Planlos im Sommerhoch

Merke: Wenn du dich in der Januarsitzung bei der Jahresplanung mit dem Presbyterium fragst, ob all das vielleicht doch ein bisschen viel ist, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass die Jahresplanung kompletter Irrsinn ist. Kein Wunder, dass (nicht nur) die  Internetgemeinde in den letzten Wochen viel zu kurz kommt  – so sorry, liebe Leute.

Ich schiebe den terminlichen Overkill auch auf das Reformationsjubiläum und all die Veranstaltungen, die dieses so mit sich bringt. Hier sind das Konzerte, Lesungen, Gesprächsreihen, auch der Ausflug der Gemeinde zum Kirchentag nach Berlin und Wittenberg und große, überregionale Gottesdienste. Offensichtlich habe ich mich Anfang Januar sehr vor Langeweile gefürchtet (-.-) – so reiht sich jetzt Open-Air-Gottesdienst an Tauffest und Fahrradtour an Sommerfestvorbereitung mit Open Stage und nebenbei der ganz normale Gemeindewahnsinn. Zum Glück, nee, Gott sei Dank (!!!) ist bisher alles gut gegangen, auch wenn hin und wieder Momente der Verwirrung auftauchen.

So wie letzte Woche, als ich mir am Freitagabend um 22.30 Uhr plötzlich nicht mehr sicher war, wo die Hochzeit (eine Vertretung für einen Kollegen) am Sonnabendvormittag eigentlich stattfinden sollte. In meinem Kalender stand Dorfkirche zu F., in meinen Notizen zur Predigt hingegen las ich Dorfkirche zu L.. Natürlich sind beide Orte 30 Minuten Ulfzeit voneinander entfernt, obwohl in einem Gemeindegebiet, überall dasselbe, tzz. Der Kollege war nicht zu erreichen, das Paar wollte ich nur ungern an meiner unprofessionellen Verwirrung teilhaben lassen und außerdem dachte ich, ich hätte keine Handynummer. Wie vercheckt kann man eigentlich sein? Waah! Schließlich fiel mir ein, dass ich mit der Braut vor einem halben Jahr ungefähr telefoniert hatte und suchte in meinem Adressbuch unter ihrem Mädchennamen und wurde fündig.  Es kostete mich viiiel Überwindung ihr so spät eine SMS zu schreiben und nach dem Ort der Trauung zu fragen. Sie antwortete nicht. Klar. Uff. Meine Nacht war entsprechend unruhig. Ich sah mich schon eine Stunde früher losfahren und ärgerlich (wie vercheckt kann man eigentlich sein?!) die richtige Kirche suchen. Vor Trauungen und Taufen bin ich immer noch ziemlich aufgeregt, so viele gibt es davon hier nämlich nicht. Zumal mir das Paar so sympathisch war! Am nächsten Morgen las ich dann erleichtert die Antwort der Braut: Wir feiern in F. und freuen uns, Sie da zu sehen 😉 Bis gleich! Es war dann das Paar, das zu spät kam, auf der Kreuzung vor der Kirche verlor ein Auto seinen Anhänger – aber auch das spielte nachher keine Rolle mehr und Worte reichen für die wunderbaren Momente in diesem Gottesdienst sowieso nicht aus.  Nur so viel:  Love rules, tatsächlich.

Verwirrt war ich auch bei einer anderen Hochzeit, zu der ich direkt von einer Trauerfeier kam. Die Kombi „Beisetzung – Hochzeit“ hatte ich bis dato auch noch nicht erleben dürfen. Muss man auch nicht öfter haben, finde ich. Zwischen den Diensten hatte ich keine Pause, kein Essen, kein Kaffee, also kam ich müde und hungrig zur Trauung an, perfekte Voraussetzungen also.

Ich stürme mit Sack und Pack in die Kirche und grüße die Gäste, die schon da sind: „Schön, dass Sie sich schon zur Trauerfei..äh, Traufeier, ähm, Trauung eingefunden haben!“. Oh no, wie unangenehm, wie Freud, wie peinlich.  Die versammelten Leute kichern, ich schwitze, super Start. Die Trauung selbst ist dann irgendwie ok, ich singe und bete allerdings fast alleine und komme mir komisch dabei vor. Das ist wohl das unangenehme Gefühl zum Erlebnis Dienstleistungskirche. Mit knurrendem Magen hoffe ich heimlich auf den Kaffee danach und – hatte man nicht von Eis gesprochen? Beim feierlichen Auszug aus der Kirche bin ich froh, nicht noch weitere Wortfindungsschwierigkeiten gehabt zu haben. Jetzt würde es nicht mehr lange dauern bis zur Stärkung.

Erstmal gratulieren alle dem Paar, danach verteilt sich die Festgemeinde auf dem großen Hof, im Zelt und im Haus. Ich bin eingeladen zu bleiben, aber finde meine Platzkarte nicht. Menschen, die ihre Platzkarte gefunden haben, halten Popcake in den Händen, MENNO, ich will auch Popcake (Mettbrötchen gibt es hier ja offensichtlich nicht). Ich stelle mich unschlüssig neben eine Gruppe jüngerer Leute, man nimmt keine Notiz von mir, kein war nett oder danke, nix. Hmpft. Ziellos trabe ich über das Grundstück, suche erfolglos den Eisstand oder wenigstens eine Tasse Kaffee,  bis jemand etwas von Gruppenfoto ruft und sich die träge Masse zäh zurück  in Richtung Kirche bewegt. Bis sich alle an der Seite der Kirche positioniert haben, dauert es, die Kleinen nach Vorne, die Großen nach hinten und ich stelle mich irgendwo links neben die Meute und hoffe, dass es bald vorbei ist. „Wenn sich die Pfarrerin noch etwas näher zur Festgesellschaft stellen könnte? Sie stehen da ja so, als würden Sie überhaupt nicht dazu gehören!“ Ähm ja, genau. Ich rücke auf, viele Fotos werden aufgenommen, erst alle zusammen, nur die Familie, nur die Freundinnen und Freunde, nur das Brautpaar, unendliche Kombinationen. Ich beobachte das Prozedere aus einiger Entfernung mit wachsender Ungeduld, als mich der Trauzeuge von der Seite anspricht. „Ey, hast du das hier gelernt oder so?“ „Hö?“ „Na, ne Ausbildung oder so?“  Ich hole tief Luft.  Was denken manche Leute eigentlich? Dass man das einfach so kann?? Ich entgegne: „Zehn Jahre Studium und Ausbildung! Hast du da auch Lust drauf, oder was?“ Die rhetorische Frage zum Schluss klingt wenig pastoral-souverän, wohl eher wie ein Peitschenschlag. Ich will nicht reden, ich hab Durst und Hunger! Aber es muss noch ein weiteres Bild aufgenommen werden, im Dorfanger. Das kann doch alles nicht wahr sein. Zunehmend lethargisch reihe ich mich auch in das Riesenherz aus Menschen ein und lächle mit letzter Kraft in die Kamera, dann habe ich endgültig genug vom Suchen und ratlos Herumstehen. Ich beginne, mich zu verabschieden. Die Brautmutter fragt, ob ich denn schon Eis hatte. „Nein, nicht gefunden.“ Vielleicht klinge ich dabei etwas weinerlich. Sie zieht mich entschlossen zurück auf den Hof, ach da ist das Eis!, verhilft mir zu einer halb geschmolzenen Vanillekugel und dann darf ich gehen. Das Eis in der einen Hand lasse ich das Dorf und das Hochzeitsfest eilig hinter mir. Ich war dort auch zum Abendessen eingeladen, aber man muss ja nun wirklich nicht auf allen Hochzeiten tanzen.  Überhaupt rein gar nicht.

 

 

 

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Gestorben wird immer

Ich kann mich noch ziemlich genau an mein erstes Trauergespräch im Vikariat erinnern: damals ich saß mit meinem Mentor in einem großen, elegant eingerichteten Haus und war nervös. Wie verhält man sich der Familie gegenüber? Was, wenn ich mich von der Trauer der Familie nicht abgrenzen kann und gleich mitweine? Zum Glück übernahm mein Mentor die Gesprächsführung, ich saß neben ihm auf der Couch, hörte zu und trank Wein. Viel Wein, denn das Gespräch dauerte geschlagene 2,5 Stunden. Ein alter Mann war gestorben und seine drei erwachsenen Kinder und die Witwe hatten sich zum Gespräch eingefunden. War mein Weinglas leer, wurde ungefragt nachgefüllt. Je länger ich da stumm und trinkend auf der Couch saß , desto unschärfer wurde mein Bild von der Familie: Mutter und Tochter waren sich über den Verstorbenen irgendwie einig, doch die zwei Söhne hatten seit einigen Jahren einen fiesen Streit zu laufen und pochten jeweils auf ihre Darstellung des Vaters. Es war entsetzlich, ich rutschte auf meinem Couchplatz hin und her und zählte die Minuten. Irgendwann musste ich das Glas zuhalten, alles drehte sich und gleich hätte ich mich mitgedreht, auf der Couch, dem flauschigen Teppich oder den dunkel glänzenden Fliesen im Flur. Auf dem Heimweg (ohne Ulf, den gab es da noch nicht) im Auto meines Mentors merkte ich, wie durchgeschwitzt ich war, ohne dass ich mich tatsächlich irgendwo herumgedreht hätte. Das reine Zuhören hatte mich so angestrengt.

Das ist nun schon über 3 Jahre her und seitdem habe ich in sehr vielen Wohnzimmern, Wintergärten oder  Küchen gesessen (mich nicht gedreht) und mit Trauernden gesprochen. Mir wurde Kaffee, Wasser, Saft und Cola angeboten – aber nie wieder Wein (vielleicht hätte das manchmal geholfen). Manchmal gab es zum Gespräch Kuchen (immer Kuchen, aber niemals Schnittchen, garh!), manchmal hinterher und manchmal auch gar nichts. Es wurde gelacht, geweint, gestritten und geschwiegen – ich wurde umarmt, angezickt und angeflunkert – wirklich alles ist in diesen Gesprächen möglich. Ich bin froh, dass ich bisher bei keiner Begegnung in Tränen ausgebrochen bin. Feuchte Augen und ein  Kloß im Hals hatte ich dagegen öfter – doch damit kann ich leben und vor allem noch arbeiten.

Nach 1,5 Jahren kenne ich auch die meisten Bestattungsunternehmen aus meiner Region, oft sind es kleine Familienbetriebe: der Vater gründete die Firma, die Tochter übernimmt so langsam und die Tante spielt Orgel. Am Liebsten arbeite ich mit dem Bestatter aus meiner Hauptpredigtstätte zusammen. Wenn es um ihn geht, spreche ich mittlerweile auch nur von „meinem Bestatter“, was für Außenstehende in vielerlei Hinsicht irritierend sein dürfte. Armin und ich  duzen uns seit dem Feuerwehrball im letzten Herbst (Schnaps, Dorffest, Coverband  – den Rest könnt ihr euch ausmalen), ich kenne seine Frau und die Kinder und wenn wir uns im Städtchen über den Weg laufen ist immer Zeit für einen kleinen Schnack. Eigentlich ist er ja Tischler, aber er kommt mit dem Geschäft neben der Bestatterei nicht mehr hinterher, deshalb lässt er das Tischlern jetzt für eine Weile bleiben. Mich interessiert wie er seinen Job so macht und wie es ihm dabei geht, schließlich haben wir ja oft mit denselben Leuten zu tun. Seit ich über meinen Liebsten die fantastische (gar beste?) Serie Six Feet Under entdeckt habe,  ist meine Neugierde noch größer.                                                                                                                                                            Ich: „Holst du mit diesem Wagen der Verstorbenen ab?“ Er: „Nein, da ist der Bagger drin.“ Ich: „Warst du schon zum Gespräch? “ Er: „Ja, schöne Scheiße, die sind alle zerstritten. Und wie immer geht es nur um Knete.“ Ich: „Es kann sein, dass der verlorene Sohn zur Beisetzung kommt, was machen wir dann?“

Vor ein paar Wochen nach einer Beisetzung dann dieser Wortwechsel: Ich: „Kennst du Six Feet Under?“ Er: „Nee, was das denn?“ Wenn es sich irgendwie ergibt, bekommt Armin von mir eine DVD dieser Serie geschenkt. Und dann gibt es noch viel mehr zum Quatschen und das fänd ich gar nicht so schlimm.