trial and error

Ich bin schon lange der Meinung, dass alle Menschen im Pfarrdienst (sicherlich auch in anderen Berufsgruppen) selbstverständlich und zu jeder Zeit Entspannungsmassagen verdient hätten. Für so einen personal Physiotherapeuten oder eine Therapeutin wäre ich eine sichere Einkommensquelle und zudem eine berufliche Herausforderung. Schließlich sitze ich die ganze Zeit nur rum: am Schreibtisch, wenn ich mit Ulf unterwegs bin (der mit der Zeit leider sehr unbequem wird), bei Kasualgesprächen auf irgendwelchen Küchenstühlen, Sofas und Sesseln und natürlich bei den obligatorischen (wie grausigen) Stuhlkreisrunden in Konventen und Gesprächsrunden. Nur in Gottesdiensten stehe ich ab und an auf. Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, dass ich hinterher immer so unendlich müde bin? Dazu kommt, dass ich für gewöhnlich ein wirklich ganz träger Haufen bin (ach, Gisbert) und Sport nur im äußersten Notfall (nach Stunden keine Predigtidee oder abgründig schlechte Laune, die bald in Menschenhasserstimmung umschlagen könnte) mache. Ergebnis: null Sportlichkeit und gerne Rücken. Vor allem natürlich, wenn in der Gemeinde und bei mir viel los ist. Gerade ist viel los und da ich immer noch keinen personal Massagemenschen habe (was ich fatal finde!) musste ich mir jemanden suchen. Die Idee war gut, meine Wahl ungünstig, das Experiment darf als gescheitert betrachtet werden.

Erste Erkenntnis: keine Physiotherapeuten im Gemeindegebiet aufsuchen.

Der Behandelnde wurde mir von unserer Sekretärin empfohlen. Sie meinte schon, er sei speziell, wie auch seine Praxis, aber man bekomme schnell Termine. Die erste Frage des Physiotherapeuten an mich lautete dann auch: Geht es Ihnen gut bei uns? Werden Sie hier bleiben? Zu der Zeit lag ich schon halbnackt auf einem steinharten Frotteetuch auf der Liege und erwartete eigentlich die ultimative Entspannung. Ich brummelte so uneindeutig vor mich hin, wie es mir möglich war. Dann erzählte der Therapeut von Dorf G und meiner letzten Beisetzung dort (hatte ich schon wieder vergessen) und was die Leute über mich reden. Dann erklärte er mir seinen ganzheitlichen Ansatz: reden hilft. Wir müssen dahin kommen, wo die Verspannung herkommt. Das war der Moment, in dem ich hätte gehen sollen. Bin ich aber nicht. Die Massage hatte noch gar nicht richtig angefangen.

Zweite Erkenntnis: als Pfarrerin ist man (auf Gemeindegebiet) niemals nicht die Pfarrerin.

Wenn nicht ich irgendetwas Belangloses erzählte (auch darüber muss man ja nachdenken), sprach er, Reden hilft wohl in beide Richtungen. Und schwupp, war ich nicht etwa Einkommensquelle oder Patientin mit Mitleids-erregender Rückenmuskulatur, nein ich war die Seelsorgerin (crap) und für den Moment diesem Menschen und seiner Lebensgeschichte ausgeliefert. Ehe, Kinder, Erfahrungen mit der Kirche, mit dem Islam, mit dem Ort, mit den Leuten, Pfarrern aus der Nähe. Als er den linken Fuß massierte, kam er auf eine Predigt von mir zu sprechen, in der ich behauptet hatte, dass Gott auch weibliche Züge trägt und ein rein männliches Reden von Gott eine Engführung sei. Ganz schwierig, hat mich lange beschäftigt. Ganz schwierig, fand ich gar nicht gut sagt er, und knetete meinen Fuß nachdrücklich. Vielleicht gibt es Exemplare unter Theologinnen und Theologen, die an solcherlei Diskussionen immer ihre Freude haben, ich bin da anders. Statt lässig professionell zu reagieren und ihm irgendwie den Wind aus den Segeln zu nehmen, sah ich mich gezwungen auszuholen (Gott, die Schöpferkraft..die Quelle…Vater und Mutter..)  und zu erklären (kein Bildnis… ), schließlich sogar zu diskutieren (Gott ist anders!), aber alles sehr widerwillig und ohne nennenswerte Reaktion des Therapeuten. Am Ende der Massage war auch ich mit meinem Latein am Ende und ging verstimmt nach Hause.

Dritte Erkenntnis: aus manchen Nummern kommt man nur schwer wieder raus.

Wie verklickert man dem ortsbekannten Physiotherapeuten, dass man nicht mehr zu ihm will, ohne ihm vor den Kopf zu stoßen? Mir war ja schon aufgefallen, dass er gerne viel erzählt. Was, wenn er zukünftig in seine Anekdoten auch ein bisschen Pfarrerin-gossip untermischen würde?  Haben Physiotherapeuten eigentlich auch Schweigepflicht? Ich rätselte und rätselte und kam zu keiner rechten Lösung, dafür zu wenig Schlaf.

Letzten Sonntag tauchte er dann tatsächlich in Begleitung seiner Frau im Gottesdienst auf. Danke, Chef, dachte ich bei mir und schnappte ihn mir am Ausgang und erklärte, warum ich nicht mehr zu ihm wolle (Rollenkonflikt, die Methode etc.). Auf einmal bot er mir doch Massagen in Stille an, was ich dankend ablehnte (doch was gelernt!). Wir verabschiedeten uns freundlich, ich war sehr erleichtert und dann fiel ihm doch noch was ein und er hob den Zeigefinger, während er sprach:  Aber wir haben doch auch Lieder gesungen, wo wir vom „Herren“ gesungen haben. Ich habe genau darauf geachtet, hatte ich also doch Recht!  Ich seufzte und mir entwich ein Ja,ja  während ich zur Tür  entschwand, um die Sachen für den nächsten Gottesdienst zu packen.

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Januar 2018

Dieser Jahresanfang ist turbulenter als erwartet. Ich frage mich, warum ich im vierten Jahr meines Probedienstes immer noch die irrige Vorstellung hatte, der Januar sei nach Weihnachten und Silvester vergleichsweise entspannt. Wenn man sich nicht rechtzeitig und für mindestens zwei Wochen an die Südsee oder so verkrümelt, ist man dem neuen Jahr mit aller Matschigkeit, die vom Ende des letzten Jahres noch an einem klebt, hilflos ausgeliefert. Erfreulicherweise bringt 2018 bisher noch mehr als Baubesprechungen, Gesprächsrunden und Haushaltsplanung:

Letztens ging es für mich zum zweiten Mal auf überregionale Konfifreizeit und ich muss sagen, es war wirklich vergnüglich. Schon auch mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden, besonders aber mit dem anderen Mitarbeitenden. Ich fühle mich mittlerweile so gut im Pfarrkonvent aufgehoben, dass ich mich auf sämtliche Treffen freue (auch auf Konventsfahrten!), selbst wenn es nur kurz spätabends nach einem Wahnsinnskonfifreizeittag auf ein Feierabendgetränk ist. Es waren jüngere (Teamer) wie ältere Leute (Jugendmitarbeiter) dabei, mit denen ich im Herbst letzten Jahres im fernen Süden unterwegs war. Das Wiedersehen war freudig („Saaaaaraa!Du bist hiiiieer!“), ein Nachtreffen in meinen Gefilden wurde verabredet und ich plane schon, wie ich die Meute satt bekomme. Komme ich auf das Angebot von Flos Vater zurück, der mir noch ein Reh überlassen wollte und passt ein Reh in meinen Ofen? Oder kann man das über einem Lagerfeuer braten? Wer macht das Feuer? Oder frage ich den Kollegen, der selbst Jäger ist und dessen Gefriertruhe immer übervoll ist mit Wildschwein, Hühnern und Co.?  Oder gibt es einfach Chili und das dann vegetarisch und in Massen? Auch die Gemeinde wird etwas von diesem Besuch haben. Die Truppe kommt dann am Sonntag mit in die Gottesdienste und wird irgendwas beitragen. Ich schätze, was mit Springen, Jubeln und jugendlichem Überschwung. Schätze auch, dass das einen amüsanten Kulturschock auf beiden Seiten verursachen wird.

Ebenfalls in diesem Monat war ich undercover zu Besuch in einer Gemeinde anderswo, in der in diesem Jahr eine Pfarrstelle frei werden wird. Die Glocken läuteten zum Gottesdienst, die helle Kirche war bestuhlt und ausreichend warm geheizt (wie ungewohnt!) . Die Gemeinde sang auf Englisch (wow!), da ein Gastprediger aus dem mittleren Osten (auch ziemlich cool) anwesend war. Und die Kirche war voll! Und die Stimmung gut! Und hinterher gab es einen Brunch im Gemeindehaus nebenan (ohne Mettbrötchen, dafür gab es geschnippeltes Gemüse und Käsebrote). Und obwohl mir eine Frau um die 40 sehr überzeugt und beseelt von Jesus und ihrem Glauben erzählte und der ältere Herr neben mir in aller seiner Konservativität überaus freundlich war, konnte ich mich für diesen Ort nicht recht erwärmen. Für mich war es das erste Mal, dass ich eine potentielle, neue Gemeinde angeschaut habe und welch Überraschung, ich habe ordentlich gefremdelt. Ich hatte gehofft, dass ich dort ein eindeutiges Gefühl bekommen würde, das mir dann sagt: Ja, genau, das ist es, hier gehörst du hin. So Liebe-auf- den- ersten- Blick-mäßig. Andererseits habe ich damals, nachdem ich  zum ersten Mal durch meinen jetziges Wohnörtchen gefahren bin, auch erstmal heftig geheult. Ach, es ist kompliziert.

Die letzten Tage waren hier nahezu frühlingshaft und prompt steigt die Zahl der Beisetzungen an. Zum Auftakt  hatte ich heute bereits zweifach das Vergnügen (und bin entsprechend platt). Allerdings war ich schon vor der ersten Trauerfeier so zerstreut, dass ich den einen Sargträger gleich zweimal begrüßt habe. Ähh, ja. Die Bestattungsunternehmen aus der Ecke hier kennen mich mittlerweile und wissen, dass ich mich über ein Lesepult in der Trauerhalle freue. Es ist viel angenehmer, wenn man das Mäppchen ablegen und seine Hände auch mal abstützen kann. Heute hat das Unternehmen auch dran gedacht und ich habe mich auch gefreut, bis das schwere Holzpult mit einem lauten Rumms während der ersten Minute nach unten stürzte, zusammen mit dem Mäppchen und der würdevoll-ruhigen Atmosphäre. Manche Freude währt außerordentlich kurz.

Knut Tafel war heute auch dabei und hat an den Tasten wieder alles gegeben. Wir sehen uns gerade seltener als sonst, aber aus eigentlich schönen Gründen: es gibt einen neuen Kollegen in der Region (eine Vakanz weniger, juhuh!), der seine Gottesdienste etwas mehr im Voraus plant als ich und so ist Knut meistens schon verplant, wenn ich ihn zu Gottesdiensten anfrage. Auf Friedhöfen laufen wir uns aber weiterhin über den Weg, so wie eben heute.

Das ganze Dorf ist zur Trauerfeier gekommen, der Verstorbene war bekannt und beliebt. Entsprechend lange dauern die Erdwürfe am Grab. Obwohl ich in der wärmenden Sonne stehe, zittern meine Beine leicht, von unten kriecht doch noch etwas Winterwetter an mir hoch. Während Knut ein paar Meter weiter Trauerlieder auf dem Keyboard spielt, blicke ich mal ins Grab, mal nach rechts zur Trauerfamilie und dann nach links zu der Menschentraube, auf deren Erdwürfe ich noch warten muss. Mindestens noch 20 Minuten, schätze ich.

Ein alter Mann im beigen Mantel fällt mir auf, der nach dem Erdwurf leicht schwankend auf die Trauerfamilie zugeht. Gehört er dazu? Ist er verwirrt? Kurz bevor er bei der Witwe ankommt, hebt er seine Sonnenbrille und schaut auf einen Grabstein zu seiner Rechten und seufzt laut auf, um dann der Witwe um den Hals zu fallen. Ich hoffe inständig, dass er das darf. Knut spielt derweil Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer und ich denke den Text mit und versinke in eigene Gedanken, wie Wind und Weite und wie ein Zuhaus. Der Mann in beige taucht plötzlich ein paar Meter rechts von mir vor einem anderen Grabstein auf, nimmt wieder die Sonnenbrille ab und stößt nun, für alle gut hörbar ein „Ohhh je!“ aus. Ich frage mich, ob sich nicht vielleicht jemand um ihn kümmern sollte. War da nicht so ein junger Mann, mit dem er gekommen ist – wo ist der denn abgeblieben?

Suchend blicke ich mich um, von Knut erklingt derweil der Anfang von Von guten Mächten,  die alte Melodie, die heute nicht mehr so oft gesungen wird. Ich blicke nun auf den Sarg mit den roten und weißen Rosen, der immer mehr mit Erde bedeckt wird. Singt sich tatsächlich auch schwieriger, diese alte Melodie. Ein selbst für Knut völlig schräger Akkord reißt mich plötzlich aus den Gedanken und lässt mich aufblicken: Der Mann in beige steht direkt neben Knut hinterm Keyboard  (wo kommt der denn nun wieder her?) und blickt ungeniert in die Noten und auf die Tastatur. Knut ist sichtlich wenig begeistert und lehnt sich soweit wie möglich zur anderen Seite, spielt aber weiter, Strophe um Strophe. Der Mann bleibt und starrt, rückt noch näher an Knut heran und ich stehe am Grab und versuche das laute Gelächter das aus mir herausplatzen möchte, still und unauffällig in meine Mundwinkel umzuleiten.

Hinterher erzählt mir Knut, dass der Mann in beige einen Liedwunsch hatte, den er ihm dann noch erfüllt hat. Beim Trauerkaffee erfahre ich, dass der Mann in beige nicht verwirrt ist, sondern ehemaliger Lehrer des Dorfes und ein enger Freund der Familie, und eine wandelnde Wilhelm Busch-Zitat-Maschine.

Aber hier wie überhaupt, kommt es anders als man glaubt. 

Aus gegebenem Anlass III

In manchen Momenten kann ich sie deutlich sehen:
dann bin ich in den Dörfern und Städtchen der Region unterwegs und sehe und höre die Zeichen der Zeit, die an den Häusern und Kirchen und Menschen arbeiten. Die Geschichten von früher, die die Gemüter manchmal mehr zu bewegen scheinen als die Gegenwart. Die Erinnerung der Frauen und Männer an unendlich weite Wege, durch Wälder und tiefe Flüsse, Bilder der Gewalt am Wegesrand, immer vorm Einschlafen den Blick auf die Soldaten in der elterlichen Küche, es ist lange her und doch brennt der Schmerz heiß, die Sehnsucht nach der Heimat ist immer noch groß – der Durst nach Frieden und Gerechtigkeit. Es braucht nur einen kurzen Anstoß und schon lodert die Flamme wieder auf und die Bilder sind den Alten lebendig vor Augen.

Als ich vom Auszug des Volkes Israel erzählte, war das so.
Von dem Volk, das angeführt und beschützt wird durch Gott selbst, der da ist und mitgeht und beschützt und versorgt und sich selbst sorgt um jenes kleine, halsstarrige Volk, auch in der Wüste.
Dort, wo tagsüber gnadenlos die Sonne brennt und jeder Schritt zur Qual wird und wo die Temperaturen nachts eiskalt werden. Die Wüste lässt kein Mittelmaß zu, ein Ort der Extreme, der das wandernde Gottesvolk an die Grenzen der Belastbarkeit führt: immer wieder richten manche ihre Blicke sehnsüchtig zurück nach Ägypten, werden ärgerlich und zweifeln Gottes Weg mit ihnen an. Und niemals wird dadurch die Beziehung zwischen Gott und dem Volk abgebrochen, sie wird erneuert, erfrischt, auf Murren und Verweigerung und auf unstillbaren Durst in der großen Hitze der Wüste folgt Hinwendung Gottes:
da waren zwölf Wasserquellen und siebzig Palmbäume und sie lagerten sich dort am Wasser.

Ich war nie in der Wüste und ich kenne keinen Krieg. Meinen körperlichen Durst kann ich leicht am Wasserhahn stillen, lieber noch mit Sprudelwasser oder mit Mate und doch rührt mich heute tief an, was vor hunderten von Jahren Johannes auf der Insel Patmos deutlich sehen konnte:
die Zukunft, wie er sie sich erträumte, mit Flügelwesen, grünen, weißen und roten Pferden, Menschen mit Adlerkopf, bildgewaltig wie ein Star Wars-Film, aber mit anderen Klängen unterlegt. Klänge, wie ein Hoffnungslied, ein Soundtrack, der das eigentlich Unerträgliche mit Verheißung füllt.
Johannes hat die Schreckensherrschaft der Römer erfahren und überlebt, dunkle Erinnerungen umgeben ihn in seinem Exil, an das Brennen der Heiligen Stadt, die nun in Schutt und Asche liegt, auch er kann nicht zurück. Dennoch sieht er Hoffnung, in allen Farben leuchtend, eine Oase in seiner persönlichen Wüste. Johannes sieht Gott und seinen Sohn, hört Worte, die nicht seine sind, Worte voller Leben und Frische und er schreibt sie auf:
Ich will den Durstigen geben von der Quelle lebendigen Wassers umsonst.
Das sind Worte, die ich eigentlich singen will, immer und immer wieder, damit ich sie nicht vergesse in dem, was vor mir liegt in diesem noch unberührtem Jahr. Damit ich sie nicht vergesse, wenn ich zurückblicke auf das, was war und bei dem, was mich gerade jetzt bewegt.
Ich wünschte, die Worten würden mir zum Refrain, der mich immer wieder an das erinnert, worum es eigentlich geht. Dass Gott auch heute da ist, mitten unter uns, und dass er mitgeht und unterwegs auch an den unwirtlichsten Orten Leben sprudeln lässt.

In manchen Momenten können wir das sehen und glauben:
so wie die ältere Frau aus dem Gemeindekreis, die im Rückblick für sich erkannte, dass Gott auch sie auf ihrer Flucht bewahrt und beschützt hat und das es einem Wunder gleicht, wie wir alle bei Kuchen und Kaffee friedlich und sicher beisammen sein und auch über diese leidvollen Erfahrungen offen reden können.
Ich will den Durstigen geben von der Quelle lebendigen Wassers umsonst – mögen wir uns von diesen Worten begleitet und getragen fühlen, wie von einem schönen Refrain, einem Ohrwurm, der nicht nervt, sondern der Seele gut tut und neuen, frischen Schwung gibt:
im Auto unterwegs ins Büro, oder wenn wir uns Wege bahnen auf dem vollgepackten Schreibtisch, wenn wir uns anrühren lassen von den Lebensgeschichten anderer, wenn die Kinder im Klassenraum in Kampfgebrüll ausbrechen, wenn das Telefon niemals schweigt und das Herz nicht zur Ruhe kommt, wenn die Strecke zu weit erscheint und der Terminkalender schon jetzt zu voll, in der Examenszeit mit all der großen Aufregung, auf den Kanzeln, Kirchenbänken, Sofas und Küchenstühlen und selbst dann, wenn tatsächlich mal gar nichts zu tun ist.
Lasst uns auf diese Worte hören und von ihnen singen,
nicht nur, aber auch in diesem neuen Jahr.

Amen

Die Polarität der Welt

Die Adventszeit hat es in sich – in diesem Jahr in noch gedrängterer Form als sonst. Der vierte Advent fällt auf Heiligabend, also weniger Tage für Krippenspielproben und Gottesdienstvorbereitungen. Heute und morgen habe ich Zeit, etwas zu sortieren und Luft zu holen, bevor es nächste Woche rasant weiter geht. Vielleicht findet sich  irgendwo ein Stück Besinnlichkeit oder wenigstens der kleine rote Herrnhuter Stern, den ich bezeichnender Weise immer noch nicht  am Wohnzimmerfenster aufgehangen habe.

Vor besagtem Fenster fällt der Schnee, aber er bleibt nicht liegen. So richtig kann sich der Winter offenbar noch nicht entscheiden, sich durchzusetzen.  Der Winter und ich haben einiges gemeinsam, wobei er kommen will und ich gehen werde, irgendwann im nächsten Jahr. Noch ist nichts definitiv, Gedanken und Gespräche laufen, Vor – und Nachteile werden abgewogen und lassen mich hin und her schwappen zwischen Vorfreude und Abschiedsschmerz, Sehnsucht und Ergriffenheit im Moment.

In der letzten Woche war ich bei einer Weiterbildung, die neben vielen lehrreichen Momenten und Erkenntnissen auch einen kleinen Pulk neuer Menschen in mein Leben brachte. Unter anderem eine etwas ältere Kollegin, die mit mir folgende Weisheit teilte: Irgendwann ist mir aufgefallen, dass ich als Pastorin in einer unendlich langen Tradition von Vorgängerinnen und Vorgängern stehe. Diese Pfarrstelle gibt es seit Jahrhunderten und ich bin nur ein kleiner Teil davon. Ich versuche wie jede und jeder vor mir, mein Bestes zu geben, aber ich bin nur eine von Vielen. Es kommt nicht nur auf mich an. Seitdem bin ich entspannter. 

Seit vorgestern bin ich wieder zuhause. Heute habe ich den großen, braunen Briefumschlag aus Pappe geöffnet, der auf meiner Treppe lag. Ich dachte, es sei Weihnachtspost aus der Suptur, stattdessen fand sich ein fein geschriebener Brief mit einem selbst gebastelten Kalender darin. Ein herzlicher Gruß und ein Dankeschön von einer Familie, die ihre Wurzeln hier im Örtchen hat. Eine ehemalige Pfarrerstochter schrieb die Zeilen und gestaltete Seite für Seite den Kalender von Hand: mit Bildern und Texten ihres Mannes, die sich um dieses Örtchen drehen, mit wachem Blick und Herz zu Papier gebracht. In seiner Lyrik finde ich auch meine Gedanken und Gefühle wieder, ich fühle mich verstanden und glaube, ihn zu verstehen, wow. Das alles nicht etwa schnöde in Buchform auf Hochglanz gedruckt, nein, die Frau hat die Texte ganz sauber ausgeschnitten und mit den Fotos zusammen aufgeklebt und auf die erste Seite den Titel geschrieben, in goldenen Buchstaben, fein und klar, wie die Zeilen in dem Brief. Ich bin tief gerührt. Und ich werde antworten, obwohl ich sonst höchst selten Briefe schreibe.

Ich habe schon davon berichtet, dass immer mal wieder Vorgängerinnen und Vorgänger oder ihre Angehörigen bei mir aufschlagen und neugierig sind: darauf, wie sich das Örtchen verändert hat, was geblieben ist, wie das Pfarrhaus aussieht und was der schöne Garten mit dem großen Apfelbaum in der Mitte macht. Ihre Erinnerungen gehören zu dieser Gemeinde, genau so wie die alten Kirchen, die, wie sie, Geschichten von früher erzählen. Von Verfall und Bewahrung, von Leben und Sterben, Freude und Leid, Abschied und Ankunft.

Bis heute Abend werde ich hier im Wohnzimmer in Schlumpihosen abhängen, ab und an die Katze streicheln und mich vielleicht etwas ans Klavier setzen. Dann kommen die Kinder zur Krippenspielprobe und Haus und Kirche werden erfüllt sein von ihrem Trubel. Wenn dann noch Schnee liegt und sie in der Pause im Garten spielen, werden ihre Stiefel und Schuhe Spuren im Weiß hinterlassen. Mit der Zeit werden sie verschwinden, aber ich werde wissen, dass sie da waren. Und die Kinder hoffentlich auch.

Vielleicht gucke ich in der Zwischenzeit doch mal, wo der kleine rote Stern abgeblieben ist.

Euch geneigten Lesenden eine gesegnete Adventszeit! Achtet auf euch und die, die euch am Herzen liegen. Am Ende geht es immer um Liebe. Peace out. 

Eure plötzlichpfarrerin.

 

 

 

 

Von einer Welt in die andere

Für fast drei Wochen hatte ich unlängst das Vergnügen, im fernen Süden durch Landschafen, Klimazonen und Kirchengemeinden zu tingelingelingeln. Auch dort gibt es Wälder und Felder und kleine Dörfer und Städtchen. Menschen in Fahrzeugen müssen sich dort wie hier vor Wildwechsel in Acht nehmen, nur begegnen einem in jenen Breitengraden statt Wildschwein und Fuchs eben Zebra oder Giraffe auf der Straße. Jemand aus unserer Gruppe will nachts Hyänen-Gelächter gehört haben, well…

Es ist nicht leicht, nach einer längeren Auszeit wieder im Dienst anzukommen. War es für mich bisher noch nie. Als würde ich mit wachsendem Abstand zur Gemeinde irgendwie Rost ansetzen, der dann das Wieder- Eingrooven bremst und bei den ersten Aktionen störende Töne verursacht. In diesen Tagen fremdele ich mehr als sonst, was auch daran liegen könnte, dass in jenem Land im Süden die Uhren so ganz anders ticken.  Eine Amtskollegin (ebenfalls in einer Gemeinde im ländlichen Raum) berichtete, seit sie die Gemeinde übernommen hat, haben sich die Gemeindegliederzahlen verdoppelt. Uff. Das würde ich von meinem Dienst hier auch gerne behaupten, doch die Zahlen sprechen gegen mich. Wie auch das Fehlen von mindestens vier großartigen Chören, diversen Bands, dem Tanz im Gottesdienst, Teamkolleginnen und Teamkollegen und Flatscreens für die Abkündigungen. Man soll ja nicht immer alles vergleichen. Und nicht von „man“ und „immer“ schreiben. Aber (…)! Menno.

Zurück in den eigenen Gefilden erwarten mich vor allem Chaos und Drama in Baudingen und Finanzen. Eine Kirche mit Schwamm, aber fast ohne Menschen wird renoviert mit viel Geld, Stiftungsdirektoren sind beleidigt („Nie hat sich die Pfarrerin gemeldet!“) und ziehen Förderungen zurück (also weniger Geld), Grundstücke und Häuser wollen gekauft/verpachtet/vermietet werden und der Bauausschuss kommt zu Besuch und erwartet Schnittchen. HERRje. Das sind gewaltig viele störende Töne gerade.  Auch Ulf macht ulkige Geräusche,  beim Lenken. Er stand wohl zu lange einsam wartend am Bahnhof.

Als ich heute beim Gemeindekreis ins Dorf von Herrn Fritz ankomme geht es mal wieder darum, wieviele Teilnehmende der Kreis früher einmal hatte und wie sehr sich alles verändert hat: Vierunddreißig! Heute sind es lediglich zwölf. Gemeinschaftliches Seufzen, betrübte Blicke – ein selten stimmungsvoller Anfang. Um das Schwelgen in der Vergangenheit zu unterbrechen, zitiere ich meinen Mentor aus dem Vikariat Die, die da sind, sind richtig (und bin gleichzeitig angeödet von dieser Aussage) und beginne zügig mit der Andacht. Mich nerven diese Vergleiche mit früher und damals. Bestenfalls taucht in diesen Beschreibungen dann noch der einstige Superpfarrer auf und spätestens dann wird mein Lächeln grimmig.  Es ist eben wie es ist und wir versuchen alle, das Beste daraus zu machen.

Daran erinnere ich mich wieder beim Abschluss: Beim Segen halten wir einander an den Händen, alle zwölf (und war zwölf nicht eine mega-bedeutende Zahl in der Bibel? Come on, peoplez!) und noch bevor die letzte Silbe verklungen ist, stimmt Frau Lerche die letzte Strophe von Der Mond ist aufgegangen an, wie jedes Mal. Während wir von Brüdern und Gottes Namen und dem Abendhauch singen, denke ich an das Land im Süden und seine Menschen zurück, an all das Wunderbare und Gute dieser Reise.  Links von mir sitzt Frau Lerche, sie hält meine Hand mit erstaunlich kräftigem Druck und bewegt beim Singen leicht den Daumen. Rechts von mir brummt Herr Taschel das Lied mit. Seit seinem Schlaganfall ist seine linke Hand gelähmt – sie ruht eigentümlich schmal in meiner rechten …und unseren kranken Nachbarn auch. Den Schluss dieses Liedes fand ich als Jugendliche ulkig unpassend, wir haben uns oft darüber lustig gemacht. Hier und heute ist dieser Schluss verbindend und tröstlich – über Zeit – und Ländergrenzen hinweg. Gut, einen weiteren Horizont gewonnen zu haben. Aber auch gut, wieder zuhause zu sein.

 

Herbstzeitlose

2,5 Jahre bin ich jetzt hier im Pfarrdienst auf dem Land. In der Pfarrer*innen-Welt ist das vergleichsweise nur ein winzig kleiner Pups. Manche meiner Kollegen aus der Region sind schon 20 Jahre auf ihrer Stelle. In meiner Vorstellung ist das eine unglaublich lange Zeit. Andererseits ist es mit dem Zeitempfinden im Amt irgendwie schräg: Um etwas Neues in der Gemeinde (oder überhaupt bei Kirchens) zu starten und etwas zu verändern braucht es schon ein paar Jahre (mindestens fünf meinte mein Mentor), viel länger als anderswo. Gleichzeitig rasen die Wochen und Monate als Pfarrer*in  nur so an einem vorbei. Ich wette, die 20 Jahre fühlen sich für die Kollegen höchstens an wie sieben Jahre, die allerdings mit Erlebnissen aus 50 Jahren gefüllt sind.

Manchmal ist schon ein einziger Tag so bunt und voll und  irre, dass man darüber einen Roman schreiben könnte. Oder einen Blogeintrag.

Für gestern hatte ich mir viel vorgenommen: erst ein Besuch im Krankenhaus,  dann ein Kasualgespräch für eine Jubelhochzeit, danach eine Traueransprache schreiben (der Herbst greift um sich) und abends dann auf den Ball des Fördervereins zu gehen.

Ich fahre etwas zu spät los in Richtung Krankenhaus, weil ich für Knut Tafel noch die Lieder für den Sonntagsgottesdienst rausgesucht habe. Und weil ich noch Oblaten im Archiv für den Abendmahlskoffer finden (und passend in ihm unterbringen) musste. Die Krankenschwester erwartet mich gegen halb elf, wir haben morgens noch telefoniert. Es ist mein erster Besuch dort und für mich fast eine halbe Stunde Ulffahrt – da wollte ich mich besser vorher anmelden.

Auf der Fahrt merke ich, dass ich emotionaler als sonst bin. Nervös und aufgeregt und auch besorgt. Ich mag diesen Mann, dem es seit ein paar Wochen zunehmend schlechter geht. Ein paar Mal habe ich ihn in seinem Häuschen besucht, er hat einen traumhaften Garten in dem alles grünt und blüht, direkt neben dem Pfarrgarten. Ich finde ihn sehr tapfer, seit Jahren kämpft diese kleine Person mit den wachen brauen Augen gegen den Krebs. Als ich ihn zuletzt gesehen habe (vor einer Woche), lag er im Wohnzimmer auf der Couch und war kaum wieder zu erkennen, so schmal war er geworden. Während unseres Gespräches hielt ich die ganze Zeit seine Hand, oder er meine. So viel Stärke in so dünnen Fingern, oh man. Ich schlug Herrn B. vor, bald wiederzukommen und gemeinsam Abendmahl zu feiern. Seine Augen leuchteten auf  Ja, vielleicht gibt mir das noch die Kraft, bis Weihnachten durchzuhalten.  

Ich finde am Krankenhaus keinen Parkplatz, alles rappelvoll. Was ist hier denn los? Wieder denke ich, dass Seelsorgende doch einen extra Spot für ihre PKWs haben sollten.  But no, Ulf und ich müssen uns in der Nebenstraße platzieren, doof. Mit dem eleganten Abendmahlskoffer in der rechten Hand fühle ich mich optisch seriös, der neue hipsteresce Rucksack jedoch könnte diesen Eindruck wieder schmälern, aber egal. Ich eile zum Eingang zu „Every breathe you take“ von The Police (ungelogen, just in diesem Moment fällt mir auf, wie strange dieser Song in diesem Zusammenhang ist). Die Musik schallt von der immens großen Bühne auf dem Platz vor dem Eingang, daneben Bude an Bude, Bänke, eine Springburg inklusive quietschender Kinder und alles voll mit Leuten. Krass, voll die Action hier, Tag der offenen Tür oder so. Vielleicht ist das ganz schön für die Patienten, dass hier auch mal was los ist. Oder es nervt einfach nur gewaltig. Wie es wohl Herrn B. damit geht? Nachdem ich erst auf der falschen Station (alles voll mit Leuten!!) nach Herrn B. gesucht habe, finde ich das richtige Stockwerk und den Flur zu seiner Station. Endlich!

Plötzlich sind da zwei bunt-schrille Krankenhaus-Clowns direkt vor mir und fragen, was in dem Koffer ist. Sie duzen mich. Ich überlege kurz, ob ich das jetzt unhöflich oder übergriffig finden soll und ob ich überhaupt noch Zeit für so einen Quatsch habe (Herr B. wartet sicherlich schon) und lasse mich widerwillig auf die beiden ein. Mir sind Clowns immer schon unheimlich. Die Mischung aus Mitleid, Irritation und  leichter Furcht, die Clowns bei mir auslösen, überfordert mich. Vielleicht bleibe ich deshalb stehen und zeige, was sich in meinem Koffer verbirgt: der kleine Kelch, das Kreuz aus Holz, Kerzenständer, Kerzen, ein Feuerzeug,  die Patene und die Oblaten von vorhin. Aufgerissene Augen, großes Staunen, Theatralik auf dem Krankenhausflur, Ohhhh, Ahhhh, toll.

Ich frage nach, wen sie schon besucht haben und ob sie wohl auch schon bei Herrn B. waren. Die Clowns tauschen einen bedeutungsvollen Blick aus, eine zückt einen Zettel, tippt auf etwas Unlesbares, zeigt mir den Zettel und meint, dass sie nicht bei Herrn B. gewesen wären, weil Herr B. laut diesem Zettel schon verstorben sei.  Ähhh, wie bitte? Aber das wüsste ich doch. Ich hab doch noch die Schwester angerufen heute morgen und die meinte, ich könnte gut heut vormittag… Das kann doch gar nicht sein!  Obwohl ich den beiden keine bösen Clownsabsichten unterstelle, glaube ich ihnen reflexartig kein Wort. Das ist bestimmt ein Missverständnis, ein Irrtum. Herr B. ist da sicher in irgendeinem Zimmer und freut sich schon auf meinen Besuch und das Abendmahl. Eine der Clowns schenkt mir zum Abschied einen rot glitzernden Stern, der mir Mut machen soll oder so. Ich klebe ihn auf den Koffer, finde eine Schwester und frage, wo Herr B. liegt.

Sie: Gleich vorne rechts, können Sie gerne reingehen. Ich: Und wie geht es ihm? Ist alles in Ordnung? Diese Clowns da meinten, irgendjemand sei gestorben, aber Herrn B. geht es doch gut oder? Ich hab doch noch angerufen heute früh.  Sie:  Ja, ja ich weiß, Wir haben telefoniert. Heute Nacht ist er gestorben. Eben war sein Sohn da und hat die Sachen abgeholt.

Zack. Für einen Moment bleibt die Zeit stehen. Ich realisiere, dass ich zu spät gekommen bin, viel zu spät. Die Clowns hatten wirklich Recht. Scheiße. Der arme Herr B., die arme Frau B., das wird schlimm werden alles. Oh je. Oh je. Ich war noch nie mit einem verstorbenen Menschen alleine in einem Raum. Überhaupt habe ich bis jetzt erst einen einzigen Toten gesehen. Mir wird mulmig. Gleich vorne rechts liegt er also. Ich nehme den nutzlosen Koffer, gehe  ein paar Schritte, hole tief Luft und öffne die Tür.

Eine LED-Kerze flackert, Herr B. liegt in seinem Bett, eine rote Blume auf der grün gestreiften Bettdecke, Fotos der Enkelkinder in Sichtweite. Tatsächlich, als würde er schlafen. Ich stelle Rucksack und Koffer auf den Boden und setze mich links neben ihn. Bis auf das leise Ticken einer Uhr ist es ganz still im Zimmer. Man sieht Herrn B. nicht an, ob er sich hat quälen müssen, aber ich weiß von der Schwester, dass es nicht leicht für ihn war. Oder er hat es dem Tod nicht leicht gemacht, was ich für wahrscheinlicher halte. Ich bleibe eine ganze Weile bei ihm und bete, halte Stille, singe ein paar Zeilen, segne ihn ein letztes Mal und ein allerletztes Mal, dann wieder Stille. Fast wundert es mich, dass er nicht doch zwischendurch atmet. Gut, dass ich erst im Krankenhaus von seinem Tod erfahren habe. Wahrscheinlich wäre ich sonst nicht hingefahren.

Ich nehme meinen Koffer und den Rucksack und gehe über das Treppenhaus ins Erdgeschoss. Uff. Auf dem Weg werfe ich einen Blick aus einem Fenster nach unten auf das wilde Treiben und  erkenne den hünenhaften Vater von Flo, meinem Konfirmanden aus dem letzten Jahr an einem Stehtisch vor der Bühne. Flo sitzt mit seiner Posaune inmitten eines großen Blasorchesters auf der Bühne. Ich beschließe, noch kurz bei den beiden vorbei zu schauen.

Als ich den Koffer und den Rucksack unter den Stehtisch stelle, ist es halb zwölf. Das Orchester spielt Filmmusik (die Trommeln! Das Xylophon! So viel Action!), Flos Vater bringt heißen Kaffee, mich durchströmt tiefe Dankbarkeit. Die Krankenhaus-Clowns tragen eine unfassbar bunte Torte vorbei und bieten mir ein Stück an, aber ich mag jetzt nicht. Ich könnte schwören, in ihren Blicken war auch eine Spur Traurigkeit.

Fortsetzung folgt.

Flucht und/oder Wachstum

Bis zum Sommerurlaub sind es nur noch ein paar Tage. Die Stimmung im Pfarramt ist ungefähr so, wie noch zu Schulzeiten in der letzten Woche vor Ferienbeginn: ich hänge schief und außerordentlich angeödet am Schreibtisch und wünsche mich innig woanders hin.

Deshalb schreibe ich jetzt auch Blog (auf der Couch, nicht am Schreibtisch, immerhin ein kleiner Ortswechsel) und nicht die Andacht für den nächsten Gemeindebrief. Ezechiel und die Gedanken an Herbst/Winter 2017 müssen warten.  Ich stelle mir in diesen Tagen entweder vor, schon Urlaub zu haben und höre dazu dann  sehr laut „Arbeit“ von Sido und Helge Schneider und denke versonnen an die Ordination meiner lieben Frederike  (Alle gehen arbeiten, NUR ICH NICHT!) oder ich begebe mich in eine frühkindliche Verweigerungshaltung und  stimme lauthals Gisbert zu: IMMER MUSS ICH ALLES SOLLEN! Wie so oft hat Gisbert einfach Recht.

Um mit den Worten einer klugen Freundin zu reden: Gisbert singt mein Tagebuch, in so vieler Hinsicht und seit so langer Zeit, dass es mich nicht mehr wundert, ab und an vom ihm zu träumen. Im Traum schaffe ich es dann auch, mit ihm zu reden – im wahren Leben gelang mir das vor lauter Nervosität und Anhimmelei (plötzlichschüchtern@bekloppt.de) bisher nicht, obwohl es sogar Gelegenheiten gegeben hätte. Wahrscheinlich käme sowieso nur Quatsch dabei heraus und er kann das mit den Worten eindeutig besser als ich, also lasse ich einfach ihn sprechen, bzw. singen.

So getan als Impuls nach der Predigt für den vorletzten Sonntag. Wie es nicht anders zu erwarten war (siehe oben, der matschige Zustand ist nicht neu), ging mir bei der Vorbereitung derselben Predigt schnell die Puste aus. Dabei hab ich es sogar das erste Mal mit einer Bildbetrachtung versucht. Davon erzählte ich gestern am Telefon Julia, die wie ich gerade mit dem Sommerloch ringt, obwohl sie ihren Urlaub schon hatte. Die Idee mit dem Bild fand sie gut, merkte aber an, dass ja nicht in jeder Kirche ein Beamer mit Leinwand sei und dass man das besser vorher checken solle. Mir entwich ein verzweifeltes Lachen beim Gedanken an die Kirchen dieser großen, waldigen Gemeinde. Hier fehlen nicht nur Beamer und Leinwände, es gibt ja teilweise nicht einmal elektrisches Geläut, genügend (auch moderne) Gesangsbücher oder standardmäßige Sicherheitsmaßnahmen. Erst jetzt werden die vor zwei Jahren gefassten Pläne für Feuerlöscher und Rauchmelder endlich in die Tat umgesetzt. Besser spät als nie, aber oh my – die Zeit läuft hier wirklich langsamer als anderswo. Inklusive der Kirchenuhr, die aus unerfindlichen Gründen immer wieder stehen bleibt, obwohl sie ständig repariert wird.

Da es hier also weder Beamer noch Leinwände gibt, habe ich das Bild für die Predigt  kurzerhand ausgedruckt und kopiert und den Leuten ganz analog an die Hand gegeben. So viele sind es ja nicht, die sich Sonntags zu mir  in die Gottesdienste verirren (mööp). Selbstverständlich gibt es nirgendwo Musikanlagen oder Lautsprecher, also nahm ich mein kleines Bluetooth-Würfelchen mit und positionierte es in Dorf F auf dem Altar neben der linken Altarkerze. In Dorf J war die Ortsfindung im zweiten Gottesdienst etwas komplizierter. Hier wird Gottesdienst im Dorfgemeinschaftshaus gefeiert, das früher einmal die Schule war. Der Raum  (gegenüber dem ehemaligen Tante-Emma-Laden) ist wahlweise Sporthalle, Festsaal oder eben Kirchraum und strahlt einen entsprechenden Pragmatismus aus, inklusive einer Tischtennisplatte, herbstfarbenden Turnmatten im Schrank und von Zeit zu Zeit ein paar hilflosen Girlanden an der Decke. Der Altar ist ein ovaler Plastiktisch in schwarz, der für den Gottesdienst mit einer weißen Tischdecke, Kerzen, einem kleinen Kruzifix und Blumen versehen wird. Ich hätte den Würfel auch auf den Schrank mit den Turmatten stellen können, stellte ihn dann aber doch unauffällig auf den Tisch zwischen die Blumen.

Der Gottesdienst ist erfreulicherweise gut besucht – der Vorsitzende des Presbyteriums wohnt hier und schafft es auf rätselhafte Weise, den Mehrzweckraum mit Menschen zu füllen. Man singt, betet, hört aufmerksam zu und betrachtet das Bild des tastenden Engels- halb im Hellen, halb im Dunkeln, träumt sich weg, findet wieder Anschluss, befragt die eigene Sehnsucht nach Gott, denkt an das Mittagessen und die Kartoffeln auf dem Herd, an die Enkel, die kommen und dann spielt da plötzlich leicht und sanft eine Gitarre und jemand singt:  Du wirfst dich hinein in das Licht dieser Welt, dann fängst du an zu schreien, es kommt ein Mensch der dich hält. Und die Liiiebe, die du spürst, wirst du nie wieder verlieren. Sie ist für dich da, bis der Vorhang fällt. Gisbert zu Knyphausen klingt und singt sich zwischen den Stuhlreihen hindurch von Ohr zu Ohr und trifft mich wie immer mitten ins Herz. Ich höre zu und gucke mal auf den Boden, mal aus dem Fenster, einmal in die Gemeinde. Eine Frau hat den Kopf hoch erhoben und blickt wachsam nach vorne. Bewegen sie die Worte etwa wie mich?  Hach, ich bin gerührt.

Am Ausgang spricht die Frau mich auf die Musik an: Danke, danke,  aber ich habe mich die ganze Zeit gefragt, wo die Musik herkommt. Wirklich, ich war ganz unruhig und hab überall so geschaut und gesucht. (…) Ach! Aus diesem kleinen Würfel hier? Das ist ja doll.. Auch der Vorsitzende bewunderte die neue Technik und freute sich über ihren Einsatz.

Immerhin bewegt etwas die Gemüter, wenn auch nicht unbedingt Gisberts weise Worte. Die Gemeinde muss mir ja auch nicht alles nachmachen. Denn auch die muss nicht immer alles sollen. Ich versuche jetzt noch, etwas an meinen Aufgaben zu wachsen und fahre zu einem hochzeitswilligen Paar. Das ist ja auch eine Form von Flucht, Flucht vor zu viel Ablenkung. Uff.

Liebe Internet-Gemeinde, lasst es euch gut gehen, genießt den Sommer, das Baden, die Sonnenblumen und: auch wenn das Unglück dieser Welt, mal auf deine Schultern fällt, ein neuer Tag wartet schon auf dich am Ende jeder noch so langen Nacht.