Ulf forever

Zwischen dem alltäglichen und speziellen Wahnsinn dieser Gemeinde und meiner naturgemäßen Verchecktheit fallen doch so manche Dinge unter den Tisch. Oder fahren irgendwo gegen – so wie es Ulf während eines hektischen Ausparkmanövers (Keine Zeit! Keine Zeit!) schon letzten November passiert ist. Es regnete, der hintere Scheibenwischer ging nicht (kaputt oder so), folglich fuhr ich mit Schwung gegen eine Ecke des Carports. Seitdem hat Ulf eine kleine, knautschige Beule über dem rechten Hinterreifen. Für mich eine weitere liebenswerte Macke, für andere ein Grund skeptisch die Augenbrauen zusammenzuziehen und mit dem Kopf zu schütteln.

So geschehen bei meiner vorletzten Bestattung (der Marathon geht zumindest diese Woche noch weiter). Auf jenem Friedhof habe ich tatsächlich einen Stammparkplatz (yeah!) neben dem kleinen Transporter des Bestattungsunternehmens. Bzw. rechts vom Transporter ist immer noch Platz für Ulf, wobei er sich diesen Platz mit einem riesigem Laubhaufen teilen muss, der dort seltsamer Weise niemals weggeräumt wird. Letzte Woche also komme ich dort an und parke neben dem Transporter und vor dem Laubhaufen und steige aus. Kurt Tafel ist auch schon da und dreht sich gerade eine Zigarette. Amüsiert schaut er mir dabei zu, wie ich die Fahrertür schließe. Phase 1: locker zuwerfen. Phase 2: mit der Hüfte noch einmal lässig (!) nachhelfen, sonst ist Ulf nämlich nicht wirklich zu. Während dieser Prozedur schleicht ein blonder Sargträger um Ulfs Hinterteil und schüttelt lautlos den Kopf. Er beugt sich etwas nach unten, schaut er jetzt auf die Beule oder diese schwarze Schramme? Er sagt nichts, aber sein Gesichtsausdruck lässt auf eine Mischung aus Unverständlichkeit und tiefem Bedauern schließen.

Als ich den Kofferraum öffne ertönt ein lautes, hohes Quietschen, das über den Friedhof schallt. Knut will die Liederhefte verteilen, ich greife in den Kofferraum, stütze mich kurz ab und irgendwo aus Ulfs Innereien  dringt ein Laut, so tief und unheimlich-knurrend, dass er aus der Unterwelt stammen könnte.  Rrrrroooar. Ich gebe Knut die Hefte und hole dann meinen Talar aus der bunt gestreiften Strandtasche (angeblich soll es auch elegante Talartaschen geben, aber pfft). Rrrrrrooooar. „Das klingt ja gar nicht gut!“ Knut wirft einen besorgten Blick auf Ulf. „Klingt fast so, als würde dein Auto leben!“ Dann erhellt sich sein Blick: „Kennst du den Film Christine?“ „Nee.“ Er nimmt einen tiefen Zug von seiner Zigarette. „Da geht es auch um so ein Auto, so eine richtige Klapperkiste, total kaputt, so wie deins (hier zucke ich etwas zusammen). Das Auto heißt Christine und das lebt! Und ist gefährlich!“ „Hm, aha“ „Am Ende, da lassen die das Auto dann verschrotten, wird richtig platt gemacht. Und dann denken die, das wäre jetzt tot.“ „Aha.“ “ Aber ist es dann gar nicht, Christine lebt nämlich immer noch! Da leuchten dann am Schluss die Scheinwerfer auf und das ganze geht wieder von vorne los!“ Kurt lacht brummend. Mein Amüsement hält sich in Grenzen, Ulf und ein Horrorauto? Auf dem Schrottplatz?? Niemals! Dann sage ich: „Touché“. Vielleicht hat Knut mein Troubadix-Vergleich doch mehr getroffen, als ich dachte.

Während Knut noch steht und weiter raucht muss ich zwei weitere Male die Fahrertür öffnen und wieder schließen (erst das Handy und dann die Mate vergessen). Schließlich brauche ich noch mein schwarzes Mäppchen mit den Texten aus der Strandtasche.

Die Kofferraumtür quietscht kurz auf. Stille.  Rrrrrrooooar. Ulf und ich, wir verstehen uns.

Hoffentlich noch lange, er muss nämlich zum TÜV. Seit Februar.

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Die erste Konfifreizeit

Drei Treffen zur Vorbereitung à drei Stunden für drei Tage Konfifreizeit: schon bevor ich zugesagt habe, mit zur Jugendherberge Fliegenstädter Bach  zu fahren war mir klar, dass diese Freizeit ein Kraftakt werden würde. Selbst ohne einen einzigen Konfirmanden oder eine einzige Konfirmandin. Trotz der langen und langwierigen Vorbereitung unter uns Pfarrern und Pfarrerinnen („Ich will Räume gestalten!“ „Was denn für Räume – wir haben doch nur einen Gruppenraum..“ „Ich will mit denen Räume gestalten!“ „Und wie soll das für das Plenum gehen?“ „Ich will Räume gestalten.“) gab es an diesen drei Tagen einige Momente, an denen ich mich woanders hin gewünscht habe.

Die einzige weibliche Kollegin (mit der ich ein Zimmer und ein Doppelstockbett teilen musste – ich fahre da nie.Wieder.Hin.) kommt schwer erkältet mit Fieber an, versteht kein Wort (Ohren verstopft)  und kann kaum sprechen. Optimal für eine Horde von 40 Jugendlichen und das (nicht ganz unkomplizierte) Activity-Kennenlern- Spiel, das sie anleiten soll . Überhaupt – 40 Jugendliche: die sind ja unfassbar laut und schreien ständig rum! „Frau Hitchschmooooock! Wann geht es weiter?“ „Frau Hitchschmooooock. Haben Sie das Spiel verstanden? Was müssen wir jetzt machen?“ Hätte ich gewusst, dass ich Konfi-Namen auf Hebräisch würde aufschreiben müssen, dann hätte ich vorher nochmal in die Lehrbücher geguckt. Mein Gekritzel hat in keiner Sprache auch nur irgendeinen Sinn ergeben. Meinem Konfi Flo soll ich jetzt übrigens Latein-Nachhilfe geben. Seine Eltern denken, ich kann das. Omfg.

Dass ich am Sonnabend nachmittags noch eine Bestattung angenommen habe, gehört auch zu den weniger cleveren Aktionen bezüglich dieses Wochenendes. Wer hier schon etwas länger mitliest weiß, dass ich nach Bestattungen (und Gottesdiensten) immer unfassbaren Hunger habe und ebenso unfassbar müde werde. Bevor ich mit Ulf zu meinem Dorf F zur Bestattung losdüse, bitte ich Flo darum, mir etwas vom Mittag aufheben zu lassen. Noch während ich mit ihm spreche ahne ich, dass er es vergessen wird. Als ich nach der Bestattung wiederkomme (hungrig und müde) eile ich in die Küche: Ich quengelig:“Gibt es noch was zu essen?“ Küchenmann überrascht: “ Nein, da hätten Sie vorher Bescheid sagen müssen..“ Ich zunehmend verzweifelt: „Aber es wurde doch..Oh je..Gibt es hier irgendwo noch was zu essen?“ Er mitleidig „Na, eigentlich haben alle Gasthäuser zu. Ist ja gerade keine Saison. Probieren Sie es sonst in Fliegenstädt. Da könnten Sie Glück haben.“

Ich rase mit Ulf zurück nach Fliegenstädt-Ort.Die Jugendherberge liegt nämlich im Wald daneben, direkt an einem Telefon-Funk-Masten. Und es gibt dort kein Handynetz (Frage: was macht der Mast denn da? Ich glaube, der wollte mich einfach mies verarschen)  und das W-Lan kostet 1 Euro pro Stunde. Ich fahre da nie. Wieder. Hin. In Fliegenstädt finde ich das Gasthaus Zur Linde und parke hinter dem Haus auf dem Hof. Aus meiner leichten Verzweiflung ist Panik geworden: Was, wenn es hier auch nichts zu essen gibt? Muss ich dann 30km bis zur nächsten Stadt fahren? Oder hungrig zurück und es gibt ein Gemetzel an 40 schreienden Jugendlichen und drei Pfarrern und Pfarrerinnen? Wer mich kennt weiß, dass letzteres bei mir im hungrigen Zustand durchaus realistisch ist. Als ich zur Eingangstür eile, bemerke ich den Duft nach Essen. Ich stürme hinein, sehe einen halbglatzigen Mann hinter der Theke und rufe :“Gibt es hier was zu essen?“ „Ja. Aber dauert nen Moment.“ „Kann ich schonmal nen Kaffe haben, bitte?“ „Ja, aber dauert nen Moment.“

Ich bin alleine in dem riesigen Gasthaus, bis auf ein paar ausgestopfte Tiere an den hellen Wänden. Mein Tisch in der Ecke bietet Platz für mindestens fünf  weitere Personen. Aber außer mir kommt niemand nachmittags halb drei auf die Idee, in der Linde zum Mittag einzukehren. Es ist davor auch niemand auf die Idee gekommen, das Bad zu benutzen – das Licht muss der Gastwirt von der Theke aus erst anmachen. Nach ein paar Minuten erklingen deutsche Oldies aus den Lautsprechern, ich fühle mich wie in den fünfziger Jahren. Doch zum Glück gibt es hier E-Netz und so kann ich endlich Mails checken und chatten, hallo Welt, hallo Gegenwart.  Zwischendurch kommt die Karte als ausgedrucktes, knittriges  A4-Blatt zu mir und ich kann zwischen fünf Sorten Schnitzel wählen. Dass ich irgendwann mal darüber nachgedacht habe, vegan oder wenigstens vegetarisch leben zu wollen glaubt mir mittlerweile kein Mensch mehr. Wenn in unserer Nähe ein neues Schnitzelhaus eröffnet wird, denkt man stattdessen direkt an mich und lädt mich ein („Die Hitchschmock,  die ist doch immer soviel und so gerne  Fleisch.“ ) . Ich bestelle also (surprise!) Schnitzel mit Rahmchampignon und Kroketten und warte. Meine Zeit vertreibe ich mir mit einer Freundin aus dem Jahre 2009. Sommer-Flirt-Horoskop und die neuesten Kleidertrends. Der Kaffee kommt und ich kann mich endlich etwas  aufwärmen, die Bestattung war gut besucht und der Wind eisekalt. Als das Schnitzel endlich serviert wird, schlinge ich drauflos. Schön kann das nicht ausgesehen haben, gut dass ich alleine war. Der Wirt ist mit seinem Handy beschäftigt. Als ich etwa die Hälfte geschafft habe, mache ich ein Foto und schicke es meinem Kumpel Jannis mit den Worten: ich übe schon mal für unser Schnitzeldate.

Ich komme satt und unendlich müde zurück zu den Konfis. Der Tag wird noch lang. Besonders, als nacheinander, also einzeln,  40 schreiende Jugendliche einen Raum (…) im Nachbarhaus entdecken sollen und für den wartenden Rest keine Überbrückungsspiele geplant sind.  Max sagt mir während der Freizeit mindestens drei Mal, dass er schnell wieder nach Hause möchte. Da haben wir was gemeinsam. An diesem Abend findet meine Kollegin ihre Stimme wieder. Vor dem Einschlafen (ihr erinnert euch, das Doppelstockbett) plaudern wir ein bisschen und sie fragt: „Sag mal, Hitchschmock. Wie alt bist du jetzt? 41 oder?“ Auch für die Konfis zähle ich zu den Älteren, aber hey, 31 ist noch nicht 41. Menno.

Bevor ich Freitag losgefahren bin, habe ich einen letzten Blick in den Spiegel geworfen und erschrocken massig viele neue graue Haare entdeckt, dazu äußerst dunkle Augenschatten. Vor der Konfirüste. Den Blick danach in den Spiegel habe ich mir besser geschenkt. Auf der Rückfahrt im Auto singen Max und Flo laut den Kanon, den ich mit der Gruppe immer wieder geübt habe: King of kings and Lord of Lords. Sie singen ihn auch, als sie von ihren Eltern vor dem Pfarrhaus abgeholt werden. Und sie lachen dabei. So schlimm kann es doch nicht gewesen sein.

Menschen, schön euch zu sehen!

Was auch mal ganz schön ist:

nicht als Pfarrerin auf ein Festival bei der Mecklenburgischen Seenplatte zu fahren und all die Dinge zu tun, die ich als Pfarrerin sonst (bisher) nicht mache. Zelten bei zu kalten Temperaturen, zu ungewöhnlichen Tageszeiten Berliner Luft trinken, Flunkyball spielen (und zwar gut! Bis auf das Gefühl danach) und selbstgeflochtene Glitzerhaarbänder tragen, bei Sonnenschein den wundervollen Liedern der Höchsten Eisenbahn lauschen und spät in der Nacht wild zu Balthazar tanzen. Um mich herum all diese schönen, hippieesken Menschen, die mir so unwirklich erschienen, wie sie da unter ihren Pavillons am Grill saßen oder in Schlappen über das Gelände streiften, mit ihren Sonnenbrillen und den angemalten Gesichtern, manche mit aufgeklebten Glitzersteinchen und sie sahen so jung und frisch dabei aus. In der Gemeinde sind „die Jungen“ die Leute um die fünfzig. Fünf Monate Pfarramt bewirken bei mir scheinbar doch eine schleichend eintretende Weltfremdheit. Den prolligen, halbnackten muskelbepackten Typen, der eigentlich immer Flunkyball spielte oder kotzte (was machen solche Leute eigentlich auf kleinen Indie-Festivals?), habe ich oft angestarrt und mich gefragt, ob der wirklich echt ist. Surrealer, aber insgesamt schöner Urlaub für drei Tage. Bei der Rückfahrt hat Ulf einen Platten (zum ersten Mal!), irgendein Festival-Nagel hat sich in den Hinterreifen gebohrt. Nachdem der ADAC-Mann den Reifen notdürftig geflickt hat fahre ich direkt (mit einem unangeschnalltem Hintermann) in meine erste Polizeikontrolle.

Was nicht ganz so schön ist:

Nach dem Kurzurlaub nach Hause kommen und den Anrufbeantworter abhören (schwerer, tragischer Unfall in einer Familie der Gemeinde). Feststellen, dass die Sekretärin noch für zwei Wochen im Urlaub an der Nordsee ist (und die Anzahl der unbeantworteten Briefe im Gemeindebüro weiter gruselig ansteigen wird) und die Dame, die unten die Gemeinderäume putzt und alles weiß auch im Urlaub ist und sich nicht darum kümmern wird, die Tische der letzten Presbyteriums-Sitzung zurückzuräumen und die Gläser abzuwaschen. Termine verschieben müssen, weil Ulf erstmal neue Reifen braucht. Eine Bestattung, die Diamantene Doppelhochzeit und den Sonntagsgottesdienst vorbereiten (Heftchen mit Foto, Ablauf, Liedertexten und Lesungen), dazu zwei abendfüllende Termine.  Außerdem eine Pfarrwohnung, die im ultimativen Chaos versinkt und die in den drei Tagen Abwesenheit frecherweise auch niemand sonst aufgeräumt hat. Und Anfang der Woche ein aufgeregter Anruf  eines Gemeindeglieds: Dorf D ist „ganz enttäuscht“, dass es bei der Gottesdienstplanung nicht genügend berücksichtigt wurde. „Ich habe schon mit vielen gesprochen, alle sind sehr wütend“. Harte Landung nach dem immerguten Festival-flow.

Was das Ganze dann doch wieder schön macht:

Die Bestattung, die Diamantene Doppelhochzeit und der Sonntagsgottesdienst. Meine mühsam gesponnenen roten Fäden wurden bemerkt (Bestatterin: „das war die schönste Trauerrede, die ich je gehört habe!“), die Ehepaare waren zufrieden und drückten mich gerührt und am Sonntag nach dem Gottesdienst wurde ich doch tatsächlich auf den Inhalt der Predigt angesprochen.

Vor dem Sonntagsgottesdienst treffe ich Menschen aus Dorf D.  Eine Frau: „Ah, Frau Pfarrerin. Gut, dass ich Sie sehe. Ich habe noch etwas zu meckern.“ „Oha. Geht es um die Gottesdienste?“ „Nein, um die Bestattung. Die Liedertexte sind viel zu klein, das können wir gar nicht lesen“. Ich erkläre, dass ich zuvor die Texte groß aber ohne Melodie abgedruckt hatte und es da auch Beschwerden gab und die aktuellen Heftchen es eigentlich besser machen sollten.  Die Frau lacht und sagt: „Hören Sie nicht so sehr auf mein Meckern, Sie können es ja nicht allen recht machen“ Recht hat sie. Sie ahnt nicht, dass ich bei dieser Beerdigung den Bedürfnissen des Dorfes D. extra nachgekommen bin.

Vor der Bestattung klärt mich die Bestatterin auf, dass die Gemeindeglieder hier besonderen Wert darauf legen, dass der Pfarrer/die Pfarrerin zum Glockengeläut vom Eingang des Friedhofes bis zur Kapelle einzieht. Alleine. Sonst wird gemeckert. Also stehe ich vor Beginn der Trauerfeier etwas verloren und unschlüssig  am Eingang des Friedhofes und blicke auf die Trauerkapelle und die versammelte Trauergemeinde in der Ferne. Der Friedhof sieht idyllisch aus, am Himmel darüber ein paar hübsche Wolken – sehr malerisch. Immerhin kann ich so in Ruhe noch einmal die Ansprache durchgehen. Als die Glocken beginnen zu läuten gehe ich langsam los, der Weg ist einigermaßen weit. Ich komme mir vor, wie auf einem Catwalk (Kopf hoch, Brust raus!). Es ist heiß, die Sonne scheint und der Wind huscht unter meinen Taler und bauscht ihn von unten auf. Wenn ich mich jetzt im Stoff verheddere wäre es ziemlich unpassend denke ich, aber es passiert nicht. Ich komme heile an der Halle an und muss lange warten, bis die Glocken verklingen und die Organistin beginnt zu spielen. Nach der Beisetzung sagt die Besatzern: „Es haben auch einige hingeguckt, als Sie eingezogen sind. Hab ich gesehen, war gut so.“. Das ist mir jetzt nicht aufgefallen, aber was weiß ich schon. Vielleicht ist mein Blick auch nachträglich getrübt von den glitzernden, halbnackten Festival-Besucher_innen. Andere Dörfer, andere Sitten.

Orientierungslosigkeiten auf weiter Flur

Bei 8 Predigtstätten, 16 Dörfern und einem schlecht ausgebautem Handynetz bleibt es nicht aus, dass ich ab und an mal den Weg nicht finde. Was auch daran liegen könnte, dass mein Orientierungssinn nicht meine größte Stärke ist. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass ich von Google Maps bisher zu sehr verwöhnt wurde. Oder auch damit, dass die Menschen die hier seit Ewigkeiten wohnen nicht auf dem Schirm haben, dass es Leute gibt, die hier eben nicht seit Ewigkeiten wohnen. Ich zum Beispiel.

Letztens lädt man mich nach einer Bestattung zum Trauerkaffee ein und sagt: „wir treffen uns dann im Gemeindehaus.“ Gemeindehaus, denke ich – das ist ja super. Da war ich ja erst letzte Woche zum Gemeindekaffee. Ich erinnere mich an den durch Ofenheizung gemütlich warmen Raum, an heißen Kaffee und freue mich. Meine Füße spüre ich zu diesem Zeitpunkt schon ziemlich lange nicht mehr. Laufen wie auf gefrorenen Eiern. Die Trauerhalle ist offen und nicht beheizbar, draußen liegt Schnee. Jedenfalls fahre ich zum Gemeindehaus und finde gleich den Weg. Hinten rum, durch den Hof und dann parken, und dabei nicht die Blumenkübel umfahren.  Die Woche zuvor bin ich minutenlang in konzentrischen Kreisen um das Gemeindehaus herum gefahren und hätte ich nicht jemanden aus der Gemeinde getroffen, der mir laufend und rufend den Weg wies – ich hätte es nie im Leben gefunden. Jedenfalls gehe ich durch den Hintereingang rein: Stille. Kälte. Niemand da. Och nö, dann muss es wohl doch in einem anderen Gemeindehaus sein. Ich laufe eine Weile unschlüssig (die Füße! Die Kälte!) durch das kleine Dorf und schiele in jedes Haus, was nach einem potentiellen Versammlungsort aussieht. Fluchend und schimpfend kehre ich nach Weile zurück auf den Hof, starte mit vor Kälte starren Fingern das Auto und rolle schlechtgelaunt vom Hof, ohne die Blumenkübel umzufahren. Zum Glück entdecke ich einen Einheimischen, der mir schließlich doch den Weg weist. Ich komme 20 Minuten später an als gedacht.

Heute war ich hier wieder zu einem Trauerkaffee eingeladen. Anderer Friedhof, anderer Ort. Übrigens der Ort, in dem ich seit Anfang Januar wohne, ich kenne mich also schon ein bisschen aus.  Aber ich lerne dazu: nach der Trauerfeier frage ich den Bestatter, wo ich denn die Räumlichkeiten finden kann. Der Bestatter kennt sich aus, er kommt von hier und klärt mich auf. Er sagt:“ im Kreisel zweite Ausfahrt in den Wald.“ Super, denke ich und frage: „Meinen Sie den ersten oder den zweiten Kreisel?“  Kurzer irritierter Blick seitens des Bestatters, dann sagt er: „Hier gibt es nur einen Kreisel.“