Gartenfreuden

Ulf hat seit ein paar Wochen einen neuen Spitznamen. Mit seinen schicken neuen Sommerreifen und den elegant glänzenden Felgen (live on LandpfarramtTV: Pimp my Ulf)  macht er auf den holprigen Straße einen derart freshen Eindruck, dass ich ihn jetzt manchmal Sport-Ulf, kurz „Spulf“ nenne. Ich glaube, er freut sich darüber, jedenfalls sieht er von vorne so aus, als würde er mir vergnügt zuzwinkern. Oder als sei der eine Blinker mit Gaffa festgetaped (fällt sonst raus), whatever.

Wenn Spulf (<3) und ich nach Hause kommen, werden wir von Nachbars Schafen begrüßt. Obwohl, die blöken eigentlich den ganzen Tag herum und wahrscheinlich bilde ich mir das mit der Begrüßung auch nur ein. Es wäre auch eine wirklich unfreundliche Begrüßung, das eine Schaf scheint nämlich permanent schlechte Laune zu haben, es macht nicht einfach so „möh“, es klingt eher nach „MÖÖÖHH!!!!„. Vielleicht gibt es auch unter Schafen Anhänger_innen populistischer Parteien? Vielleicht hat es panische Angst vor schwarzen Schafen? Während ich diese Sätze schreibe, schreit das Schaf nebenan weiter. Die mediale Beachtung scheint das Schaf weiter anzustacheln. Ob nebenan der Gauland unter den Schafen steht und seine Weisheiten in die Herde  (und den Pfarrgarten) brüllt? Vielleicht hat das Schaf Schwierigkeiten mit der Nachbarschaft, am Ende mit mir (ich bin ja schließlich ein Schwarzkittel), oh no.

Höchste Zeit, sich zwei Gärten weiter links umzuhören. Frau G. hat einen gepflegten Garten und einen großen Hof mit Tauben und Hühnern. Ich habe bisher nur ihren  Garten gesehen, der direkt an meinen angrenzt. In regelmäßigen Abständen kräht ein Hahn ein ordentliches, klassisches „Kikeriki!“. Was danach folgt ist mit Buchstaben eigentlich nicht zu beschreiben: ein krächzendes Geräusch, das nur deshalb an das Krähen eines Hahnes erinnert, weil es kurz nach dem tatsächlichen Krähen eines Hahnes zu hören ist: „ähchrrchrri“. Wenn ich das Geräusch nicht  seit Monaten mehrmals am Tag hören würde  wäre ich davon überzeugt, dass das arme Tier beim „Krähen“ erwürgt wurde. So vermute ich, dass das Geräusch seinen Ursprung in einem sehr  kleinen, zerrupften Hähnchen hat, das gerne größer wäre (ob er Bart trägt?). Das Hähnchen bildet dann wohl die Opposition im Hühnerstall, um die es scheinbar nicht gut bestellt ist.

Um meinen Garten ist es übrigens auch nicht gut bestellt: voll frühsommerlichen Übermuts habe ich mir eine wundervoll buntgestreifte Hängematte besorgt und sie zwischen zwei Bäumen im hinteren Teil des Gartens aufgehängt. Abwechselnd, teilweise auch gleichzeitig schaukelten der Liebste und ich, einen Tag später Max und Flo in ihr herum und nach drei Tagen und einem großen Sturm lag einer der beiden Bäume dar nieder, hingestreckt und auf alle Zeit von Mutter Erde getrennt. Man munkelt, vielleicht seien auch Wühlmäuse an der Aktion beteiligt gewesen (die Wurzeln sehen wohl angenagt aus), aber trotzdem habe ich ein schlechtes Gewissen, lieber Baum, es tut mir leid.

Kurz vor der Konfirmation war ich bei Max  im Garten, um mit seiner Mutter noch ein paar Sachen für den Gottesdienst zu regeln (Blumenschmuck für den Altar, der später für einen kleinen Eklat sorgen würde, weil er in den Augen mancher viel zu klein war. Nerv.). Ordentlich gemähter (nicht gemöh!!!ter) Rasen, ein braun-weißer Hund mit Schlappohren und Watschelgang der wohl gut für die Jagd ist, eine riesige Kühlkammer mit einem Reh („Wollen Sie mal gucken? Hat mein Vater geschossen! Das hängt da jetzt.“ Ja, doch,.. Oh…“). Max war vergnügt: „Jetzt können Sie endlich mal meine Schildkröte sehen!“ Ich: „Ähh ja, das haben wir letztes Mal nicht geschafft…Wie heißt deine Schildkröte denn?“ Max: „Schildi.“ Ich ziehe die Augenbrauen hoch: „Ernsthaft?“  Max guckt mich irritiert an:  „Klar, warum nicht?!“ Schildi ist eine schon über  60 Jahre alte griechische, männliche Landschildkröte, ungefähr so groß wie meine zwei Handflächen nebeneinander. Das Alter tut seiner Libido keinen Abbruch, Schildi will kleine Baby-Schildis zeugen, koste es was es wolle. Ich hatte keine Ahnung, wie schnell so eine Schildkröte unterwegs sein kann oder wie eine Schildkröte flirtet. Schildi kommt zielstrebig angekrochen und stößt mit seinem Kopf gegen meinen Schuh: Tock – tock -tock-tock. Und  noch in dem Moment, in dem ich mich darüber wundere wo eine Schildkröte diese Kraft und Geschwindigkeit hernimmt, ist er auf meinem Schuh und ruckelt herum. Max`Mutter seufzt und setzt ihn abseits auf einen einzeln herumliegenden Gartenschuh um: „Ja…Der Schildi hatte auch mal ein Weibchen, aber das ist lange her und eigentlich bräuchte er drei..“ Max „Irgendwann macht er dabei auch so ganz komische Geräusche..Wollen Sie mal hören? Das klingt voll lustig..Warten Sie mal kurz!“ Bekanntlich soll man gehen, wenn es am Schönsten ist.

Das Schaf schimpft entrüstet, als ich nach Hause komme, was soll es auch sonst tun? Es gibt scheinbar keine Alternative für dieses Schaf. Vereinzelt rufen jetzt auch die anderen, wenn auch noch zaghafter („mäh!“ „bäh!“). Wie auch immer –  in meinen Garten kommen die jedenfalls nicht. Spulfi hat mir da mit einem charmanten Zwinkern zugestimmt.

 

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Die Sucht und Das danach

Kurz vor Beginn der Adventszeit im letzten Jahr hatte ich die glorreiche Idee, mal wieder mit dem Rauchen aufzuhören. Das letzte Mal habe ich diesen Versuch während des ersten theologischen Examens unternommen, was eine mindestens ebenso glorreiche Idee war (Altes Testament? Entstehungsgeschichte? Ich will rauchen!). Das Predigerseminar mit seinen kurzen Pausen und langen Nächten und dem permanenten Klassenfahrtsgefühl beendete diese 1,5 Jahre währende Abstinenz nachhaltig.

In der Gemeinde blieb mein Laster nicht lange unentdeckt und man reagierte teils amüsiert und teils fassungslos, je nachdem ob ich es mit einer rauchenden oder nichtrauchenden Person zu hatte. Als ich nach dem Sommerurlaub nach Hause kam, fand ich einen Brief, der handschriftlich an „unsere Frau Pastorin“ adressiert war. Der Inhalt: „Liebe Frau Hitchschmock, wir haben bemerkt, dass Sie rauchen. Wir machen uns große Sorgen und  wünschen uns, dass Sie noch lange bei uns sind und gesund bleiben. Bitte hören Sie mit dem Rauchen auf.“ Unterzeichnet in aller Konkretion mit „Ihre Gemeinde.“ Dazu drei Seiten aus der Apotheken-Umschau mit Tipps zum Aufhören. Nach dem Lesen schwankte ich zwischen Amüsement (irgendwie schon süß) und Fassungslosigkeit (was denken die sich eigentlich?). Ich gehe stark davon aus, dass ich so einen Brief niemals bekommen hätte, wenn ich ein Mann wäre. Wahrscheinlich triggere ich bei den Damen sämtliche Oma-Instinkte an. Nach einer kurzen Zeit der Ärgerei beschloss ich den Brief mit Humor zu nehmen und als unbeholfene Sympathiebekundung zu deuten (sie wissen ja nicht, was sie tun) und nicht weiter zu thematisieren. Ich hätte auch gar nicht gewusst wie und wozu.

In meinen Konfirmanden-Gruppen (aktuell sind es drei wegen meiner Teilvakanz) taucht immer mal wieder das Thema Drogen auf und die Kleinen sind total Anti mit Rauchen, Alkohol und dem Zeug, das ihnen von den Dealern in den Schulen angeboten wird. Die finden das alles richtig kacke und ich freu mich über so viel (noch) vorhandene Vernunft. Die Vorstellung, dass einer oder eine von denen mich nach dem Unterricht hektisch und fröstelnd an einer Zigarette ziehen sehen könnte, fand ich richtig kacke. Obwohl mir jede Zigarette danach vor allem bei der einen Gruppe dringen nötig erschien. 8 Jungs und 2 Mädels, die mich jeden Dienstag nachmittag komplett in den Wahnsinn trieben. Wochenlang konnte ich mit dieser Gruppe unabhängig von Methode oder gruppendynamischen Spiel überhaupt rein gar nichts anfangen. 1 Stunde Terror aus kollegialer Nettigkeit. Bescheuert.

Wenn ich mit dem Rauchen aufhöre, verwandele ich mich in eine tickende Zeitbombe. Die kleinste Reizung bringt mich zum Explodieren (der Liebste kann ein trauriges Lied davon singen). Am schlimmsten sind die ersten drei Wochen, davon am schlimmsten die ersten Tage. Am 1. Advent rauchte ich die letzte Zigarette. Den ersten rauchfreien Tag in aller Bissigkeit und Ungeduld („Ich mein es ernst – wer nervt, fliegt“) bekamen die Konfirmanden und Konfirmandinnen der Terror-Gruppe ab. Und siehe da: so ruhig waren sie nie.  Ob das nun mehr über die Konfies oder mich sagt, sei euch zur Interpretation überlassen. Obwohl das ein sehr schönes Erlebnis war, habe ich seitdem nicht wieder angefangen und wieder aufgehört, um den  ersten Tag danach für diese Gruppe aufzusparen. So groß war diese Verlockung dann doch nicht.