Steigende Weißheit

Unlängst wurde ich 35 Jahre alt. Ein großartiges Alter, finde ich (bisher). Leute die behaupten, sie wollten unbedingt noch einmal 18 oder Anfang 20 oder sonstwie jünger sein, verstehe ich nicht. Ich will auf kein einziges Jahr Lebenserfahrung verzichten. Trotzdem fallen mir ein paar Dinge neuerdings auf:

Vor zwei Wochen hatte ich einen vorerst letzten (Vertretungs-)Dienst in meiner ersten Gemeinde, ab sofort ist dort ein neuer Pfarrer im Dienst. An einem herrlichen Sommertag durfte ich ein Paar trauen, Er Mitte 70, Sie Mitte 60. Es war mindestens der zweite Frühling, aber in Sachen Romantik und Verliebtheit konnten die beiden mit jedem jungen Paar mithalten. Weißes Brautkleid, rote Rosen, Rührung und Liebesschwüre – fast filmreif. Auf dem Rückweg nach Hause fuhr ich bei meinem Bestatter und seiner Frau vorbei. Kaffee und Pflaumenkuchen und ein Update über die neuesten Entwicklungen in der Gemeinde. Der neue Pfarrer kommt ganz gut an, ich freue mich für ihn und die Gemeinde und habe trotzdem etwas Herzschmerz, die erste Liebe vergisst man eben nicht. Während wir auf der Terrasse zusammen sitzen und erzählen schaut Armins Angetraute auf meine Haare und stellt fest: Deine Gemeinde lässt dir ja auch ordentlich graue Haare wachsen, was? Sind die nicht nett zu dir? Doch, schon, aber…*Hmpft*.

Kita-Andacht am Dienstag. Ich erzähle den Kindern zu Beginn, dass ich heute etwas Tolles mitgebracht habe. Kind 1 stellt begeistert fest: Du hast uns Schuhe mitgebracht! – Ehm, nein. Die Checkerlein erkennen den Schuhkarton, aber noch wissen sie nicht, was da alles drin ist: Elia und ein Haufen Baalspropheten, lauter Stöckchen für ein Lagerfeuer, Feuer in Papierschnipselform, bunte Tücher (eines für Wasser, eines für Gott), Isebel, Wüstensand (Katzenstreu), ein Engel, trockenes Brot (seit zwei Jahren befindlich in diesem Schuhkarton), ein Krug mit Wasser, eine Höhle auf einem Berg (malerische und bastlerische Meisterleistung I), eine Feuerbrunst (malerische und bastlerische Meisterleistung II) und ein klingendes Herz. Der Schuhkarton ist eine Erzählkiste – yay! Die Kinder lauschen nun gespannt der Geschichte von Elia. Sie schauen genau, wann ich welche Figur in die Mitte lege und was mit ihr passiert. Und sie spitzen ihre Ohren als Gott sich am Ende nicht im Sturm und nicht im Erdbeben, sondern im sanften Säuseln (=das klingende Herz) zeigt. Nach der Erzählung frage ich die Kinder, wo sie gerne innerhalb der Geschichte wären. Ein Kind zieht es in die Höhle, ein anderes will bei Elia und dem sanften Säuseln sein. Einige wollen auch vom Engel mit Brot und Wasser gestärkt werden. Dürfen wir das Brot essen? – Was? NEIN, DAS… – *knurpsknurps* (Kind 3 zu meiner Linken hat es irgendwie geschafft, von dem steinharten Brot etwas abzubeißen) – Das ist doch total hart! Das kannst du doch nicht.. – Währenddessen macht es *knurpsknurps* auch von rechts (was ist nur los mit diesen Kindern?!) und ich packe die Reste hektisch weg und hoffe auf eine unauffällige Verdauung der schweren Kost. Beim Singen von „Gott hält die ganze Welt in der Hand“ mit Bewegungen fällt mir auf, dass ich echt schnell aus der Puste gerate. Gott hält die Großen (=sich lang machen) und die Kleinen (=sich klein machen) in der Hand (Hände vor dem Körper wiegen). Die Wiederholung der Strophe bringt mich an physische Grenzen. Gut, dass ich jetzt Mitglied in einem Sportverein bin.

Beim Yoga (der Sportverein!): ich liege auf dem Rücken und atme tief ein und tief aus, bzw. ich versuche es nach meinen Möglichkeiten. Noch hat die Yoga-Session (nennt man das so? Ich bin so ahnungslos) nicht begonnen, das Liegen ist zur Einstimmung gedacht. Meine Arme sind nach hinten gestreckt, tief Einatmen (es zuckt unter meinem linken Schulterblatt und ein Stück weiter unten *aua*) und Ausatmen (warum tut mein linker Arm plötzlich weh?). Muss ich etwa Liegen lernen? Das ganze Sitzen und Denken tagsüber jedenfalls hinterlässt leicht beängstigende Spuren. 1,5 Stunden ( und zwei Schwindelanfälle, es war sehr heiß und der „Berg“ sehr steil) später bin ich fertig mit der Welt, aber tatsächlich entspannter. Seitdem habe ich schon zwei Mal den Kurs verpasst (Gemeindedinge), aber morgen wieder. Bestimmt. Ganz bestimmt!

Seit fast 20 Jahren (omg) lade ich zu Taizégebeten mit ein, spiele Gitarre und singe, immer im Schneidersitz auf dem Boden. Die „Erwachsenen“, die ihre Stühle brauchen, habe ich manchmal milde belächelt. Ab sofort nehm ich mein Gebetsbänkchen und lächle ein wenig über mich selbst.

Die Konfis kommen mir manchmal so gehemmt und steif vor. Energizer (Shake! Banana, shake, shake, Banana!) können da Wunder bewirken. Oder auch ein Gefühl des Fremdschämens, weil der Pfarrerin beim Springen und Rufen zusehends die Kräfte ausgehen und sie immer leiser wird (so geschehen vorgestern, uff). Wenn ich so weiter mache, liegen bald alle mit mir auf dem Boden und müssen Atmen üben. Dann gucken die sich noch mal um!

Manchmal unterhalte ich mich mit Seniorinnen (es nutzen in meiner Welt echt nur Frauen) über ihre Rollatoren. Die Teile sind ja echt eine gute Möglichkeit mobil zu bleiben. Ja, da kann man doch auch Einkaufstüten anhängen. Ich nicke zustimmend. Und sich mal hinsetzen, wenn man nicht mehr kann – voll praktisch. Ich nicke leicht neidisch. Und stelle dann fest, dass ich ja gerade erst 35 geworden bin. Man muss es ja nu nicht übertreiben.

Momente für die Ewigkeit III

Samstagabend letzte Woche, gegen 22 Uhr. Vor einer Stunde bin ich heimgekommen von einem Familiengeburtstag. Zum ersten Mal bin ich nicht mit Ulf, sondern mit einem geliehenem Auto (sehr neu, sehr sauber, sehr nicht-Ulf) unterwegs gewesen, was aufregend war. Dass man Autos über Fotos mit dem Smartphone öffnen und wieder abschließen kann, erscheint mir irgendwie übersinnlich.

Samstage sind, wenn ich sonntags Dienst hab, stets von einer gewissen Unruhe durchzogen. Predigt und Liturgie sind dann zwar meistens grob fertig, aber oft fehlen noch Fürbitten und einzelne Gebete. Außerdem lese ich mir alles noch einmal durch und schraube hier und da noch an ein paar Formulierungen. Das braucht dann noch ein bisschen Zeit und Mühe, dann kann ich alles ausdrucken und in mein schwarzes Mäppchen heften.

Vorgestern war ich mit zwei Freundinnen unterwegs die sich für einen kurzen Moment darüber unterhielten, dass sie ihre Drucker eigentlich nie mehr benutzten. Höchstens für Bahnreisen oder mal ein Konzertticket. Ich hingegen brauche meinen Drucker ständig, all die Ansprachen und Andachten und was nicht alles. Nach dem Umzug musste ich ein neues Exemplar kaufen, das zwar schick weiß, aber irgendwie etwas eigensinnig ist. Ständig piepst und ruckelt was oder es behauptet, es könne kein amerikanisches Papierformat. Autos können Technik offensichtlich besser als Drucker.

An einem typischen Samstagabend habe ich außerdem immer die klamme Befürchtung, dass ich ein Gedenken vergessen könnte und dann eine Trauerfamilie erwartungsvoll und mitgenommen in den Bänken sitzt, und ich die verstorbene Person vergesse abzukündigen. Nicht schön. Also schau ich lieber doppelt durch meine Unterlagen (Name richtig? Geburts – und Sterbedatum korrekt? Was war noch mal der Bibelspruch?) und erst dann bin ich beruhigt. In der neuen Gemeinde gibt es zudem immer eine Lektorin oder einen Lektor (Luxus!). Seit der Perikopenrevision herrscht etwas Verwirrung über Abläufe der Lesungen, also drucke ich zur Sicherheit die Texte für die Lesenden noch einmal aus, damit alle orientiert sind. Dann schreibe ich noch die Lieder auf einen Zettel (wobei ich mich fast am Meisten konzentrieren muss, denn meine Handschrift neigt zum Chaos), damit jemand am nächsten Morgen vor dem Gottesdienst die Liednummern an die Liedertafeln stecken kann.

Letzte Woche ich also: müde und erschöpft von den Autofahrten endlich am Schreibtisch. Ich drucke Liturgie aus (inklusive richtiger Daten der verstorbenen Frau H. und mit eben noch formulierten Gebeten), drucke Predigt aus, Blätter fliegen mit hohem Schwung durch das Arbeitszimmer (Halterung am neuen Drucker vergessen auszuklappen, mööp), ich hefte alles ein. Die Katze tapst erwartungsfroh über den Schreibtisch, nagt am Bildschirm (Chrrr!Chrrr) und verteilt großzügig Katzenhaare. Dann die Lesungen für die Lektorin , die kommt in den großen, roten Papphefter (den ich seit 15 Jahren, den Tag meiner Immatrikulation an der Uni, eigentlich den Eltern einer Freundin zurückgeben wollte) zu dem Zettel mit den Liedern, dann falle ich ins Bett mit dem guten Gefühl, an alles gedacht zu haben.

Sonntagmorgen, gegen halb elf. Ich stehe am Pult und blicke in den vollen Gemeindesaal. Hinten sitzt die Trauerfamilie von Frau H., einige aus dem Presbyterium sind da, gleich drei Pfarrer im Ruhestand, teilweise mit Ehefrauen, insgesamt um die 40 Leute (riesen Luxus!!). Der Organist, der heute Klavier spielt, setzt sich auf meinen freigewordenen Stuhl, es kann losgehen mit der Predigt.

Ich lese ab, aber gucke dazwischen immer mal wieder hoch, lasse Pausen. Der Einstieg um die Kitakinder und um Dankbarkeit macht Spaß. Bei meinem Vorschlag, statt shitstorms lovestorms in die Welt zu setzen wird zustimmend gelacht. Der Übergang zum Predigttext ( der Anfang des ersten Korintherbriefes) läuft, Verlesung des Textes auch, ich blättere um und vor mir sehe ich: den Schlussteil der Predigt. Aber der ist jetzt noch gar nicht dran. Ich blättere nach vorne und nach hinten, aber, der zweiseitige Hauptteil um Paulus fehlt. Und der war so schön! Wah! Ich blicke in die Gemeinde (ernste Gesichter) und versuche ein paar Sekunden lang, einfach weiterzureden (the show must go on), aber ich hab total den Faden verloren und ich vermute, man sieht mir meine Verwirrung auch an und manche gucken etwas besorgt und was ich sage, ergibt zudem leider auch nicht viel Sinn. Da hilft nur Ehrlichkeit:

Ja, liebe Gemeinde. Wie es aussieht, fehlt mir heute ein Teil meiner Predigt. Das ist jetzt etwas…Hmmm, ok, geben Sie mir einen Moment, ich krieg meine Gedanken hoffentlich noch zusammen. Es folgen einige, äußerst angespannte Momente der Stille. Ich versuche mich mit aller Kraft zu erinnern (wenn ich wenigstens Stichpunkte hätte! Und warum hab ich mir vorher nicht nochmal alles durchgelesen?! Crap!), dann fällt mein eigener Bogen wieder ein (ha!). Gnade im Griechischen, die Bedeutungen von Charis, dann zum bekannten Bild vom Leib mit den vielen Gliedern über die Gemeindegespräche zur Jahreslosung (innerer Frieden wirkt äußeren Frieden, auch über Dankbarkeit) und den Schlussteil hab ich dann ja wieder in Schriftform.

Während ich aus Versehen frei predige (was ich, mit guter Vorbereitung – wenigstens Stichpunkte!-, durchaus auch gerne öfter machen würde), gestikuliere ich, um meine Gedanken verständlicher zu machen. Die Gemeinde folgt mit den Augen meinen Bewegungen, ein Pfarrer nickt nachdenklich, mit zusammen gekniffenen Augen. Ich glaube, alle in diesem Raum geben sich gerade richtig viel Mühe. Und mir ist unheimlich heiß. Ich freue mich über jeden klaren Gedanken, den ich fassen kann und der mit der Predigt und ihrer Aussage zu tun hat. Im Schlussteil angekommen, entspanne ich mich etwas, aber es ist auch plötzlich komisch, den Blick ins Mäppchen zu senken und nicht mehr in die Gesichter der Gemeinde schauen zu können. Das ist ein neues Gefühl.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen. Erleichterung rollt durch den Raum wie eine kleine Lawine, jemand vorne links beginnt zu klatschen. Ich muss lachen und gleichzeitig den Kopf schütteln, über meine eigene Schusseligkeit, aus Verlegenheit und aus Glück (Gott sei Dank!), dass es jetzt doch noch irgendwie geklappt hat. Das war Gnade in Reinform, puh. Die Gemeinde freut sich mit mir und auch das tut gut. Per Mail schreibt jemand einen Tag später: Vielleicht ist es sogar gut, wenn Sie ab und an Ihr Manuskript zuhause lassen?

Als ich nach dem Gottesdienst erschöpft, aber zufrieden nach Hause komme und meine Sachen ins Arbeitszimmer bringe, entdecke ich auf dem Fußboden vor einem Regal die fehlenden Seiten. Die sind aber weit geweht worden, da habe ich beim Aufsammeln gestern gar nicht hingeschaut! Ich überfliege meinen Text und stelle beruhigt und nochmal anders erleichtert fest, dass ich das Meiste tatsächlich gesagt hab. Was für eine Aufregung! Jeden Sonntag würde ich das nicht aushalten, aber wer weiß, vielleicht wirklich ab und an?

Neues Jahr, neuer Wahnsinn

Nach dem Weihnachtsirrsinn und Silvestertrubel war an diesem Wochenende endlich etwas Zeit für Quality-Time mit den Mädels (die nach wie vor zwar aus den Augen, aber überhaupt nicht aus dem Sinn sind). Das war auch dringend nötig. Obwohl die Weihnachtsdienste in der neuen Gemeinde deutlich anders sind als noch auf dem Land (weniger Krippenspiele und Fahrerei, überhaupt weniger Dienste), waren sie doch auf ihre Weise kräftezehrend. Nicht nur, weil alles hier noch ungewohnt und ungeübt ist (ich habe tatsächlich etwas gefremdelt mit all den unbekannten Menschen bei der Christvesper und hatte Heimweh nach meiner ersten Gemeinde), auch weil Gottesdienst vorbereiten und Gottesdienste feiern irgendwelche energetischen Sachen mit einem macht.

Die ersten Dienst-Tage im neuen Jahr waren zwar noch relativ ruhig, aber der schon jetzt prall gefüllte Kalender konnte sich so ungestört gedanklich zu einem schönen Scheinriesen aufbauen und ekligen Stress auslösen: OhGottderGemeindebriefder Ehrenamtsempfangdie Konfizeitdie Taufen im Januarder Kindergottesdienstdie junge GemeindediePresbyteriumssitzungderArbeitskreisdieKitaandachtendernächsteGottesdienstdieAndachtdieSeniorenkreisedieBaustelledieGeflüchtetenunterkunftWaaaah. Von wegen frischer Neuanfang, hier war mehr so Neujahrsdepression. Dazu kam dann noch Herzschmerz, weil ich mich demnächst von Ulf trennen muss. Der ist explosionsgefährdet (deswegen roch er innen manchmal so komisch nach Benzin, ich hatte mich schon etwas gewundert) und eine Reparatur lohnt sich nicht mehr. Ich hatte wohl ganz schönes Glück dass mir (und anderen) mit ihm nichts passiert ist. Trotzdem doof, ich habe noch vor wenigen Wochen einem Freund glaubhaft versichert, dass ich niemals ein anderes Auto würde fahren wollen. Niemals. Tja..

Deshalb also: Flucht zu lieben Menschen. In diesem Fall zu Julia, die mittlerweile in einer Studierendenstadt Pastorin ist. Unsere Frederike war leider dienstlich verhindert (immer diese Gottesdienste, tzzzz), aber dafür kam Jana angereist mit einer beachtlichen Babykugel.

An einer Wand in Julias Badezimmer hängen Postkarten und Fotos, u.a eines von ihr, Frederike, Jana und mir auf einem Steg an dem großen Fluss in der Stadt, in der wir für ein paar Semester gemeinsam studiert haben. In einem Knäuel hängen wir da alle aufeinander und schauen unbeschwert und fröhlich in die Kamera. Fast kann man uns gackern und juchzen hören. Seinerzeit konnte ich noch ganz bequem mit dem Rad zu Julia oder Jana tüdeln, auf ein Bier und Musik machen am Abend (Julia), bzw. auf Sekt und Kippen auf dem Balkon (Jana). Heute braucht es entweder einen Ulf (ach, ach…) oder eine lange Fahrt mit ICE und Öffentlichem Nahverkehr und mindestens ein für alle predigtfreies Wochenende, oder eben Mutterschutz, damit wir uns sehen können. Und wir trinken alkoholfreien Sekt (Jana) und viel Tee und Kaffee, und ein wenig Rotwein. Mehr als wenig Rotwein vertrage ich auch nicht. An Silvester hatte ich das (nach dem Gottesdienst und in geselliger Runde bei Anna) vergessen und einfach viel getrunken, was lecker war und Spaß gemacht hat, aber doch unangenehme Folgen hatte (zum Glück kein Dienst an Neujahr).

Davon erzählte ich Julia und Jana gestern, während wir gemütlich und entspannt im Wohnzimmer herumlümmelten. Wenn Pfarrmenschen zusammen kommen, geht es auch oft um den Wahnsinn im Dienst (ihr habt vielleicht auch schon irgendwo davon gelesen :-P), davon gibt es ja auch eine ganze Menge. Jana und Julia haben da auch so ihre Stories zu bieten und wir erfanden für unsere Gesprächsbeiträge den schönen Titel „Kotz – und Motzgeschichten“. Die Maus war gestern, hier kommt der Kater. Ein paar Auszüge für euch:

Jana hat es nach einer Beisetzung erlebt, dass ein Angehöriger sich Wochen später am Telefon darüber beschwert hat, dass sie beim Singen nicht stand und nicht in die Gemeinde geguckt hat und ihre Haare angeblich die Sicht auf ihr Gesicht verhindert hätten.

Julia hat von ihrem Vorgänger einen Hausmeister geerbt, der keine Dienstbeschreibung hat, Vollzeit angestellt ist, aber immer um 14 Uhr seinen Dienst beendet, um seinem Zweitjob nachzugehen.

Jana hat einen Kollegen der sich weigert, einen gemeinsamen digitalen Kalender zu nutzen und der niemals seinen freien Tag einlöst.

Frederike war zwar nicht anwesend, aber ihre Motzgeschichten (wir telefonieren regelmäßig) haben es dafür besonders in sich. Sie wurde tatsächlich einmal von einem Gemeindeglied als „Enttäuschung“ beschimpft.

Man macht schon ganz schön was mit. Aber natürlich nicht nur mit so Nervkram. Es gibt auch genügend Lach – und Sachgeschichten im Leben von Pfarrmenschen, sonst würde ja niemand diesen Wahnsinn aushalten. Und jede*r könnte damit mindestens einen Blog füllen. Oder einen Roman, oder das Skript für eine Serie. Aber das ist hier ist mein Blog und deswegen hier zum Schluss ein paar schöne Blitzlichter aus meinen letzten Wochen:

Eine Postkarte von Frau S. Aus Dorf G meiner alten Gemeinde: Wir vermissen Sie so. Schöne Grüße von unserer Kaffeerunde, ich drücke Sie, Ihre Frau S.

Eine Weihnachtskarte von einer Familie aus der neuen Gemeinde: Wir sind froh, dass du jetzt zu uns gehörst. Frohe Weihnachten!

Dass jemand aus der neuen Gemeinde Ulf mit mir in die Werkstatt abgeschleppt hat.

Wie sich meine Konfis in der WhatsApp-Gruppe alle gegenseitig ein frohes neues Jahr gewünscht haben (die gehen so süß miteinander um).

Das Weihnachtsfestessen, das meine Mutter uns gekocht hat am 1. Weihnachtsfeiertag.

Dass manche aus der Gemeinde noch Tage später Themen aus meiner Predigt aufnehmen und miteinander darüber reden.

Dass ich fantastische Menschen in meinem Leben habe, die mir das Herz wärmen und mich mit Kotz- und Motz und Lach – und Sachgeschichten, aber vor allem mit unendlich viel Glück und Liebe erfüllen.

Insgesamt also ganz schön viel Segen. Schöner Wahnsinn. Halleluja!

Landleben live

Im Sommer letzten Jahres hatte ich Besuch von einer Freundin, die sich mit ihrem Söhnchen ein paar Tage Auszeit von der Großstadt nehmen wollte. Meine Gegend bietet sich auch tatsächlich an für Urlaube. Je nachdem in welchem Dorf man sich aufhält, behaupten die Anwohner*innen, bei ihnen um die Ecke befände sich der schönste See der Welt (bisher habe ich drei schönste Seen der Welt bebadet, einer schöner als der andere, obwohl das gar nicht möglich sein sollte). Außerdem befinde ich mich quasi mitten im Wald, man kann stundenlang spazieren gehen und keine Menschenseele treffen, stattdessen findet man unterwegs unter Umständen Füchse, Rehe und Hirsche, Hasen, auch Elche wurden hier schon gesichtet (leider nicht von mir). Mit jener Freundin und deren Kind fuhren wir mit Ulf in das Dorf von Herrn Fritz, auch dort gibt es eine schöne Wanderstrecke in der Nähe eines (Überraschung!) schönsten Sees der Welt.

Auf dem Weg dorthin kommt man durch viele Dörfer, die zu meinem Gemeindegebiet gehören und zu jedem Ort wollte ich der Freundin, die zum ersten Mal zu Besuch war, alles erzählen: „Schau mal, hier ist der Ort mit dem Schloss und den ehemaligen Straßenkindern und den tollen Seminaren.[…] Und hier an der Ecke bei den Enten wohnte diese faszinierende alte Frau mit den unglaublich blauen Augen, die ich vorletztes Jahr beigesetzt habe. [..] In dieser schnuckeligen Kirche hier feiern wir immer Reformationsgottesdienst! Da ist der Gemeinderaum und da gibt es dann fast immer Kuchen und Kaffee und diese leckeren Schmalzbrote von Frau Blume. […] Und hier war das mit dieser Taufe, wo das eine Kind nicht wollte und ich  dachte, ich müsste..“ Zwischen den Anekdoten fuhren wir an Wäldern, Seen und Feldern vorbei, die Straßen mal besser und mal schlechter und plötzlich sagte die Freundin staunend und nachdenklich: „Was du eigentlich für ein Leben führst! Das ist so ganz… Anders…“

Und da fiel mir plötzlich wieder auf, dass der Pfarrdienst auf dem Land für eine Anfang 30jährige eine vergleichsweise abgefahrene  Angelegenheit ist, nicht nur wenn man Eigentümerin eines ramponierten Ulfs ist. Ich könnte ja auch in einer richtigen Stadt leben, mich abends mit Menschen aus meiner Peergroup treffen und in Kneipen auf Retrosesseln Craft Beer trinken und dann angetüdelt und entspannt  mit den Öffentlichen in meine Altbauwohnung mit Stuck fahren. Stattdessen sitze ich mit meiner neuen Mitbewohnerin Franka auf der kleinen grünen Couch im pfarrhäuslichen Wohnzimmer, streiche ihr ab und an über den Kopf und trinke statt Bier Tee (Pfarrer*innen und Lehrer*innen sind angeblich besonders gefährdet, dem Alkohol zu verfallen, mit dem Alleine-Trinken fange ich deshalb besser gar nicht erst an).

Nach Weihnachten hat mich mein Bestatter zu sich und seiner Familie zum Reste-Essen und Biertrinken (rein gar nicht Craft, aber besser als nix) eingeladen und wir saßen auf riesigen Polstermöbeln vor einem noch riesigeren Flatscreen, auf dem nebenbei leise Traumschiff lief. Schlimmer wäre es nur mit dem Helene Fischer-Weihnachtsspecial gewesen, das ich gleich zweimal innerhalb von einer Woche in der Adventszeit bei Freunden mitgucken durfte (seufz). Mein Bestatter jedenfalls hat einen immens großen, schwarzen Hund der sich wahrscheinlich nicht mit meiner kleinen, rabenschwarzen Franka vertragen würde. Hier haben ja alle Hunde. Oder Kinder. Ich hingeben habe seit ein paar Wochen eine Katze.

Eine junge Kollegin, die mit Rahel und mir im Predigerseminar war, erzählte mir, sie und ihre Familie seien erst dann richtig in der Gemeinde angekommen, als sie sich Hühner angeschafft haben. Nun könne sie über ihr Federvieh smalltalken und peinliche Gesprächspausen bei z.B. Geburtstagsbesuchen seien passé. Sie ist damit in guter Gesellschaft:

Ein Pfarrer aus der Nähe, mit dem ich mich im letzten Jahr etwas  angefreundet habe, hält auch Hühner. Und Kaninchen. Und ein Pferd. Und Kartoffeln. Im Dezember war ich dort für ein paar Tage zu Besuch und just zu dieser Zeit schlachtete er diverse Hühner und einen Hahn, mit der Axt, im Hof, auf einem Holzbock. In der Küche lagen dann die gerupften Tiere kopflos auf der Arbeitsplatte und sahen seltsam dürr aus. Durchaus gewöhnungsbedürftig, aber ich finde wer Fleisch isst, kann auch ruhig wissen wo es herkommt und muss das dann auch aushalten können.  Ich guckte also scheu- interessiert zu, roch (igitt) und befühlte u.a. eine Hühnerniere. Jener Kollege geht auch gerne auf die Jagd, wobei er vor allem das Warten auf den Kanzeln und die Atmosphäre im Wald mag. Und die Geräusche der Natur. Mit ihm, seiner Frau  und dem hiesigen Förster  hörte ich letzten Herbst zum ersten Mal das Röhren der Hirsche zur Brunftzeit. Absolut irre! Es klingt mehr außerirdisch als natürlich. Ich stand da im dunklen Wald und begriff mit einem Mal, dass diese Natur und ihre Kreaturen ja auch in dieser Welt leben, ihren Raum für sich beanspruchen und einen ganz eigenen Alltag haben. Es kam mir vor, als hätte ich ein Paralleluniversum entdeckt, Gänsehaut! Auf dem Heimweg sah ich dann einen riesigen Hirsch auf der Straße (zum Glück auf der anderen Seite), der Ulf und mich seelenruhig  beim Vorüberfahren betrachtete. Klar, wer hier der Chef war.

In den großen Städten mit den Kiosken, die immer auf haben,  kann man diese glänzenden Magazine kaufen die „Landliebe“ oder so heißen. Scheinbar liege ich mit meinem Leben auf dem platten Land voll im Trend. Ich bin quasi Vorreiterin des Trendes. Ohne tatsächlich reiten zu können, aber mir fallen spontan mindestens drei Gemeindeglieder in meinem Wohnort ein, bei denen ich etwas dagegen unternehmen könnte. Pferdemädchen mit Anfang 3o? Alles ist möglich.

Die erste Konfifreizeit

Drei Treffen zur Vorbereitung à drei Stunden für drei Tage Konfifreizeit: schon bevor ich zugesagt habe, mit zur Jugendherberge Fliegenstädter Bach  zu fahren war mir klar, dass diese Freizeit ein Kraftakt werden würde. Selbst ohne einen einzigen Konfirmanden oder eine einzige Konfirmandin. Trotz der langen und langwierigen Vorbereitung unter uns Pfarrern und Pfarrerinnen („Ich will Räume gestalten!“ „Was denn für Räume – wir haben doch nur einen Gruppenraum..“ „Ich will mit denen Räume gestalten!“ „Und wie soll das für das Plenum gehen?“ „Ich will Räume gestalten.“) gab es an diesen drei Tagen einige Momente, an denen ich mich woanders hin gewünscht habe.

Die einzige weibliche Kollegin (mit der ich ein Zimmer und ein Doppelstockbett teilen musste – ich fahre da nie.Wieder.Hin.) kommt schwer erkältet mit Fieber an, versteht kein Wort (Ohren verstopft)  und kann kaum sprechen. Optimal für eine Horde von 40 Jugendlichen und das (nicht ganz unkomplizierte) Activity-Kennenlern- Spiel, das sie anleiten soll . Überhaupt – 40 Jugendliche: die sind ja unfassbar laut und schreien ständig rum! „Frau Hitchschmooooock! Wann geht es weiter?“ „Frau Hitchschmooooock. Haben Sie das Spiel verstanden? Was müssen wir jetzt machen?“ Hätte ich gewusst, dass ich Konfi-Namen auf Hebräisch würde aufschreiben müssen, dann hätte ich vorher nochmal in die Lehrbücher geguckt. Mein Gekritzel hat in keiner Sprache auch nur irgendeinen Sinn ergeben. Meinem Konfi Flo soll ich jetzt übrigens Latein-Nachhilfe geben. Seine Eltern denken, ich kann das. Omfg.

Dass ich am Sonnabend nachmittags noch eine Bestattung angenommen habe, gehört auch zu den weniger cleveren Aktionen bezüglich dieses Wochenendes. Wer hier schon etwas länger mitliest weiß, dass ich nach Bestattungen (und Gottesdiensten) immer unfassbaren Hunger habe und ebenso unfassbar müde werde. Bevor ich mit Ulf zu meinem Dorf F zur Bestattung losdüse, bitte ich Flo darum, mir etwas vom Mittag aufheben zu lassen. Noch während ich mit ihm spreche ahne ich, dass er es vergessen wird. Als ich nach der Bestattung wiederkomme (hungrig und müde) eile ich in die Küche: Ich quengelig:“Gibt es noch was zu essen?“ Küchenmann überrascht: “ Nein, da hätten Sie vorher Bescheid sagen müssen..“ Ich zunehmend verzweifelt: „Aber es wurde doch..Oh je..Gibt es hier irgendwo noch was zu essen?“ Er mitleidig „Na, eigentlich haben alle Gasthäuser zu. Ist ja gerade keine Saison. Probieren Sie es sonst in Fliegenstädt. Da könnten Sie Glück haben.“

Ich rase mit Ulf zurück nach Fliegenstädt-Ort.Die Jugendherberge liegt nämlich im Wald daneben, direkt an einem Telefon-Funk-Masten. Und es gibt dort kein Handynetz (Frage: was macht der Mast denn da? Ich glaube, der wollte mich einfach mies verarschen)  und das W-Lan kostet 1 Euro pro Stunde. Ich fahre da nie. Wieder. Hin. In Fliegenstädt finde ich das Gasthaus Zur Linde und parke hinter dem Haus auf dem Hof. Aus meiner leichten Verzweiflung ist Panik geworden: Was, wenn es hier auch nichts zu essen gibt? Muss ich dann 30km bis zur nächsten Stadt fahren? Oder hungrig zurück und es gibt ein Gemetzel an 40 schreienden Jugendlichen und drei Pfarrern und Pfarrerinnen? Wer mich kennt weiß, dass letzteres bei mir im hungrigen Zustand durchaus realistisch ist. Als ich zur Eingangstür eile, bemerke ich den Duft nach Essen. Ich stürme hinein, sehe einen halbglatzigen Mann hinter der Theke und rufe :“Gibt es hier was zu essen?“ „Ja. Aber dauert nen Moment.“ „Kann ich schonmal nen Kaffe haben, bitte?“ „Ja, aber dauert nen Moment.“

Ich bin alleine in dem riesigen Gasthaus, bis auf ein paar ausgestopfte Tiere an den hellen Wänden. Mein Tisch in der Ecke bietet Platz für mindestens fünf  weitere Personen. Aber außer mir kommt niemand nachmittags halb drei auf die Idee, in der Linde zum Mittag einzukehren. Es ist davor auch niemand auf die Idee gekommen, das Bad zu benutzen – das Licht muss der Gastwirt von der Theke aus erst anmachen. Nach ein paar Minuten erklingen deutsche Oldies aus den Lautsprechern, ich fühle mich wie in den fünfziger Jahren. Doch zum Glück gibt es hier E-Netz und so kann ich endlich Mails checken und chatten, hallo Welt, hallo Gegenwart.  Zwischendurch kommt die Karte als ausgedrucktes, knittriges  A4-Blatt zu mir und ich kann zwischen fünf Sorten Schnitzel wählen. Dass ich irgendwann mal darüber nachgedacht habe, vegan oder wenigstens vegetarisch leben zu wollen glaubt mir mittlerweile kein Mensch mehr. Wenn in unserer Nähe ein neues Schnitzelhaus eröffnet wird, denkt man stattdessen direkt an mich und lädt mich ein („Die Hitchschmock,  die ist doch immer soviel und so gerne  Fleisch.“ ) . Ich bestelle also (surprise!) Schnitzel mit Rahmchampignon und Kroketten und warte. Meine Zeit vertreibe ich mir mit einer Freundin aus dem Jahre 2009. Sommer-Flirt-Horoskop und die neuesten Kleidertrends. Der Kaffee kommt und ich kann mich endlich etwas  aufwärmen, die Bestattung war gut besucht und der Wind eisekalt. Als das Schnitzel endlich serviert wird, schlinge ich drauflos. Schön kann das nicht ausgesehen haben, gut dass ich alleine war. Der Wirt ist mit seinem Handy beschäftigt. Als ich etwa die Hälfte geschafft habe, mache ich ein Foto und schicke es meinem Kumpel Jannis mit den Worten: ich übe schon mal für unser Schnitzeldate.

Ich komme satt und unendlich müde zurück zu den Konfis. Der Tag wird noch lang. Besonders, als nacheinander, also einzeln,  40 schreiende Jugendliche einen Raum (…) im Nachbarhaus entdecken sollen und für den wartenden Rest keine Überbrückungsspiele geplant sind.  Max sagt mir während der Freizeit mindestens drei Mal, dass er schnell wieder nach Hause möchte. Da haben wir was gemeinsam. An diesem Abend findet meine Kollegin ihre Stimme wieder. Vor dem Einschlafen (ihr erinnert euch, das Doppelstockbett) plaudern wir ein bisschen und sie fragt: „Sag mal, Hitchschmock. Wie alt bist du jetzt? 41 oder?“ Auch für die Konfis zähle ich zu den Älteren, aber hey, 31 ist noch nicht 41. Menno.

Bevor ich Freitag losgefahren bin, habe ich einen letzten Blick in den Spiegel geworfen und erschrocken massig viele neue graue Haare entdeckt, dazu äußerst dunkle Augenschatten. Vor der Konfirüste. Den Blick danach in den Spiegel habe ich mir besser geschenkt. Auf der Rückfahrt im Auto singen Max und Flo laut den Kanon, den ich mit der Gruppe immer wieder geübt habe: King of kings and Lord of Lords. Sie singen ihn auch, als sie von ihren Eltern vor dem Pfarrhaus abgeholt werden. Und sie lachen dabei. So schlimm kann es doch nicht gewesen sein.