Landleben live

Im Sommer letzten Jahres hatte ich Besuch von einer Freundin, die sich mit ihrem Söhnchen ein paar Tage Auszeit von der Großstadt nehmen wollte. Meine Gegend bietet sich auch tatsächlich an für Urlaube. Je nachdem in welchem Dorf man sich aufhält, behaupten die Anwohner*innen, bei ihnen um die Ecke befände sich der schönste See der Welt (bisher habe ich drei schönste Seen der Welt bebadet, einer schöner als der andere, obwohl das gar nicht möglich sein sollte). Außerdem befinde ich mich quasi mitten im Wald, man kann stundenlang spazieren gehen und keine Menschenseele treffen, stattdessen findet man unterwegs unter Umständen Füchse, Rehe und Hirsche, Hasen, auch Elche wurden hier schon gesichtet (leider nicht von mir). Mit jener Freundin und deren Kind fuhren wir mit Ulf in das Dorf von Herrn Fritz, auch dort gibt es eine schöne Wanderstrecke in der Nähe eines (Überraschung!) schönsten Sees der Welt.

Auf dem Weg dorthin kommt man durch viele Dörfer, die zu meinem Gemeindegebiet gehören und zu jedem Ort wollte ich der Freundin, die zum ersten Mal zu Besuch war, alles erzählen: „Schau mal, hier ist der Ort mit dem Schloss und den ehemaligen Straßenkindern und den tollen Seminaren.[…] Und hier an der Ecke bei den Enten wohnte diese faszinierende alte Frau mit den unglaublich blauen Augen, die ich vorletztes Jahr beigesetzt habe. [..] In dieser schnuckeligen Kirche hier feiern wir immer Reformationsgottesdienst! Da ist der Gemeinderaum und da gibt es dann fast immer Kuchen und Kaffee und diese leckeren Schmalzbrote von Frau Blume. […] Und hier war das mit dieser Taufe, wo das eine Kind nicht wollte und ich  dachte, ich müsste..“ Zwischen den Anekdoten fuhren wir an Wäldern, Seen und Feldern vorbei, die Straßen mal besser und mal schlechter und plötzlich sagte die Freundin staunend und nachdenklich: „Was du eigentlich für ein Leben führst! Das ist so ganz… Anders…“

Und da fiel mir plötzlich wieder auf, dass der Pfarrdienst auf dem Land für eine Anfang 30jährige eine vergleichsweise abgefahrene  Angelegenheit ist, nicht nur wenn man Eigentümerin eines ramponierten Ulfs ist. Ich könnte ja auch in einer richtigen Stadt leben, mich abends mit Menschen aus meiner Peergroup treffen und in Kneipen auf Retrosesseln Craft Beer trinken und dann angetüdelt und entspannt  mit den Öffentlichen in meine Altbauwohnung mit Stuck fahren. Stattdessen sitze ich mit meiner neuen Mitbewohnerin Franka auf der kleinen grünen Couch im pfarrhäuslichen Wohnzimmer, streiche ihr ab und an über den Kopf und trinke statt Bier Tee (Pfarrer*innen und Lehrer*innen sind angeblich besonders gefährdet, dem Alkohol zu verfallen, mit dem Alleine-Trinken fange ich deshalb besser gar nicht erst an).

Nach Weihnachten hat mich mein Bestatter zu sich und seiner Familie zum Reste-Essen und Biertrinken (rein gar nicht Craft, aber besser als nix) eingeladen und wir saßen auf riesigen Polstermöbeln vor einem noch riesigeren Flatscreen, auf dem nebenbei leise Traumschiff lief. Schlimmer wäre es nur mit dem Helene Fischer-Weihnachtsspecial gewesen, das ich gleich zweimal innerhalb von einer Woche in der Adventszeit bei Freunden mitgucken durfte (seufz). Mein Bestatter jedenfalls hat einen immens großen, schwarzen Hund der sich wahrscheinlich nicht mit meiner kleinen, rabenschwarzen Franka vertragen würde. Hier haben ja alle Hunde. Oder Kinder. Ich hingeben habe seit ein paar Wochen eine Katze.

Eine junge Kollegin, die mit Rahel und mir im Predigerseminar war, erzählte mir, sie und ihre Familie seien erst dann richtig in der Gemeinde angekommen, als sie sich Hühner angeschafft haben. Nun könne sie über ihr Federvieh smalltalken und peinliche Gesprächspausen bei z.B. Geburtstagsbesuchen seien passé. Sie ist damit in guter Gesellschaft:

Ein Pfarrer aus der Nähe, mit dem ich mich im letzten Jahr etwas  angefreundet habe, hält auch Hühner. Und Kaninchen. Und ein Pferd. Und Kartoffeln. Im Dezember war ich dort für ein paar Tage zu Besuch und just zu dieser Zeit schlachtete er diverse Hühner und einen Hahn, mit der Axt, im Hof, auf einem Holzbock. In der Küche lagen dann die gerupften Tiere kopflos auf der Arbeitsplatte und sahen seltsam dürr aus. Durchaus gewöhnungsbedürftig, aber ich finde wer Fleisch isst, kann auch ruhig wissen wo es herkommt und muss das dann auch aushalten können.  Ich guckte also scheu- interessiert zu, roch (igitt) und befühlte u.a. eine Hühnerniere. Jener Kollege geht auch gerne auf die Jagd, wobei er vor allem das Warten auf den Kanzeln und die Atmosphäre im Wald mag. Und die Geräusche der Natur. Mit ihm, seiner Frau  und dem hiesigen Förster  hörte ich letzten Herbst zum ersten Mal das Röhren der Hirsche zur Brunftzeit. Absolut irre! Es klingt mehr außerirdisch als natürlich. Ich stand da im dunklen Wald und begriff mit einem Mal, dass diese Natur und ihre Kreaturen ja auch in dieser Welt leben, ihren Raum für sich beanspruchen und einen ganz eigenen Alltag haben. Es kam mir vor, als hätte ich ein Paralleluniversum entdeckt, Gänsehaut! Auf dem Heimweg sah ich dann einen riesigen Hirsch auf der Straße (zum Glück auf der anderen Seite), der Ulf und mich seelenruhig  beim Vorüberfahren betrachtete. Klar, wer hier der Chef war.

In den großen Städten mit den Kiosken, die immer auf haben,  kann man diese glänzenden Magazine kaufen die „Landliebe“ oder so heißen. Scheinbar liege ich mit meinem Leben auf dem platten Land voll im Trend. Ich bin quasi Vorreiterin des Trendes. Ohne tatsächlich reiten zu können, aber mir fallen spontan mindestens drei Gemeindeglieder in meinem Wohnort ein, bei denen ich etwas dagegen unternehmen könnte. Pferdemädchen mit Anfang 3o? Alles ist möglich.

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Mett und Trauer

Viele Kollegen und Kolleginnen nehmen im Pfarramt zu. Kein Wunder, es gibt ja ständig überall Kuchen und Torte. Beim Gemeindecafé, bei Geburstagsbesuchen, manchmal auch bei Kausualgesprächen. Ich habe doppeltes Pech: Erstens sehe ich so aus, als könnte ich gut viel Kuchen vertragen (groß und schlank). Zweitens mag ich nicht so gerne Kuchen. Nicht, dass er mir nun überhaupt nicht schmecken würde – aber wenn ich mich zwischen einem Stück Torte und sagen wir, einem Mettbrötchen  entscheiden könnte – das Brötchen gewinnt immer.

So ein Arbeitstag im Pfarrdienst kann ganz schön eng getimt sein, seit ich Pfarrerin (ohne ständig hier wohnenden Pfarrmann) bin ist mein TK-Pizza-Verbrauch rapide in die Höhe geschnellt. Manchmal klappt es mit dem Kochen und dann bin ich richtig stolz. Vor ein paar Wochen hab ich einen Rieseneinkauf in einer größeren Stadt gemacht (so richtig mit Gemüse und Obst und lauter frischen Sachen). Ich habe extra  keine Pizza gekauft, damit ich ja nicht in Versuchung gerate. Nur eine Dose Bio-Linsensuppe (immerhin Bio, wenn auch Dose) für den äußersten Notfall, wenn mal wieder gar keine Zeit ist. Der Einkauf war vormittags. Die Linsensuppe hat es nur bis zum nächsten Mittagessen geschafft.

Es gibt Anlässe in der Gemeinde, bei denen auch Herzhaftes serviert wird. Beispielsweise bei den Trauercafés nach Bestattungen. So ein Trauergottesdienst ist wirklich sehr anstrengend und oft  hab ich hinterher einen Bärenhunger. Ich finde es wichtig, bei diesen Zusammenkünften nach den Trauerfeiern dabei zu sein. Manchmal ergeben sich noch Gespräche mit den Angehörigen oder Menschen, die ich noch nicht kenne.

Ich habe schon festgestellt, wann es wo höchstwahrscheinlich welche belegten Brötchen gibt (Griebenschmalz -, Käse –  oder Mettbrötchen). Letzte Woche war eine Bestattung, bei der mich die Familie erst vergessen hatte einzuladen, worüber ich ehrlich gesagt, nicht wirklich traurig war. Manchmal sind diese Runden auch sehr anstrengend, meist kenne ich nur wenige Leute und ich muss dann auch Lust haben auf Smalltalk oder Spontan-Seelsorge. Eine halbe Stunde später rief mich die Familie dann doch an, ob ich nicht noch dazu kommen wolle. Ich folgte meinem Bauchgefühl und ging hin.

Ich komme in der Gaststätte an. „Nehmen Sie Platz! Schön, dass Sie da sind. Wollen Sie Kaffee? Was möchten Sie essen?“ „Danke, gerne Kaffee.“ Am Ende der Tafel entdecke ich Verheißungsvolles. „Gibt es denn noch Mettbrötchen?“ „Na klar, Sie bekommen die beiden letzten“. Ich bin hocherfreut und widme mich zunächst voll und ganz dem Brötchen. Nach einer Weile  betrachte ich kauend und schweigend die Trauergesellschaft. Es geht um die Verteilung des Erbes, man diskutiert laut und schimpfend.  Ein Senior fällt rein optisch aus der Reihe, er trägt einen hellen, teuer aussehenden Anzug und fängt meinen Blick auf. Er beginnt ein Gespräch und schon bald wechselt er seinen Platz und setzt sich mir gegenüber.

„Wollen wir ein bisschen über den HERRN reden?“ Ich verschlucke mich fast an meinem Brötchen. Bevor er sich rübersetzte ging es nämlich noch um seinen Wohnort und dass ich da für einige Zeit ein Seminar besucht hatte. Aber ok denke ich, ein offensichtlich gläubiger, theologisch interessierter Gesprächspartner – das ist ja auch mal eine nette Abwechslung. In großen Schritten geht es nun um Hiob, die Bergpredigt und die Erbsündenlehre. Er: „Damals..der Apfel und Eva und Adam. Die Erbsünde. Die Wurzel allen Übels..“ ich: „Ich finde, das ist eine überholte Lehre. Die Vorstellung, dass die Erbsünde von Generation zu Generation über die Fortpflanzung weitergegeben werden soll…Dann würden ja auch kleine Babies unter der Erbsünde stehen, das ist doch…“ Er: “ Sie haben wirklich schöne Augen!“. Überrascht halte ich einen Moment inne. Der Senior flirtet mit mir! Ich reagiere bewusst nicht darauf (ein Versuch souverän zu wirken), gucke kurz auf die Brötchen und versuche es nochmal mit dem Thema  Sünde. Aber er nimmt den Faden nicht mehr auf. Er spricht nun darüber, wie schön es für mich sein muss für den HERRN zu arbeiten und ich bestätige, dass ich meiner Meinung nach den coolsten Chef überhaupt  habe. Er freut sich für mich. „Aber Sie haben wirklich wunderschöne, blaue Augen“ Einen hartnäckiger Charmeur habe ich da erwischt.  „Danke, ja, äh..Und wollten Sie selber auch einmal ins Pfarramt?“… Meine zwei Mettbrötchen sind schließlich aufgegessen, ich habe zwei Tassen Kaffee getrunken und beschließe, das es jetzt Zeit ist zu gehen. Der Senior lässt es sich nicht nehmen, mich nach draußen vor die Tür zu bringen. Zügig verabschiede ich mich und gehe los, genug ist genug. So ein flirty-Gespräch hatte ich lange nicht mehr – und auf einem Trauercafé hatte ich es nun überhaupt nicht erwartet. Irritiert und gesättigt stapfe ich die Treppe in meine Wohnung hoch und freue mich darauf in den nächsten Stunden einfach mal ganz alleine am Schreibtisch abhängen zu können.