Mord im Hinterhof

In der Zentrale der drei Konfizeichen klingelt das Telefon. Mark-Justin nimmt den Hörer ab, nachdem er seinen Kollegen versichert hat, das Telefon auf Lautsprecher gestellt zu haben: „Ja, Mark-Justin von den drei Konfizeichen?““Hallo ihr drei. Hier ist Pfn. Hitchschmock. Eben war ich in Dorf E –  ich habe einen neuen Fall für euch, ein Mörder macht unsere Gemeinde unsicher und hat schon zwei Mal zugeschlagen.“ Bedeutungsvoll tauschen Mark-Justin und seine zwei Kollegen Blicke aus.  Wenn sie für die neue Pfarrerin in einem Fall ermitteln, könnte sich das günstig auf ihre Konfirmandenzeit auswirken. Außerdem: Ein Serientäter? Das gab es hier noch nie. Zudem steht auf ihrer Facebook-Fanpage: „Wir übernehmen jeden Fall.“ Zustimmendes Nicken der Kollegen Max und Flo in der Zentrale. „Wir werden den Fall selbstverständlich übernehmen. Schließlich sind wir spezialisiert auf mysteriöse Vorfälle im ländlichen Raum.“ Pfn. Hitchschmock lädt die Konfirmanden zum Gemeindecafé zur Zeugenbefragung am nächsten Mittwoch ein.

Die Pfarrerin und die drei nehmen Platz an der reichlich gedeckten und liebevoll dekorierten Kaffeetafel, anwesend sind neun ältere Damen und ein Herr. Nach der Andacht und ein paar Liedern gibt es endlich Kuchen, Tee und Kaffee. Max, Flo und besonders Mark-Justin verköstigen sich begeistert an den Leckereien. Letzterer registriert mit geübtem Auge, dass Pfn. Hitchschmock auffällig lange an ihrem Kuchenstück isst. Vielleicht schmeckt es ihr nicht? Oder sie redet beim Essen einfach zu viel. Gerade richtet sie das Wort an Frau Weizen: „Könnten Sie den drei Konfizeichen noch einmal erzählen, was sich auf ihrem Hof abgespielt hat?“

Frau Weizen ringt sichtbar mit der Fassung. „Das kann ich ja eben nicht sagen. Er ist schon zwei Mal da gewesen und hat keine Spuren hinterlassen. Schon vier sind gestorben.“ Entsetzen macht sich auf den Gesichtern der Versammelten breit, einige stöhnen auf. Die Sitznachbarin von Frau Weizen streichelt beschwichtigend ihren Arm.  Auch  Flo wird bleich im Gesicht – der Fall ist ihm schon jetzt unheimlich. Max – zuständig für Blog und Archiv – notiert die Aussagen von Frau Weizen auf einem Notizblock: vier Opfer, vom Täter keine Spur. Frau Weizen fährt fort: „Kein Blut – nichts. Nur ein paar Federn lagen vor dem Hühnerstall. Und die Tiere – keine Bissspuren, einfach tot. Ich kann mir das nicht erklären“ Frau Weizen vergräbt das Gesicht in den Händen und schluchzt. Pfn. Hitchschmock spricht mit leiser Stimme ein Gebet für die Opfer und ihre Angehörigen.

Zurück in der Zentrale im Pfarrgarten ist es still bis auf das Krächzen des Papageis Paulus, der Bericht des merkwürdigen Gemetzels auf dem Hühnerhof ist den Jungen auf die Stimmung geschlagen. „Kollegen – wir können nicht nur Trübsal blasen – wir haben einen Fall zu lösen!“ Mark-Justin kaut auf seiner Unterlippe und denkt nach. „Aber wer oder was tut so etwas?“ fragt Flo. „Das kann nur ein Monster sein.“ Max begibt sich in die Bibliothek der Kirchengemeinde. Vielleicht findet sich etwas Brauchbares zwischen den alten Lutherbibeln und der RGG4? Mark-Justin startet inzwischen die Telefonlawine, um herauszufinden, ob der Täter noch anderswo zugeschlagen hat und vielleicht dort Spuren hinterlassen hat. Er ruft vier Freundinnen und Freunde an, die wiederum vier Freundinnen und Freunde anrufen und so weiter.

In der Zwischenzeit kommt Flo eine Idee, die er gleich seinem Kollegen mitteilt: vielleicht war es der gemeine Kackmarder, der in der letzten Woche einen Motorschaden am alten Auto der Pfarrerin hinterlassen hat? Dieser Marder ging schon einmal skrupellos gegen einen PKW vor – warum nicht auch gegen Hühner? Mark-Justin schüttelt den Kopf: „Der Weg von hier nach Dorf E  ist für den Kackmarder viel zu weit. Außerdem – Hühner gibt es hier im Ort doch auch. Es muss etwas oder jemand anderes sein.“ Das Telefon klingelt, der Presbyteriumsvorsitzende (wohnhaft bei Dorf C) ist dran. „Meine Hühner sind auch in Gefahr, er hat schon einige geholt. Ich habe schon den Zaun verstärkt und halte jeden vormittag mit der Schrotflinte  Wache.“ „Wer holt die Hühner“ „Na der Fuchs natürlich. “ Freundlich bedankt sich Mark-Justin  bei dem Herrn für die Auskunft, runzelt aber kurz danach die Stirn als er Flo anspricht: „Der Fuchs holt die Hühner und frisst sie auf. Er lässt keine Opfer zurück wie in Dorf E – unser Täter kann kein Fuchs sein!“ Max kommt in der Zwischenzeit aus der Bibliothek zurück,  seine Kleidung ist voller Staub und Spinnweben. „Da drin sollte man wirklich mal aufräumen. Man findet alles Mögliche, aber nicht das, was man braucht.“ Er legt einen Kassenzettel aus den 80er Jahren auf den Tisch. „Die haben hier schon immer gerne Kaffe getrunken.“  Mark-Justin seufzt: „Kollegen, es hilft nichts, wir müssen heut nacht Wache halten beim Hühnerstall von Frau Weizen Sagt euren Eltern Bescheid und nehmt euch warme Sachen mit. Nachts wird es schon empfindlich kalt.“

Schon einige Stunden harren die drei bei Frau Weizen aus. Die alte Dame hat ihnen in der Zwischenzeit schon Tee in Isolierflaschen gebracht und auch ein paar Kekse. Zum Glück ist Vollmond und sie können das Gelände gut einsehen.  In der Ferne plötzlich in Heulen. Flo: „War das etwa ein Wolf??“ Max: „Kann schon sein, ich habe in der Zeitung gelesen, dass neuerdings Wölfe in den Wäldern unterwegs sein sollen“  Flo mit zitternder Stimme: „Oh Gott. Wie geht nochmal das Vater Unser? Ich habe es immer noch nicht auswendig gelernt“ Mark-Justin:“Du könntest ja stattdessen Psalm 23 rappen – aber das wäre auch zu laut. Wir müssen ganz still sein, sonst..Pssst!“ Ein Knistern und Rascheln, lautes Schnaufen. Die drei beugen sich nach vorne, um besser sehen zu können. „Ach, nur ein Igel.“ Schweigend trinken die drei weiter ihren Tee und blicken sich um, bis ein Schatten blitzschnell  an ihnen vorbeihuscht. Max:“Was war das denn?“  Flo:“Für einen Igel viel zu schnell“ Markus-Justin:“Und für einen Marder zu groß!“ Im Hühnerstall bricht derweil aus ungeklärten Umständen Unruhe aus – der Hahn stolziert nach draußen, begleitet von einigen gackernden Hennen. Wie ein Dieb in der Nacht pirscht sich in diesem Moment eine pelzige, schwarz-weiße Gestalt heran, nimmt Anlauf, springt in die Höhe und landet auf dem Rücken einer Henne, die sofort zusammenbricht. Reglos liegt sie auf dem Boden, das Rückgrat gebrochen von dem mysteriösen Ding mit der Maske. Max und Mark-Justin stehen betroffen am Tatort, Frau Weizen kommt aus dem Haus geeilt. “ Wir waren zu spät.“ sagt Mark-Justin verbittert. „Aber wo ist eigentlich Flo?“

„Hier!Hier bin ich! Und seht, was ich mitgebracht habe:“ In einem mittelgroßen Käfig befindet sich ein  Tier. Schwarzes Fell, weiße Maske – Flo hat den Täter geschnappt.“Ein Waschbär!!Darauf hätte ich viel früher kommen müssen.“ Mark-Justin schüttelt ungläubig den Kopf. „Jetzt brauchen Sie keine Angst mehr um ihre Hühner zu haben, Frau Weizen, alles wird gut“

Auf dem Heimweg wollen Max und Mark-Justin unbedingt erfahren, wie Flo den Waschbären gefangen hat und wo der Käfig herkam. Flo grinst über beide Ohren: „Die Wege des Herren sind unergründlich.“

(diesen Blogeintrag widme ich dem Liebsten)

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Let´s do the time warp agaaain!!

Als Pfarrerin befinde ich mich im Moment oft auf Zeitreise. Ich fahre mit Ulf in eines der kleinen Dörfer, setze mich an den gedeckten Kaffeetisch, lausche den Geschichten der alten Ida und das Wohnzimmer mit Blick auf die  Landstraße und die vorbeipolternden LKWs verschwimmt vor meinen Augen und plötzlich bin ich in der Kirche in meiner Winzstadt, kurz nach dem Krieg.

Pfarrer Hinze gibt wöchentlich Konfirmandenunterricht, ganz streng nach alter Schule. Ida mit den tiefdunklen Augen muss an die 40 Psalmen, Lieder und Gebete auswendig lernen, aber sie kann sich das alles nicht merken. Aber die Jungs bemerken sie und ihre langen, pechschwarzen Zöpfe. Und die schöne Ida soll die Jungs bemerken, also verknoten sie oft ihre Zöpfe an dem Stuhl, auf dem sie sitzt. Diese Gruppe, bestimmt 30 Jugendliche ist jetzt in der Kirche und Pfarrer Hinze spricht von der Kanzel aus  über die Bibel. Aber keiner hört ihm zu – er wird laut und schreit, das kennen die Konfirmandinnen und Konfirmanden aber schon, es zieht nicht mehr. Pfarrer Hinze weiß sich nicht anders zu helfen, er packt seine Bibel und schmeißt sie im hohen Bogen auf die quatschende Meute. Endlich Stille. Seine Methoden sind gerne unkonventionell, manchmal kommt er im Winter zu spät zum Gottesdienst, weil die Kartoffeln auf dem Herd noch nicht durch sind. Ida weiß das und sie weiß auch warum. Pfarrer Hinze packt nämlich immer zwei heiße Kartoffeln in die Taschen seines Talars, gegen die winterkalten Hände.

Besonders oft kommt es gerade vor, dass die Zeitreise sich in meinem Pfarrhaus abspielt. Diesen Sonnabend hatte ich Besuch von meinem Vor-vor-vor-vorgänger, Pfarrer Jüngel, 82 Jahre alt. Wir sitzen in meinem Esszimmer, das noch ziemlich kahl ist: ein Poster mit schräg gekritzelten Katzen, das für ein Straßenmusikfestival wirbt, ein Glitzer-Regenbogenbild von Gerda, Fotos von meinem Patenkind (das jetzt schon laufen kann und ich hab es noch nicht gesehen!), ein sehr ungeputztes Fenster (mit einer beeindruckend dicken Kreuzspinne, die ein riesiges Netz gezaubert hat) und auf dem Fensterbrett u.a. Kerzen, die ich von unten aus der Gemeindeküche äh,ausgeliehen habe. Die Wände sind weiß, das Laminat dunkelbraun, auf alt gemacht. Nebenan ist das sanierte Bad, eine weitere Tür geht zum Flur, eine dritte in die Küche.

Während Pfarrer Jüngel spricht ändert sich das Licht im Raum, die Straßenlaterne, die sonst das Zimmer im Dunkeln in oranges Licht taucht,  ist nicht mehr da. Dafür wohlige Wärme von der Seite. Es ist das Jahr 1965. Ein alter Ofen taucht im Zimmer auf, der das ganze Haus heizt. Ich suche das Badezimmer, aber die Tür ist verschwunden. Weil es hier keine Wand gibt, nur zwei Vorhänge. Rechts, unter dem Fenster auf den maroden Heizkörpern sehe ich kleine Schatten huschen. Mäuse! Dann höre ich Schritte, die sich auf der neuen Treppe nach oben bewegen. Die alte Treppe musste raus, weil die Schwiegermutter vom Herrn Pfarrer auf ihr ausgerutscht ist, zu steil. Pfarrer Jüngel hat die neue selbst gebaut, und jetzt kommt er nach Hause, seine Frau und die drei Kinder warten schon auf ihn. Er stellt den eleganten Abendmahlskoffer, den er zu Dienstbeginn vom Vorstand des Presbyteriums überreicht bekommen hat, in sein Arbeitszimmer und gesellt sich zu seiner Familie. Er wirft noch einen Blick durch das Fenster auf das Gebäude gegenüber, wo Pfarrer Richer mit seiner Familie wohnt. Er sieht seinen Kollegen und Freund und winkt ihm zu. Bald werden sie gemeinsam zum ersten Mal konfirmieren – 40 Jungen und Mädchen haben sich angemeldet. Bei 40 Familien sind die zwei Probedienstler anschließend zur Feier eingeladen, 40 Mal anstoßen auf die Jungend und das Leben. Nachts um zwei werden Pfarrer Jüngel und Pfarrer Richer nach Hause kommen, völlig betrunken.

50 Jahre später ( also gestern) feiert er mit mir gemeinsam Goldene Konfirmation und ich treffe die Jungen und Mädchen seines ersten Konfirmandenjahrgangs. Er nennt sie immer noch „die Jungen“ und die Damen und Herren freuen sich kindlich darüber. Manche sind von weit angereist und haben sich seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen. Vor dem Gottesdienst stehe ich mit Pfarrer Jüngel und der Gruppe Jubilare vor der Kirche. Gleich werden wir feierlich einziehen, nach den Glocken, wenn die Bläser spielen.  Immer mal wieder kommt ein Senior oder eine Seniorin auf mich zu und entführt mich ruckartig in die Zeit vor 50 Jahren: „Wissen Sie, wir haben einmal alle Fenster vom Pfarrer streichen müssen. Das war eine Arbeit!“ „Und ich habe immer die Kinder vom Pfarrer Jüngel gehütet, oben in der Wohnung.“ „In diesem Garten haben wir so viel gespielt!““Immer wenn ich Großer Gott wir loben dich höre, muss ich an diesen Gemeindesaal und meine Konfirmandenzeit denken“. Auch Pfarrer Jüngel kennt kein Erbarmen und erzählt mir, dass auch das Pfarramts-Schild am Gemeindehaus vom ihm stammt. Ich bin froh als die Bläser (tatsächlich ganz gut) beginnen zu spielen und mich in die Gegenwart zurückholen und wir gemeinsam einziehen.

Im Gottesdienst verknoten sich dann Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Neben mir sitzt Max (mein einziger Konfirmand) mit zwei weiteren Jugendlichen und zappelt nervös umher. Pfarrer Jüngel predigt von den Kanzel (auf der ich nie stehe), er predigt klassisch und erzählt natürlich viel von früher. Gerührte Blicke bei denen, die ihn noch kennen, ein paar Tränen fließen. Auch wenn mich sein Predigtstil heute nicht unbedingt anspricht  bin ich auch berührt.  Ich nehme diesem alten Mann seine Botschaft ab und auch die Güte, die er ausstrahlt.  Max: „Boah, wie lange geht das denn noch? Das ist ja total langweilig. Wann sind wir dran?“ Ich versuche ihn irgendwie ruhig zu halten und merke dabei, wie ich leicht ungehalten werde. Diese Jugend! Diese Banausen! Kann Max nicht einmal ruhig bleiben? Vielleicht sollte ich Pfarrer Jüngel einen Wink geben, damit er mit der Bibel von der Kanzel…

Aber vielleicht ist es auch an der Zeit, hier eine neue Geschichte zu beginnen – und das wäre dann wohl mein Job.