the times they are a-changing

Der erste Heimatbesuch in meiner alten WG (eine Stunde mit Ulf von meinem jetzigen Wohnort entfernt) hat mich Anfang Januar komplett verwirrt. Für mich änderte sich in diesen ersten Wochen ungefähr alles: die Wohnung, die Menschen (und deren Altersstruktur) mit denen ich zu habe, mein Verhältnis zu Ulf und auf einmal so viel zu tun, dass die für Pfarrer_innen angedachten 54h – Woche knapp bemessen schien. Ich kam also bei besagtem ersten Heimatbesuch in die Wohnung, zum Freund und zur Mitbewohnerin und konnte es nicht fassen: die gleichen Möbel an den gleichen Stellen, auch die Häuser draußen und die Straßen hatte sich überhaupt nicht verändert. Meine Nachbarin sagte guten Morgen und es klang wie gute Nacht, alles genau wie immer.  Und das fand ich richtig krass.

Nach 10 Jahren Ausbildung (Studium, Prüfungen, Vikariat, Prüfungen) befinde ich mich jetzt (und noch die nächsten zwei Jahre) im Probedienst. In meiner Landeskirche wird man dafür dorthin geschickt, wo Pfarrer_innen gebraucht werden. Meist auf vakante Stellen, besonders im ländlichen Raum – eben die Stellen, die allgemein schwer besetzbar sind. Dass ich jetzt hier, immerhin in der Nähe meiner alten Heimat bin ist vergleichsweise ziemliches Glück. Ein bisschen versuchen die Chefs schon auf familiäre Umstände und so zu achten, aber immer klappt es nicht.

Jedenfalls: seit Januar ist für mich alles neu und ich bin heilfroh, dass ich zwischendurch mit Ulf losgurken kann dahin, wo die Möbel noch an der gleichen Stelle sind, wo der Freund wohnt und ich den Mate-Tee-Vorrat der Mitbewohnerin plündern kann. Letztens bin ich spontan nach Dingenskirchen gefahren, weil die Gang (mit der ich hier in dieses alte, kaputte  Gasthaus eingestiegen bin) abends zum Burger-Essen verabredet war und ich Sehnsucht hatte. Also vollzog ich vorfreudig die Verwandlung von der  „Frau Pfarrer“ (so sprechen mich hier manche ernsthaft an) mit Bluse und  Kompetenzjäckchen zu dem Rest Kleinstadthippie, der noch in mir schlummert, mit Cordröckchen, aber ohne Schlaghose drunter.

Die Sonne scheint, es ist der erste richtig warme Tag und ich laufe Richtung Innenstadt.  Die Stadt ist auffällig voll, überall Leute mit Eis auf Bänken – das bin ich vom meinem kleinen Örtchen hier gar nicht mehr gewöhnt – tolles Eis haben wir auch, nur die Leute fehlen. Ich genieße, dass da Menschen sind, die ich nicht kenne und die mich nicht kennen. Und dann ruft jemand von rechts meinen Namen. „…! Hallo! Was machst du denn hier? Hast du frei?“ Vor mir sitzen eine Freundin (aktuell Vikarin) und ein Kollege (frisch aus dem Probedienst raus) auf einer Bank und essen Eis. Die beiden versuchen mich in ein Gespräch zu verwickeln, aber so richtig Lust auf Berufssmalltalk habe ich nicht (Kleinstadthippie statt Pfarrerin, wenigstens für einen Abend),  drei Bänke weiter erspähe ich die Gang und  so verabschiede mich bald. Der Burger schmeckt, die Gesellschaft ist hervorragend, die Fritz-Kaffee-Cola befremdlich,  ich blinzele entspannt in die Abendsonne. Und dann sehe ich den nächsten Kollegen (Pfarrer einer Kleinstadt) und winke. Das hätte ich vielleicht besser lassen sollen denn schwupp stehe ich von meiner Burger-Bank auf und finde mich im nächsten Berufssmalltalk wieder. Im Gegensatz zu mir ist er amtlich ordentlich angezogen (Hemd, schwarzer Anzug). Plötzlich geht es ums Eingemachte: in unserer Nähe wird bald eine Stelle vakant und er bittet mich, dann zwei Konfigruppen dieser Gemeinde zu übernehmen. Er habe dann selbst so viel zu tun mit den Gottesdiensten und Gemeindekreisen und ich glaube ihm das auch, so eine Vakanz ist richtig hart. Doppelt so viel Arbeit in eben nicht doppelt so viel Zeit für nebenbei auch nicht doppelt so viel Geld. Als ich wieder zum Tisch zurück komme sagt eine Freundin aus der Gang: „Du siehst müde aus“. Nach dem Essen machen wir uns auf den Weg zu einer Bar, in der man eine riesige Whiskeyauswahl hat. Seit dem Predigerseminar mag ich nämlich Whiskey (die langen Abende und Nächte, man musste sich ja irgendwie beschäftigen). Auf dem Weg dorthin sehe ich den ehemaligen Superintendenten auf einer Bank vor einer anderen Kneipe sitzen, ins Gespräch mit einem älteren Mann vertieft. Der ältere Mann kommt mir auch bekannt vor, aber ich weiß nicht genau woher.  Der ehemalige Sup lacht mir zu und winkt, der andere auch,  ich winke zurück. Der Sup und ich kennen uns aus meiner Vikariatszeit und wir verstehen uns gut, aber heute will ich nicht noch mehr Berufssmalltalk, also weiter Richtung Whiskey. Als wir in der Bar sitzen, vor uns die erste Runde mit Getränken, fällt mir ein woher ich das Gesicht des anderes Mannes kenne. Das war der Generalsuperintendent! Ausgerechnet. Ein freier Abend in einer anderen Stadt und ich treffe fünf Kollegen und Kolleginnen im Radius von vielleicht 600 Metern. Von wegen mal einen Abend raus und andere Luft und so. Die plötzliche Pfarrerin gehört ab jetzt wohl genauso dazu wie der alte Kleinstadthippie.

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Kurzzeit-Pfarrfamilie

Eigentlich hatte ich gehofft, dass es nach dem Ostermarathon etwas ruhiger zugehen würde. Besuch hatte sich angemeldet, zwei liebe Menschen (Katharina und Christian) , die ich noch aus meiner ersten Studentenstadt kenne.

Damals im ersten Semester lief ich noch mit zotteligen Dreadlocks herum und fand Cordröcke über Schlaghosen cool (mein Freund behauptet ich wäre ein typischer Kleinstadthippie, immer noch). Zum Glück fand Katharina das auch cool und so freundeten wir uns an. Von Theologie und allem was damit zusammen hing hatte kurz vor meinem ersten Semester überhaupt keinen Schimmer. Ich wusste, dass ich Latein, Griechisch und Hebräisch würde lernen müssen und dass das alles ziemlich lange dauern würde. Aber ich war voll naiver Hoffnung, das alles schon irgendwie zu schaffen, warum auch nicht? Die Sprachen wären ein Grund gewesen für das auch nicht. Und definitiv auch mein Lateinlehrer, Herr M. Meine Güte, was hab ich bei diesem Menschen Blut und Wasser geschwitzt, ich hatte sogar Albträume von ihm.  Eine Bekannte von mir ist damals tatsächlich in seinem Unterricht in Ohnmacht gefallen vor lauter Angst. Kein Witz. Ein Tyrann der Deklinationen.

An einem Abend in der Woche nach nach Ostern sitze ich mit Christian in einer ruhigen Minute unten auf der gelben Bank und wir rauchen und reden. Ich bin ziemlich geplättet, weil ich gerade mit drei Bestattungen parallel beschäftigt bin und die Trauergespräche sehr aufwühlend waren. Entweder sehr lang (über 2 Stunden)  oder einfach heftig (junger Mensch, jünger als ich). Und das in der Zeit, in der Urlaub viel besser wäre (nach Ostern) und doch der tolle und lang erwartete Besuch da ist. Christian arbeitet an der Uni in meiner ersten Studentenstadt. Christian hat eine Woche vorher gemeinsam mit dem Tyrann der Deklinationen die mündlichen Latinumsprüfungen abgenommen. Er sagt zu mir: „Hej, du hast doch das Latinum  – da schaffst du doch auch das Pfarramt.“ Diese Logik leuchtet mir nicht sofort ein (Landpfarramt und Latein??) und dann erklärt er: „Das hat Herr M. zu mir gesagt: der ganze Drill in Latein sollte euch darauf vorbereiten, wenn eben wie jetzt alles durcheinander gerät, dass ihr nicht die Nerven verliert.“ Da hat der fiese Tyrann doch tatsächlich einen fast freundlichen Ansatz gehabt – das hätte ich nie gedacht. Herr M. hört jetzt auf zu unterrichten, unvorstellbar. Wen kann er denn jetzt quälen und vorführen? Und was soll aus der nächsten Generation Pfarrer_innen werden, die nun ohne diese großartige Vorbereitung durch den Lateinkurs in den Berufsalltag geschickt werden? Die können ja gar nichts. Die rasten ja gleich aus, wenn mal drei Bestattungen aufeinander kommen.

Katharina und Christian sind seit anderthalb Jahren Eltern von der bezaubernden Auguste. Die war natürlich auch dabei und weil Katharina und Christian mich auch mal im Dienst (und überhaupt) erleben wollten, begleiteten sie mich zu dritt  zu einem der Gemeindecafés im Dorf von Herrn Fritz. Die Damen und Herren freuten sich sehr über den unvermuteten Besuch („Wir haben sowieso zuviel Kuchen!“). Christian war mein Roady und reichte mir bei Bedarf ungefragt meine Gitarre (bin ich doch noch ein bisschen Rockstar geworden, ha!) und half Lieder aussuchen und vorlesen. Katharina machte freundlich Smalltalk und achtete darauf, dass Auguste zwischen den ganzen Stühlen, älteren Menschen und Kuchenmassen nicht verloren ging. Angeblich kann Auguste nicht so gut mit alten Leuten, vor ihrer eigenen Urgroßmutter hat sie Angst und fängt zu weinen an wenn sie auf ihren Schoß soll.  Aber an diesem Nachmittag (oh Wunder!) schloss sie Freundschaft mit der ältesten und faltigsten Dame, die die Gruppe zu bieten hatte. Die beiden (und Teddy) verstanden sich prächtig, fast hätte Auguste der Dame ihren Teddy geschenkt. Zwischendurch geht es um Kindernamen und dass man früher doch ganz andere Namen gewählt hatte. Die älteste Dame, mit dem Teddy und Auguste auf dem Schoß sagt irgendwann: „Ich weiß gar nicht, wie ich den Namen meines Urenkels aussprechen soll. Irgendwie mit s und y und z?“ Katharina und ich fragten:“Sie können nicht sagen wie ihr Urenkel heißt?“ Sie schüttelt etwas traurig den Kopf. Mit „Auguste“ hat sie jedenfalls kein Problem.

Ein bisschen Zeit konnte ich mir zwischendurch dann doch  freischaufeln und so gingen wir zu fünft (der dreifache Besuch, mein Freund und ich)  spazieren. Wir sind eine ganze Weile unterwegs und genießen die Sonne. Auf dem Rückweg kommt uns ein Auto entgegen. Katharina und Christian laufen ein Stück weiter vorne. Mein Freund und ich nebeneinander, Auguste im Kinderwagen vor uns herschiebend.  Als das Auto bei uns beiden  ankommt wird es langsamer und eine Frau guckt aus dem Fenster. „Wohnen Sie im Neubau?“ ich: „Nein, im Pfarrhaus.“ sie: „Ach so, dann alles Gute!“ schließt das Fenster und fährt weiter. Futter für die Gerüchteküche. Irgendwas muss hier ja los sein, und sei es das kurze, ideale Pfarrfamilien-Leben der Entsendungsdienstlerin.