Aus den Augen und überhaupt nicht aus dem Sinn

Die Weihnachtstage gehen wohl für alle Pfarrer*innen wie im Rausch vorüber. Ich weiß von Kollegen, die im Januar Urlaub nehmen, wegfahren und Weihnachten mit ihrer Familie dann in Ruhe nachfeiern. Im letzten Jahr habe ich es versäumt, meine Urlaubsplanung aktiv voranzutreiben (mööp!) mit dem wenig überraschenden Ergebnis, dass ich jetzt keinen Urlaub habe, bis ins Frühjahr hinein nicht.  Zum Glück ergab sich erfreulicher Besuch zwischen den Jahren, der doch ein wenig Urlaubsglücksgefühl und Entspannung mit sich brachte.

Da mein Umgang mit Zahlen nach wie vor ein ziemlich krautiger ist (ich schreibe hier nicht, in welche Gewissensnöte mich die galaktisch hohen Kollekten von Heiligabend gebracht haben), bin ich mir bei folgender Angabe nicht ganz sicher: vor vermutlich 12 Jahren (oh Gott, ist das lange her!) traf ich während des Hebräischkurses, bzw. während der Kaffeepausen danach auf Frederike. Es folgten Monate der Glückseligkeit. Irgendwo las ich letztens, Freundschaft sei Liebe ohne Sex. Frederike und ich klebten tatsächlich wie Frischverliebte aufeinander und genossen das Studentenleben mit allem was dazugehörte: durchtanzte Nächte, Radtouren zum Baggersee (mit Melonen-Picknick!), über u.a. Hebräisch ächzen, manchmal Gottesdienste besuchen (und währenddessen auswerten)  und sogar regelmäßige gemeinsame Schwimm-Dates (so sportlich wurde ich bisher nie wieder). Frederike half mir bei sämtlichem (vielen) Umzügen in und aus meiner Universitätsstadt und ich schleppte auch für sie Kisten, Regale und Kunst. Leider wohnt sie heute viel zu weit weg, aber der Grund dafür ist einer, den ich akzeptieren kann (die Liebe).

Als ich meine erste Universitätsstadt und mit ihr auch Frederike (wohnlich) hinter mir gelassen hatte, war der Neustart in der anderen Stadt mit viel Herzschmerz und Trauer verbunden. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich dort jemals glücklich werden könnte (alles neu! Alles grausig!) und war felsenfest davon überzeugt, dieser Umzug vor wahrscheinlich 8 Jahren (?) sei der größte Fehler meines Lebens gewesen. Ich saß  also  am Schreibtisch und beschniefte mein Unglück. Dann klopfte es an meiner Zimmertür und jemand fragte: „Hey, magst du mit uns Abendessen?“ Mit Essen konnte man mich schon damals aus der Reserve locken. Wie gut, dass Julia mich damals eingeladen hat! Mit ihr verbinde ich die schönsten Straßenmusik-Erinnerungen, durchfeierte Nächte (die Theo-Partys sind zu Recht berüchtigt), Taizéandachten in der Bibliothek,  die ersten Aufnahmen im Tonstudio und eine etwas zeitversetzte, aber dennoch gemeinsam überstandene Examenszeit. Höchstselten gibt es seitdem Wochen, in denen wir nicht voneinander lesen oder hören, obwohl auch Julia schon einige Jahre woanders wohnt und arbeitet.

Es ist das Schicksal von Theologiestudierenden, dass wir nach dem 1. Examen in alle Himmelsrichtungen (=Landeskirchen, blöde Erfindung!) zerstreut werden und dann mit viel Aufwand (Urlaubsplanung bestenfalls ein Jahr im voraus -> mööp!) schauen müssen, wie man es schafft in Kontakt zu bleiben. Vor 11 bzw. 8 Jahren hätte ich niemals gedacht, dass ich einmal mit Frederike oder Julia gemeinsam einen Gottesdienst in der Hauptpredigtstätte meiner ersten Pfarrstelle auf dem platten Land feiern würde, am Silvesterabend 2016. Doch Wunder geschehen ja bekanntlich immer wieder und ich schätze, meine Gemeinde wird sich auch gewundert haben: Plötzlich waren aus einer jungen Pfarrerin drei junge Pfarrerinnen geworden. Ja, liebe Leute, es gibt nämlich noch mehr davon! Hurray! Wir drei wechselten uns ab mit den Lesungen und Gebeten und schnell wurde mir klar, dass hier etwas Besonderes passierte. Ich lernte Frederike und Julia in ihren Rollen als Pfarrerinnen kennen und bin bis heute geflasht davon. Zu unserer Freundschaft gesellte sich während dieser knappen Stunde  Dienst nämlich auch noch eine spirituelle Ebene dazu – echt krass und schön. Es bleibt für mich äußerst betrüblich, dass weder Julia noch Frederike hier in meiner Ecke wirken, aber ihre Gemeinden können sich glücklich schätzen und ich freue mich für sie. Und auf den nächsten Urlaub, der mich dann vielleicht in die Gemeinden von Frederike oder Julia führen wird. Und dann werden wir bestimmt wieder mehr als Gottesdienste feiern, so wie schon Silvester 2016. Cheers!

Liebe Internetgemeinde, etwas spät (so busy gewesen) aber von Herzen jetzt: Frohes Neues euch allen und in allem was so geht und kommt, let love rule!  Man liest sich 🙂

 

Weihnachtsgrüße aus gegebenem Anlass

Frohe und gesegnete Weihnachten, liebe Internetgemeinde! Noch vor der ersten Christvesper in den Dörfern (insgesamt drei Gottesdienste, drei verschiedene Krippenspiele, viel Potential für Wahnsinn) und der Christmette  hier für euch mein  Impuls zum Tag. Keep on lovin!

Impuls Christvesper

Weihnachten passt dieses Jahr eigentlich nicht, finde ich. Die Bilder aus aus Syrien, besonders aus Aleppo, die Erinnerungen an Nizza und die Aufnahmen vom Weihnachtsmarkt in Berlin – sie legen sich wie ein dunkler Schleier über die Lichter, die seit Wochen in meiner Wohnung gegen die langen Nächte leuchten: sie verdunkeln die Kerzen des Adventskranzes, den geschmückten Weihnachtsbaum und selbst den kleinen roten Stern an meinem Wohnzimmerfenster.
Es ist in diesen Tagen für mich und viele andere schwierig mit besinnlicher Stimmung, mit weihnachtlicher Wohligkeit. Die Welt und ihre Geschehnisse werfen ihre langen Schatten hinein in die Zeit, in der es doch eigentlich heller in uns und um uns herum werden sollte. Weihnachten, ich gebe es frei heraus zu, stört mich in diesem Jahr.
Wie können wir in diesen Tagen Weihnachtsfreude empfinden? Wie passen das festlich geschmückte Haus, der Gänsebraten und die Geschenke unterm Baum in diese Welt, die gerade vielen so finster und erlösungsbedürftig erscheint?
In der Geschichte von Jesu Geburt, die wir gerade so schön als Krippenspiel gesehen haben, passte damals auch so einiges nicht: Es gab Störungen und Unvorhergesehnes und ja.. Es gab damals wie heute Unrecht und Gewalt. Die Geschichte von Jesu Geburt war eigentlich nicht wohlig und gemütlich:
So vermute ich, dass Maria eine ganze Weile gebraucht haben wird, um Freude über ihre überraschende Schwangerschaft zu empfinden. Der Engel, der ihr die Botschaft überbrachte jagte ihr mit seinem Erscheinen und seiner Ankündigung zunächst einen gehörigen Schrecken ein. Und neun Monate später hat sich Maria die Geburt ihres Kindes sicherlich anders vorgestellt. So wie jede Mutter wird sie sich viele Gedanken gemacht haben, wie ihr Kind gut in dieser Welt ankommen kann. Ein langer Fußmarsch ohne Unterkunft war vermutlich nicht Teil des Plans.
Ihren Mann Josef kostete es zunächst Überwindung, das ungeborene Kind anzunehmen und bei Maria zu bleiben. Ein Engel musste kommen und ihn zum Bleiben überreden.
Außerdem waren die Zeiten damals alles andere als sicher und ruhig. Die Römer hatten das Land besetzt, immer wieder gab es gewaltvolle Aufstände. König Herodes war ein Herrscher, der mit Schrecken in Jerusalem regierte und mit Gewalt seine Macht ausübte.
Das Kind wird schließlich in Bethlehem geboren, – in einem Stall, zwischen Tieren, es liegt in einer Futterkrippe – keine Hebamme ist da, kein Arzt, niemand der den werdenden Eltern hilft. Hirten vom Felde sind die ersten, die das besondere Kind besuchen. Leute, die mit ihren Herden unstet umher ziehen, die unter freiem Himmel schlafen und ärmlich leben. Bald nach der Geburt kann die Familie nicht gleich nach Hause, sondern muss über Ägypten fliehen, weil König Herodes nach dem besonderem Kind sucht und ihm Gefahr droht. Das waren keine besinnlichen Zeiten damals, es war nicht alles friedlich oder gut – im Gegenteil.
Und doch: Gott kam genau in diese Welt. Er kam, um diese Welt zu erlösen von all dem, was sie dunkel machte. Seine Geburt in jenem Stall passt nicht – sie stört in ihrer Armseligkeit den Gedanken an einen mächtigen Gott, der doch das Geschick der Welt in den Händen hält. Der Schöpfer selbst wird in Bethlehem zum hilfsbedürftigen, schutzlosem Geschöpf, das den Wirren der Welt und des Lebens ausgesetzt ist. Die Antwort Gottes auf die Gewalt in der Welt war gerade keine Machtdemonstration, keine Gegengewalt – nein, seine Antwort war eine Friedensbotschaft in Gestalt eines gewickelten Kindes in einer Futterkrippe. Auf den Hass der Welt reagierte Gott so mit entwaffnenden Vertrauen, mit unbedingter Liebe.
Gott hat auch nicht versäumt der Welt mitzuteilen, was man braucht, um diese Antwort, diese Liebesbotschaft empfangen zu können. Oder besser gesagt: was man nicht braucht: Bevor die Engel den Hirten die Freudenbotschaft von der Geburt des Kindes verkünden, sagen sie:
Fürchtet euch nicht!
Mit diesen Worten beginnt die Weihnachtsbotschaft in der Welt: Fürchtet euch nicht! Wenn das Herz von Angst beherrscht ist, kann es die göttliche Botschaft der Liebe nicht aufnehmen, nicht spüren. Angst macht Herzen eng und hart.
Weihnachten feiern bedeutet deshalb nicht in erster Linie Gemütlichkeit oder Besinnlichkeit., die kommen für mich an zweiter Stelle. Weihnachten feiern bedeutet für mich in erster Linie eine echte Mutprobe: Fürchtet euch nicht!
Besonders in diesem Jahr lädt uns das Fest von Jesu Geburt ein, Angst zu überwinden und Platz für Vertrauen und Liebe machen. Denn ich glaube daran, dass Liebe den Hass stört und überwindet. Liebe ist stärker als Hass. Wer in diesen Tagen Stärke beweisen will, der hält sein oder ihr Herz offen: Wir haben keine Angst. Wir fürchten uns nicht.
Weihnachten stellt den dramatischen Schreckensbotschaften diesen Jahres eine jubilierende Liebesbotschaft entgegen. Ehre sei Gott in der Höhe und sein Friede kommt auf die Erde zu den Menschen, denen er sich in Liebe zuwendet“ Mit diesen Worten endet die Botschaft der Engel an die Hirten auf dem Feld. Zuerst wird den Hirten also die Angst genommen und zum Schluss wird ihnen Frieden zugesprochen. Wunderbar.
Nein, Weihnachten passt gerade nicht in diese Welt, seine Botschaft stammt ja auch nicht aus dieser Welt und ich glaube, das ist im besten Sinne gut so. Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir Weihnachten hier und zuhause und vor allem auch in diesem Jahr besonders strahlen lassen. Hier in der Kirche, an der Festtagstafel oder unter dem Weihnachtsbaum: Wir haben keine Angst. Wir fürchten uns nicht. Frieden kommt auf die Erde.
Weihnachten stört mich immer noch, aber es stört mich auf wunderbare Weise.
Hoffentlich noch lange über die Festtage hinaus.
Amen.