Aus gegebenem Anlass IV

Es ist heiß in der nicht ganz großen Stadt am Fluss. Der Weg zum Eisladen schlängelt sich durch den Park, hellbraun mit kleinen Steinen, links und rechts davon sattes grün. Die Sonne steht hoch am Himmel, lässt mich blinzeln – ist es noch weit? Ich habe Durst. 

Weit ist es nicht mehr, sagt die Freundin, nur noch über die Brücke und dann rechts halten.

Endlich kommen wir an,  Eis in der Waffel, zwei Kugeln Wonne: Zitrone und Vanille. Hmm. Am Stammplatz unten am Fluss sind vor uns schon andere angekommen: der Steg, auf dem man gut sitzen und die Füße ins Wasser baumeln lassen kann, ist klitschnass. Doof, aber was soll’s, wird schon wieder trocknen, Marie und ich setzen uns, kühlen die Füße in der Strömung und den Hosenboden auf dem Holz. 

Nur ein paar Meter weiter rechts springen lärmend Kinder in Unterhosen und Hemden ins Wasser. Nasse Jungen klopfen Sprüche, es klingt nach Stolz und Slang.

Ich hätte es gerne ruhiger gehabt. Eine Frau von hinten erklärt ihrem Sohn, dass hier keine Badestelle sei und keine Aufsicht und man das eigentlich nicht dürfe. Platsch, ein blondes Mädchen ist jetzt auch im Wasser, einfach reingesprungen. 

Ich bin froh, als die Gruppe sich etwas flussaufwärts verlagert. Ab und an hört man Gelächter. Erleichtert bemerke ich, dass das Wasser nicht allzu tief zu sein scheint, keine Gefahr für die lautstarken Kinder.

Ein anderes Mädchen setzt sich auf den Steg neben mich und streckt ihre Beine Richtung Wasser, mit ihrer Mutter im Rücken. Sie plätschert mit den Füßen im Wasser, es spritzt nach allen Seiten, auch zu mir und ich frage mich schon, ob ich etwas sagen sollte oder nicht und dann

kommt sie angeschwebt wie ein Wesen aus einer anderen Welt. In schimmernden Blautönen – sowas Schönes hab ich lange nicht gesehen. 

Als die Libelle sich  zum ersten Mal auf dem Fuß des Kindes rechts von niederlässt, bemerkt es das Mädchen zunächst gar nicht. Aber ihre Mutter: halt mal still, ich mach ein Foto!

Dann fliegt sie weiter, an uns vorbei zu dem Jungen mit seiner Mutter wow, die ist ja toll und ein paar Momente später landet sie auf Maries Knie – blaue Libelle auf weißer Leggins, wir zählen vier Flügel und mindestens drei Blautöne. Tiefes Nachtblau, Königsblau, und etwas Schimmerndes dazwischen. 

Die Libelle scheint die Aufmerksamkeit zu genießen und keine Angst vor Menschen zu haben, sie fliegt weiter von einem zur anderen, hin und her, immer mal wieder hört man ein “Oh” oder “Libelle” und “schön”. Als sie auf meinem Fuß sitzt widerstehe ich dem Impuls, den Moment festzuhalten. Zwischen den im Sommerlicht glitzernden Wassertropfen auf der Haut sieht sie aus wie ein Schmuckstück. Allerdings ein Unverfügbares, ein paar Augenblicke, dann ist sie wieder woanders.

Vor ein paar Jahren, an einem anderen Ort fragte jemand: Wie ist die Farbe Gottes? Ich überlegte, rot vielleicht – wie die Liebe? Die Antwort des Mannes war: blau. Die Farbe Gottes sei blau. So wie damals bei Mose, als er nach dem Bundesschluss am Sinai mit den Ältesten hinaufstieg und sie den Gott Israels sahen. Unter seinen Füßen war es wie eine Fläche von Saphir und wie der Himmel, wenn es klar ist (Ex 24, 10).  

Ich weiß nicht, ob der Mann Recht hat mit seiner Annahme. Vielleicht hat Gott auch noch andere Farben, alle Farben, andere, noch unbekannte Farben. Aber mit blau könnte ich auch ganz gut leben, 

Blau wie der Himmel und das Meer scheinen, wie das Wasser in den großen und kleinen Flüssen, wie deine Augen und wie die Seen, die sich in die Landschaft schmiegen.

Frisch und bewegt und lebendig, wie eine Quelle, die den tiefsten Durst zu stillen vermag. 

Amen.

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Champagner und Schnittchen

Am  1. Januar vor einem Jahr bin ich irgendwann gegen Mittag mit einem gehörigen Kater aufgewacht. Ich lag im Bett und befühlte vorsichtig mein neues Leben: Pfar-re-rin. Alles neu, alles Wahnsinn. Meine erste Nacht im Pfarrhaus fand nach zwei Altjahresgottesdiensten in meiner Vikariatsgemeinde und einer Stunde Autofahrt als berauschendes Fest zwischen Umzugskartons, Raclette und Lagerfeuer statt- der Gang sei dank.  Um Mitternacht zogen wir mit Wunderkerzen und Raketen auf den Marktplatz und begrüßten das neue Jahr in einer scheinbar menschenleeren Stadt.

In diesem Jahr klingelte am 1. Januar um neun der Wecker. Träge schlurfte ich Richtung Kaffeemaschine und Bad, die anderen schliefen noch.  Zwei Gottesdienste am Neujahrstag  wollten gefeiert werden – einer vormittags, der andere um 14 Uhr mit anschließendem Neujahrsempfang. Club Mate und einer gewissen Disziplin in der Silvesternacht sei Dank hielten sich Müdigkeit und Kater dann auch in erträglichen Grenzen. Beim Anziehen der talarfähigen Kleidung (schwarz, vier Schichten) wird der Liebste wach und fragt: „Na, haste Bock?“ Und ich sage trotz Müdigkeit und dem Drang mit der Gang tagsüber abzuhängen: „Joa, ich freu mich auf die Gottesdienste, vor allem auf die Predigt“

Martha ist die einzige aus der Gemeinde, die an Neujahr auf meine Predigt reagiert. Sie hat bis morgens um sechs gefeiert und dabei mit ihren Gästen über die weibliche Seite von Gott diskutiert. Darum ging es auch in meiner Predigt und so war ihre Freude groß. Auch die Gang findet den Weg über die Straße vom Pfarrhaus in die Kirche und reißt während des Gottesdienstes den Altersdurchschnitt kräftig herunter. Sie verhalten sich ruhig und unauffällig im Gegensatz zur Nacht davor: jemand hatte silber glitzernde Tröten mit zur Party gebracht und während wir mit Wunderkerzen und Raketen zum Marktplatz gingen, machten wir damit ungeheuerlichen Krach.

Wieder hatten wir den Platz für uns alleine. Um die Ecke gab es dafür großes Feuerwerk und kurz nach Mitternacht kamen doch ein paar bekannte Leute aus dem Ort dazu. Obwohl ich nicht daran gedacht habe die Kirchenglocken zu läuten. Weil ich nach einem Jahr hier immer noch nicht weiß, wie das eigentlich geht (dafür kann ich heizen). Luft nach oben bleibt  in der Plötzlich-Pfarrerin-Welt wohl immer. Und damit Platz für mehr Geschichten.

Euch allen da draußen ein frohes neues Jahr! Wir lesen uns und ich freu mich drauf. Cheers!