungerollt ist das Teil echt schwer, ich hieve es das letzte Stück in die Kirche und vor dem Altarraum. Dort sitze ich krumm und leise fluchend auf dem Boden und versuche und hantiere umständlich mit Podest, Mutter und Schraube und der Schwerkraft. Ich glaube, die Schwerkraft mochte mich noch nie besonders.

4. Akt: Inbetriebnahme 1

Das Podest steht. Der Beamer befindet sich auf dem Podest. Ich weiß wo Steckdosen sind. Und zum Glück habe ich (so clever!) die kleine rote Kabeltrommel aus dem Gemeindehaus gleich mitgenommen und mir einen Weg gespart. Ich schließe das rot-schwarze Verteilergerät in der Ecke der dritten Bank von vorne rechts an (ist gerade lang genug, yay) und versuche dann, den Stecker des Beamers in eine der vier Steckdosen zu tun. Geht nicht. Ich probiere einen anderen Winkel. Geht auch nicht. Ich drehe und puste und klopfe und drücke auf Knöpfchen, es passt einfach nicht. Draußen wird es dunkler, ich beginne, mich etwas doof zu fühlen. Nach weiteren erfolglosen Momenten entweicht mir ein erbostes Was ist denn das für ein Scheiß…? Ich bin weder bereit aufzugeben, noch im Gemeindehaus nach weiteren Kabeln zu suchen. Mir fällt die Sakristei ein, da könnte doch vielleicht…

5. Akt: Inbetriebnahme 2

Und so finde ich ein langes, weißes Verlängerungskabel, schließe es an, der Beamerstecker passt und: es funktioniert immer noch nicht. Vielleicht ist die obere Steckdose ja kaputt? Ich probiere die untere, nichts geht. Verdammt! Dann lege ich das Kabel auf die linke Seite der Kirche, es gibt ja noch mehr Anschlüsse hier, es ist dasselbe Spiel. Als mir einfällt, dass vielleicht der Hauptstrom ausgeschaltet sein könnte und ich daraufhin den Sicherungskasten und die Sicherungen finde und kurz darauf der Beamer oben auf dem Podest leuchtet und leise summt, fühle ich mich kurz wie MacGyver. Bis die Halterung des Podestes plötzlich mit einem Schnappen zurückweicht und der Beamer mit einer Ecke auf dem harten Boden aufschlägt. Und hinterher weder leuchten noch summen möchte. Ich fluche laut mit allem, was mir zur Verfügung steht. Im Comic wären jetzt Totenköpfe und schwarze Wolken und Blitze und Donner zu sehen.

6. Akt: Rückzug

Nach der Fluchpause starte ich den Beamer erneut. Er leuchtet. Halleluja! Aber zu dem leisen Summen ist nun ein metallisches Klirrgeräusch gekommen. Ich weiß nicht, ob das so muss. Ich habe Hunger. Ich will nach Hause. Es ist dunkel und wo sind hier eigentlich die Lichtschalter? Den Beamer stelle ich vorsichtig auf einen Stuhl und decke ihn mit seiner Plastikplane zu. Hoffentlich hat er sich heut Nacht gut erholt, gleich starte ich einen weiteren Versuch, dieses Mal mit Hilfe. Das bisschen Technik, das macht sich vielleicht, ganz leicht, zu zweit.

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Ankommen

Als die vier wahrscheinlich stärksten Männer der Welt vor fast einem Monat meinen gesamten Hausstand innerhalb weniger Stunden in einen riesigen, roten LKW trugen und in der neuen Stadt (!) wieder auspackten und in die dritte Etage eines Mietshauses trugen und wieder aufbauten, wunderte ich mich sehr. So schnell sind drei Zimmer, die eben noch mit Leben und Chaos und meiner Geschichte gefüllt waren, leer. Bis auf die French Press und den Kaffee (ausgerechnet!), die Futternäpfe der Katze und ein paar Plakate und sehr viel Staub und Fluserei.

Mittlerweile sind auch die letzten Dinge, nachdem ich die alte Wohnung sauber geputzt hab, in den neuen vier Wänden angekommen. Nun bin ich zwar in komplett neuen Gefilden, aber dabei umgegeben von Möbeln und Gegenständen, die schon im großen, alten Pfarrhaus standen oder dort dazu gekommen sind und mir jetzt teilweise zum Abschied geschenkt wurden: wie die zwei alten und schönen (und laut Umzugsmännern fies schweren) Holzschränke. Handarbeit aus dem Landstrich, der mir nach fast vier Jahren zu einer Heimat geworden ist. So betrachtet ist in diesen Wochen zwar vieles, aber eben nicht alles neu und das fühlt sich für den Neustart hier gut und stimmig an.

Meine Einführung auf die neue Stelle hätte schöner nicht sein können, es war wie im Film. Die Familie war da, Menschen aus meiner Heimatstadt, Rahel und ihr Liebster und die Kinder, auch Ruth und die ehemalige WG-Mitbewohnerin und Jana und ein paar liebe Kolleg*innen aus meinem ersten Kirchenkreis, auch der Nachbars-Landpfarrer mitsamt Hausstand und eine große Abordnung aus der ersten Gemeinde, von deren Anreise ich vorher nichts wusste. Erst beim feierlichen Einzug in die Kirche entdeckte ich sie in den ersten Bankreihen links: Herrn Alt mit Herrn Taschel, dann den Förster mit Frau und meinen Bestatter mit Frau und zwei befreundete Paare aus dem Örtchen. Sofort überkam mich eine ungläubige Welle der Rührung (is this the real world?), genau in dem Moment wurde ein Foto geschossen, man sieht mir das gewärmte Herz an. Auch die neue Gemeinde zeigte sich dann von bester Seite: die Kirche war rappelvoll mit Menschen aller Altersgruppen, der Gemeindechor rührte mich fast zu Tränen (man sang u.a. „Du bist da“ seufz) , ein Streichorchester spielte fantastisch auf, die Segensworte des Superintendenten und des Presbyteriums und der Kolleg*innen waren allesamt von tiefer Herzlichkeit durchzogen, auch die vielen Grußworte im Anschluss – es gab Umarmungen und Freude und Lachen und unendlich viele Blumen und Geschenke – es war ein richtiger Glücksrausch.

Hier in der großen Stadt gibt es auch einen Kirchgarten (sogar mit ein paar kleinen Apfelbäumen und Pflaumen) und auch diese Gemeinde feiert und isst und trinkt gerne (bisher gibt es allerdings nur Kuchen, aber hoffentlich auch bald Schnittchen). Das Beisammensein im Garten nach der Einführung bot ein großartiges Bild: die Kinder von Rahel und die meines ehemaligen Nachbarpfarrers schaukelten gemeinsam, der neue Vorsitzende des Presbyteriums trank importierten Schnaps mit dem Förster und ich fühlte mich pudelwohl, unterhielt mich hier ein wenig, spielte dort mit den Kindern und wurde später, als sich der Trubel etwas legte, von Armin wortlos mit Bier versorgt. Man kennt sich eben. Seine Frau schrieb mir ein paar Tage später: wir hatten einen sehr schönen Tag bei dir. Was könnte ich mehr wollen?

Ankommen ist schön, wenn man so viel Gutes mitnehmen konnte. Danke, Gott.

Liebe ist…

Es gibt Gemeinden in Orten, da sind ständig Trauungen und die ansässigen Pfarrer*innen sind schon völlig entnervt von all den Paaren, Traugesprächen und Spezialwünschen. Manche Paare (wenn sie von außerhalb kommen) müssen die hohe Geistlichkeit dann selbst mitbringen.

Bei mir war das bisher anders. Und das obwohl in meinem Gemeindegebiet manche Kirche eine hübsche Hochzeitskirche abgeben würde. Mit langem Gang für Ein – und Auszug und Blumenkinder, mit wohlklingenden Orgeln und fotofreundlichen Lichtverhältnissen und ansprechender Architektur. Während meines Probedienstes hatte ich vielleicht sieben Hochzeiten insgesamt und noch jedes Mal war ich dabei nervös, weil immer noch keine Routine eingekehrt ist. Oder weil Hochzeiten eben einfach etwas Besonderes sind. Und Liebe eben Sachen macht.

Als Katharina und Christian Ende Juni kirchlich geheiratet haben, habe ich schon damit gerechnet, dass ich gerührt sein würde. Schließlich war ich in diesem Fall die importierte Geistlichkeit und mein Herz hängt an den beiden und ihren Kindern und überhaupt. Das kam in der Predigt natürlich auch durch und war emotional maximal aufgeladen: ich stand den beiden sowohl als langjährige Freundin, wie auch als Pfarrerin gegenüber. Also: Zuneigung/Erinnerungen/Segenswünsche/Dankbarkeit/Sentimentalität/Aufregung/Rührung/Mühe um Souveränität und liturgische Klarheit/Verkündigung/eigener Anspruch als Pfarrerin und Freundin/…/. Weil diese Kombination echt aufwühlend ist und nochmal anders mehr Arbeit als üblicher Weise bedeutet, bin ich sehr zurückhaltend, wenn mir liebe Menschen oder Verwandte mich als Pfarrerin anfragen.

Manche Paare haben sehr genaue (für manche Pfarrmenschen sehr krude) Vorstellungen davon, wie ihre Trauung auszusehen hat. Dass der Vater die Braut nach vorne zum Alter bringt z.B., auch wenn die Frau sonst eine einigermaßen emanzipierte Person und längst von zuhause ausgezogen ist, im Anschluss nicht wirklich in den Besitz des Ehemannes und seines Hauses übergeht und niemand von uns sich tatsächlich in einem amerikanischen Liebesfilm befindet. Oder dass es unbedingt dieses eine Lied aus diesem einen Film zum Einzug sein soll und dann geht die Technik (obwohl hundertmal vorher probiert) nicht und der Bräutigam hat Bluthochdruck und wird dunkelrot im Gesicht und schwitzt alles voll und die Pfarrerin streamt in ihrer Not schließlich das gewünschte Lied mit dem Diensthandy (danke für den Internetausbau auf dem Land!) und es kann endlich losgehen.

Christian und Katharina jedenfalls verhielten sich völlig unkompliziert, trotz technischer Schwierigkeiten im Vorfeld (Traugespräche über Skype bergen Risiken). Und obwohl ich glaubte, die beiden schon bestens zu kennen, kamen im Gespräch lauter kleine und große Wunderbarkeiten ans Licht, von denen ich nichts wusste und mit deren Hilfe ich dann eine schöne Ansprache schreiben konnte. Außerdem hatten sie sich auch noch einen meiner liebsten Bibelverse als Trauspruch ausgesucht, Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm (1 Joh 4,16). Ach, hach. Was all dem noch zusätzlich die Krone aufgesetzt hat war der Umstand, dass Katharina und Christian ein selbst verfasstes Trauversprechen vorbereitet hatten und spätestens da wurden die Taschentücher gezückt. Bei mir fing die Rührung freilich viel früher schon an: am Rechner beim Traugespräch, als ich die beiden (so schön als Braut und Bräutigam!) kurz vor der Trauung abholte und wir gemeinsam Richtung Kirche gingen, beim Glockengeläut, dem Chorgesang und bei der Predigt.

Predigen macht ja meistens irgendwas mit den Hörenden und auch dem oder der Verkündenden, es hat was wechselseitiges. Die Gemeinde hört, sieht und spürt meine Freude/Nachdenklichkeit/Trauer/Wut/Lust/was auch immer, genau wie ich wahrnehme, ob die Gemeinde gerade irritiert/neugierig/belustigt/verärgert/was auch immer, ist. Während der Predigt für Katharina und Christian befand ich mich quasi in einem Dauerzustand der Rührung. Und obwohl es vor lauter quietschenden und brabbelnden Kindern in der Kirche echt laut war und die hinteren Reihen quasi nix verstehen konnten, konnte ich spüren wie Katharina und Christoph vor mir ganz Ohr und ganz da waren in diesem Moment. Und das ist für mich als Freundin und Pfarrerin die vielleicht schönste Erinnerung an diesen insgesamt einfach wunderbaren Tag.

Bei der letzten Hochzeit in meiner jetzigen, ersten Gemeinde (vor zwei Wochen) ging es mir beim Predigen überraschender Weise ähnlich mit der Rührung. Dieses Paar kenne ich noch gar nicht so lange, vielleicht ein halbes Jahr. Ende Juni haben wir ihre beiden Kinder getauft, was auch schon total schön war. Während ich bei der Trauung am Pult stehe und spreche, laufen Braut und Bräutigam die Tränen, dass es eine wahre Freude ist. So viel Gefühl! Ich weine zwar nicht mit (das wärs ja noch), aber ungelogen, ich bin so gerührt, dass ich durchgängig Gänsehaut (kein Scherz) habe. Jemand meinte früher mal zu mir, es sei ein Zeichen von Schizophrenie, wenn man sich selbst kitzeln kann. Was sagt es hingegen über mich aus, wenn ich von den eigenen Worten dermaßen gerührt bin? Well…

Vielleicht sind das aber gar nicht so sehr meine Worte und Gedanken, die da Rührung machen, sondern das, worum es dabei eigentlich geht, was in dem Moment tatsächlich gefeiert wird: Die Liebe zwischen Menschen und zwischen Menschen und Gott, die auf andere überfließen kann. Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Tränen und Gänsehaut und das ein oder andere Herzklopfen inklusive.

Too much love will kill you

Die letzten sieben Tage im Dienst dieser weiten und schönen Landgemeinde haben begonnen. In meinem Flur stehen, noch völlig unberührt, verpackte Umzugskisten. Eine Freundin hat mir einen schicken Grundriss meiner neuen Wohnung erstellt und ich könnte jetzt Möbel vermessen und aufmalen und ausschneiden und auf dem Plan herumschieben, aber mir kommt es vor, als seien Umzug und Neuanfang noch Ewigkeiten hin.

Heute wird das auch sowieso nichts mehr, am Nachmittag war mein Abschiedsgottesdienst und all das Schöne und Dankbare und Traurige daher muss sich erstmal setzen. Ich bin völlig erschöpft, aber glücklich. Das hätte ich nie gedacht, dass ich einmal mit so viel Liebe und Wertschätzung würde verabschiedet werden. Kopf und Herz schwirren mir vor lauter Rührung. Vielleicht wird das ein Abschied, der gut gelingt. Das wäre wunderbar.

In meinem Arbeitszimmer stapeln sich Geschenke neben Präsentkörben neben Grußkarten neben neuen großen und kleinen Topfpflanzen. Ich sitze auf meiner grünen Couch im Wohnzimmer und es duftet um mich herum ziemlich betörend von diversen Blumensträußen, auf den Kommoden im Flur stehen zwei neue Orchideen, die hoffentlich bis zum Umzug noch am Leben sind. Wer mir Pflanzen schenkt hat Mut zum Risiko, oder einfach viel Gottvertrauen.

Auf dem Weg nach Hause bin ich noch einmal bei Herrn Fritz vorbei gefahren. Ich bekam Eier (von den wahrscheinlich glücklichsten Hühnern der Welt) geschenkt, eine immens riesige Zucchini (wer kommt zum Essen vorbei?) und dann sind wir nach hinten in seinen riesigen Garten gegangen, um ein paar Birnen zu ernten. Schau, wenn die so schön rot sind auf der Seite, sind sie gut. Greif zu und nimm dir! Immer nimm! Der gütige Herr Fritz mit seinen himmelblauen Augen wird mir fehlen, genau wie seine Altherrenwitze und seine einmalig ernsthafte und aufrechte Art zu lesen. Zum Abschied umarmen wir uns. Es schmerzt mich, ihn und die anderen Menschen, die mir ans Herz gewachsen sind, nicht weiter sehen und begleiten zu können.

In der nächsten Woche ist (neben den letzten Übergabegeschichten) noch eine Trauerfeier, eine goldene Hochzeit und dann ein allerletzter Gottesdienst. Ich bin ganz schön busy, was mich dankbarerweise davon ablenkt, wie unglaublich lange sich dieser Abschied schon hinzieht und dass mir langsam die Puste ausgeht. Mein Herz so schwer wie ein Planet. 

Aber das Herz ist auch voll klopfender Vorfreude. Der Umzug in die neue Gemeinde bringt Nähe zu Freundinnen und Freunden mit sich, zu Rahel und ihrer Familie, zu meiner Heimatstadt und meiner Familie und zu Flüssen, an denen ich mit meinen Bandjungs von früher gedenke, Musik zu machen. Und dann wird ein ganz neues Kapitel anfangen. Auch hier. Hoffentlich mit euch.

Ich schwenke meiner Trauer jetzt noch etwas in fantastischer Musik (Sufjan Stevens!) und Kerzenschein. Every road leads to an end. Oder, um auch einmal Bruce zu Wort kommen zu lassen: Everything dies, baby that`s a fact. But maybe everything that dies someday comes back.  Ach, hach.