Musik, oder so ähnlich

Musiker_innen sind in den Pfarrämtern im ländlichen Raum heiß begehrt. Kein Wunder – wenn nur zwei, drei Menschen im Gottesdienst sind, die mehr oder weniger sicher mitsingen können, dann macht eine Kirchenorgel einen gewaltigen Unterschied. Ich kenne großartige, gut ausgebildete Kantoren und Kantorinnen, die leider ganz woanders leben und arbeiten als ich.

Schon im Vikariat hatte ich das Vergnügen vor allem in kleinen Kleckerdörfern unterwegs zu sein. Damals gab es noch keinen Ulf in meinem Leben und so bin ich oft mit dem Bus zu den Gottesdiensten gefahren (da kam ich noch zum Twittern). In dieser Gemeinde gab es einen großartigen Kantor, der beherrschte altes und neues Liedgut, konnte Chöre leiten, Orchester dirigieren – er hat mir sogar Gesangsunterricht gegeben. Ein toller Typ, der natürlich ausschließlich zu Gottesdiensten in der Stadt gespielt hat. Bei meinen Einsätzen auf den Kleckerdörfern wurde ich von einer ehrenamtlichen Organistin begleitet und nicht nur das: von Zeit zu Zeit holte sie mich mit ihrem alten Audi ab und wir fuhren gemeinsam zu den Kirchen. Dass ich seit Ende letzten Jahres Ulf habe hat auch mit den Erfahrungen aus diesen Autofahrten zu tun. Im Vikariat war ich vor jedem Gottesdienst ziemlich aufgeregt („Wann kommt die Lesung? In welche Richtung drehe ich mich vorm Altar? Wo ist eigentlich mein Herz? Wahh!). Ich hätte Ruhe und Zuspruch gebraucht. Ich bekam Liebeskummer und Tränen. Die Frau ist ingesamt eine echte Erscheinung: um die 60, aber irgendwie (und mir ist klar, dass das eigentlich nicht passt) feenhaft. Tempo und Tonart waren ihr nicht so wichtig – dafür aber die zu vermittelnde Botschaft. Gerne vollzog sie diese durch fließende Bewegungen nach. Beim Spielen. Auch wenn ich predigte sah ich diese Bewegungen auf der Empore („Es geht darum, die Augen zu öffnen“ Frau R. schiebt ihre Arme in Brusthöhe von sich und öffnet die Hände). Einmal hatte ich in einem der Dörfer Dienst und Frau R. war verhindert. Danach wusste ich, dass es mit Frau R. zwar seltsam abgedreht, ohne Frau R.aber trostlos ist. Die Lieder für den nächsten Gottesdienst musste ich ihr immer telefonisch durchgeben oder auf den AB sprechen. Ging sie doch ans Telefon dauerte es gerne länger (Liebeskummer, Tränen).

Auch der ehrenamtliche Organist in meiner jetzigen Gemeinde ist eine Erscheinung. Herr Tafel ist ungefähr 1,80m groß, spindeldürr und trägt seine ergrauten Haare in einem dünnen Pferdeschwanz. Er mag schwarze Kleidung und spricht mit sehr tiefer Stimme.  Praktischerweise ist er in Besitz eines tragbaren Keyboards mit Batterien, er ist also überall einsetzbar (Dorfkirche ohne Orgel, Friedhofskapelle, Open-Air-Gottedienst). Die Pfarrer_innen in meiner Region reißen sich um ihn und ich muss schnell sein, um möglichst viele Gottesdienste mit ihm feiern zu können. Herr Tafel und ich stehen nach vollzogenem Dienst gerne noch kurz zusammen, rauchen und quatschen. Herr Tafel ist nebenbei nämlich auch noch Trauerredner und hat einiges zu erzählen.  Bei meinem Vorstellungsgottesdienst in dieser Gemeinde war meine Mentorin aus dem Vikariat auch hier (auch sie hat viele denkwürdige Erfahrungen mit Frau R. gemacht) und meinte hinterher zu mir: „Der Organist – das war ja unterirdisch.“ Ja, der gute Mann vergreift sich manchmal bei den Tönen und auch im Tempo, aber auch hier habe ich mittlerweile begriffen: wenn er nicht da ist, ist es viel unschöner. Ich will ja auch nicht ständig die Gitarre mitschleppen und alles begleiten. In den letzten Wochen waren die kleinen Quatscheinheiten besonders unterhaltsam. Herr Tafel, der sonst so ernst und auch ziemlich düster wirkt, hatte nämlich einen neuen Mitbewohner: den Spatz Keule. Jener war aus dem elterlichen Nest gefallen und Herr Tafel nahm ihn in seine Obhut. Herr Tafel scheute keine Mühen (Fliegen und Maden besorgen, Käfig finden, Wärmelampe aufstellen, Namen geben) und päppelte das Tier wieder auf, in seinem Badezimmer – weil da die Hauskatze nicht rein kann. Es war nicht immer gut um den kleinen Spatz bestellt („Der sah richtig mickrig aus. Und die Federn standen so ab – der sah aus wie ein gerupftes Huhn“) und ich bangte nicht nur für den kleinen Spatz mit, ob er es schaffen würde oder nicht. Heute nun habe ich erfahren, dass der Spatz Keule ein weiteres Mal umgezogen ist: in einen Park für Vögel, die wieder in die freie Wildbahn kommen sollen („Jaa. Ich dachte, da ist es dann ja auch ganz schön für Keule. Da hat er dann so andere Vögel und von denen kann er dann was lernen, ist bestimmt gut für ihn“). Immer wenn Herr Tafel vom Spatz Keule erzählt hat, lachte er wie ein kleiner Junge. Falls ihn nun doch Abschiedsschmerz, Liebeskummer und Tränen überkommen weiß er hoffentlich, an wen er sich vertrauensvoll wenden kann.

Unverhofft kommt oft

Bei den Sonntagsgottesdiensten auf den Dörfern kann man nie wissen: mal sitze ich mit zwei Leuten da, mal mit 8 und manchmal sind unter 15 Teilnehmenden drei andere Pfarrer – so geschehen letzten Sonntag im zweiten Gottesdienst.

Der Organist Herr Tafel hat Magen-Darm und ich bin mit Gitarre, einer rot-weiß-blau gestreiften Anker-Tasche (danke Barbara!) voller neuer Liederbücher, meiner Talartasche (statt klassischer Ledertasche zur Zeit ein schwarzer Süddeutsche-Werbebeutel) und gehörigem Schlafmangel unterwegs im Namen des Herrn. Am Abend zuvor bin ich mit meinem Liebsten, seiner Mutter Barbara und Schwester Gerda (mittlerweile 7) erst gegen 22 Uhr nach Hause gekommen, dann wurde noch gekocht und gegessen. Die neuen Liederbücher wollte ich eigentlich stückchenweise einführen, immer so ein Lied pro Gottesdienst. Ich habe vergessen, dass es im Ostermontagsdorf keine Gesangsbücher gibt, seit Wochen will ich welche nachbestellen und vergesse es gekonnt. Zeitlich komme ich knapp an – es ist schon fast elf. Schwer bepackt stürme ich in die Kirche und gucke nicht schlecht: richtig voll hier! Eigentlich genug um klassisch Gottesdienst zu feiern und auch Liturgie zu singen. Aber Herr Tafel ist nicht da und ohne Orgel habe ich da keine Lust drauf. Dann fällt mir siedendheiß ein, dass ich die EGs (Evangelische Gesangsbücher) vergessen habe und bei den ausgesuchten alten Liedern keiner mitsingen könnte. Also bitte ich die Meute nach vorne, Stühle, Halbkreis, neue Bücher. Sogar junge Menschen sind da – Studenten wahrscheinlich. Ein paar setzen sich auf die Altartreppen, auch ein Kind ist da und spielt mit seinem Lego-Traktor. Spontan suche ich jetzt aus dem blauen Liederbuch passende Stücke für den Gottesdienst aus. Mir schwant Übles – die Leute hier kennen das neuere Liedgut überhaupt nicht. Meine engen Grenzen, Lobe den Herrn meine Seele, Geh mit Gott – anderswo sind das schon lange  richtige Schlager. Ich sitze links außen im Halbkreis, Talar und Gitarre bieten ein gewisses Konfliktpotential (wohin mit den weiten Ärmeln?) und einen Notenständer hab ich natürlich auch vergessen – der unbekannte Mann rechts von mir muss aushelfen. Nach Votum und Begrüßung singen wir das erste Lied, Lobe den Herrn. Und hoppla: es klingt wunderschön! Die Leute singen kräftig mit, zwei fallen sogar in den Kanon ein. Das Kind hört auf mit dem Traktor zu spielen und guckt mit großen Augen in die Runde.

Es passiert mir leider nicht oft, aber manchmal ist es mit der Musik im Gottesdienst so, wie es ursprünglich mal gedacht war: als kräftiger Gemeindegesang, der alle mitnimmt, Schwung gibt und nebenbei auch noch verkündigt. Vergnügt feiere ich weiter den Gottesdienst, auch die anderen Lieder machen Spaß. Hinterher lade ich noch kurz zum Predigtnachgespräch ein – wie im Gottesdienst davor. Thema war das Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner, die im Tempel beten. In der Predigt habe ich die zwei gegenüber gestellt, ein bisschen erklärt (Pharisäer waren nicht nur die Doofen, Zöllner nicht nur die armen Guten), ein bisschen über die manchmal anstrengende protestantische Demut nachgedacht und am Ende (surprise und Trommelwirbel!) den eigenen Pharisäer in mir erkannt. Im ersten Gottesdienst  hat das keiner mitbekommen (Predigthörerin:“Wir sollen alle demütig sein“ Ich: „Hmpft“ ) .  Hier nun ist einigen die Pointe („Wenn ich unbedingt nicht sein will wie der Pharisäer, dann bin ich vielleicht gerade deshalb wie der Pharisäer“) aufgefallen – Hurray!

Erst beim Verabschieden stelle ich fest, dass neben den üblichen Verdächtigen, den Studierenden und dem Kind  drei Kollegen mit dabei waren. Einer im Ruhestand, ein anderer Probedienstler und der Mann, der mir das Liederbuch gehalten hat (wo der herkam hab ich bisher nicht rausgefunden).  Der Ruheständler und seine Frau waren die, die so schön gesungen haben. Die beiden kannten auch alle Lieder, nur das letzte nicht. Seine Frau stellt sich vor: die Tochter meines Vor-vor-vor-vorgängers, von dem die Alten hier viel erzählen. Ich lade die beiden zu mir ein und einen Tag später sitzen wir in meinem Arbeitszimmer  auf der grünen Couch und die beiden erzählen von früher, wieder geht eine ganz andere Welt vor meinen Augen auf. Sie wurde sogar hier geboren – in einem Haus, das den Krieg nicht überstanden hat. Ihr Mann hat Theologie in der gleichen Stadt wie ich studiert, nur irgendwann in den  60ern. Wir haben sogar im gleichen Studienhaus gewohnt – er als es gerade frisch gebaut war und ich kurz bevor es den Träger gewechselt hat. Wir schwärmen beide von der Gemeinschaft und dem Luxus des frisch zubereiteten Mittag – und Abendessens. Jetzt kann ich in das Lied, das mich sonst so nervt, mit  einstimmen: das waren noch Zeiten!