Planlos im Sommerhoch

Merke: Wenn du dich in der Januarsitzung bei der Jahresplanung mit dem Presbyterium fragst, ob all das vielleicht doch ein bisschen viel ist, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass die Jahresplanung kompletter Irrsinn ist. Kein Wunder, dass (nicht nur) die  Internetgemeinde in den letzten Wochen viel zu kurz kommt  – so sorry, liebe Leute.

Ich schiebe den terminlichen Overkill auch auf das Reformationsjubiläum und all die Veranstaltungen, die dieses so mit sich bringt. Hier sind das Konzerte, Lesungen, Gesprächsreihen, auch der Ausflug der Gemeinde zum Kirchentag nach Berlin und Wittenberg und große, überregionale Gottesdienste. Offensichtlich habe ich mich Anfang Januar sehr vor Langeweile gefürchtet (-.-) – so reiht sich jetzt Open-Air-Gottesdienst an Tauffest und Fahrradtour an Sommerfestvorbereitung mit Open Stage und nebenbei der ganz normale Gemeindewahnsinn. Zum Glück, nee, Gott sei Dank (!!!) ist bisher alles gut gegangen, auch wenn hin und wieder Momente der Verwirrung auftauchen.

So wie letzte Woche, als ich mir am Freitagabend um 22.30 Uhr plötzlich nicht mehr sicher war, wo die Hochzeit (eine Vertretung für einen Kollegen) am Sonnabendvormittag eigentlich stattfinden sollte. In meinem Kalender stand Dorfkirche zu F., in meinen Notizen zur Predigt hingegen las ich Dorfkirche zu L.. Natürlich sind beide Orte 30 Minuten Ulfzeit voneinander entfernt, obwohl in einem Gemeindegebiet, überall dasselbe, tzz. Der Kollege war nicht zu erreichen, das Paar wollte ich nur ungern an meiner unprofessionellen Verwirrung teilhaben lassen und außerdem dachte ich, ich hätte keine Handynummer. Wie vercheckt kann man eigentlich sein? Waah! Schließlich fiel mir ein, dass ich mit der Braut vor einem halben Jahr ungefähr telefoniert hatte und suchte in meinem Adressbuch unter ihrem Mädchennamen und wurde fündig.  Es kostete mich viiiel Überwindung ihr so spät eine SMS zu schreiben und nach dem Ort der Trauung zu fragen. Sie antwortete nicht. Klar. Uff. Meine Nacht war entsprechend unruhig. Ich sah mich schon eine Stunde früher losfahren und ärgerlich (wie vercheckt kann man eigentlich sein?!) die richtige Kirche suchen. Vor Trauungen und Taufen bin ich immer noch ziemlich aufgeregt, so viele gibt es davon hier nämlich nicht. Zumal mir das Paar so sympathisch war! Am nächsten Morgen las ich dann erleichtert die Antwort der Braut: Wir feiern in F. und freuen uns, Sie da zu sehen 😉 Bis gleich! Es war dann das Paar, das zu spät kam, auf der Kreuzung vor der Kirche verlor ein Auto seinen Anhänger – aber auch das spielte nachher keine Rolle mehr und Worte reichen für die wunderbaren Momente in diesem Gottesdienst sowieso nicht aus.  Nur so viel:  Love rules, tatsächlich.

Verwirrt war ich auch bei einer anderen Hochzeit, zu der ich direkt von einer Trauerfeier kam. Die Kombi „Beisetzung – Hochzeit“ hatte ich bis dato auch noch nicht erleben dürfen. Muss man auch nicht öfter haben, finde ich. Zwischen den Diensten hatte ich keine Pause, kein Essen, kein Kaffee, also kam ich müde und hungrig zur Trauung an, perfekte Voraussetzungen also.

Ich stürme mit Sack und Pack in die Kirche und grüße die Gäste, die schon da sind: „Schön, dass Sie sich schon zur Trauerfei..äh, Traufeier, ähm, Trauung eingefunden haben!“. Oh no, wie unangenehm, wie Freud, wie peinlich.  Die versammelten Leute kichern, ich schwitze, super Start. Die Trauung selbst ist dann irgendwie ok, ich singe und bete allerdings fast alleine und komme mir komisch dabei vor. Das ist wohl das unangenehme Gefühl zum Erlebnis Dienstleistungskirche. Mit knurrendem Magen hoffe ich heimlich auf den Kaffee danach und – hatte man nicht von Eis gesprochen? Beim feierlichen Auszug aus der Kirche bin ich froh, nicht noch weitere Wortfindungsschwierigkeiten gehabt zu haben. Jetzt würde es nicht mehr lange dauern bis zur Stärkung.

Erstmal gratulieren alle dem Paar, danach verteilt sich die Festgemeinde auf dem großen Hof, im Zelt und im Haus. Ich bin eingeladen zu bleiben, aber finde meine Platzkarte nicht. Menschen, die ihre Platzkarte gefunden haben, halten Popcake in den Händen, MENNO, ich will auch Popcake (Mettbrötchen gibt es hier ja offensichtlich nicht). Ich stelle mich unschlüssig neben eine Gruppe jüngerer Leute, man nimmt keine Notiz von mir, kein war nett oder danke, nix. Hmpft. Ziellos trabe ich über das Grundstück, suche erfolglos den Eisstand oder wenigstens eine Tasse Kaffee,  bis jemand etwas von Gruppenfoto ruft und sich die träge Masse zäh zurück  in Richtung Kirche bewegt. Bis sich alle an der Seite der Kirche positioniert haben, dauert es, die Kleinen nach Vorne, die Großen nach hinten und ich stelle mich irgendwo links neben die Meute und hoffe, dass es bald vorbei ist. „Wenn sich die Pfarrerin noch etwas näher zur Festgesellschaft stellen könnte? Sie stehen da ja so, als würden Sie überhaupt nicht dazu gehören!“ Ähm ja, genau. Ich rücke auf, viele Fotos werden aufgenommen, erst alle zusammen, nur die Familie, nur die Freundinnen und Freunde, nur das Brautpaar, unendliche Kombinationen. Ich beobachte das Prozedere aus einiger Entfernung mit wachsender Ungeduld, als mich der Trauzeuge von der Seite anspricht. „Ey, hast du das hier gelernt oder so?“ „Hö?“ „Na, ne Ausbildung oder so?“  Ich hole tief Luft.  Was denken manche Leute eigentlich? Dass man das einfach so kann?? Ich entgegne: „Zehn Jahre Studium und Ausbildung! Hast du da auch Lust drauf, oder was?“ Die rhetorische Frage zum Schluss klingt wenig pastoral-souverän, wohl eher wie ein Peitschenschlag. Ich will nicht reden, ich hab Durst und Hunger! Aber es muss noch ein weiteres Bild aufgenommen werden, im Dorfanger. Das kann doch alles nicht wahr sein. Zunehmend lethargisch reihe ich mich auch in das Riesenherz aus Menschen ein und lächle mit letzter Kraft in die Kamera, dann habe ich endgültig genug vom Suchen und ratlos Herumstehen. Ich beginne, mich zu verabschieden. Die Brautmutter fragt, ob ich denn schon Eis hatte. „Nein, nicht gefunden.“ Vielleicht klinge ich dabei etwas weinerlich. Sie zieht mich entschlossen zurück auf den Hof, ach da ist das Eis!, verhilft mir zu einer halb geschmolzenen Vanillekugel und dann darf ich gehen. Das Eis in der einen Hand lasse ich das Dorf und das Hochzeitsfest eilig hinter mir. Ich war dort auch zum Abendessen eingeladen, aber man muss ja nun wirklich nicht auf allen Hochzeiten tanzen.  Überhaupt rein gar nicht.

 

 

 

Advertisements

Kultur, Kerzenschein und Kirche

Neben aufkommendem Abschiedsschmerz, den Gesprächen über den möglichen Abschied und Gedanken über Neuanfänge anderswo geht das Leben in der Gemeinde für mich mit allem Wahnsinn und allem Wunderbaren weiter. Es scheint in  der Natur der Sache zu liegen, dass sich Letzteres nun in einem extra schönem Licht zeigt. Sonst wäre es wohl zu einfach.

Als Kirchengemeinde bekommt man immer wieder Anfragen von Musikerinnen und Musikern, die in einer Kirche auftreten wollen. Viel ist auf dem Land kulturell nicht los, die Freude in den Gemeinden über ein kleines Ensemble, Orchester oder Chorgrüppchen ist meistens entsprechend groß. Die Kirchen werden bei gut angegangener Werbung besser besucht als zu den Gottesdiensten, was, nun ja, ist wie es eben ist. Hmpft. Wir als Gemeinde könnten den Künstler*innen keine Gage zahlen, meistens wird nicht einmal Eintritt genommen, doch mit den Spenden am Ausgang kommen die Musikanten meist ganz gut hin und vor allem auch wieder zurück in die Städte (wenn sie rechtzeitig die wenigen Tankstellen finden), aus denen sie kommen.

Im Dezember letzten Jahres hatte ich ein Duo zu Gast, das mir in bester, aber gleichzeitig auch schuldbewusster Erinnerung geblieben ist. An jenem Wochenende hatte ich nämlich vergessen, rechtzeitig (zwei Tage vorher!) die große Kirche bei mir im Ort zu heizen. Mit dicken Wollpullovern saßen die beiden während des Warmspielens (unpassender könnte dieses Wort in diesem Zusammenhang wirklich nicht sein) frierend im Altarraum. Der Violonist (ein kleiner Mann um die 50) hatte außerdem seine Brille vergessen und konnte seine Noten nicht lesen, er bekam also meine rote, große Lesebrille und sah damit fast ein bisschen hipstermäßig aus. Außerdem war es in der Kirche vorne zu dunkel, also holte ich mit dem Gitarristen (ungefähr so alt wie ich) meine Wohnzimmerlampe (Hector!) aus der Wohnung und stellte sie neben den beiden auf. Es war ein herrliches Bild, hätten die beiden dabei nicht so fürchterlich gefroren. Die Konzertbesucher*innen konnten später die Sitzheizung in den Bänken genießen, die Musiker spielten wunderbar und rieben sich dazwischen so oft die kalten Hände, dass ich vor Scham fast im Boden versunken wäre. Hilflos bot ich den beiden hinterher Tee und Schnaps an, der Gitarrist entschied sich für Wodka (sympathisch!) und stieß mit mir an: „Du hast eine tolle Kirche – aber in so einer kalten Kirche habe ich noch nie gespielt!“

Daran musste ich sofort denken, als jener Gitarrenspieler sich in diesem Spätsommer bei mir meldete und nach möglichen Konzertterminen fragte. Wir entschieden uns für Mitte Oktober und die Dorfkirche, die einmal zur Musikkirche werden soll (wenn die Orgel mit dem Marderschädel und dem Holzwurmbefall jemals wiederspielbar gemacht wird). Diese Kirche hat weder Licht noch Strom, aber eine schöne Akustik und einen leicht ruinösen Charme, dem ich völlig erlegen bin.  Auch, weil in diesem Dorf zwei Familien (die Konrads und die Mertins) wohnen, die mir in der Zeit sehr ans Herz gewachsen sind  und die sich liebevoll um die Kirche und die Gemeinde (und ja, auch um die Pfarrerin) kümmern.

Als ich am Samstag eine halbe Stunde vor Konzertbeginn in Dorf C ankomme, ist es schon fast dunkel. Aus den Fenstern der Kirche flackert Kerzenlicht, ein paar leise Gitarrentöne kommen mir durch die offen stehende Eingangstür  entgegen, oh wie schön. Herr Konrad zündet in der Kirche gerade unzählige Teelichter an, auf den Fensterbänken, dem Altar und dem Taufstein. Der Gitarrist sitzt schräg neben einem Ofen mit glühenden Kohlen (Gott sei dank!) und spielt  sich warm (tatsächlich). Noten oder eine Brille braucht er nicht, er kann alles auswendig. Herr Konrad hat extra für dieses Konzert eine Bank für den Musiker gebaut („Damit er schön sitzen kann, hier für die Füße und hier zum Anlehnen.“). Herr Konrad hat auch extra einen Stehtisch gebaut, um vor dem Konzert für die Besucher*innen Tee und Glühwein auszuschenken, was er mit seiner Frau und dem ältesten Sohn dann auch macht. Ich bin begeistert (mein Onkel ist Tischler, Josef war Tischler, ich liebe Leute, die selber Dinge bauen können) , von mir aus können wir den für die Gottesdienste gleich weiter benutzen, am Besten mit Kaffee und Mate. Der Gitarrist bevorzugt zum Konzert dann doch einen klassischen Stuhl mit extra Fußbänkchen und erwärmt in 60 Minuten die Herzen des fröstelnden Publikums und auch ich sitze bewegt in der ersten Reihe, links neben mir der jüngste Spross von Familie Konrad (Karl, 6 Jahre, frisch eingeschult, der ab dem dritten Lied mit Schluckauf und Kälte zu kämpfen hat, aber tapfer durchhält), rechts von mir ein Freund des Gitarristen („Hier sieht es aus wie im Mittelalter!“) und Herr Mertin, der selbst auch Musiker (und Tischlermeister!)  ist und aufmerksam zuhört, nebst seiner Frau in dicker Winterjacke. Nach dem Konzert folgen drei Zugaben – das Publikum klatscht sich die Hände heiß, der Gitarrist reibt sich die Hände warm  (er friert doch ziemlich) und spielt bezaubernd.

Hinterher stehen wir zusammen und überlegen, wo man noch einkehren könnte (das nächste Restaurant ist mindestens 20 min entfernt, seufz), auch ich hatte es vor dem Konzert nicht geschafft, noch etwas zu essen und mir knurrte gehörig der Magen. In unsere Überlegungen hinein bittet uns Herr Mertin zu sich nach Hause. Seine Frau feiere Geburtstag, Gäste seien kurzfristig abgesprungen – es sei Platz für den Musiker, seinen Freund und mich und es gäbe viel zu essen – ob wir mit rüber kommen wollten? Ich denke an sein schönes altes Haus, das er seit zwei Jahren liebevoll selbst renoviert  und das er mit seiner Frau so stilvoll und schön eingerichtet hat, dass ich mich immer etwas fehl am Platz (es ist so schön!) und verlegen (so könnte ich mich nie einrichten!) fühle.

Die Entscheidung zu den Mertins zu gehen ist schnell gefällt, wenig später machen wir uns auf den kurzen Weg und finden uns bald darauf im wohlig warmen Esszimmer an einer reich gedeckten Tafel mit edlem Geschirr wieder. Ich genieße die Gastfreundschaft von Robert und Sabine  (die Mertins und ich duzen uns jetzt) , die leckere Suppe und den Hauptgang mit viel Fleisch und Pasta (hmmmm) und auch den Wein, der dazu gereicht wird. Die anderen Geburtstagsgäste und wir Neuzugänge verstehen uns gut – wir unterhalten uns angeregt und mit viel Gelächter über die Vorteile des Stadt – und Landlebens, die Gemeinde, den schönsten See der Welt (liegt zwischen Dorf C und D), die Musik und Gott und das Leben. Erst nach Mitternacht (huh! so spät schon!) fahre ich mit Ulf zurück ins Pfarrhaus, der Musiker und sein Freund zurück in die große Stadt, aus der sie gekommen sind. In der Predigt am nächsten Morgen (ich hatte Dienst auch in Dorf C, mit viel Mate im Gepäck und einem erstaunlich wachen Robert Mertin in der zweiten Reihe) geht es um Tischgemeinschaft und das Reich Gottes und Jesus als Genießer. Cheers, Bruder. Amen. 

Pfad-Finderei

Letzte Woche stolperte ich bei Facebook über das Foto eines Kleinwagens (nichts Ulfiges, sondern glänzend und neu), der gerade eine ziemlich steile Treppe hinunterbretterte. Unterschrift war: „Sie folgte dem Navi“. Natürlich störte mich sofort das Sie. Als ob nur weibliche Fahrerinnen einen schlechten Orientierungssinn hätten! Perfide, in Humor verpackte Diskriminierung, zum Kotzen.

Dieses Bild würden viele meiner Gemeindeglieder total witzig finden, Männer und Frauen. Seufz. Eine Dame aus dem Presbyterium behauptet hier auch  allen Ernstes, sie würde als „Lehrer“ arbeiten. Eine andere, nur wenig älter als ich, kauft für ihre Nichte ausschließlich rosa Kleidung und Spielzeug – weil sie so eine kleine Prinzessin ist. Die Gender-Debatte findet man an diesem vergessenen Fleckchen Erde absonderlich, wenn man sie überhaupt irgendwo findet – es wird nämlich nicht gegendert. Außer natürlich, ich kann mitmischen: die für den Gemeindebrief  beigesteuerten Artikel werden ausnahmslos korrigiert (*innen!) und an das Wort Jüngerinnen in meinen Andachten und Predigten, sowie den inklusiven Segen  haben sich scheinbar alle gewöhnt. Doch, ich versuche auch meinen Bildungsauftrag irgendwie ernst zu nehmen. Zu Beginn meiner Zeit hier meinte auch jemand zu mir: „In dieser Gemeinde sind die Frauen die Starken“ – so lebensfern ist das alles also gar nicht.

Was sonst noch nervt,  ist mein Orientierungssinn. Ich würde dem dämlichen  Klischee so gerne widersprechen, aber verdammt noch mal,  wenn mein Weg sich  gabelt und ich mich für eine Richtung entscheiden muss, dann geh ich mit trauriger Gewissheit in die falsche (auch wenn ich das weiß und extra versuche, anders zu laufen). Also lebe ich in ungesunder Abhängigkeit vom Navi in meinem Telefon und vom Netzempfang. Ist es übrigens zu fassen, dass ein Netzanbieter in meinem Ort seit einem halben Jahr den defekten Sendemast nicht repariert? Man lebt so abgehängt in der Pampa! Jedenfalls,  kurz nachdem ich den blöden Facebook-Post gesehen und beärgert hatte, war ich auf dem Rückweg von einer Beisetzung hin zu einem Gemeindecafé. Die Zeit war knapp, weil die Familie zum Kaffeetrinken danach wirklich spät dran war, 15 Minuten habe ich vor der Gaststätte gewartet. Die belegten Brote auf den Tischen wurden später wohl von anderen gegessen (man ließ sich auch Zeit damit, die Tafel zu eröffnen), ich raste zu diesem Zeitpunkt schon  an Feldern und Wäldern vorbei Richtung Dorf G.

Über die große Landstraße kenne ich den Weg dorthin. Fahrzeit ca. 20 Minuten, ich würde also mindestens 10 Minuten zu spät kommen. Ich kann es überhaupt nicht leiden, zu spät zu kommen, zur Sicherheit befrage ich das Telefon und siehe da:  es zeigt mir eine unbekannte Strecke hinten über Dorf F, die mich noch pünktlich ankommen lässt. Schon hier hätten bei mir alle Alarmglocken angehen sollen,  aber stattdessen denke ich: yeah, dann los! Das denke ich auch noch, als das Navi mich auf den breiten Sandweg am Feld entlang schickt – irgendwo wird ja wohl wieder eine befestigte Straße kommen. Auch als ich minutenlang Waldwege mit kratertiefen Schlaglöchern entlangholpere (der arme Ulf!)  lasse ich mich nicht entmutigen, das Navi wird es schon wissen. Das Ziel nähert sich auf dem Display unaufhaltsam (komme immer noch pünktlich!), ich fahre mitten im Wald an Teichen und Wanderwegen vorbei (ganz nett eigentlich) und stelle mich darauf ein, bald die ersten Häuser in der Ferne zu sichten. Als das Navi dann behauptet, ich sei am Ankunftsort angekommen, steht rechts von mir ein kleiner Nadelwald und links von mir ein großer Nadelwald, dazwischen Farne, viele Farne. Von Dorf G keine Spur – laut Navi bin ich im Dorfkern, pünktlich um 15 Uhr. Irgendetwas ist offensichtlich  fatal schief gelaufen (gefahren?),  liegt es am Netz? An der Karten-App? Etwa an mir? Ulf und ich wenden, ohne einen Baum umzunieten und darüber bin froh, ich weiß nicht wie ich irgendjemandem hätte den Weg erklären sollen. Dann erinnere ich mich an eine Weggabelung mit Schildern  und rumpele eilig zu ihr zurück. Ich könnte nun zurückfahren, wie ich gekommen bin, aber dann würde ich mindestens 15 Minuten verlieren. Oder ich folge ganz altmodisch analog  dem Schild, das nach Dorf G zeigt. Risiko! denke ich und los gehts. Das Navi behauptet derweil, dass ich noch 25 Minuten bis zum Zielort bräuchte, aber ich fahre unbeirrt weiter. Ulf macht zwischendurch komische Geräusche (bis heute, er nimmt mir die Fahrt noch übel, glaube ich), ich schwitze und versuche, Ulf wenigstens die tiefsten Löcher zu ersparen. Am Ende des Weges tauchen nun tatsächlich Häuser auf! Aus dem Weg wird endlich eine Straße, nur welches Dorf ist das hier? Kurz stelle ich mir vor, ich hätte ein noch unbekanntes Dorf fernab der menschlichen Zivilisation entdeckt, doch kurz darauf sehe ich das schon ziemlich verfallene Gemeindehaus und stelle fest, dass das Dorf fernab der Zivilisation zu meinem Gemeindegebiet gehört. Gott sei Dank! So sehr habe ich mich noch nie gefreut, in Dorf G angekommen zu sein. Kaffee, Kuchen und die  vier alten Damen erfüllen das Klischee, aber das ist ok. Echt ok.

 

 

Ein Abschied

Crazy shit – wordpress.com gratuliert mir zum Jahrestag. Hurray!  Fast genau ein Jahr nach meinem allerersten Geburtstagsbesuch in dieser Gemeinde bei Frau Kowarska, der gleichzeitig Thema meines ersten Blogeintrags  hier wurde.

Damals dachte ich noch, ich würde ständig Menschen zu Geburtstagen besuchen und die ganze Zeit Kuchen futtern und ratlos an Kaffeetafeln sitzen müssen. Dazu komme ich seit einigen Monaten überhaupt nicht mehr – stattdessen beschäftigen mich u.a. eine Teil-Vakanz (Konfirmanden und Konfirmandinnen mit Albtraumpotential in einer 45 Ulf-Minuten entfernten Stadt) und seit Herbst Religionsunterricht an der Grundschule im Nachbarort. Nebenbei wird die (es folgt ein ziemlich perfektes Wort für Galgenmännchen)  Wiederspielbarmachung  der Holzwurm-Marder-Orgel geplant und die Begradigung des schiefen Kirchturms von Dorf F vorbereitet.

Fun fact: Auf dessen Spitze hat irgendjemand kurz vor Weihnachten einen Herrnhuter Stern angebracht. Keiner weiß wer und wann und wo der – oder diejenige den Kirchenschlüssel herhatte – kurz nach Weihnachten war der Stern wieder verschwunden.

Frau Kowarska jedenfalls war im letzten Jahr immer irgendwie präsent. Wenn wir einen Gastchor  oder andere Musiker_innen zu Besuch hatten, backte sie Kuchen und kochte Kaffee. Sie brachte mir Johannisbeeren und Kirschen und Erdbeeren aus ihrem riesigen Garten. Zum Winter strickte sie mir Stulpen und dicke Socken in hellblau und grau, damit ich in den kalten Kirchen nicht immer so friere. Sie übernahm den Kirchdienst, wenn die anderen Presbyter (natürlich war sie auch Kirchenälteste)  es mal wieder vercheckt haben. Frau Kowarska ist Ende 70, so wie die meisten Gemeindeglieder. Seit langer Zeit hat sie Schwierigkeiten mit dem Laufen, Treppensteigen strengt sie besonders an. Trotzdem lief sie jeden Dienstag  – notfalls mit Rollator – zu uns ins Gemeindebüro und zählte die Kollekte und brachte sie zur Bank. Sie zählte auch jede einzelne Stufe in ihrem Treppenhaus (Wohnung im 5.Stock) und quälte sich sehr damit. Ende des Monats zieht sie fort von hier zu ihrer Tochter und deren Familie („Da ist keine einzige Stufe in der Wohnung! Ganz eben! Haben sie extra für mich gebaut.“) . Heute habe ich sie im Gottesdienst verabschiedet – mit kleiner Laudatio und Segen. Was für ein unwirklicher Moment: ich suchte passende Worte für eine Frau, die länger hier war als ich überhaupt lebe. Tränen flossen nicht nur bei ihr. Nach dem Gottesdienst sollte es eigentlich nur Kaffee geben, aber natürlich hat Frau Kowarska Kekse, Schnittchen und drei Sorten Kuchen mitgebracht. „Nun essen Sie doch noch. Mögen Sie noch Kuchen? Oder Tomate? Oder Kaffee?“  F**K-Tee gab es heute nicht. Schade eigentlich, vielleicht hilft der gegen Abschiedsschmerz.

Der große Graben

Als Kind liebte ich Asterix-Comics. Meine Großeltern schenkten mir alle paar Monate einen Sammelband mit drei oder vier Geschichten. Für einen Nachmittag gab es in meiner Welt dann nur die durchgeknallten Gallier, einen schwarzweißen Winzhund und Römer oder andere Gegner, die am Ende blöd und meist verkloppt aus der Wäsche guckten. Wieder und wieder habe ich die Comics gelesen, bis ich mich in den sonnigen Wäldern um das kleine, unbeugsame Dorf selbst heimisch fühlte, da, wo kleine blaue Blumen wachsen und Wildschweine vor niemandem sicher sind.

Mittlerweile ist in meiner tatsächlichen Heimatstadt niemand mehr vor Wildschweinen sicher, aber darum soll es heute nicht gehen. Ich habe die Asterix-Welt in der Kirchengemeinde entdeckt! Und das ist mir nicht nur deshalb aufgefallen, weil ich seit Ewigkeiten endlich mal wieder zuhause war und vor dem Einschlafen einen Blick in Sammelband Nr. 4 geworfen habe. Ich bin überzeugt, diese Gemeinde spielt „der große Graben“ nach.

Hier gibt es zwei Dörfer: Klein und Groß Pusemuckel. Zwischen den Orten schlängelt sich eine schmale Straße durch einen kleinen Wald und an Kornfeldern rechts und links vorbei. In fünf Minuten fahre ich mit Ulf von der Kirche in Klein Pusemuckel zur Kirche nach Groß Pusemuckel. Ein Katzen – oder Wildschweinsprung, könnte man meinen. Aber die beiden Dörfer trennt ein tiefer, garstiger Graben. Gottesdienste zusammen feiern? Niemals! Mit schriller Stimme schimpft die Friseurin aus Groß P. (die meinungsbildend für das ganze Dorf ist) über den Gemeindepädagogen in Klein P: „Frau Pastorin, Sie werden noch sehen, wie der ist. Kein Pastor konnte jemals mit dem zusammen arbeiten. Glauben Sie mir, der macht nur Ärger!“. Und die Seniorinnen des Gemeindecafés Klein P. schimpfen über die Gemeindeglieder von  Groß P., die ja eigentlich nie was gebacken bekommen („Zu Erntedank sind da ja nur zwei, Leute die etwas spenden. Das geht doch nicht!“). Es ist jahrzehntelange Tradition, dass die zwei Dörfer sich nicht ausstehen können. Für die komplett überzeugende Asterix-Parallele fehlt bisher das Liebespaar zwischen den Dörfern (vielleicht ergibt sich noch was zwischen den Konfis?), aber die Wälder drum herum sind  sonnig schön und bestimmt wachsen da auch irgendwo blaue Blumen.

Wenn sich das Gemeindeleben dieser zwei Dörfer nun tatsächlich in einem Asterix-Comic abspielen würde, welche Rolle wäre dann für mich (ich war gerade für einige Tage auf Weiterbildungen und bin voll im Reflexionsmodus)?

Cool wäre es natürlich, in die Rolle des Asterix zu schlüpfen: mit einer klugen Idee und einem Schälchen Zaubertrank könnte ich dann die acht Hanseln zum Gottesdienst aus Klein P. nach Groß P. oder umgekehrt schaffen und zwar so schnell, dass die das gar nicht mitkriegen. Danach ein Fest bei Lagerfeuer und Sternenhimmel und alle freuen sich. Alle, bis auf den Barden, der übrigens nicht wenig Ähnlichkeit mit unserem Organisten hat.

Als Obelix könnte ich am nächsten Sonntag solange vorsichtig gegen die Kirchentüren klopfen -„Hage jemand ze hage?“- (ach nee, das war ja wer anders)  bis sich das Problem von selbst erledigen würde. Dann hätte ich auch nur noch sechs Kirchen, die irgendwie versorgt werden müssen. Ein wenig radikal vielleicht, aber Obelix kann ja nie jemand auf Dauer böse sein. Außerdem trägt er Streifen und Streifen mag ich.

Die Rolle, die mir von Seiten der Dörfer vermutlich zugeschrieben wird, ist die der  feindlichen, römischen  Invasionsmacht: „Wie? Ein zentraler Gottesdienst? Und nicht hier? Aber das war doch IMMER so!“. Vorteil daran könnte sein, dass die Dörfer über den gemeinsamen Feind (-.-) vielleicht doch noch zusammen finden und sich verbünden, eventuell sogar ohne Liebespaar und ohne Zaubertrank. Für das Gemeinschaftsgefühl der Groß und Klein Pusemuckeler fänd ich das natürlich wünschenswert. Für mein Rollenempfinden hätte das folgende, tragische Konsequenz:

Ich wäre Idefix. Nachdem jemand einen Baum umgehauen hat.