Fröhliche Menschen auf Dörfern

O wohl dem Land, o wohl der Stadt, so diesen König bei sich hat (…). In allen Gottesdiensten, Kreisen und Andachten singe ich gerade Macht hoch die Tür, die Nr. 1  aus dem EG, die Nr. 1 unter den Adventsliedern für mich und das schon echt lange. Ich erinnere mich gut an die Gottesdienste zur Weihnachtszeit in meiner Heimatstadt, an die leuchtenden Gesichter meiner Freundinnen und Freunde, an vom Schnee nasse Mäntel, die harten Kirchenbänke aus hellem Holz und eben den  melancholisch-feierlichen Klang der Zeile Gelobet sei mein Gott, mein Tröster früh und spat  begleitet mit den unvermeidlichen, schrägen Aussetzern unserer Organistin.

O wohl dem Land ist machmal nicht so leicht. Manche Landbewohner*innen dieses Gemeindegebiets sind fest davon überzeugt, dass alles Wohl in die Städte geht und es verdirbt ihnen gehörig die Laune. Hier herrscht ein tiefverwurzelter Städteneid, verbunden mit einem eigentümlichem Lokalpatriotismus. Gegen diesen allgemeinen Trend spricht neuerdings immerhin, dass ihre landflüchtige Pfarrerin vorerst doch nicht landflüchtig wird und noch ein paar Monate (vielleicht ein Jahr?) hier bleibt. Das ist zwar Grund zur Freude, die mir jetzt von vielen entgegenschlägt, was wirklich schön ist. Ansonsten ist es mit dem Freude-Zeigen hier auf dem Land so eine Sache. Fröhlichkeit, Dankbarkeit und überhaupt emotionale Reaktionen zeigt man verhalten bis gar nicht. Außer ein Gospelchor aus den USA ist zufällig da und heizt den Leuten so richtig ein, aber das geschieht hier ungefähr alle sieben Jahre und ist einen anderen Blogeintrag wert.

Meine Großeltern mütterlicherseits stammen vom Land und sind in den 50ern in die Stadt gegangen und dort geblieben. Von der Sippschaft meines Großvaters gibt es zu meinem Vergnügen aber ein paar richtig alte, vergilbte Fotos (Fotos gucken fand ich auch schon immer toll)  von z.B. Hochzeitsgesellschaften in seinem Heimatdorf („Das da hinten ist Opa Paul! Und da Tante Gerda! Und hier ist Erika, meine….“). Auf diesen Bildern  stehen dann um die 60, 70 Dorfbewohner*innen vor irgendeinem großen Bauernhaus auf einer Treppe, in der Mitte das jeweilige Brautpaar, drumherum die Festgesellschaft und: niemand lacht. Man schaut ernst und direkt ins Bild, guckt vielleicht an der Kamera vorbei, starrt auf den Boden oder schielt nur mit einem Auge Richtung Fotograf – aber dass irgendjemand auch nur den Hauch eines Lächeln zeigt – Pustekuchen (und das obwohl man damals Kuchen in unvorstellbaren Massen in riesigen Backöfen buk, was bestimmt viele Menschen gerne mochten).

Dass ich einmal dermaßen auf dem Land landen würde haben weder meine Großeltern noch ich geahnt. Und dass die Einheimischen mich mit jenem „gelösten“ Gesichtsausdruck bis in die Gegenwart bei allen Gelegenheiten konfrontieren würden ist für mich auch nach zwei Jahren hier im Dienst immer wieder verwunderlich. Ich verstehe die Ernsthaftigkeit bei Beisetzungen oder am Ewigkeitssonntag und irgendwelchen Gedenkveranstaltungen. Ich verstehe sie nicht bei vergnüglichen Anlässen wie z.B.Taufen oder Jubelkonfirmationen. Leute, es heißt doch nicht Wir trauern Gottesdienst, sondern Wir feiern... Würde ja sonst auch völlig bescheuert klingen. Thema völlig bescheuerter Klang: Am letzten Sonntag war hier endlich mal wieder eine Taufe (Philip, 13 Jahre alt, wird nächstes Jahr konfirmiert). Die Kirche war erfreulicherweise voll (also mehr als 10 Teilnehmende) mit kirchenfernen (!) Dorfmenschen (sogar mit Kindern) und ausgerechnet an diesem Sonntag war kein Herr Tafel an der Orgel da, um den Gemeindegesang zu verstärken. Ich also mit der Gitarre u.a.  Macht hoch die Tür (whoop whoop!) begleitet und voller Inbrunst stimmlich (laut!) und stimmungsmäßig  (Freude!) alles gegeben und von den 40 Anwesenden sang gefühlt und gehört niemand mit (seufz). Gleichzeitig Kirchenmusikerin, Liturgin und Predigerin zu sein macht mich immer fix und fertig und seit meiner ersten Babytaufe in meiner Vikariatsgemeinde (da war das schon mal so) versuche ich diese dreifach-Überlastung tunlichst zu vermeiden. Am 3. Advent ging es nun nicht anders ohne Herrn Tafel – ich gab wirklich alles und bekam: ernste Gesichter im Gottesdienst und Schweigen am Ausgang, kein nettes Wort zum Gottesdienst, zur Taufe, oder zur Predigt (so viel Mühe), nix.  Immerhin freute sich jemand über mein Gitarrenspiel. Die Zweiglein der Gottseligkeit steckt auf mit Andacht, Lust und Freud.. Mal sehen, ob ich aus dieser Gemeinde doch noch ein bisschen mehr Freude herauskitzeln kann, es bleibt nun ja etwas mehr Zeit für pädagogische Maßnahmen. Yippie yeah.

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Unverhofft kommt oft

Bei den Sonntagsgottesdiensten auf den Dörfern kann man nie wissen: mal sitze ich mit zwei Leuten da, mal mit 8 und manchmal sind unter 15 Teilnehmenden drei andere Pfarrer – so geschehen letzten Sonntag im zweiten Gottesdienst.

Der Organist Herr Tafel hat Magen-Darm und ich bin mit Gitarre, einer rot-weiß-blau gestreiften Anker-Tasche (danke Barbara!) voller neuer Liederbücher, meiner Talartasche (statt klassischer Ledertasche zur Zeit ein schwarzer Süddeutsche-Werbebeutel) und gehörigem Schlafmangel unterwegs im Namen des Herrn. Am Abend zuvor bin ich mit meinem Liebsten, seiner Mutter Barbara und Schwester Gerda (mittlerweile 7) erst gegen 22 Uhr nach Hause gekommen, dann wurde noch gekocht und gegessen. Die neuen Liederbücher wollte ich eigentlich stückchenweise einführen, immer so ein Lied pro Gottesdienst. Ich habe vergessen, dass es im Ostermontagsdorf keine Gesangsbücher gibt, seit Wochen will ich welche nachbestellen und vergesse es gekonnt. Zeitlich komme ich knapp an – es ist schon fast elf. Schwer bepackt stürme ich in die Kirche und gucke nicht schlecht: richtig voll hier! Eigentlich genug um klassisch Gottesdienst zu feiern und auch Liturgie zu singen. Aber Herr Tafel ist nicht da und ohne Orgel habe ich da keine Lust drauf. Dann fällt mir siedendheiß ein, dass ich die EGs (Evangelische Gesangsbücher) vergessen habe und bei den ausgesuchten alten Liedern keiner mitsingen könnte. Also bitte ich die Meute nach vorne, Stühle, Halbkreis, neue Bücher. Sogar junge Menschen sind da – Studenten wahrscheinlich. Ein paar setzen sich auf die Altartreppen, auch ein Kind ist da und spielt mit seinem Lego-Traktor. Spontan suche ich jetzt aus dem blauen Liederbuch passende Stücke für den Gottesdienst aus. Mir schwant Übles – die Leute hier kennen das neuere Liedgut überhaupt nicht. Meine engen Grenzen, Lobe den Herrn meine Seele, Geh mit Gott – anderswo sind das schon lange  richtige Schlager. Ich sitze links außen im Halbkreis, Talar und Gitarre bieten ein gewisses Konfliktpotential (wohin mit den weiten Ärmeln?) und einen Notenständer hab ich natürlich auch vergessen – der unbekannte Mann rechts von mir muss aushelfen. Nach Votum und Begrüßung singen wir das erste Lied, Lobe den Herrn. Und hoppla: es klingt wunderschön! Die Leute singen kräftig mit, zwei fallen sogar in den Kanon ein. Das Kind hört auf mit dem Traktor zu spielen und guckt mit großen Augen in die Runde.

Es passiert mir leider nicht oft, aber manchmal ist es mit der Musik im Gottesdienst so, wie es ursprünglich mal gedacht war: als kräftiger Gemeindegesang, der alle mitnimmt, Schwung gibt und nebenbei auch noch verkündigt. Vergnügt feiere ich weiter den Gottesdienst, auch die anderen Lieder machen Spaß. Hinterher lade ich noch kurz zum Predigtnachgespräch ein – wie im Gottesdienst davor. Thema war das Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner, die im Tempel beten. In der Predigt habe ich die zwei gegenüber gestellt, ein bisschen erklärt (Pharisäer waren nicht nur die Doofen, Zöllner nicht nur die armen Guten), ein bisschen über die manchmal anstrengende protestantische Demut nachgedacht und am Ende (surprise und Trommelwirbel!) den eigenen Pharisäer in mir erkannt. Im ersten Gottesdienst  hat das keiner mitbekommen (Predigthörerin:“Wir sollen alle demütig sein“ Ich: „Hmpft“ ) .  Hier nun ist einigen die Pointe („Wenn ich unbedingt nicht sein will wie der Pharisäer, dann bin ich vielleicht gerade deshalb wie der Pharisäer“) aufgefallen – Hurray!

Erst beim Verabschieden stelle ich fest, dass neben den üblichen Verdächtigen, den Studierenden und dem Kind  drei Kollegen mit dabei waren. Einer im Ruhestand, ein anderer Probedienstler und der Mann, der mir das Liederbuch gehalten hat (wo der herkam hab ich bisher nicht rausgefunden).  Der Ruheständler und seine Frau waren die, die so schön gesungen haben. Die beiden kannten auch alle Lieder, nur das letzte nicht. Seine Frau stellt sich vor: die Tochter meines Vor-vor-vor-vorgängers, von dem die Alten hier viel erzählen. Ich lade die beiden zu mir ein und einen Tag später sitzen wir in meinem Arbeitszimmer  auf der grünen Couch und die beiden erzählen von früher, wieder geht eine ganz andere Welt vor meinen Augen auf. Sie wurde sogar hier geboren – in einem Haus, das den Krieg nicht überstanden hat. Ihr Mann hat Theologie in der gleichen Stadt wie ich studiert, nur irgendwann in den  60ern. Wir haben sogar im gleichen Studienhaus gewohnt – er als es gerade frisch gebaut war und ich kurz bevor es den Träger gewechselt hat. Wir schwärmen beide von der Gemeinschaft und dem Luxus des frisch zubereiteten Mittag – und Abendessens. Jetzt kann ich in das Lied, das mich sonst so nervt, mit  einstimmen: das waren noch Zeiten!