„Der Herr ist auferstanden!“

„Der Herr ist (…) Er ist aufer(…) Wer ist auferstanden!?“

Meine Idee, die Gemeinde in meiner Hauptpredigtstätte am Ostersonntag miteinzubeziehen war gut. Doch die Gemeinde war nicht so weit. Beziehungsweise, sie war  einfach nicht da (Zeitumstellung? Osterbrunch?). So rief ich dann dem versammelten Häufchen Gemeinde von ca. 30 Menschen zu: „Der Herr ist auferstanden!“ und  das Häufchen antwortete zunächst mehr widerwillig als österlich erfreut. Sie wurden erst richtig froh, als Konfirmand Flo vor dem Segen einen Osterwitz zum Besten gab. Es ging um Hasen, Eier, Schwänze und einmal im Jahr Kommen. Öhm, vielleicht hätte ich den Witz vorher abfragen sollen. Immerhin verließ die Gemeinde anschließend lachend die Kirche und so soll es ja sein.

Nun liegen die zweiten Osterfeierlichkeiten in dieser Gemeinde hinter mir und träge Müdigkeit macht sich breit. Seit Donnerstag war das Pfarrhaus voll (Freund und Familie, wir waren zu acht) und der Zeitplan knapp. Sechs Gottesdienste in sechs verschiedenen Ortschaften, dazu nebenbei das Ferienprogramm mit der Familie und ein Rest Erkältung.  Ein ganz schöner Balanceakt! Ich verstehe, warum Menschen behaupten, der Pfarrberuf sei familienfreundlich: man kann sich die Arbeitszeit schon einigermaßen so hinschieben, dass man viel zu Hause ist. Außerdem kann es sehr schön sein, die Familie miteinzubeziehen (wenn sie denn will):

Den Gottesdienst zum Tischabendmahl am Gründonnerstag schmeiße ich komplett mit Barbara, Greta und Stefan (jüngerer Bruder von Freund/großer Bruder von Greta). Eigentlich sollten meine Konfirmanden helfen, aber Max ist eine Häckselmaschine auf den Fuß gefallen (mega fies) und  Flo war zu lange beim Arzt und schaffte es nicht rechtzeitig zurück (weite Wege auf dem Land). Der Gottesdienst ist gut besucht, wir müssen noch Tische anbauen. Auch Greta (mittlerweile in der zweiten Klasse) liest zwei Gebete. Wie im letzten Jahr halte ich die Luft an, während sie liest: sie kommt durch, ohne Stocken, ohne Fehler, flüssig und herzergreifend schön. Als sie fertig ist, geht ein Seufzen durch den Raum. Alle sind bewegt.

Aber ich verstehe auch, warum Menschen behaupten, der Pfarrberuf und Familie passten überhaupt nicht zusammen:

Ich sitze abends um halb neun  im Arbeitszimmer am Schreibtisch und bedenke die Liturgie für Ostersonntag. Es klopft an der Tür und Greta steckt ihren Kopf herein: „Saraaaa?  Wie lange musst du noch arbeiten? “ „Noch so 15 Minuten, ich komm gleich!“ Während ich die Daten für die Abkündigungen zusammen suche, höre ich die Bagage nebenan lachen und mit Schnaps anstoßen. Ich will auch Schnaps. Und dabei sein. Dann bemerke ich, dass am nächsten Tag ja  Abendmahl gefeiert wird und ich meinen schick ausgedruckten Ablaufplan (Reihenfolge der Gesänge mit Noten und Texten) aus meinem Gottesdienstbüchlein unlängst für Notizen zweckentfremdet und rausgenommen hab und ich die Noten noch mal neu kopieren  und einheften muss. Vielleicht könnte ich das Ganze auch auswendig, aber gerade an Ostern, wenn die Kirche voll ist (ach ja..) will ich das nicht ausprobieren. Zudem tendiere ich seit einigen Wochen dazu, selbst für meine Verhältnisse, unfassbar viel durcheinander zu bringen: Den Kurzurlaubsbeginn Anfang März (Freitag oder Donnerstag?), das Gemeindecafé bei Herrn Fritz (hatte Vertretung für mich organisiert,  das aber erst bemerkt als ich dort angekommen  bin *mööp*),  in Dorf F wartete man umsonst auf mich. Also auf Nummer sicher: Abendmahl reloaded für das praktische A5-Mäppchen. „Saraaa! Wir wollen Skip-Bo spielen! Kommst duuu?“ Nach 45 Minuten bin ich endlich fertig und das Mitspielen lohnt sich: ich gewinne.

Jetzt sitze ich wieder alleine in meinem großen Pfarrhaus und es ist seltsam still. Am Vormittag war ich im Büro so beschäftigt, dass ich mich gar nicht richtig von der Familie verabschieden konnte. Die Feuerstelle im Garten ist jetzt noch warm und zeugt von der ostermontäglichen, monströsen Gartenaktion der Familie: zwei Beete wurden frühjahrsfein gemacht, diverse Bäume und Sträucher zurückgeschnitten und die wilde, ausufernde Brombeere dem Erdboden gleich gemacht.Plötzlich ist (noch mehr) Platz für Gartenmöbel. Ich brauche Gartenmöbel!  Eben habe ich zwei Johannisbeersträucher eingepflanzt, die wir gestern vor dem Feuer gerettet haben. Mehr Obst, mehr Schnaps! Ich freue mich auf den Sommer, wenn ich meinen Geburtstag mit einem Mini-Festival im Pfarrgarten groß feiern werde  – mit Freund, Familie, der Gang, meiner Band und lieben Menschen, die ich seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen habe.

Eben habe ich mit Rahel telefoniert, sie ist seit Januar auch Pfarrerin im Probedienst und hat ihre Familie im Gegensatz zu mir ständig da. Ihr Liebster bleibt zuhause und kümmert sich um die zwei Kinder und den Haushalt. Wie die beiden das anstellen und wie es dabei läuft ist hier nachzulesen:  www.sonnenklauberin.wordpress.com und herrpfarrfrau.de.

Ich freue mich aber auch, wieder Ruhe zu haben. So komme ich endlich wieder zum Bloggen! Seid gegrüßt, ihr lieben Lesenden: „Der Herr ist auferstanden!“ …

 

 

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Kirschen, wenn der Sommer kommt

Ein Gesprächsauszug von der vorletzten Bandprobe  zwischen unserem neuen Schlagzeuger Simon (der außerhalb der Bandprobezeiten als Koch in einer Grundschule arbeitet) und mir. „Hej Simon. Du bist doch aus Hamburg – dann kennst du doch bestimmt Nils Koppruch!“ Irritierter Blick seitens Simon. „Äh was? Nee, kenn ich nicht. Was denn für ein neues Kochbuch?“

Herein steht an der Falltür und willkommen sagt der Hai, es ist ne sonderbare Welt.

Sonderbar ist die Welt ja sowieso schon, aber seit Januar ist die Liste der „echt jetzt?“-Momente deutlich länger geworden. Weit oben auf der Liste steht eine Seniorin, die am Gemeindecafé hier im Ort teilnimmt. Sie fällt sowieso schon auf, weil sie vieles nicht mehr so richtig mitbekommt und oft laut nachfragt („Welchen Psalm? Wo finde ich den? Unter welcher Nummer?“). Sie hat eine Lesebrille, die sie dann aufsetzt. Und in besonders verzweifelten Momenten („Ich finde diesen Psalm nicht! Wo ist das denn?? Ich seh gar nichts hier!“) kann sie bei dieser Brille ein Knöpfchen drücken und dann leuchten links und rechts von den Gläsern zwei Lämpchen, wie bei einer Taschenlampe. So sitzt die Dame dann bei der Andacht, drei Stühle links von mir, blättert im Gesangbuch und wenn sie beim Fragen hochguckt, leuchtet mich die Brille an wie die Scheinwerfer eines Autos. Sonderbar bis amüsant ist auch, was meine Gemeindeglieder so über mich erzählen und mir dann weiter sagen: „Unsere neue Pfarrerin ist jung, hübsch und nett!“ In dieser Reihenfolge. Ich habe betreffender Person gegenüber nicht erwähnt, dass nett die kleine Schwester von Scheiße ist und ich für jung und hübsch ja überhaupt nichts kann. Ist ja trotzdem nett (…) gemeint. Jemand anderes sagte über mich: „Unsere neue Pfarrerin singt so schön! Aber immer so neue Lieder, die wir gar nicht kennen.“ Sätze mit „immer“ sind sowieso immer die schönsten. Heute beim Gemeindecafé in Dorf F kannte man das Lied Vertraut den neuen Wegen nicht. Das ist von 1989 und ein echter Schlager! Die ahnen ja nicht, dass bald wirklich neue Lieder gesungen werden. Best of neues geistliches Liedgut von mir zusammengestellt und hinten dran ein großer Teil Taizélieder. Neu wird noch ganz anders, liebe Gemeinde, muhaha.

Falltüren tauchen auch immer mal wieder auf. Bei mir hat das meistens etwas mit dem Thema Bau zu tun. Ich erwähnte hier ja schon die eine  Kirche mit der kaputten Decke. Sie hat auch einen kaputten Turm, nasse Böden und die Orgel muss raus, bevor losgelegt werden kann. Unser Presbyteriumsvorsitzender war heute fatalerweise verhindert und so stand ich recht hilflos einer gemischten Gang vom Kirchenkreis und der Landeskirche gegenüber, die mit verdammt hohen Zahlen (30 000, 65000, 150 000) und wilden Abkürzungen um sich warfen (SKV, Kiba – nicht der Cocktail – DDS). Nebenbei ging es um Dienstwege und Fristen, die nicht eingehalten wurden (ziemlicher Ärger von den Chefs) und ich muss jetzt extra Termine einplanen und hoffen, dass sich die Dinge doch wie geplant regeln werden. Der Hai lässt es sich schmecken.

In diesem Jahr gibts Kirschen wenn der Sommer kommt und wenn du deine Augen offen hältst, kannst du dir besten von den Bäumen nehmen…

Im Predigerseminar hat Rahel zu diesem Lied eine Andacht gehalten und ich habe dazu das Lied mit ein paar Leuten gespielt. Mitten im tristen November, in dem Jahr als Nils Koppruch gestorben ist.  Die Kirschen-Andacht ist bei uns legendär geworden und seitdem liebe ich das Lied noch mehr. Jetzt ist Juni, es ist wirklich Sommer und tatsächlich bekomme ich massig Kirschen geschenkt.  Eine Gemeindepädagogin meinte letztens zu mir: „wir wollen dich mästen!“. Anders kann ich mir das auch nicht erklären, ständig gibt es von irgendwoher Eier, Erdbeeren und leckere Kirschen. Großartig!

Der letzte Pfarrkonvent fand unter freiem Himmel und unter einem Kirschbaum statt. Gegen Ende der Zusammenkunft waren die reifen Kirschen alle weggepflückt und vernascht. Zwischendurch standen meine Kollegen in einer Reihe und übten sich im Kirschkern-Weitsprucken. Kirschen machen froh, sogar auf Pfarrkonventen.

Gerade entdecke ich, die Vorzüge meines riesigen Pfarrgartens, was meinen Liebsten und mich am Wochenende dazu verführt hat Holunderblütensirup selber zu machen, ein Blumenbeet anzulegen, darauf eine Sommerbienenwiese auszusäen und Radieschen und Salat anzupflanzen. Seit ich nur noch Auto fahre oder am Schreib/ Gemeinde oder Kaffeetisch sitze ist der kümmerliche Rest Sportlichkeit, der vielleicht von meinem letztjährigen Anfall von Fitnesswahn übrig geblieben ist, gänzlich verpufft. Zwei Stunden Hacken, Rupfen und Gießen – ich völlig am Ende und zwei Tage fieser Muskelkater. Schon als wir noch dabei waren habe ich prognostiziert, dass unsere Bemühungen bei den geübten Gärtnerinnen und Gärtnern in der Gemeinde bestimmt für Amüsement sorgen werden. Heute vormittag betrachtete nun Frau N. unser Werk und lachte laut los: „Und das Unkraut haben Sie stehen lassen!“

Der Pfarrgarten hat den Ginko, einen Ahorn (und viele Ahornbabys, die sich überall breit machen), Apfelbäume, Johannesbeersträucher, Brombeeren, Holunder und wahrscheinlich noch einiges, was ich noch nicht erkannt oder entdeckt habe. Der Superpfarrer hat hier einige Bäume gepflanzt, die jetzt fröhlich wachsen und gedeihen. Vielleicht lass ich mich in dieser Hinsicht mal von ihm inspirieren. Welchen Baum ich pflanzen würde dürfte der geneigten Leserschaft (schöne Grüße bei dieser Gelegenheit!) wohl klar sein. Und dann werde ich mit meinem Gitarrenbaby (und vielleicht auch Simon mit seiner Cajon) unter diesem Baum in der Sommersonne sitzen und singen:

Jeder Tag ruft deinen Namen, ich wünsch Glück an allen Tagen, nichts ist besser als ne Liebe auf der Welt. Kirschen gibts an Sommertagen, nur solang die Bäume tragen, und lebend gehen wir nicht mehr aus der Welt.

Geschichten vom Dorf und der Straße

Wo viele Dörfer und Menschen sind, passieren spannende Dinge. Mein großer Traum ist es ja, die 16 Dörfer meiner Gemeinde etwas näher zusammen zu bringen. Deshalb machen wir im Juli mit den verschiedenen Gemeindecafés gemeinsam einen Tagesausflug (Andacht, Museum, Essen). Deshalb probiere ich es mit zentralen Gottesdiensten und versuche Fahrmöglichkeiten für die Älteren zu organisieren. Deshalb wurde der Gemeindebrief so aufgepimpt, dass alle mal mitkriegen, was in der Gemeinde überhaupt so geht. In der letzter Woche habe ich außerdem Welten aufeinander prallen lassen und geguckt was passiert:

Dorfleben vs. Straßenkind-Erfahrung

In einem kleinen Ort in der Nähe hat ein Verein ein altes Schloss gekauft. Das riesige Gebäude soll ein Begegnungs- und Bildungsort werden für Demokratie-Seminare, kulturelle Veranstaltungen und unterschiedlichste Aktionen mit den Dorfbewohnern und Dorfbewohnerinnen. Für einige Monate ziehen dort junge Leute ein, teilweise mit Straßen – und/oder Drogenerfahrungen, helfen beim Aufbau mit, engagieren sich bei sozialen Trägern und gewinnen so Abstand von ihrem Leben auf der Straße und können überlegen, wo es danach hingehen soll.

Ein junger Mann (Felix, 21 Jahre), der seit ein paar Monaten im Schloss wohnt und arbeitet hat mich letzte Woche zu den Gemeindecafés begleitet. Felix ist es schon gewohnt, über sein krasses Leben zu sprechen: über die Gewalt, die er seit frühester Kindheit erfahren hat, über die vielen, verschiedenen Stationen auf seiner Flucht weg von zuhause. Von den Drogen, dem Dealen und den Neonazis, bei denen er eine zeitlang mitgemacht hat. Von der beschissenen Zeit im Knast, weil er zu oft schwarzgefahren ist. Er ist es gewohnt darüber zu reden und trotzdem merke ich ihm seine Anspannung im Dorf C an. Felix spricht an sich schon sehr laut (gut für die schon schwerhörigen Gemeindecafé-Gäste), wenn er lacht wird die Stimme noch lauter. Er lacht besonders laut an den Stellen, wo es eigentlich nichts zu lachen gibt. Manchmal legt er den Kopf zur Seite und streicht sich mit dem Arm schnell über das Gesicht. Ein bisschen wirkt er noch immer so, als wäre er auf der Flucht.

Dieser Felix sitzt nun links neben mir und den vier Seniorinnen im fast baufälligen Gemeinderaum in Dorf C, singt die Lieder aus dem Evangelischen Gottesdienstbuch mit, betet Psalm und Vater Unser, obwohl er Kirche eigentlich total ablehnt. Ich staune. Felix mag (im Gegensatz zu mir) Kuchen und Torte und so wird er hervorragend versorgt („Essen Sie doch noch ein Stück! Hier, bitte, essen Sie!“). Dann erzählt er seine Geschichte. Während er von den Schlägen seines Stiefvaters berichtet, von den  Auseinandersetzungen in den verschiedenen Notunterkünften, dem Leben auf der Straße („Glauben Sie RTL nicht! Das ist totaler Scheiß!!“) ist es ganz still in dem Raum. Sein lautes Lachen, das immer mal wieder aus ihm herausbricht hallt von den Wänden wieder. Keine von uns lacht mit, stattdessen bekommen zwei Frauen Gänsehaut,  ich schaffe manchmal ein schiefes Lächeln. Mit großen Augen betrachten die Damen Felix, wie er da vor ihnen sitzt: blasse Haut, klein und schlank, die Hände und Finger tätowiert (ACAB), auf dem Kopf ein schwarzes Käppi. Sein Gesicht will nicht zu seinem Alter passen, er sieht viel älter aus. Es kommt zu einem Gespräch. Die Damen fragen nach, was sie interessiert. Wie es mit seiner Mutter war. Was mit seiner Freundin ist. Wie es jetzt weitergehen soll. Felix gibt bereitwillig Auskunft. Die Frauen haben Mitgefühl und suchen nach Gründen, wie Felix Schicksal vielleicht hätte anders verlaufen können. „ein so junger Mensch mit einer solchen Lebensgeschichte!!“, irgendjemand muss doch daran Schuld sein. Die Mutter? Das Jugendamt? Die Betreuer in den Unterkünften, die ihn vor die Tür setzten? Felix weiß und gibt offen zu, dass er auch richtig Scheiß gebaut hat.

Dann beginnt völlig unerwartet die Dame rechts von mir eine Geschichte aus ihrem Leben zu erzählen. Auch sie war einmal auf der Flucht, damals nach dem Krieg. Zusammen mit ihrer Mutter und dem kleinen Bruder. Sie war sechs Jahre alt, er vier. Nach wochenlanger Flucht bei Eiseskälte kamen sie endlich in einem der riesigen, überfüllten Auffanglager an. Ihr ganzer Besitz hatte Platz auf einem Handkarren, das Kostbarste: 2 Brote und ein Topf Grütze. Aber das Essen wurde ihnen gestohlen und so begann sie mit ihrem kleinen Bruder fürchterlich zu weinen und zu jammern. So laut, dass ein Besatzungssoldat kam und streng fragte, was denn los sei. Sie heulten, dass sie bestohlen wurden und nun nichts mehr zu essen hatten. Der Soldat ging wortlos und kehrte nach einiger Zeit zurück: mit den 2 Broten und dem Topf Grütze. Die Frau aus Dorf C erzählte von ihrer Flucht, aber wählte die schönste Geschichte, eine Wundergeschichte,  aus – obwohl sie bestimmt auch ganz anderes hätte erzählen können.

Für Felix soll es jetzt anders werden, seine Flucht ist hoffentlich auch endlich vorbei. Er plant eine Ausbildung, will sein Abi nachholen. Die Seniorinnen überhäufen ihn mit guten Wünschen und Bestärkungen, sie nötigen ihn, noch mehr Kuchen zu essen und auch welchen einzupacken für die anderen im Schloss. Felix lacht und endlich lachen wir mit. Beim Segen bitte ich alle, sich die Hände zu reichen. Kurz bevor ich den Segen spreche denke ich, wie schön es doch ist, hier zu sein: in diesem Haus (das von außen nicht so aussieht, als könnte man unbeschadet hineingehen), an diesem kleinen Tisch mit diesen Leuten, die sich ihr Kaffeegeschirr immer in Körbchen von zuhause mitbringen, mit Felix, der jetzt auch seine Hände öffnet. Auf dem Rückweg erzählt er mir, wie sehr ihn die Fluchtgeschichte der Frau berührt hat. „Ungelogen. Fast hätte ich rausgehen müssen. Ich hatte richtig Tränen in den Augen!“

An diesem Tag sind Welten aufeinandergeprallt und was ist passiert? Für mich ein kleines Wunder.  Dass  Flüchtlingen aus verschiedenen Generationen sich gegenseitig so zuhören, kennenlernen und dadurch berühren. Was könnte ich mehr wollen?

Der Duft von Quitten

Vier Monate im Pfarramt habe ich bisher überstanden. Pfarramt in dieser Landgemeinde. Wenn ich auf Pfarrkonventen Kollegen und Kolleginnen treffe, reagieren die teilweise so: „Ach da bist du jetzt gelandet? Oh je. Und das für die erste Stelle!“ Dazu kommt dann meistens ein mitleidiges Streicheln über den Arm. Mega erbaulich.

Zwischendurch denke ich mir manchmal auch: Ach hier bin ich jetzt gelandet. Und ich bemerke zunehmend wie schwierig es ist, 8 Predigtstätten und 16 Dörfer unter einen Hut zu bekommen. Es gibt immer mindestens ein Dorf, das sich vernachlässigt fühlt („In Dorf X halten Sie doch auch Gottesdienste für 6 Leute. Bei uns sind es 8! Warum kommen Sie nicht auch zu uns?“). In dem Dorf von Herrn Fritz (dem Prädikanten) haben sich die Leute hinterher beschwert, dass er den Karfreitagsgottesdienst dort gehalten hat (was mich so gefreut hat!) und nicht ich. Es gibt Dörfer, die ganz nah beieinander liegen – man könnte rein räumlich betrachtet unter besten Vorzeichen gemeinsame Gottesdienste mit 15 statt 8 Leuten feiern – aber nöö, Dorf A und Dorf B bleiben lieber für sich. „Das war doch schon immer so“ Und was macht das mit mir (so fragt man in der Seelsorge. Und dann lernt man, dass man nicht man sagen soll und spricht ab sofort leicht zwanghaft in Ich-Botschaften)? Ganz klar: Ich (!) bin dann so richtig  „ANTI-ANTI“ (bitte die Bonaparte-Melodie mitdenken).  Und dann passieren so Sachen:

Erstes Gemeindecafé in einem der Dörfer. Ein kleiner, unscheinbarer Bungalow  beim Friedhof, an dem ich natürlich erstmal vorbei fahre  („Bei den weißen Schafen müssen Sie anhalten“. Dass die weißen Schafe Garten-Plastik-Deko sind hab ich erst bei der zweiten Tour über die Hauptstraße bemerkt). Drinnen dann 4 ältere Damen und ein Herr.  Ich blicke auf den Tisch und traue meinen Augen kaum: kein Kuchen, keine Torte, sondern tatsächlich saure Gurken und Leberwurstbrote! Herzhaftes Essen bei einem Gemeindecafé – irre. Ich werde herzlich begrüßt, halte die Andacht, danach machen wir eine kleine Vorstellungsrunde. Eine Dame fällt mir besonders auf. Sie ist die Älteste (an Pfingsten wird sie 92!) und spricht nicht, sie sitzt nur da und blickt in die Runde. Eine Tasse hat sie auch nicht dabei (der Bungalow hat keine Küche, also müssen alle Geschirr mitbringen. Nur ich nicht – für mich wird gesorgt, hehe), aber auch sie wird mit Leberwurstbroten versorgt. Die anderen erzählen viel, wo sie herkommen, wie das Dorf früher mal war. Zwei Damen beginnen während dieser Vorstellungsrunde zu meiner Überraschung und leichten Überforderung zu weinen, die Fluchtgeschichten…Vielleicht sollte ich eine andere Impuls-Frage als „Und stammen Sie von hier?“ überlegen.. Jedenfalls, etwas hat es mit dem Blick der ältesten Frau auf sich (Und nein. Ich habe nicht mit ihr geflirtet). Ich erfahre später, dass sie stark schwerhörig ist. Aber wenn sie mich über den Tisch anschaut, ist es als würde sie mich genau verstehen und mir etwas sagen wollen, nur eben ohne Worte.  Das passiert ein paar Mal – am Ende lächeln wir uns an.

Treffen mit den vier Konfirmanden und Konfirmandinnen. An Pfingsten werden sie konfirmiert, dabei werden sie – aller Voraussicht nach –  ihren Glauben bekennen, also reden wir passenderweise über das Glaubensbekenntnis, gehen die verschiedenen Sätze durch (überraschenderweise stößt sich niemand von ihnen an der Jungfrauengeburt – weird!) und bleiben lange beim Thema Tod und Auferstehung. In der kurzen Zeit, in der ich die jetzt begleite, werde ich  immer wieder überrascht und  hingehoddert von dem, was diese Jungschen so denken, hoffen und glauben. In der kleinen Runde reden sie ganz offen davon, wie liebe Leute gestorben sind (schon wieder feuchte Augen, auch ich), wie es ihnen damit ging und wie sie sich das Leben nach dem Tod vorstellen. Später lesen sie mir die Konfirmationssprüche vor, die bei ihnen in der näheren Auswahl sind (bis nächste Woche müssen sie sich entscheiden) . Wirklich, ich freue mich darauf, diese kleine, feine Gruppe an Pfingsten zu konfirmieren.

Jetzt sitze ich in meiner eigentlich viel zu großen Pfarrwohnung und höre endlich mal wieder in Ruhe Musik. Ein Gewitter hat mich reingescheucht – eigentlich saß ich bis eben auf dem Marktplatz, versorgt mit Bratwurst und Bier, auf der Bank bei der Gärtnerfamilie des Ortes. Die Pfarrerin kann sich ja auch mal in der Öffentlichkeit zeigen und so. Jedenfalls rede ich mit der Gärtnerin und dann erzählt sie mit weichem Blick vom Pfarrgarten und den Apfelbäumen und den Quittenbäumen. „Im Herbst“ sagt sie zu mir “ da riecht das ganze Pfarrhaus nach Quitten. Das ist wunderschön – genau so riecht das Pfarrhaus hier. Nur hier riecht es so. „

Kurzzeit-Pfarrfamilie

Eigentlich hatte ich gehofft, dass es nach dem Ostermarathon etwas ruhiger zugehen würde. Besuch hatte sich angemeldet, zwei liebe Menschen (Katharina und Christian) , die ich noch aus meiner ersten Studentenstadt kenne.

Damals im ersten Semester lief ich noch mit zotteligen Dreadlocks herum und fand Cordröcke über Schlaghosen cool (mein Freund behauptet ich wäre ein typischer Kleinstadthippie, immer noch). Zum Glück fand Katharina das auch cool und so freundeten wir uns an. Von Theologie und allem was damit zusammen hing hatte kurz vor meinem ersten Semester überhaupt keinen Schimmer. Ich wusste, dass ich Latein, Griechisch und Hebräisch würde lernen müssen und dass das alles ziemlich lange dauern würde. Aber ich war voll naiver Hoffnung, das alles schon irgendwie zu schaffen, warum auch nicht? Die Sprachen wären ein Grund gewesen für das auch nicht. Und definitiv auch mein Lateinlehrer, Herr M. Meine Güte, was hab ich bei diesem Menschen Blut und Wasser geschwitzt, ich hatte sogar Albträume von ihm.  Eine Bekannte von mir ist damals tatsächlich in seinem Unterricht in Ohnmacht gefallen vor lauter Angst. Kein Witz. Ein Tyrann der Deklinationen.

An einem Abend in der Woche nach nach Ostern sitze ich mit Christian in einer ruhigen Minute unten auf der gelben Bank und wir rauchen und reden. Ich bin ziemlich geplättet, weil ich gerade mit drei Bestattungen parallel beschäftigt bin und die Trauergespräche sehr aufwühlend waren. Entweder sehr lang (über 2 Stunden)  oder einfach heftig (junger Mensch, jünger als ich). Und das in der Zeit, in der Urlaub viel besser wäre (nach Ostern) und doch der tolle und lang erwartete Besuch da ist. Christian arbeitet an der Uni in meiner ersten Studentenstadt. Christian hat eine Woche vorher gemeinsam mit dem Tyrann der Deklinationen die mündlichen Latinumsprüfungen abgenommen. Er sagt zu mir: „Hej, du hast doch das Latinum  – da schaffst du doch auch das Pfarramt.“ Diese Logik leuchtet mir nicht sofort ein (Landpfarramt und Latein??) und dann erklärt er: „Das hat Herr M. zu mir gesagt: der ganze Drill in Latein sollte euch darauf vorbereiten, wenn eben wie jetzt alles durcheinander gerät, dass ihr nicht die Nerven verliert.“ Da hat der fiese Tyrann doch tatsächlich einen fast freundlichen Ansatz gehabt – das hätte ich nie gedacht. Herr M. hört jetzt auf zu unterrichten, unvorstellbar. Wen kann er denn jetzt quälen und vorführen? Und was soll aus der nächsten Generation Pfarrer_innen werden, die nun ohne diese großartige Vorbereitung durch den Lateinkurs in den Berufsalltag geschickt werden? Die können ja gar nichts. Die rasten ja gleich aus, wenn mal drei Bestattungen aufeinander kommen.

Katharina und Christian sind seit anderthalb Jahren Eltern von der bezaubernden Auguste. Die war natürlich auch dabei und weil Katharina und Christian mich auch mal im Dienst (und überhaupt) erleben wollten, begleiteten sie mich zu dritt  zu einem der Gemeindecafés im Dorf von Herrn Fritz. Die Damen und Herren freuten sich sehr über den unvermuteten Besuch („Wir haben sowieso zuviel Kuchen!“). Christian war mein Roady und reichte mir bei Bedarf ungefragt meine Gitarre (bin ich doch noch ein bisschen Rockstar geworden, ha!) und half Lieder aussuchen und vorlesen. Katharina machte freundlich Smalltalk und achtete darauf, dass Auguste zwischen den ganzen Stühlen, älteren Menschen und Kuchenmassen nicht verloren ging. Angeblich kann Auguste nicht so gut mit alten Leuten, vor ihrer eigenen Urgroßmutter hat sie Angst und fängt zu weinen an wenn sie auf ihren Schoß soll.  Aber an diesem Nachmittag (oh Wunder!) schloss sie Freundschaft mit der ältesten und faltigsten Dame, die die Gruppe zu bieten hatte. Die beiden (und Teddy) verstanden sich prächtig, fast hätte Auguste der Dame ihren Teddy geschenkt. Zwischendurch geht es um Kindernamen und dass man früher doch ganz andere Namen gewählt hatte. Die älteste Dame, mit dem Teddy und Auguste auf dem Schoß sagt irgendwann: „Ich weiß gar nicht, wie ich den Namen meines Urenkels aussprechen soll. Irgendwie mit s und y und z?“ Katharina und ich fragten:“Sie können nicht sagen wie ihr Urenkel heißt?“ Sie schüttelt etwas traurig den Kopf. Mit „Auguste“ hat sie jedenfalls kein Problem.

Ein bisschen Zeit konnte ich mir zwischendurch dann doch  freischaufeln und so gingen wir zu fünft (der dreifache Besuch, mein Freund und ich)  spazieren. Wir sind eine ganze Weile unterwegs und genießen die Sonne. Auf dem Rückweg kommt uns ein Auto entgegen. Katharina und Christian laufen ein Stück weiter vorne. Mein Freund und ich nebeneinander, Auguste im Kinderwagen vor uns herschiebend.  Als das Auto bei uns beiden  ankommt wird es langsamer und eine Frau guckt aus dem Fenster. „Wohnen Sie im Neubau?“ ich: „Nein, im Pfarrhaus.“ sie: „Ach so, dann alles Gute!“ schließt das Fenster und fährt weiter. Futter für die Gerüchteküche. Irgendwas muss hier ja los sein, und sei es das kurze, ideale Pfarrfamilien-Leben der Entsendungsdienstlerin.