Landleben live

Im Sommer letzten Jahres hatte ich Besuch von einer Freundin, die sich mit ihrem Söhnchen ein paar Tage Auszeit von der Großstadt nehmen wollte. Meine Gegend bietet sich auch tatsächlich an für Urlaube. Je nachdem in welchem Dorf man sich aufhält, behaupten die Anwohner*innen, bei ihnen um die Ecke befände sich der schönste See der Welt (bisher habe ich drei schönste Seen der Welt bebadet, einer schöner als der andere, obwohl das gar nicht möglich sein sollte). Außerdem befinde ich mich quasi mitten im Wald, man kann stundenlang spazieren gehen und keine Menschenseele treffen, stattdessen findet man unterwegs unter Umständen Füchse, Rehe und Hirsche, Hasen, auch Elche wurden hier schon gesichtet (leider nicht von mir). Mit jener Freundin und deren Kind fuhren wir mit Ulf in das Dorf von Herrn Fritz, auch dort gibt es eine schöne Wanderstrecke in der Nähe eines (Überraschung!) schönsten Sees der Welt.

Auf dem Weg dorthin kommt man durch viele Dörfer, die zu meinem Gemeindegebiet gehören und zu jedem Ort wollte ich der Freundin, die zum ersten Mal zu Besuch war, alles erzählen: „Schau mal, hier ist der Ort mit dem Schloss und den ehemaligen Straßenkindern und den tollen Seminaren.[…] Und hier an der Ecke bei den Enten wohnte diese faszinierende alte Frau mit den unglaublich blauen Augen, die ich vorletztes Jahr beigesetzt habe. [..] In dieser schnuckeligen Kirche hier feiern wir immer Reformationsgottesdienst! Da ist der Gemeinderaum und da gibt es dann fast immer Kuchen und Kaffee und diese leckeren Schmalzbrote von Frau Blume. […] Und hier war das mit dieser Taufe, wo das eine Kind nicht wollte und ich  dachte, ich müsste..“ Zwischen den Anekdoten fuhren wir an Wäldern, Seen und Feldern vorbei, die Straßen mal besser und mal schlechter und plötzlich sagte die Freundin staunend und nachdenklich: „Was du eigentlich für ein Leben führst! Das ist so ganz… Anders…“

Und da fiel mir plötzlich wieder auf, dass der Pfarrdienst auf dem Land für eine Anfang 30jährige eine vergleichsweise abgefahrene  Angelegenheit ist, nicht nur wenn man Eigentümerin eines ramponierten Ulfs ist. Ich könnte ja auch in einer richtigen Stadt leben, mich abends mit Menschen aus meiner Peergroup treffen und in Kneipen auf Retrosesseln Craft Beer trinken und dann angetüdelt und entspannt  mit den Öffentlichen in meine Altbauwohnung mit Stuck fahren. Stattdessen sitze ich mit meiner neuen Mitbewohnerin Franka auf der kleinen grünen Couch im pfarrhäuslichen Wohnzimmer, streiche ihr ab und an über den Kopf und trinke statt Bier Tee (Pfarrer*innen und Lehrer*innen sind angeblich besonders gefährdet, dem Alkohol zu verfallen, mit dem Alleine-Trinken fange ich deshalb besser gar nicht erst an).

Nach Weihnachten hat mich mein Bestatter zu sich und seiner Familie zum Reste-Essen und Biertrinken (rein gar nicht Craft, aber besser als nix) eingeladen und wir saßen auf riesigen Polstermöbeln vor einem noch riesigeren Flatscreen, auf dem nebenbei leise Traumschiff lief. Schlimmer wäre es nur mit dem Helene Fischer-Weihnachtsspecial gewesen, das ich gleich zweimal innerhalb von einer Woche in der Adventszeit bei Freunden mitgucken durfte (seufz). Mein Bestatter jedenfalls hat einen immens großen, schwarzen Hund der sich wahrscheinlich nicht mit meiner kleinen, rabenschwarzen Franka vertragen würde. Hier haben ja alle Hunde. Oder Kinder. Ich hingeben habe seit ein paar Wochen eine Katze.

Eine junge Kollegin, die mit Rahel und mir im Predigerseminar war, erzählte mir, sie und ihre Familie seien erst dann richtig in der Gemeinde angekommen, als sie sich Hühner angeschafft haben. Nun könne sie über ihr Federvieh smalltalken und peinliche Gesprächspausen bei z.B. Geburtstagsbesuchen seien passé. Sie ist damit in guter Gesellschaft:

Ein Pfarrer aus der Nähe, mit dem ich mich im letzten Jahr etwas  angefreundet habe, hält auch Hühner. Und Kaninchen. Und ein Pferd. Und Kartoffeln. Im Dezember war ich dort für ein paar Tage zu Besuch und just zu dieser Zeit schlachtete er diverse Hühner und einen Hahn, mit der Axt, im Hof, auf einem Holzbock. In der Küche lagen dann die gerupften Tiere kopflos auf der Arbeitsplatte und sahen seltsam dürr aus. Durchaus gewöhnungsbedürftig, aber ich finde wer Fleisch isst, kann auch ruhig wissen wo es herkommt und muss das dann auch aushalten können.  Ich guckte also scheu- interessiert zu, roch (igitt) und befühlte u.a. eine Hühnerniere. Jener Kollege geht auch gerne auf die Jagd, wobei er vor allem das Warten auf den Kanzeln und die Atmosphäre im Wald mag. Und die Geräusche der Natur. Mit ihm, seiner Frau  und dem hiesigen Förster  hörte ich letzten Herbst zum ersten Mal das Röhren der Hirsche zur Brunftzeit. Absolut irre! Es klingt mehr außerirdisch als natürlich. Ich stand da im dunklen Wald und begriff mit einem Mal, dass diese Natur und ihre Kreaturen ja auch in dieser Welt leben, ihren Raum für sich beanspruchen und einen ganz eigenen Alltag haben. Es kam mir vor, als hätte ich ein Paralleluniversum entdeckt, Gänsehaut! Auf dem Heimweg sah ich dann einen riesigen Hirsch auf der Straße (zum Glück auf der anderen Seite), der Ulf und mich seelenruhig  beim Vorüberfahren betrachtete. Klar, wer hier der Chef war.

In den großen Städten mit den Kiosken, die immer auf haben,  kann man diese glänzenden Magazine kaufen die „Landliebe“ oder so heißen. Scheinbar liege ich mit meinem Leben auf dem platten Land voll im Trend. Ich bin quasi Vorreiterin des Trendes. Ohne tatsächlich reiten zu können, aber mir fallen spontan mindestens drei Gemeindeglieder in meinem Wohnort ein, bei denen ich etwas dagegen unternehmen könnte. Pferdemädchen mit Anfang 3o? Alles ist möglich.

Let´s do the time warp agaaain!!

Als Pfarrerin befinde ich mich im Moment oft auf Zeitreise. Ich fahre mit Ulf in eines der kleinen Dörfer, setze mich an den gedeckten Kaffeetisch, lausche den Geschichten der alten Ida und das Wohnzimmer mit Blick auf die  Landstraße und die vorbeipolternden LKWs verschwimmt vor meinen Augen und plötzlich bin ich in der Kirche in meiner Winzstadt, kurz nach dem Krieg.

Pfarrer Hinze gibt wöchentlich Konfirmandenunterricht, ganz streng nach alter Schule. Ida mit den tiefdunklen Augen muss an die 40 Psalmen, Lieder und Gebete auswendig lernen, aber sie kann sich das alles nicht merken. Aber die Jungs bemerken sie und ihre langen, pechschwarzen Zöpfe. Und die schöne Ida soll die Jungs bemerken, also verknoten sie oft ihre Zöpfe an dem Stuhl, auf dem sie sitzt. Diese Gruppe, bestimmt 30 Jugendliche ist jetzt in der Kirche und Pfarrer Hinze spricht von der Kanzel aus  über die Bibel. Aber keiner hört ihm zu – er wird laut und schreit, das kennen die Konfirmandinnen und Konfirmanden aber schon, es zieht nicht mehr. Pfarrer Hinze weiß sich nicht anders zu helfen, er packt seine Bibel und schmeißt sie im hohen Bogen auf die quatschende Meute. Endlich Stille. Seine Methoden sind gerne unkonventionell, manchmal kommt er im Winter zu spät zum Gottesdienst, weil die Kartoffeln auf dem Herd noch nicht durch sind. Ida weiß das und sie weiß auch warum. Pfarrer Hinze packt nämlich immer zwei heiße Kartoffeln in die Taschen seines Talars, gegen die winterkalten Hände.

Besonders oft kommt es gerade vor, dass die Zeitreise sich in meinem Pfarrhaus abspielt. Diesen Sonnabend hatte ich Besuch von meinem Vor-vor-vor-vorgänger, Pfarrer Jüngel, 82 Jahre alt. Wir sitzen in meinem Esszimmer, das noch ziemlich kahl ist: ein Poster mit schräg gekritzelten Katzen, das für ein Straßenmusikfestival wirbt, ein Glitzer-Regenbogenbild von Gerda, Fotos von meinem Patenkind (das jetzt schon laufen kann und ich hab es noch nicht gesehen!), ein sehr ungeputztes Fenster (mit einer beeindruckend dicken Kreuzspinne, die ein riesiges Netz gezaubert hat) und auf dem Fensterbrett u.a. Kerzen, die ich von unten aus der Gemeindeküche äh,ausgeliehen habe. Die Wände sind weiß, das Laminat dunkelbraun, auf alt gemacht. Nebenan ist das sanierte Bad, eine weitere Tür geht zum Flur, eine dritte in die Küche.

Während Pfarrer Jüngel spricht ändert sich das Licht im Raum, die Straßenlaterne, die sonst das Zimmer im Dunkeln in oranges Licht taucht,  ist nicht mehr da. Dafür wohlige Wärme von der Seite. Es ist das Jahr 1965. Ein alter Ofen taucht im Zimmer auf, der das ganze Haus heizt. Ich suche das Badezimmer, aber die Tür ist verschwunden. Weil es hier keine Wand gibt, nur zwei Vorhänge. Rechts, unter dem Fenster auf den maroden Heizkörpern sehe ich kleine Schatten huschen. Mäuse! Dann höre ich Schritte, die sich auf der neuen Treppe nach oben bewegen. Die alte Treppe musste raus, weil die Schwiegermutter vom Herrn Pfarrer auf ihr ausgerutscht ist, zu steil. Pfarrer Jüngel hat die neue selbst gebaut, und jetzt kommt er nach Hause, seine Frau und die drei Kinder warten schon auf ihn. Er stellt den eleganten Abendmahlskoffer, den er zu Dienstbeginn vom Vorstand des Presbyteriums überreicht bekommen hat, in sein Arbeitszimmer und gesellt sich zu seiner Familie. Er wirft noch einen Blick durch das Fenster auf das Gebäude gegenüber, wo Pfarrer Richer mit seiner Familie wohnt. Er sieht seinen Kollegen und Freund und winkt ihm zu. Bald werden sie gemeinsam zum ersten Mal konfirmieren – 40 Jungen und Mädchen haben sich angemeldet. Bei 40 Familien sind die zwei Probedienstler anschließend zur Feier eingeladen, 40 Mal anstoßen auf die Jungend und das Leben. Nachts um zwei werden Pfarrer Jüngel und Pfarrer Richer nach Hause kommen, völlig betrunken.

50 Jahre später ( also gestern) feiert er mit mir gemeinsam Goldene Konfirmation und ich treffe die Jungen und Mädchen seines ersten Konfirmandenjahrgangs. Er nennt sie immer noch „die Jungen“ und die Damen und Herren freuen sich kindlich darüber. Manche sind von weit angereist und haben sich seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen. Vor dem Gottesdienst stehe ich mit Pfarrer Jüngel und der Gruppe Jubilare vor der Kirche. Gleich werden wir feierlich einziehen, nach den Glocken, wenn die Bläser spielen.  Immer mal wieder kommt ein Senior oder eine Seniorin auf mich zu und entführt mich ruckartig in die Zeit vor 50 Jahren: „Wissen Sie, wir haben einmal alle Fenster vom Pfarrer streichen müssen. Das war eine Arbeit!“ „Und ich habe immer die Kinder vom Pfarrer Jüngel gehütet, oben in der Wohnung.“ „In diesem Garten haben wir so viel gespielt!““Immer wenn ich Großer Gott wir loben dich höre, muss ich an diesen Gemeindesaal und meine Konfirmandenzeit denken“. Auch Pfarrer Jüngel kennt kein Erbarmen und erzählt mir, dass auch das Pfarramts-Schild am Gemeindehaus vom ihm stammt. Ich bin froh als die Bläser (tatsächlich ganz gut) beginnen zu spielen und mich in die Gegenwart zurückholen und wir gemeinsam einziehen.

Im Gottesdienst verknoten sich dann Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Neben mir sitzt Max (mein einziger Konfirmand) mit zwei weiteren Jugendlichen und zappelt nervös umher. Pfarrer Jüngel predigt von den Kanzel (auf der ich nie stehe), er predigt klassisch und erzählt natürlich viel von früher. Gerührte Blicke bei denen, die ihn noch kennen, ein paar Tränen fließen. Auch wenn mich sein Predigtstil heute nicht unbedingt anspricht  bin ich auch berührt.  Ich nehme diesem alten Mann seine Botschaft ab und auch die Güte, die er ausstrahlt.  Max: „Boah, wie lange geht das denn noch? Das ist ja total langweilig. Wann sind wir dran?“ Ich versuche ihn irgendwie ruhig zu halten und merke dabei, wie ich leicht ungehalten werde. Diese Jugend! Diese Banausen! Kann Max nicht einmal ruhig bleiben? Vielleicht sollte ich Pfarrer Jüngel einen Wink geben, damit er mit der Bibel von der Kanzel…

Aber vielleicht ist es auch an der Zeit, hier eine neue Geschichte zu beginnen – und das wäre dann wohl mein Job.

Geschichten vom Dorf und der Straße

Wo viele Dörfer und Menschen sind, passieren spannende Dinge. Mein großer Traum ist es ja, die 16 Dörfer meiner Gemeinde etwas näher zusammen zu bringen. Deshalb machen wir im Juli mit den verschiedenen Gemeindecafés gemeinsam einen Tagesausflug (Andacht, Museum, Essen). Deshalb probiere ich es mit zentralen Gottesdiensten und versuche Fahrmöglichkeiten für die Älteren zu organisieren. Deshalb wurde der Gemeindebrief so aufgepimpt, dass alle mal mitkriegen, was in der Gemeinde überhaupt so geht. In der letzter Woche habe ich außerdem Welten aufeinander prallen lassen und geguckt was passiert:

Dorfleben vs. Straßenkind-Erfahrung

In einem kleinen Ort in der Nähe hat ein Verein ein altes Schloss gekauft. Das riesige Gebäude soll ein Begegnungs- und Bildungsort werden für Demokratie-Seminare, kulturelle Veranstaltungen und unterschiedlichste Aktionen mit den Dorfbewohnern und Dorfbewohnerinnen. Für einige Monate ziehen dort junge Leute ein, teilweise mit Straßen – und/oder Drogenerfahrungen, helfen beim Aufbau mit, engagieren sich bei sozialen Trägern und gewinnen so Abstand von ihrem Leben auf der Straße und können überlegen, wo es danach hingehen soll.

Ein junger Mann (Felix, 21 Jahre), der seit ein paar Monaten im Schloss wohnt und arbeitet hat mich letzte Woche zu den Gemeindecafés begleitet. Felix ist es schon gewohnt, über sein krasses Leben zu sprechen: über die Gewalt, die er seit frühester Kindheit erfahren hat, über die vielen, verschiedenen Stationen auf seiner Flucht weg von zuhause. Von den Drogen, dem Dealen und den Neonazis, bei denen er eine zeitlang mitgemacht hat. Von der beschissenen Zeit im Knast, weil er zu oft schwarzgefahren ist. Er ist es gewohnt darüber zu reden und trotzdem merke ich ihm seine Anspannung im Dorf C an. Felix spricht an sich schon sehr laut (gut für die schon schwerhörigen Gemeindecafé-Gäste), wenn er lacht wird die Stimme noch lauter. Er lacht besonders laut an den Stellen, wo es eigentlich nichts zu lachen gibt. Manchmal legt er den Kopf zur Seite und streicht sich mit dem Arm schnell über das Gesicht. Ein bisschen wirkt er noch immer so, als wäre er auf der Flucht.

Dieser Felix sitzt nun links neben mir und den vier Seniorinnen im fast baufälligen Gemeinderaum in Dorf C, singt die Lieder aus dem Evangelischen Gottesdienstbuch mit, betet Psalm und Vater Unser, obwohl er Kirche eigentlich total ablehnt. Ich staune. Felix mag (im Gegensatz zu mir) Kuchen und Torte und so wird er hervorragend versorgt („Essen Sie doch noch ein Stück! Hier, bitte, essen Sie!“). Dann erzählt er seine Geschichte. Während er von den Schlägen seines Stiefvaters berichtet, von den  Auseinandersetzungen in den verschiedenen Notunterkünften, dem Leben auf der Straße („Glauben Sie RTL nicht! Das ist totaler Scheiß!!“) ist es ganz still in dem Raum. Sein lautes Lachen, das immer mal wieder aus ihm herausbricht hallt von den Wänden wieder. Keine von uns lacht mit, stattdessen bekommen zwei Frauen Gänsehaut,  ich schaffe manchmal ein schiefes Lächeln. Mit großen Augen betrachten die Damen Felix, wie er da vor ihnen sitzt: blasse Haut, klein und schlank, die Hände und Finger tätowiert (ACAB), auf dem Kopf ein schwarzes Käppi. Sein Gesicht will nicht zu seinem Alter passen, er sieht viel älter aus. Es kommt zu einem Gespräch. Die Damen fragen nach, was sie interessiert. Wie es mit seiner Mutter war. Was mit seiner Freundin ist. Wie es jetzt weitergehen soll. Felix gibt bereitwillig Auskunft. Die Frauen haben Mitgefühl und suchen nach Gründen, wie Felix Schicksal vielleicht hätte anders verlaufen können. „ein so junger Mensch mit einer solchen Lebensgeschichte!!“, irgendjemand muss doch daran Schuld sein. Die Mutter? Das Jugendamt? Die Betreuer in den Unterkünften, die ihn vor die Tür setzten? Felix weiß und gibt offen zu, dass er auch richtig Scheiß gebaut hat.

Dann beginnt völlig unerwartet die Dame rechts von mir eine Geschichte aus ihrem Leben zu erzählen. Auch sie war einmal auf der Flucht, damals nach dem Krieg. Zusammen mit ihrer Mutter und dem kleinen Bruder. Sie war sechs Jahre alt, er vier. Nach wochenlanger Flucht bei Eiseskälte kamen sie endlich in einem der riesigen, überfüllten Auffanglager an. Ihr ganzer Besitz hatte Platz auf einem Handkarren, das Kostbarste: 2 Brote und ein Topf Grütze. Aber das Essen wurde ihnen gestohlen und so begann sie mit ihrem kleinen Bruder fürchterlich zu weinen und zu jammern. So laut, dass ein Besatzungssoldat kam und streng fragte, was denn los sei. Sie heulten, dass sie bestohlen wurden und nun nichts mehr zu essen hatten. Der Soldat ging wortlos und kehrte nach einiger Zeit zurück: mit den 2 Broten und dem Topf Grütze. Die Frau aus Dorf C erzählte von ihrer Flucht, aber wählte die schönste Geschichte, eine Wundergeschichte,  aus – obwohl sie bestimmt auch ganz anderes hätte erzählen können.

Für Felix soll es jetzt anders werden, seine Flucht ist hoffentlich auch endlich vorbei. Er plant eine Ausbildung, will sein Abi nachholen. Die Seniorinnen überhäufen ihn mit guten Wünschen und Bestärkungen, sie nötigen ihn, noch mehr Kuchen zu essen und auch welchen einzupacken für die anderen im Schloss. Felix lacht und endlich lachen wir mit. Beim Segen bitte ich alle, sich die Hände zu reichen. Kurz bevor ich den Segen spreche denke ich, wie schön es doch ist, hier zu sein: in diesem Haus (das von außen nicht so aussieht, als könnte man unbeschadet hineingehen), an diesem kleinen Tisch mit diesen Leuten, die sich ihr Kaffeegeschirr immer in Körbchen von zuhause mitbringen, mit Felix, der jetzt auch seine Hände öffnet. Auf dem Rückweg erzählt er mir, wie sehr ihn die Fluchtgeschichte der Frau berührt hat. „Ungelogen. Fast hätte ich rausgehen müssen. Ich hatte richtig Tränen in den Augen!“

An diesem Tag sind Welten aufeinandergeprallt und was ist passiert? Für mich ein kleines Wunder.  Dass  Flüchtlingen aus verschiedenen Generationen sich gegenseitig so zuhören, kennenlernen und dadurch berühren. Was könnte ich mehr wollen?

Der Duft von Quitten

Vier Monate im Pfarramt habe ich bisher überstanden. Pfarramt in dieser Landgemeinde. Wenn ich auf Pfarrkonventen Kollegen und Kolleginnen treffe, reagieren die teilweise so: „Ach da bist du jetzt gelandet? Oh je. Und das für die erste Stelle!“ Dazu kommt dann meistens ein mitleidiges Streicheln über den Arm. Mega erbaulich.

Zwischendurch denke ich mir manchmal auch: Ach hier bin ich jetzt gelandet. Und ich bemerke zunehmend wie schwierig es ist, 8 Predigtstätten und 16 Dörfer unter einen Hut zu bekommen. Es gibt immer mindestens ein Dorf, das sich vernachlässigt fühlt („In Dorf X halten Sie doch auch Gottesdienste für 6 Leute. Bei uns sind es 8! Warum kommen Sie nicht auch zu uns?“). In dem Dorf von Herrn Fritz (dem Prädikanten) haben sich die Leute hinterher beschwert, dass er den Karfreitagsgottesdienst dort gehalten hat (was mich so gefreut hat!) und nicht ich. Es gibt Dörfer, die ganz nah beieinander liegen – man könnte rein räumlich betrachtet unter besten Vorzeichen gemeinsame Gottesdienste mit 15 statt 8 Leuten feiern – aber nöö, Dorf A und Dorf B bleiben lieber für sich. „Das war doch schon immer so“ Und was macht das mit mir (so fragt man in der Seelsorge. Und dann lernt man, dass man nicht man sagen soll und spricht ab sofort leicht zwanghaft in Ich-Botschaften)? Ganz klar: Ich (!) bin dann so richtig  „ANTI-ANTI“ (bitte die Bonaparte-Melodie mitdenken).  Und dann passieren so Sachen:

Erstes Gemeindecafé in einem der Dörfer. Ein kleiner, unscheinbarer Bungalow  beim Friedhof, an dem ich natürlich erstmal vorbei fahre  („Bei den weißen Schafen müssen Sie anhalten“. Dass die weißen Schafe Garten-Plastik-Deko sind hab ich erst bei der zweiten Tour über die Hauptstraße bemerkt). Drinnen dann 4 ältere Damen und ein Herr.  Ich blicke auf den Tisch und traue meinen Augen kaum: kein Kuchen, keine Torte, sondern tatsächlich saure Gurken und Leberwurstbrote! Herzhaftes Essen bei einem Gemeindecafé – irre. Ich werde herzlich begrüßt, halte die Andacht, danach machen wir eine kleine Vorstellungsrunde. Eine Dame fällt mir besonders auf. Sie ist die Älteste (an Pfingsten wird sie 92!) und spricht nicht, sie sitzt nur da und blickt in die Runde. Eine Tasse hat sie auch nicht dabei (der Bungalow hat keine Küche, also müssen alle Geschirr mitbringen. Nur ich nicht – für mich wird gesorgt, hehe), aber auch sie wird mit Leberwurstbroten versorgt. Die anderen erzählen viel, wo sie herkommen, wie das Dorf früher mal war. Zwei Damen beginnen während dieser Vorstellungsrunde zu meiner Überraschung und leichten Überforderung zu weinen, die Fluchtgeschichten…Vielleicht sollte ich eine andere Impuls-Frage als „Und stammen Sie von hier?“ überlegen.. Jedenfalls, etwas hat es mit dem Blick der ältesten Frau auf sich (Und nein. Ich habe nicht mit ihr geflirtet). Ich erfahre später, dass sie stark schwerhörig ist. Aber wenn sie mich über den Tisch anschaut, ist es als würde sie mich genau verstehen und mir etwas sagen wollen, nur eben ohne Worte.  Das passiert ein paar Mal – am Ende lächeln wir uns an.

Treffen mit den vier Konfirmanden und Konfirmandinnen. An Pfingsten werden sie konfirmiert, dabei werden sie – aller Voraussicht nach –  ihren Glauben bekennen, also reden wir passenderweise über das Glaubensbekenntnis, gehen die verschiedenen Sätze durch (überraschenderweise stößt sich niemand von ihnen an der Jungfrauengeburt – weird!) und bleiben lange beim Thema Tod und Auferstehung. In der kurzen Zeit, in der ich die jetzt begleite, werde ich  immer wieder überrascht und  hingehoddert von dem, was diese Jungschen so denken, hoffen und glauben. In der kleinen Runde reden sie ganz offen davon, wie liebe Leute gestorben sind (schon wieder feuchte Augen, auch ich), wie es ihnen damit ging und wie sie sich das Leben nach dem Tod vorstellen. Später lesen sie mir die Konfirmationssprüche vor, die bei ihnen in der näheren Auswahl sind (bis nächste Woche müssen sie sich entscheiden) . Wirklich, ich freue mich darauf, diese kleine, feine Gruppe an Pfingsten zu konfirmieren.

Jetzt sitze ich in meiner eigentlich viel zu großen Pfarrwohnung und höre endlich mal wieder in Ruhe Musik. Ein Gewitter hat mich reingescheucht – eigentlich saß ich bis eben auf dem Marktplatz, versorgt mit Bratwurst und Bier, auf der Bank bei der Gärtnerfamilie des Ortes. Die Pfarrerin kann sich ja auch mal in der Öffentlichkeit zeigen und so. Jedenfalls rede ich mit der Gärtnerin und dann erzählt sie mit weichem Blick vom Pfarrgarten und den Apfelbäumen und den Quittenbäumen. „Im Herbst“ sagt sie zu mir “ da riecht das ganze Pfarrhaus nach Quitten. Das ist wunderschön – genau so riecht das Pfarrhaus hier. Nur hier riecht es so. „

Orientierungslosigkeiten auf weiter Flur

Bei 8 Predigtstätten, 16 Dörfern und einem schlecht ausgebautem Handynetz bleibt es nicht aus, dass ich ab und an mal den Weg nicht finde. Was auch daran liegen könnte, dass mein Orientierungssinn nicht meine größte Stärke ist. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass ich von Google Maps bisher zu sehr verwöhnt wurde. Oder auch damit, dass die Menschen die hier seit Ewigkeiten wohnen nicht auf dem Schirm haben, dass es Leute gibt, die hier eben nicht seit Ewigkeiten wohnen. Ich zum Beispiel.

Letztens lädt man mich nach einer Bestattung zum Trauerkaffee ein und sagt: „wir treffen uns dann im Gemeindehaus.“ Gemeindehaus, denke ich – das ist ja super. Da war ich ja erst letzte Woche zum Gemeindekaffee. Ich erinnere mich an den durch Ofenheizung gemütlich warmen Raum, an heißen Kaffee und freue mich. Meine Füße spüre ich zu diesem Zeitpunkt schon ziemlich lange nicht mehr. Laufen wie auf gefrorenen Eiern. Die Trauerhalle ist offen und nicht beheizbar, draußen liegt Schnee. Jedenfalls fahre ich zum Gemeindehaus und finde gleich den Weg. Hinten rum, durch den Hof und dann parken, und dabei nicht die Blumenkübel umfahren.  Die Woche zuvor bin ich minutenlang in konzentrischen Kreisen um das Gemeindehaus herum gefahren und hätte ich nicht jemanden aus der Gemeinde getroffen, der mir laufend und rufend den Weg wies – ich hätte es nie im Leben gefunden. Jedenfalls gehe ich durch den Hintereingang rein: Stille. Kälte. Niemand da. Och nö, dann muss es wohl doch in einem anderen Gemeindehaus sein. Ich laufe eine Weile unschlüssig (die Füße! Die Kälte!) durch das kleine Dorf und schiele in jedes Haus, was nach einem potentiellen Versammlungsort aussieht. Fluchend und schimpfend kehre ich nach Weile zurück auf den Hof, starte mit vor Kälte starren Fingern das Auto und rolle schlechtgelaunt vom Hof, ohne die Blumenkübel umzufahren. Zum Glück entdecke ich einen Einheimischen, der mir schließlich doch den Weg weist. Ich komme 20 Minuten später an als gedacht.

Heute war ich hier wieder zu einem Trauerkaffee eingeladen. Anderer Friedhof, anderer Ort. Übrigens der Ort, in dem ich seit Anfang Januar wohne, ich kenne mich also schon ein bisschen aus.  Aber ich lerne dazu: nach der Trauerfeier frage ich den Bestatter, wo ich denn die Räumlichkeiten finden kann. Der Bestatter kennt sich aus, er kommt von hier und klärt mich auf. Er sagt:“ im Kreisel zweite Ausfahrt in den Wald.“ Super, denke ich und frage: „Meinen Sie den ersten oder den zweiten Kreisel?“  Kurzer irritierter Blick seitens des Bestatters, dann sagt er: „Hier gibt es nur einen Kreisel.“