Landleben live

Im Sommer letzten Jahres hatte ich Besuch von einer Freundin, die sich mit ihrem Söhnchen ein paar Tage Auszeit von der Großstadt nehmen wollte. Meine Gegend bietet sich auch tatsächlich an für Urlaube. Je nachdem in welchem Dorf man sich aufhält, behaupten die Anwohner*innen, bei ihnen um die Ecke befände sich der schönste See der Welt (bisher habe ich drei schönste Seen der Welt bebadet, einer schöner als der andere, obwohl das gar nicht möglich sein sollte). Außerdem befinde ich mich quasi mitten im Wald, man kann stundenlang spazieren gehen und keine Menschenseele treffen, stattdessen findet man unterwegs unter Umständen Füchse, Rehe und Hirsche, Hasen, auch Elche wurden hier schon gesichtet (leider nicht von mir). Mit jener Freundin und deren Kind fuhren wir mit Ulf in das Dorf von Herrn Fritz, auch dort gibt es eine schöne Wanderstrecke in der Nähe eines (Überraschung!) schönsten Sees der Welt.

Auf dem Weg dorthin kommt man durch viele Dörfer, die zu meinem Gemeindegebiet gehören und zu jedem Ort wollte ich der Freundin, die zum ersten Mal zu Besuch war, alles erzählen: „Schau mal, hier ist der Ort mit dem Schloss und den ehemaligen Straßenkindern und den tollen Seminaren.[…] Und hier an der Ecke bei den Enten wohnte diese faszinierende alte Frau mit den unglaublich blauen Augen, die ich vorletztes Jahr beigesetzt habe. [..] In dieser schnuckeligen Kirche hier feiern wir immer Reformationsgottesdienst! Da ist der Gemeinderaum und da gibt es dann fast immer Kuchen und Kaffee und diese leckeren Schmalzbrote von Frau Blume. […] Und hier war das mit dieser Taufe, wo das eine Kind nicht wollte und ich  dachte, ich müsste..“ Zwischen den Anekdoten fuhren wir an Wäldern, Seen und Feldern vorbei, die Straßen mal besser und mal schlechter und plötzlich sagte die Freundin staunend und nachdenklich: „Was du eigentlich für ein Leben führst! Das ist so ganz… Anders…“

Und da fiel mir plötzlich wieder auf, dass der Pfarrdienst auf dem Land für eine Anfang 30jährige eine vergleichsweise abgefahrene  Angelegenheit ist, nicht nur wenn man Eigentümerin eines ramponierten Ulfs ist. Ich könnte ja auch in einer richtigen Stadt leben, mich abends mit Menschen aus meiner Peergroup treffen und in Kneipen auf Retrosesseln Craft Beer trinken und dann angetüdelt und entspannt  mit den Öffentlichen in meine Altbauwohnung mit Stuck fahren. Stattdessen sitze ich mit meiner neuen Mitbewohnerin Franka auf der kleinen grünen Couch im pfarrhäuslichen Wohnzimmer, streiche ihr ab und an über den Kopf und trinke statt Bier Tee (Pfarrer*innen und Lehrer*innen sind angeblich besonders gefährdet, dem Alkohol zu verfallen, mit dem Alleine-Trinken fange ich deshalb besser gar nicht erst an).

Nach Weihnachten hat mich mein Bestatter zu sich und seiner Familie zum Reste-Essen und Biertrinken (rein gar nicht Craft, aber besser als nix) eingeladen und wir saßen auf riesigen Polstermöbeln vor einem noch riesigeren Flatscreen, auf dem nebenbei leise Traumschiff lief. Schlimmer wäre es nur mit dem Helene Fischer-Weihnachtsspecial gewesen, das ich gleich zweimal innerhalb von einer Woche in der Adventszeit bei Freunden mitgucken durfte (seufz). Mein Bestatter jedenfalls hat einen immens großen, schwarzen Hund der sich wahrscheinlich nicht mit meiner kleinen, rabenschwarzen Franka vertragen würde. Hier haben ja alle Hunde. Oder Kinder. Ich hingeben habe seit ein paar Wochen eine Katze.

Eine junge Kollegin, die mit Rahel und mir im Predigerseminar war, erzählte mir, sie und ihre Familie seien erst dann richtig in der Gemeinde angekommen, als sie sich Hühner angeschafft haben. Nun könne sie über ihr Federvieh smalltalken und peinliche Gesprächspausen bei z.B. Geburtstagsbesuchen seien passé. Sie ist damit in guter Gesellschaft:

Ein Pfarrer aus der Nähe, mit dem ich mich im letzten Jahr etwas  angefreundet habe, hält auch Hühner. Und Kaninchen. Und ein Pferd. Und Kartoffeln. Im Dezember war ich dort für ein paar Tage zu Besuch und just zu dieser Zeit schlachtete er diverse Hühner und einen Hahn, mit der Axt, im Hof, auf einem Holzbock. In der Küche lagen dann die gerupften Tiere kopflos auf der Arbeitsplatte und sahen seltsam dürr aus. Durchaus gewöhnungsbedürftig, aber ich finde wer Fleisch isst, kann auch ruhig wissen wo es herkommt und muss das dann auch aushalten können.  Ich guckte also scheu- interessiert zu, roch (igitt) und befühlte u.a. eine Hühnerniere. Jener Kollege geht auch gerne auf die Jagd, wobei er vor allem das Warten auf den Kanzeln und die Atmosphäre im Wald mag. Und die Geräusche der Natur. Mit ihm, seiner Frau  und dem hiesigen Förster  hörte ich letzten Herbst zum ersten Mal das Röhren der Hirsche zur Brunftzeit. Absolut irre! Es klingt mehr außerirdisch als natürlich. Ich stand da im dunklen Wald und begriff mit einem Mal, dass diese Natur und ihre Kreaturen ja auch in dieser Welt leben, ihren Raum für sich beanspruchen und einen ganz eigenen Alltag haben. Es kam mir vor, als hätte ich ein Paralleluniversum entdeckt, Gänsehaut! Auf dem Heimweg sah ich dann einen riesigen Hirsch auf der Straße (zum Glück auf der anderen Seite), der Ulf und mich seelenruhig  beim Vorüberfahren betrachtete. Klar, wer hier der Chef war.

In den großen Städten mit den Kiosken, die immer auf haben,  kann man diese glänzenden Magazine kaufen die „Landliebe“ oder so heißen. Scheinbar liege ich mit meinem Leben auf dem platten Land voll im Trend. Ich bin quasi Vorreiterin des Trendes. Ohne tatsächlich reiten zu können, aber mir fallen spontan mindestens drei Gemeindeglieder in meinem Wohnort ein, bei denen ich etwas dagegen unternehmen könnte. Pferdemädchen mit Anfang 3o? Alles ist möglich.

Kultur, Kerzenschein und Kirche

Neben aufkommendem Abschiedsschmerz, den Gesprächen über den möglichen Abschied und Gedanken über Neuanfänge anderswo geht das Leben in der Gemeinde für mich mit allem Wahnsinn und allem Wunderbaren weiter. Es scheint in  der Natur der Sache zu liegen, dass sich Letzteres nun in einem extra schönem Licht zeigt. Sonst wäre es wohl zu einfach.

Als Kirchengemeinde bekommt man immer wieder Anfragen von Musikerinnen und Musikern, die in einer Kirche auftreten wollen. Viel ist auf dem Land kulturell nicht los, die Freude in den Gemeinden über ein kleines Ensemble, Orchester oder Chorgrüppchen ist meistens entsprechend groß. Die Kirchen werden bei gut angegangener Werbung besser besucht als zu den Gottesdiensten, was, nun ja, ist wie es eben ist. Hmpft. Wir als Gemeinde könnten den Künstler*innen keine Gage zahlen, meistens wird nicht einmal Eintritt genommen, doch mit den Spenden am Ausgang kommen die Musikanten meist ganz gut hin und vor allem auch wieder zurück in die Städte (wenn sie rechtzeitig die wenigen Tankstellen finden), aus denen sie kommen.

Im Dezember letzten Jahres hatte ich ein Duo zu Gast, das mir in bester, aber gleichzeitig auch schuldbewusster Erinnerung geblieben ist. An jenem Wochenende hatte ich nämlich vergessen, rechtzeitig (zwei Tage vorher!) die große Kirche bei mir im Ort zu heizen. Mit dicken Wollpullovern saßen die beiden während des Warmspielens (unpassender könnte dieses Wort in diesem Zusammenhang wirklich nicht sein) frierend im Altarraum. Der Violonist (ein kleiner Mann um die 50) hatte außerdem seine Brille vergessen und konnte seine Noten nicht lesen, er bekam also meine rote, große Lesebrille und sah damit fast ein bisschen hipstermäßig aus. Außerdem war es in der Kirche vorne zu dunkel, also holte ich mit dem Gitarristen (ungefähr so alt wie ich) meine Wohnzimmerlampe (Hector!) aus der Wohnung und stellte sie neben den beiden auf. Es war ein herrliches Bild, hätten die beiden dabei nicht so fürchterlich gefroren. Die Konzertbesucher*innen konnten später die Sitzheizung in den Bänken genießen, die Musiker spielten wunderbar und rieben sich dazwischen so oft die kalten Hände, dass ich vor Scham fast im Boden versunken wäre. Hilflos bot ich den beiden hinterher Tee und Schnaps an, der Gitarrist entschied sich für Wodka (sympathisch!) und stieß mit mir an: „Du hast eine tolle Kirche – aber in so einer kalten Kirche habe ich noch nie gespielt!“

Daran musste ich sofort denken, als jener Gitarrenspieler sich in diesem Spätsommer bei mir meldete und nach möglichen Konzertterminen fragte. Wir entschieden uns für Mitte Oktober und die Dorfkirche, die einmal zur Musikkirche werden soll (wenn die Orgel mit dem Marderschädel und dem Holzwurmbefall jemals wiederspielbar gemacht wird). Diese Kirche hat weder Licht noch Strom, aber eine schöne Akustik und einen leicht ruinösen Charme, dem ich völlig erlegen bin.  Auch, weil in diesem Dorf zwei Familien (die Konrads und die Mertins) wohnen, die mir in der Zeit sehr ans Herz gewachsen sind  und die sich liebevoll um die Kirche und die Gemeinde (und ja, auch um die Pfarrerin) kümmern.

Als ich am Samstag eine halbe Stunde vor Konzertbeginn in Dorf C ankomme, ist es schon fast dunkel. Aus den Fenstern der Kirche flackert Kerzenlicht, ein paar leise Gitarrentöne kommen mir durch die offen stehende Eingangstür  entgegen, oh wie schön. Herr Konrad zündet in der Kirche gerade unzählige Teelichter an, auf den Fensterbänken, dem Altar und dem Taufstein. Der Gitarrist sitzt schräg neben einem Ofen mit glühenden Kohlen (Gott sei dank!) und spielt  sich warm (tatsächlich). Noten oder eine Brille braucht er nicht, er kann alles auswendig. Herr Konrad hat extra für dieses Konzert eine Bank für den Musiker gebaut („Damit er schön sitzen kann, hier für die Füße und hier zum Anlehnen.“). Herr Konrad hat auch extra einen Stehtisch gebaut, um vor dem Konzert für die Besucher*innen Tee und Glühwein auszuschenken, was er mit seiner Frau und dem ältesten Sohn dann auch macht. Ich bin begeistert (mein Onkel ist Tischler, Josef war Tischler, ich liebe Leute, die selber Dinge bauen können) , von mir aus können wir den für die Gottesdienste gleich weiter benutzen, am Besten mit Kaffee und Mate. Der Gitarrist bevorzugt zum Konzert dann doch einen klassischen Stuhl mit extra Fußbänkchen und erwärmt in 60 Minuten die Herzen des fröstelnden Publikums und auch ich sitze bewegt in der ersten Reihe, links neben mir der jüngste Spross von Familie Konrad (Karl, 6 Jahre, frisch eingeschult, der ab dem dritten Lied mit Schluckauf und Kälte zu kämpfen hat, aber tapfer durchhält), rechts von mir ein Freund des Gitarristen („Hier sieht es aus wie im Mittelalter!“) und Herr Mertin, der selbst auch Musiker (und Tischlermeister!)  ist und aufmerksam zuhört, nebst seiner Frau in dicker Winterjacke. Nach dem Konzert folgen drei Zugaben – das Publikum klatscht sich die Hände heiß, der Gitarrist reibt sich die Hände warm  (er friert doch ziemlich) und spielt bezaubernd.

Hinterher stehen wir zusammen und überlegen, wo man noch einkehren könnte (das nächste Restaurant ist mindestens 20 min entfernt, seufz), auch ich hatte es vor dem Konzert nicht geschafft, noch etwas zu essen und mir knurrte gehörig der Magen. In unsere Überlegungen hinein bittet uns Herr Mertin zu sich nach Hause. Seine Frau feiere Geburtstag, Gäste seien kurzfristig abgesprungen – es sei Platz für den Musiker, seinen Freund und mich und es gäbe viel zu essen – ob wir mit rüber kommen wollten? Ich denke an sein schönes altes Haus, das er seit zwei Jahren liebevoll selbst renoviert  und das er mit seiner Frau so stilvoll und schön eingerichtet hat, dass ich mich immer etwas fehl am Platz (es ist so schön!) und verlegen (so könnte ich mich nie einrichten!) fühle.

Die Entscheidung zu den Mertins zu gehen ist schnell gefällt, wenig später machen wir uns auf den kurzen Weg und finden uns bald darauf im wohlig warmen Esszimmer an einer reich gedeckten Tafel mit edlem Geschirr wieder. Ich genieße die Gastfreundschaft von Robert und Sabine  (die Mertins und ich duzen uns jetzt) , die leckere Suppe und den Hauptgang mit viel Fleisch und Pasta (hmmmm) und auch den Wein, der dazu gereicht wird. Die anderen Geburtstagsgäste und wir Neuzugänge verstehen uns gut – wir unterhalten uns angeregt und mit viel Gelächter über die Vorteile des Stadt – und Landlebens, die Gemeinde, den schönsten See der Welt (liegt zwischen Dorf C und D), die Musik und Gott und das Leben. Erst nach Mitternacht (huh! so spät schon!) fahre ich mit Ulf zurück ins Pfarrhaus, der Musiker und sein Freund zurück in die große Stadt, aus der sie gekommen sind. In der Predigt am nächsten Morgen (ich hatte Dienst auch in Dorf C, mit viel Mate im Gepäck und einem erstaunlich wachen Robert Mertin in der zweiten Reihe) geht es um Tischgemeinschaft und das Reich Gottes und Jesus als Genießer. Cheers, Bruder. Amen. 

Eins, zwei, drei, vier – es ist so schön bei…

Zahlen sind wirklich nicht meins und waren es noch nie. Ich kann mich gut an meine Enttäuschung in den ersten Schulwochen erinnern: zuvor dachte ich, dass man in der Schule vor allem Geschichten erzählt bekommt, von Menschen und der Welt – Zahlen passten für mich demzufolge überhaupt nicht ins Konzept und sagten mir zu meinem großen Bedauern überhaupt rein gar nichts.  Unvergessen bleibt mir  deshalb eine Andacht von Rahel, in der sie über ihre Leidenschaft für Zahlen sprach. Als Grundschülerin erweckte ihre Phantasie die Zahlen in den Kästchen zum Leben, Rahel konnte die Sprache der Zahlen verstehen! Ich war verzückt und bedauerte einmal mehr, Rahel nicht früher in meinem Leben getroffen zu haben.

Im Pfarramt hat man unweigerlich doch mit Zahlen (und was für welchen!) zu tun: Haushaltspläne, Erbbaurechtsverträge (uiuiui), Gehälter, Mieteinnahmen und ständig eintrudelnde Rechnungen für Strom, Telefon, Organistendienste, Fahrtkosten, Architekten und und und… Zum Glück gibt es hier in der Nähe einen Kollegen, der gut und gerne (verrückt!) mit Zahlen kann und mir bei Verwirrung im Zahlendschungel  hilft.                                           Darüber hinaus machen Kirchengemeinden alle paar Jahre Inventur und nehmen alles auf, was sie so haben. Alles? Alles.  Bei uns ist es jetzt wieder soweit, und so kam Anfang der Woche eine blondgelockte Dame in die Gemeinde, bewaffnet u.a.  mit Laptop, diversen  Listen und einem Laser-Gerät, das die Größe eines Raumes messen kann. Strahlend begrüßte sie mich: “ Wie schön, hier zu sein und dass Sie sich den ganzen Tag Zeit genommen haben“! (Schockpause, Schlucken) „Den ganzen Tag?“ „Ja, den ganzen Tag, wie besprochen“ Tatsächlich habe ich dann (äußerst widerwillig) den gesamten Montag damit verbracht, mit Frau T. durch das Gemeindegebiet zu fahren, Kirchen und Häuser aufzuschließen und Dinge zu zählen.

Bevor wir losfahren konnten, mussten wir aber zählen, was sich in der Hauptpredigtstätte so befindet. In der Kirche, der Teeküche (sogar das Geschirr!), der Winterkirche, den Gemeinderäumen, Garagen und Schuppen (Aha! Eine Kettensäge!)und auch im Archiv (denkt euch an dieser Stelle bitte einen Takt dramatische Streichermusik mit Trommelwirbel). Schon nach zehn Minuten wollte ich dort vor Scham im Boden versinken. In 1,5 Jahren habe ich es nicht geschafft, das Archiv auf Vordermann zu bringen (kein Platz, keine Zeit und ein engagierter Archivprofi, der auch keine Zeit hat).  In einem 12 qm Raum, der nach 70 Jahren Einsamkeit riecht und seitdem nicht mehr grundlegend aufgeräumt wurde, liegen Aktenordner  neben Kerzenständern und Kruzifixe auf Amtsblättern, dazwischen bäuchlings ein Taufengel und diverse kleine Statuen von irgendwelchen Grafen. An antiken Stühlen und den verstaubten Regalen lehnen sperrige Gemälde mit finster dreinblickenden Unbekannten und kitschige Jesusdrucke, sowie verstaubte Kulissen, vermutlich  für ein Krippenspiel aus längt vergangenen Zeiten.  Die Mitte des Raumes bildet ein großer Holztisch, auf dem sich kostbare alte Bibeln, alte Agenden und Oblaten stapeln. Außerdem gibt es hier zwei Tresore, zwei riesige Holzschränke (auf einem verstaubt eine Zither mit rostigen Saiten)  und eine Kommode. Wer mitgezählt hat, kann sich vorstellen, dass man sich in diesem Räumchen eigentlich gar nicht bewegen kann. Frau T. begann aufzunehmen: Bibeln (nahm sie später in Metern auf, es waren einfach zu viele), Kruzifixe, Gemälde, Taufschalen, Taufkannen, Hostienbehälter, Abendmahlskelche und Patenen. Sie  machte Fotos von jedem Gegenstand, schrieb das (teilweise nur zu vermutende) Alter auf und wunderte sich: „So ein Archiv habe ich ja noch nie gesehen.“ Ich hatte viele der Kelche und Patenen noch nie gesehen: in den Schränken und Tresoren tauchten immer mehr davon auf, als hätte ich einen unheimlichen Zauber ausgelöst, Bellatrix Lestrange ließ grüßen. Zwischen all dem Zinn, Gold und Brillanten hatte ich schnell völlig den Überblick verloren und schnappte nach Luft.

Frau T. kämpfte sich abenteuerlustig weiter durch und bestaunte gebührend die alten Kostbarkeiten, deren tatsächlicher Wert wahrscheinlich alles übersteigt, was ich mir zahlenmäßig überhaupt vorstellen kann. Aber das macht zum Glück Frau T., die kann offensichtlich auch mit Zahlen. Ich höre solange Wanda und bleib die ganze Nacht.

My own, personal Pfingst-Wunder

Letzten Sonntag haben Flo und Max Konfirmation gefeiert. Vorgestern sind bei mir Fotos eingetrudelt, die u.a. die beiden und mich kurz nach dem Gottesdienst zeigen. Ich stehe strahlend in der Mitte und habe meine schwarzen Fledermausflügel auf die Schultern der beiden gelegt in dem optimistischen Glauben, die beiden würden auch vergnügt gucken. Pustekuchen. Flo verzieht den Mund nach unten und guckt gequält an der Kamera vorbei. Und Max zieht die Schultern nach oben (es war schweinekalt) und sieht aus, als hätte er seit Jahren nicht mehr gelacht.  Ich jedenfalls hatte Grund zur Freude:

Dieser Gottesdienst war für mich nämlich ein echter Krimi. Am Tag davor war ich scheinbar zu lange draußen unterwegs und muss mir eine Erkältung eingefangen haben. Am Pfingstsonntagmorgen dann: keine Stimme. Nur ein gebrochenes Krächzen habe ich rausbekommen. Wie soll man so einen 1,5 stündigen Gottesdienst mit Liturgie, Predigt, Konfirmation, zwei Gitarrenstücken und Abendmahl halten? Und was macht man eigentlich, wenn das beim besten Willen nicht geht? Am Pfingstsonntag hat ja kein Kollege/keine Kollegin mal eben frei.

Zunächst startete ich einen Facebookaufruf  und erbat Tipps. Offene Apotheken sind in dieser Gegend eher spärlich gesät, deshalb fielen viele gutgemeinte  Ratschläge schonmal aus (Gelorevoice – noch nie davon gehört). Die Zeit arbeitete jedoch für mich, der Gottesdienst begann erst 15.00 Uhr und so fand ich mich schließlich in meiner Küche beim Zwiebel hacken und Honig suchen wieder. Was man nicht alles für seine Gemeinde tut – der tapfer eingenommene Zwiebelhonig (igitt!!) steigert mein soziales Kapital in der Gemeinde ins Unermessliche. Zum Glück hatte meine Freundin, die den Tipp gab recht: man stinkt davon nicht. Daneben dann massig Tee und einige traurige Singversuche.

Ich bin froh und auch ein bisschen stolz darauf, dass ich in unseren Kirchen hier ohne Mikrofon unterwegs bin. Meine Stimme ist laut genug und Headsets oder Kabelagen machen mich eher nervös (Wo ist der Knopf? Ist das Teil an? Aus? Kann gerade jeder hören, wie ich mir die Nase putze? Wie vertragen sich Headset und Taufwasser?) und schaffen einen ulkigen Abstand zwischen Gemeinde und Liturg_in oder Prediger_in. Ich gehe auch nicht gerne auf die Kanzel, weil ich es nicht mag die Gemeinde von oben zu betrachten und „herab“ zu predigen – lieber auf Augenhöhe.

In der Kirche, in der wir jetzt Konfirmation gefeiert haben, gibt es eine Mikrofonanlage. Da ich sie noch nie benutzen musste und wollte weiß ich nicht, wie sie funktioniert. Ich weiß auch nicht wer weiß, wie sie funktioniert. Dafür kann ich seit 14 Tagen die Glocken läuten, aber das war letzten Sonntag nicht hilfreich, genauso wenig wie die verstaubte Mikrofonanlage. Egal – es musste dann so gehen.

Im Pfingstgottesdienst geschah dann tatsächlich ein Sprachwunder: zwar beherrschte ich nicht wie die zwölf Jünger auf einmal alle möglichen Fremdsprachen, dennoch kam ich im Laufe des Gottesdienstes immer mehr zu Stimme: das erste Gitarrenlied war noch holprig und wurde von mir spontan gekürzt (Kanon? Welcher Kanon?). Doch schon beim Kyrie ging es unglaublich viel besser mit der Stimme  als ich es morgens für möglich gehalten hätte. Zur Sicherheit habe ich dann von der Kanzel aus gepredigt, akustisch betrachtet macht das in vollen Kirchen ja auch wirklich Sinn und die Kirche war voll. Hurray. Ich behaupte, dass ich in diesem Gottesdienst klang wie die deutsche Synchronstimme von Dana Scully. Erotischer hätte eine Konfirmation kaum sein können. Und auch beim Abendmahl: „MULDER!!!! Brot des Lebens für dich.“

Mein Vergnügen auf dem schrägen  Foto hat also durchaus seinen Grund. Ich vermute, Max und Flo sind einfach zu jung um Parallelen zwischen diesem Gottesdienst und Akte X zu ziehen. Pfft, diese Jugend. Kurz darauf hat es gehagelt, ich weiß warum. *Tütütütütütüüüü* ( ihr hört bitte: das X-Files-theme).

 

Weihnachtsgrüße

Ihr lieben Leserinnen und Leser,

richtig plötzlich ist es mit meinem Pfarrerinnen-Dasein mittlerweile nicht mehr. Dennoch ist es gestern zum ersten Mal für mich in dieser Gemeinde Weihnachten geworden. Die Prognosen für die Gottesdienstbesucher_innenzahlen standen auf halb volle Kirche. Stattdessen – wie es sich zu Heiligabend gehört – eine rappelvolle Kirche, Menschen die beim spontanen Mitmach-Krippenspiel spontan mitgemacht haben und ich vorne und mittendrin. Viele kamen sogar ein zweites Mal in die Kirche zur Christnacht, die ich genau so gefeiert habe, wie ich schon immer mal Gottesdienst feiern wollte (mit Klavier und Gitarre und John Lennons Imagine und einer Kerzenaktion wie in Taizé).

Mit der „eigenen“ Gemeinde Weihnachten zu feiern war und ist für mich verrückt schön, nach fast einem Jahr kenne ich den einen oder die andere auch und weiß, was so alles los war. Da passiert schon mal eine wortlose Umarmung am Ausgang.

Im Pfarrhaus ist gerade volles Haus: der Liebste ist hier und Gerda und Barbara und die beiden großen Geschwister. Letzte Woche habe ich zum ersten Mal einen Weihnachtsbaum gekauft (krasserer Initiationsritus als der erste Autokauf behaupte ich) und eine Gans, die mit Äpfeln aus dem Pfarrgarten gefüttert wurde und gerade im Ofen ist. Heute hab ich frei (Halleluja!) und morgen geht es weiter mit Gottesdiensten.

Euch allen, die ihr hier immer mal wieder vorbeischaut, mitfiebert und kommentiert gesegnete Weihnachten!

Peace out und auf baldiges Wiederlesen.