Menschen, schön euch zu sehen!

Was auch mal ganz schön ist:

nicht als Pfarrerin auf ein Festival bei der Mecklenburgischen Seenplatte zu fahren und all die Dinge zu tun, die ich als Pfarrerin sonst (bisher) nicht mache. Zelten bei zu kalten Temperaturen, zu ungewöhnlichen Tageszeiten Berliner Luft trinken, Flunkyball spielen (und zwar gut! Bis auf das Gefühl danach) und selbstgeflochtene Glitzerhaarbänder tragen, bei Sonnenschein den wundervollen Liedern der Höchsten Eisenbahn lauschen und spät in der Nacht wild zu Balthazar tanzen. Um mich herum all diese schönen, hippieesken Menschen, die mir so unwirklich erschienen, wie sie da unter ihren Pavillons am Grill saßen oder in Schlappen über das Gelände streiften, mit ihren Sonnenbrillen und den angemalten Gesichtern, manche mit aufgeklebten Glitzersteinchen und sie sahen so jung und frisch dabei aus. In der Gemeinde sind „die Jungen“ die Leute um die fünfzig. Fünf Monate Pfarramt bewirken bei mir scheinbar doch eine schleichend eintretende Weltfremdheit. Den prolligen, halbnackten muskelbepackten Typen, der eigentlich immer Flunkyball spielte oder kotzte (was machen solche Leute eigentlich auf kleinen Indie-Festivals?), habe ich oft angestarrt und mich gefragt, ob der wirklich echt ist. Surrealer, aber insgesamt schöner Urlaub für drei Tage. Bei der Rückfahrt hat Ulf einen Platten (zum ersten Mal!), irgendein Festival-Nagel hat sich in den Hinterreifen gebohrt. Nachdem der ADAC-Mann den Reifen notdürftig geflickt hat fahre ich direkt (mit einem unangeschnalltem Hintermann) in meine erste Polizeikontrolle.

Was nicht ganz so schön ist:

Nach dem Kurzurlaub nach Hause kommen und den Anrufbeantworter abhören (schwerer, tragischer Unfall in einer Familie der Gemeinde). Feststellen, dass die Sekretärin noch für zwei Wochen im Urlaub an der Nordsee ist (und die Anzahl der unbeantworteten Briefe im Gemeindebüro weiter gruselig ansteigen wird) und die Dame, die unten die Gemeinderäume putzt und alles weiß auch im Urlaub ist und sich nicht darum kümmern wird, die Tische der letzten Presbyteriums-Sitzung zurückzuräumen und die Gläser abzuwaschen. Termine verschieben müssen, weil Ulf erstmal neue Reifen braucht. Eine Bestattung, die Diamantene Doppelhochzeit und den Sonntagsgottesdienst vorbereiten (Heftchen mit Foto, Ablauf, Liedertexten und Lesungen), dazu zwei abendfüllende Termine.  Außerdem eine Pfarrwohnung, die im ultimativen Chaos versinkt und die in den drei Tagen Abwesenheit frecherweise auch niemand sonst aufgeräumt hat. Und Anfang der Woche ein aufgeregter Anruf  eines Gemeindeglieds: Dorf D ist „ganz enttäuscht“, dass es bei der Gottesdienstplanung nicht genügend berücksichtigt wurde. „Ich habe schon mit vielen gesprochen, alle sind sehr wütend“. Harte Landung nach dem immerguten Festival-flow.

Was das Ganze dann doch wieder schön macht:

Die Bestattung, die Diamantene Doppelhochzeit und der Sonntagsgottesdienst. Meine mühsam gesponnenen roten Fäden wurden bemerkt (Bestatterin: „das war die schönste Trauerrede, die ich je gehört habe!“), die Ehepaare waren zufrieden und drückten mich gerührt und am Sonntag nach dem Gottesdienst wurde ich doch tatsächlich auf den Inhalt der Predigt angesprochen.

Vor dem Sonntagsgottesdienst treffe ich Menschen aus Dorf D.  Eine Frau: „Ah, Frau Pfarrerin. Gut, dass ich Sie sehe. Ich habe noch etwas zu meckern.“ „Oha. Geht es um die Gottesdienste?“ „Nein, um die Bestattung. Die Liedertexte sind viel zu klein, das können wir gar nicht lesen“. Ich erkläre, dass ich zuvor die Texte groß aber ohne Melodie abgedruckt hatte und es da auch Beschwerden gab und die aktuellen Heftchen es eigentlich besser machen sollten.  Die Frau lacht und sagt: „Hören Sie nicht so sehr auf mein Meckern, Sie können es ja nicht allen recht machen“ Recht hat sie. Sie ahnt nicht, dass ich bei dieser Beerdigung den Bedürfnissen des Dorfes D. extra nachgekommen bin.

Vor der Bestattung klärt mich die Bestatterin auf, dass die Gemeindeglieder hier besonderen Wert darauf legen, dass der Pfarrer/die Pfarrerin zum Glockengeläut vom Eingang des Friedhofes bis zur Kapelle einzieht. Alleine. Sonst wird gemeckert. Also stehe ich vor Beginn der Trauerfeier etwas verloren und unschlüssig  am Eingang des Friedhofes und blicke auf die Trauerkapelle und die versammelte Trauergemeinde in der Ferne. Der Friedhof sieht idyllisch aus, am Himmel darüber ein paar hübsche Wolken – sehr malerisch. Immerhin kann ich so in Ruhe noch einmal die Ansprache durchgehen. Als die Glocken beginnen zu läuten gehe ich langsam los, der Weg ist einigermaßen weit. Ich komme mir vor, wie auf einem Catwalk (Kopf hoch, Brust raus!). Es ist heiß, die Sonne scheint und der Wind huscht unter meinen Taler und bauscht ihn von unten auf. Wenn ich mich jetzt im Stoff verheddere wäre es ziemlich unpassend denke ich, aber es passiert nicht. Ich komme heile an der Halle an und muss lange warten, bis die Glocken verklingen und die Organistin beginnt zu spielen. Nach der Beisetzung sagt die Besatzern: „Es haben auch einige hingeguckt, als Sie eingezogen sind. Hab ich gesehen, war gut so.“. Das ist mir jetzt nicht aufgefallen, aber was weiß ich schon. Vielleicht ist mein Blick auch nachträglich getrübt von den glitzernden, halbnackten Festival-Besucher_innen. Andere Dörfer, andere Sitten.