Momente für die Ewigkeit III

Samstagabend letzte Woche, gegen 22 Uhr. Vor einer Stunde bin ich heimgekommen von einem Familiengeburtstag. Zum ersten Mal bin ich nicht mit Ulf, sondern mit einem geliehenem Auto (sehr neu, sehr sauber, sehr nicht-Ulf) unterwegs gewesen, was aufregend war. Dass man Autos über Fotos mit dem Smartphone öffnen und wieder abschließen kann, erscheint mir irgendwie übersinnlich.

Samstage sind, wenn ich sonntags Dienst hab, stets von einer gewissen Unruhe durchzogen. Predigt und Liturgie sind dann zwar meistens grob fertig, aber oft fehlen noch Fürbitten und einzelne Gebete. Außerdem lese ich mir alles noch einmal durch und schraube hier und da noch an ein paar Formulierungen. Das braucht dann noch ein bisschen Zeit und Mühe, dann kann ich alles ausdrucken und in mein schwarzes Mäppchen heften.

Vorgestern war ich mit zwei Freundinnen unterwegs die sich für einen kurzen Moment darüber unterhielten, dass sie ihre Drucker eigentlich nie mehr benutzten. Höchstens für Bahnreisen oder mal ein Konzertticket. Ich hingegen brauche meinen Drucker ständig, all die Ansprachen und Andachten und was nicht alles. Nach dem Umzug musste ich ein neues Exemplar kaufen, das zwar schick weiß, aber irgendwie etwas eigensinnig ist. Ständig piepst und ruckelt was oder es behauptet, es könne kein amerikanisches Papierformat. Autos können Technik offensichtlich besser als Drucker.

An einem typischen Samstagabend habe ich außerdem immer die klamme Befürchtung, dass ich ein Gedenken vergessen könnte und dann eine Trauerfamilie erwartungsvoll und mitgenommen in den Bänken sitzt, und ich die verstorbene Person vergesse abzukündigen. Nicht schön. Also schau ich lieber doppelt durch meine Unterlagen (Name richtig? Geburts – und Sterbedatum korrekt? Was war noch mal der Bibelspruch?) und erst dann bin ich beruhigt. In der neuen Gemeinde gibt es zudem immer eine Lektorin oder einen Lektor (Luxus!). Seit der Perikopenrevision herrscht etwas Verwirrung über Abläufe der Lesungen, also drucke ich zur Sicherheit die Texte für die Lesenden noch einmal aus, damit alle orientiert sind. Dann schreibe ich noch die Lieder auf einen Zettel (wobei ich mich fast am Meisten konzentrieren muss, denn meine Handschrift neigt zum Chaos), damit jemand am nächsten Morgen vor dem Gottesdienst die Liednummern an die Liedertafeln stecken kann.

Letzte Woche ich also: müde und erschöpft von den Autofahrten endlich am Schreibtisch. Ich drucke Liturgie aus (inklusive richtiger Daten der verstorbenen Frau H. und mit eben noch formulierten Gebeten), drucke Predigt aus, Blätter fliegen mit hohem Schwung durch das Arbeitszimmer (Halterung am neuen Drucker vergessen auszuklappen, mööp), ich hefte alles ein. Die Katze tapst erwartungsfroh über den Schreibtisch, nagt am Bildschirm (Chrrr!Chrrr) und verteilt großzügig Katzenhaare. Dann die Lesungen für die Lektorin , die kommt in den großen, roten Papphefter (den ich seit 15 Jahren, den Tag meiner Immatrikulation an der Uni, eigentlich den Eltern einer Freundin zurückgeben wollte) zu dem Zettel mit den Liedern, dann falle ich ins Bett mit dem guten Gefühl, an alles gedacht zu haben.

Sonntagmorgen, gegen halb elf. Ich stehe am Pult und blicke in den vollen Gemeindesaal. Hinten sitzt die Trauerfamilie von Frau H., einige aus dem Presbyterium sind da, gleich drei Pfarrer im Ruhestand, teilweise mit Ehefrauen, insgesamt um die 40 Leute (riesen Luxus!!). Der Organist, der heute Klavier spielt, setzt sich auf meinen freigewordenen Stuhl, es kann losgehen mit der Predigt.

Ich lese ab, aber gucke dazwischen immer mal wieder hoch, lasse Pausen. Der Einstieg um die Kitakinder und um Dankbarkeit macht Spaß. Bei meinem Vorschlag, statt shitstorms lovestorms in die Welt zu setzen wird zustimmend gelacht. Der Übergang zum Predigttext ( der Anfang des ersten Korintherbriefes) läuft, Verlesung des Textes auch, ich blättere um und vor mir sehe ich: den Schlussteil der Predigt. Aber der ist jetzt noch gar nicht dran. Ich blättere nach vorne und nach hinten, aber, der zweiseitige Hauptteil um Paulus fehlt. Und der war so schön! Wah! Ich blicke in die Gemeinde (ernste Gesichter) und versuche ein paar Sekunden lang, einfach weiterzureden (the show must go on), aber ich hab total den Faden verloren und ich vermute, man sieht mir meine Verwirrung auch an und manche gucken etwas besorgt und was ich sage, ergibt zudem leider auch nicht viel Sinn. Da hilft nur Ehrlichkeit:

Ja, liebe Gemeinde. Wie es aussieht, fehlt mir heute ein Teil meiner Predigt. Das ist jetzt etwas…Hmmm, ok, geben Sie mir einen Moment, ich krieg meine Gedanken hoffentlich noch zusammen. Es folgen einige, äußerst angespannte Momente der Stille. Ich versuche mich mit aller Kraft zu erinnern (wenn ich wenigstens Stichpunkte hätte! Und warum hab ich mir vorher nicht nochmal alles durchgelesen?! Crap!), dann fällt mein eigener Bogen wieder ein (ha!). Gnade im Griechischen, die Bedeutungen von Charis, dann zum bekannten Bild vom Leib mit den vielen Gliedern über die Gemeindegespräche zur Jahreslosung (innerer Frieden wirkt äußeren Frieden, auch über Dankbarkeit) und den Schlussteil hab ich dann ja wieder in Schriftform.

Während ich aus Versehen frei predige (was ich, mit guter Vorbereitung – wenigstens Stichpunkte!-, durchaus auch gerne öfter machen würde), gestikuliere ich, um meine Gedanken verständlicher zu machen. Die Gemeinde folgt mit den Augen meinen Bewegungen, ein Pfarrer nickt nachdenklich, mit zusammen gekniffenen Augen. Ich glaube, alle in diesem Raum geben sich gerade richtig viel Mühe. Und mir ist unheimlich heiß. Ich freue mich über jeden klaren Gedanken, den ich fassen kann und der mit der Predigt und ihrer Aussage zu tun hat. Im Schlussteil angekommen, entspanne ich mich etwas, aber es ist auch plötzlich komisch, den Blick ins Mäppchen zu senken und nicht mehr in die Gesichter der Gemeinde schauen zu können. Das ist ein neues Gefühl.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen. Erleichterung rollt durch den Raum wie eine kleine Lawine, jemand vorne links beginnt zu klatschen. Ich muss lachen und gleichzeitig den Kopf schütteln, über meine eigene Schusseligkeit, aus Verlegenheit und aus Glück (Gott sei Dank!), dass es jetzt doch noch irgendwie geklappt hat. Das war Gnade in Reinform, puh. Die Gemeinde freut sich mit mir und auch das tut gut. Per Mail schreibt jemand einen Tag später: Vielleicht ist es sogar gut, wenn Sie ab und an Ihr Manuskript zuhause lassen?

Als ich nach dem Gottesdienst erschöpft, aber zufrieden nach Hause komme und meine Sachen ins Arbeitszimmer bringe, entdecke ich auf dem Fußboden vor einem Regal die fehlenden Seiten. Die sind aber weit geweht worden, da habe ich beim Aufsammeln gestern gar nicht hingeschaut! Ich überfliege meinen Text und stelle beruhigt und nochmal anders erleichtert fest, dass ich das Meiste tatsächlich gesagt hab. Was für eine Aufregung! Jeden Sonntag würde ich das nicht aushalten, aber wer weiß, vielleicht wirklich ab und an?

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Das große, waldige Gemeindewesen

Pfarramt auf dem Land macht pragmatisch: an der Vorbereitung eines Gottesdienstes sitze ich ungefähr acht Stunden. Mittlerweile halte ich einen Gottesdienst an mindestens drei Predigtstätten. Wie ihr aus „Der große Graben“ wisst, haben die Glieder dieser großen Gemeinde noch nicht bemerkt, dass sie ein Leib sind ( „Hallo Nase?“ „Ich kann Bauch nicht leiden, konnte ich noch nie!“ „Oh, der eine Fuß ist ab.“ „Who cares?“). Die Leute pendeln nicht zwischen den einzelnen Predigtstätten, man bleibt lieber unter sich – praktisch für mich und meine Arbeitszeit.  Zu den Gottesdiensten bereise ich mit Ulf das große, waldige  Gemeindewesen und betreibe dabei Feld- und Wiesenforschung. Heute also ein Gottesdienst mit denselben Liedern, derselben Predigt und identischen Impulsfragen. Ein Leib, aber zwei komplett unterschiedliche Welten, 10 min Fahrzeit auseinander (dazwischen – was auch sonst – viel Wald).

Dorf D: ich komme etwas gehetzt an (das Frühstück mit dem Liebsten, frisch machen  und Ulf packen hat länger gedauert als erwartet). In der Kirche mit einem Altarkreuz aus einem gebundenen Seil (wundervoll maritim – *hach*) wartet schon Herr Alt. „Können Sie die Stühle bitte wieder im Halbkreis vor den Altar stellen? Danke!“ Herr Alt rückt die Stühle – ich hole die neuen Liederbücher, meine Gitarre, Noten – und Gitarrenständer. Im hinteren Raum ziehe ich mich um und gehe dann wieder nach vorne.  Die ersten Gemeindeglieder kommen und nehmen Platz, im Halbkreis. Drei, vier ältere Damen, ansonsten ein junges Elternpaar und zwei Mütter mit ihren Kindern. Kinder – fünf!! Die Kinder läuten mit Herrn Alt gemeinsam, im Kirchraum hören wir sie juchzen und lachen.

Dorf B: ich komme etwas gehetzt an (ich habe mit den Leuten aus Dorf D ein bisschen zu lange geschnackt). Ich eile mit Gitarre und Liederbüchern in die Kirche, in zehn Minuten beginnt der Gottesdienst, es sind ungefähr 20 Damen und Herren da (eine Trauergesellschaft und die üblichen Verdächtigen aus dem Gemeindecafé) . „Können Sie sich heute bitte in die ersten zwei Reihen in der Kirche setzen? Heute haben wir ein etwas anderes Programm als sonst“ Ich gehe nach draußen, ziehe mich um und eile zurück in die Kirche. Die linke Seite sitzt genauso da wie eben noch, nur die Trauergesellschaft ist meinem Aufruf gefolgt. Herr Fritz und der Gemeindepädagoge läuten die Glocken.

Dorf D: neues Liedgut – hurray! Eine Frau freut sich über das neue Liederbuch („Wie schön das aussieht! Und so schön umzublättern..Toll…“ Wir singen das erste Lied im neuen Buch: „Du bist da.“ Bei diesem Lied muss ich immer an meine liebe Freundin Ruth denken. Wie Rahel kenne ich Ruth aus dem Predigerseminar – uns verbindet viel, auch dieses Lied. Wir singen in Dorf D also „Du bist da“  und ich schwelge dabei in Erinnerungen: an das langweilige Singen-Üben im Seminar, wo Ruth und ich ständig pubertär Quatsch gemacht haben, an das schwere Gewitter bei dem wir schreiend über den Hof getanzt sind und die letzte Andacht bei der Zeugnisvergabe mit eben diesem Lied und Ruth hatte Tränen in den Augen. Beim dritten Refrain hat die Gemeinde in Dorf D den Dreh raus. Als das Lied vorbei ist sagt jemand stolz: „zum Schluss haben wir es hingekriegt!“

Dorf B: ich sitze irgendwie ungünstig, vor dem Altarraum, kurz vor der ersten Bankreihe. Herr Fritz ist auch da und versucht mitzusingen – die Damen linker Seite starren in das Liederbuch – keine bewegt die Lippen. Irgendein Mann von der rechten Seite singt mit. In der großen Kirche verhallt der leise Gesang schnell. Mir fehlt Herr Tafel – seine Orgel hätte den fehlenden Gesang bestimmt ausgeglichen. Als das Lied vorbei ist fange ich den Blick einer Frau aus der Trauergesellschaft auf: sie hat Tränen in den Augen.

Dorf D: Predigt. Ich lasse mir Zeit, setze Pausen, gucke immer mal wieder hoch. Die Kinder halten gut durch, ein paar tuscheln zwischendurch, aber das ist ok, nicht zu laut für die Anderen. Zum Glück ist es dieses Mal eine Erzählpredigt geworden. Hinterher singen wir ein bekannteres Lied, danach ein kurzes Gespräch über die Predigt. Es antworten zwei, drei auf meine Impulsfragen, zwischendurch wird gelacht. Stimmung: hervorragend.

Dorf B: bei der Predigt ist es mucksmäuschenstill. Fatalerweise habe ich (typisch für den 2. Gottesdienst) schon Bärenhunger und mein Magen knurrt. Ich versuche lauter als er zu sein und blicke dabei in aufmerksame Gesichter. Aber was kommt an? Beim Predigtnachgespräch spricht einzig der Gemeindepädagoge. Er stellt gute Fragen, spannende Fragen. Die anderen bleiben stumm. Wieder denke ich an Ruth. Auch sie ist seit Januar Pfarrerin auf dem platten Land (nur leider anderswo) und berichtet aus ihrer Gemeinde Ähnliches („Die Leute reden einfach nicht! Die sind stumm!“). Dorf B: „Welchen Satz nehmen Sie aus der Predigt mit nach Hause?“ Schweigen. „Hierbei können Sie gar nichts Falsches sagen – für mich als Ihre Pfarrerin ist es wichtig zu wissen, was bei Ihnen ankommt. Das wäre sehr hilfreich!“ Eisiges Schweigen. Huh, denke ich bei mir. Das ist gerade wirklich unangenehm.

Dorf D: Kurz vor Ende des Gottesdienstes noch einmal „Du bist da“, weil es so schön war. Jetzt singen auch die Kinder hörbar mit – ich bin schwer verzückt und gerührt. Beim Segen machen wir vor dem Altar einen großen Kreis und reichen uns die Hände – auch davor wird gelacht. Beim Abschied am Auto freut sich auch Herr Alt, er reicht mir die Hand und ich glaube, eigentlich will er mich umarmen, macht es dann aber doch nicht. „Super machen Sie das. Wirklich. Vielen Dank.“

Dorf B:  Auch hier singen wir ein zweites Mal „Du bist da“, aber so richtig Stimmung will nicht aufkommen. Die Damen links von mir singen auch jetzt nicht.  Nach dem klassischen Segen am Ende reiche  ich den Leuten zum Abschied die Hand. Ein älterer Herr (der Sänger von rechts?) entschuldigt sich, dass er im Gespräch nichts gesagt hat (die Ohren seien so schlecht geworden). Er bekommt die ausgedruckte Predigt mit nach Hause.  Das kühle Schweigen von vorhin muss ich erstmal verkraften.

Und so lerne ich das große, waldige Gemeindewesen mit seinen komplizierten Beziehungen und Verhältnissen langsam kennen. Aktuell sitzt es etwas unschlüssig herum und weiß nicht, was es mit sich anfangen soll. Dorf D vermute ich nach heute irgendwo in der Herzgegend, Dorf B war höchstwahrscheinlich der Buckel, an dem ich runtergerutscht bin. Aber ich bin weich gefallen: der Liebste hat Pasta gekocht und seit heut Nachmittag riecht das Pfarrhaus (großer Trommelwirbel) nach Quitten (wir haben Saft gemacht). Und das riecht tatsächlich sehr gut.

Ruth hat einen noch riesigeren  Pfarrgarten mit noch mehr Obstbäumen und sogar einem Walnussbaum. Rahel, Jonathan und die Kinder sind gerade bei ihr zu Besuch. Vor ein paar Monaten erreichte mich eine Sprachachricht von Jonathan: K1 (damals noch drei Jahre ) und Rahel sangen zur Gitarre: „Du bist da“. Herzallerliebst.Es ist nur eine Frage der Zeit, bis K2 ( Ruths und mein gemeinsames Patenkind) es auch kann.