Weihnachtsgrüße

Ihr lieben Leserinnen und Leser,

richtig plötzlich ist es mit meinem Pfarrerinnen-Dasein mittlerweile nicht mehr. Dennoch ist es gestern zum ersten Mal für mich in dieser Gemeinde Weihnachten geworden. Die Prognosen für die Gottesdienstbesucher_innenzahlen standen auf halb volle Kirche. Stattdessen – wie es sich zu Heiligabend gehört – eine rappelvolle Kirche, Menschen die beim spontanen Mitmach-Krippenspiel spontan mitgemacht haben und ich vorne und mittendrin. Viele kamen sogar ein zweites Mal in die Kirche zur Christnacht, die ich genau so gefeiert habe, wie ich schon immer mal Gottesdienst feiern wollte (mit Klavier und Gitarre und John Lennons Imagine und einer Kerzenaktion wie in Taizé).

Mit der „eigenen“ Gemeinde Weihnachten zu feiern war und ist für mich verrückt schön, nach fast einem Jahr kenne ich den einen oder die andere auch und weiß, was so alles los war. Da passiert schon mal eine wortlose Umarmung am Ausgang.

Im Pfarrhaus ist gerade volles Haus: der Liebste ist hier und Gerda und Barbara und die beiden großen Geschwister. Letzte Woche habe ich zum ersten Mal einen Weihnachtsbaum gekauft (krasserer Initiationsritus als der erste Autokauf behaupte ich) und eine Gans, die mit Äpfeln aus dem Pfarrgarten gefüttert wurde und gerade im Ofen ist. Heute hab ich frei (Halleluja!) und morgen geht es weiter mit Gottesdiensten.

Euch allen, die ihr hier immer mal wieder vorbeischaut, mitfiebert und kommentiert gesegnete Weihnachten!

Peace out und auf baldiges Wiederlesen.

Mord im Hinterhof

In der Zentrale der drei Konfizeichen klingelt das Telefon. Mark-Justin nimmt den Hörer ab, nachdem er seinen Kollegen versichert hat, das Telefon auf Lautsprecher gestellt zu haben: „Ja, Mark-Justin von den drei Konfizeichen?““Hallo ihr drei. Hier ist Pfn. Hitchschmock. Eben war ich in Dorf E –  ich habe einen neuen Fall für euch, ein Mörder macht unsere Gemeinde unsicher und hat schon zwei Mal zugeschlagen.“ Bedeutungsvoll tauschen Mark-Justin und seine zwei Kollegen Blicke aus.  Wenn sie für die neue Pfarrerin in einem Fall ermitteln, könnte sich das günstig auf ihre Konfirmandenzeit auswirken. Außerdem: Ein Serientäter? Das gab es hier noch nie. Zudem steht auf ihrer Facebook-Fanpage: „Wir übernehmen jeden Fall.“ Zustimmendes Nicken der Kollegen Max und Flo in der Zentrale. „Wir werden den Fall selbstverständlich übernehmen. Schließlich sind wir spezialisiert auf mysteriöse Vorfälle im ländlichen Raum.“ Pfn. Hitchschmock lädt die Konfirmanden zum Gemeindecafé zur Zeugenbefragung am nächsten Mittwoch ein.

Die Pfarrerin und die drei nehmen Platz an der reichlich gedeckten und liebevoll dekorierten Kaffeetafel, anwesend sind neun ältere Damen und ein Herr. Nach der Andacht und ein paar Liedern gibt es endlich Kuchen, Tee und Kaffee. Max, Flo und besonders Mark-Justin verköstigen sich begeistert an den Leckereien. Letzterer registriert mit geübtem Auge, dass Pfn. Hitchschmock auffällig lange an ihrem Kuchenstück isst. Vielleicht schmeckt es ihr nicht? Oder sie redet beim Essen einfach zu viel. Gerade richtet sie das Wort an Frau Weizen: „Könnten Sie den drei Konfizeichen noch einmal erzählen, was sich auf ihrem Hof abgespielt hat?“

Frau Weizen ringt sichtbar mit der Fassung. „Das kann ich ja eben nicht sagen. Er ist schon zwei Mal da gewesen und hat keine Spuren hinterlassen. Schon vier sind gestorben.“ Entsetzen macht sich auf den Gesichtern der Versammelten breit, einige stöhnen auf. Die Sitznachbarin von Frau Weizen streichelt beschwichtigend ihren Arm.  Auch  Flo wird bleich im Gesicht – der Fall ist ihm schon jetzt unheimlich. Max – zuständig für Blog und Archiv – notiert die Aussagen von Frau Weizen auf einem Notizblock: vier Opfer, vom Täter keine Spur. Frau Weizen fährt fort: „Kein Blut – nichts. Nur ein paar Federn lagen vor dem Hühnerstall. Und die Tiere – keine Bissspuren, einfach tot. Ich kann mir das nicht erklären“ Frau Weizen vergräbt das Gesicht in den Händen und schluchzt. Pfn. Hitchschmock spricht mit leiser Stimme ein Gebet für die Opfer und ihre Angehörigen.

Zurück in der Zentrale im Pfarrgarten ist es still bis auf das Krächzen des Papageis Paulus, der Bericht des merkwürdigen Gemetzels auf dem Hühnerhof ist den Jungen auf die Stimmung geschlagen. „Kollegen – wir können nicht nur Trübsal blasen – wir haben einen Fall zu lösen!“ Mark-Justin kaut auf seiner Unterlippe und denkt nach. „Aber wer oder was tut so etwas?“ fragt Flo. „Das kann nur ein Monster sein.“ Max begibt sich in die Bibliothek der Kirchengemeinde. Vielleicht findet sich etwas Brauchbares zwischen den alten Lutherbibeln und der RGG4? Mark-Justin startet inzwischen die Telefonlawine, um herauszufinden, ob der Täter noch anderswo zugeschlagen hat und vielleicht dort Spuren hinterlassen hat. Er ruft vier Freundinnen und Freunde an, die wiederum vier Freundinnen und Freunde anrufen und so weiter.

In der Zwischenzeit kommt Flo eine Idee, die er gleich seinem Kollegen mitteilt: vielleicht war es der gemeine Kackmarder, der in der letzten Woche einen Motorschaden am alten Auto der Pfarrerin hinterlassen hat? Dieser Marder ging schon einmal skrupellos gegen einen PKW vor – warum nicht auch gegen Hühner? Mark-Justin schüttelt den Kopf: „Der Weg von hier nach Dorf E  ist für den Kackmarder viel zu weit. Außerdem – Hühner gibt es hier im Ort doch auch. Es muss etwas oder jemand anderes sein.“ Das Telefon klingelt, der Presbyteriumsvorsitzende (wohnhaft bei Dorf C) ist dran. „Meine Hühner sind auch in Gefahr, er hat schon einige geholt. Ich habe schon den Zaun verstärkt und halte jeden vormittag mit der Schrotflinte  Wache.“ „Wer holt die Hühner“ „Na der Fuchs natürlich. “ Freundlich bedankt sich Mark-Justin  bei dem Herrn für die Auskunft, runzelt aber kurz danach die Stirn als er Flo anspricht: „Der Fuchs holt die Hühner und frisst sie auf. Er lässt keine Opfer zurück wie in Dorf E – unser Täter kann kein Fuchs sein!“ Max kommt in der Zwischenzeit aus der Bibliothek zurück,  seine Kleidung ist voller Staub und Spinnweben. „Da drin sollte man wirklich mal aufräumen. Man findet alles Mögliche, aber nicht das, was man braucht.“ Er legt einen Kassenzettel aus den 80er Jahren auf den Tisch. „Die haben hier schon immer gerne Kaffe getrunken.“  Mark-Justin seufzt: „Kollegen, es hilft nichts, wir müssen heut nacht Wache halten beim Hühnerstall von Frau Weizen Sagt euren Eltern Bescheid und nehmt euch warme Sachen mit. Nachts wird es schon empfindlich kalt.“

Schon einige Stunden harren die drei bei Frau Weizen aus. Die alte Dame hat ihnen in der Zwischenzeit schon Tee in Isolierflaschen gebracht und auch ein paar Kekse. Zum Glück ist Vollmond und sie können das Gelände gut einsehen.  In der Ferne plötzlich in Heulen. Flo: „War das etwa ein Wolf??“ Max: „Kann schon sein, ich habe in der Zeitung gelesen, dass neuerdings Wölfe in den Wäldern unterwegs sein sollen“  Flo mit zitternder Stimme: „Oh Gott. Wie geht nochmal das Vater Unser? Ich habe es immer noch nicht auswendig gelernt“ Mark-Justin:“Du könntest ja stattdessen Psalm 23 rappen – aber das wäre auch zu laut. Wir müssen ganz still sein, sonst..Pssst!“ Ein Knistern und Rascheln, lautes Schnaufen. Die drei beugen sich nach vorne, um besser sehen zu können. „Ach, nur ein Igel.“ Schweigend trinken die drei weiter ihren Tee und blicken sich um, bis ein Schatten blitzschnell  an ihnen vorbeihuscht. Max:“Was war das denn?“  Flo:“Für einen Igel viel zu schnell“ Markus-Justin:“Und für einen Marder zu groß!“ Im Hühnerstall bricht derweil aus ungeklärten Umständen Unruhe aus – der Hahn stolziert nach draußen, begleitet von einigen gackernden Hennen. Wie ein Dieb in der Nacht pirscht sich in diesem Moment eine pelzige, schwarz-weiße Gestalt heran, nimmt Anlauf, springt in die Höhe und landet auf dem Rücken einer Henne, die sofort zusammenbricht. Reglos liegt sie auf dem Boden, das Rückgrat gebrochen von dem mysteriösen Ding mit der Maske. Max und Mark-Justin stehen betroffen am Tatort, Frau Weizen kommt aus dem Haus geeilt. “ Wir waren zu spät.“ sagt Mark-Justin verbittert. „Aber wo ist eigentlich Flo?“

„Hier!Hier bin ich! Und seht, was ich mitgebracht habe:“ In einem mittelgroßen Käfig befindet sich ein  Tier. Schwarzes Fell, weiße Maske – Flo hat den Täter geschnappt.“Ein Waschbär!!Darauf hätte ich viel früher kommen müssen.“ Mark-Justin schüttelt ungläubig den Kopf. „Jetzt brauchen Sie keine Angst mehr um ihre Hühner zu haben, Frau Weizen, alles wird gut“

Auf dem Heimweg wollen Max und Mark-Justin unbedingt erfahren, wie Flo den Waschbären gefangen hat und wo der Käfig herkam. Flo grinst über beide Ohren: „Die Wege des Herren sind unergründlich.“

(diesen Blogeintrag widme ich dem Liebsten)

Natur pur

Vorletzte Woche habe ich kurz mit dem Gedanken gespielt, eine Nacht unter freiem Himmel im Pfarrgarten zu verbringen. Matthias – der Gitarrist und Sänger unserer  Band brachte mich auf die Idee, er hat das nämlich schon öfter gemacht und für schön befunden.

Den Gedanken habe im Trubel der folgenden Tage  (zum ersten Mal Gruppensupervision, Familienbesuch und der restliche normale Wahnsinn im Dienst) aus den Augen verloren. Nun war es  übers letzte Wochenende auch hier unglaublich heiß und das alte Pfarrhaus hat sich backofenmäßig aufgeheizt, vor allem und ausgerechnet das Schlafzimmer. Das wäre schon ein Argument gewesen, die Flucht nach draußen anzutreten. Platz wäre in Hülle und Fülle vorhanden, Schlafsack auch. Aber ich mag kein Krabbel – und Fliegzüügs.

Als ich Sonntagabend mit meiner Mutter spazieren ging, flog minutenlang eine Fliege erst von rechts nach links, und dann wieder von links nach rechts über meinen Kopf. Sie flog dabei schon fast rhythmisch ihre Bögen, mit etwas gutem Willen hätte man einen Takt aus dem Brummgeräusch hören können, aber den guten Willen hatte ich nicht. Ich mag eben kein Fliegzeugs, schon gar keins in meinen Haaren. Dazu kamen dann noch kleinere und größere Mückenschwärme im Park und so kehrten wir bald leicht gehetzt wieder zurück  ins Haus. Auf die Idee kamen neben uns auch diverse andere Individuen. An diesem Wochenende waren wir eigentlich zu zweit im Pfarrhaus, aber insgesamt waren wir gefühlte hundert. Das Pfarrhaus wurde in der Hitze zur Arche für große und kleine Krabbelviecher – aber wer hat die eingeladen? Und (ja, ich weiß, der Song nervt seit es ihn gibt) wann kommt die Flut? Unter dem Schlafzimmerfenster hat sich ein Bienenvolk an einem Fachwerkbalken breit gemacht, Fliegen schwirrten unter den Decken und eine ganze Familie Opa Langbeins hat sich über die Wohnung verteilt. Die Kreuzspinne vor dem Esszimmer-Fenster ist  auch umgezogen und zwar in mein Bad und hat dort ihre chill-Area ausgerechnet in der Ecke über der Dusche gesponnen. Mein persönlicher Thriller ohne Duschvorhang:  unter der Dusche stehen (mit Rücken zur Spinne)  und immer die bange Frage: seilt sie sich ab? Seilt sie sich ab? Ich entdecke hier außerdem auch ganz neue Lebensformen, längliche dunkle Käfer, die sich gerne tot stellen. Ein Exemplar hatte es sich in der Ecke links vom Kleiderschrank gemütlich gemacht (regungslos). Morgens um halb acht klingelte der Wecker und wie immer wollte ich noch ein bisschen schlummern, noch 5 Minuten, nochmal 5 Minuten und dann gaaanz langsam Richtung Küche. Ich bin echt kein Morgenmensch, grumpy cat ist nichts gegen meinen Gesichtsausdruck vor dem Frühstück (schade für die Leute, die sich so früh im Pfarrhaus aufhalten und mich beim Zeitung-holen sehen). Der neu entdeckte gemeine Pfarrhauskäfer links vom Schrank hat sich beim Anblick meiner müden Morgenvisage wohl so erschrocken, dass er spontan in den Frontal-Angriff überging – fliegend (!), mit einem erstaunlich großen Flügelradius und bedrohlich brummend.

So schnell war ich lange nicht aus dem Bett raus. Grumpy war nach dem Aufwachen dann gar kein Ausdruck mehr (vor dem ersten Kaffee – was denkt das Viech sich eigentlich?). Vermutlich hätte ich draußen komplett ungestört geschlafen, schließlich scheint sich ja die gesamte Fauna im Pfarrhaus versammelt zu haben.

Nachtrag 1: die Neubesiedelung des Pfarrgartens (ohne Tauben-Test und Ölzweig, war ja auch keine Flut) nahm Montag Abend ihren Anfang mit der Kreuzspinne aus dem Bad und ihrem Nachbarn aus der Badewanne – dem Riesen-Opa-Langbein.

Nachtrag 2: zu meinem großen Entzücken habe ich festgestellt, dass es hier Glühwürmchen gibt, also, mindestens eins. Es gibt tolle Flug-Viecher. Das Glühwürmchen hätte ich sogar ins Pfarrhaus eingeladen – aber es schwebte irgendwo anders hin.

Kirschen, wenn der Sommer kommt

Ein Gesprächsauszug von der vorletzten Bandprobe  zwischen unserem neuen Schlagzeuger Simon (der außerhalb der Bandprobezeiten als Koch in einer Grundschule arbeitet) und mir. „Hej Simon. Du bist doch aus Hamburg – dann kennst du doch bestimmt Nils Koppruch!“ Irritierter Blick seitens Simon. „Äh was? Nee, kenn ich nicht. Was denn für ein neues Kochbuch?“

Herein steht an der Falltür und willkommen sagt der Hai, es ist ne sonderbare Welt.

Sonderbar ist die Welt ja sowieso schon, aber seit Januar ist die Liste der „echt jetzt?“-Momente deutlich länger geworden. Weit oben auf der Liste steht eine Seniorin, die am Gemeindecafé hier im Ort teilnimmt. Sie fällt sowieso schon auf, weil sie vieles nicht mehr so richtig mitbekommt und oft laut nachfragt („Welchen Psalm? Wo finde ich den? Unter welcher Nummer?“). Sie hat eine Lesebrille, die sie dann aufsetzt. Und in besonders verzweifelten Momenten („Ich finde diesen Psalm nicht! Wo ist das denn?? Ich seh gar nichts hier!“) kann sie bei dieser Brille ein Knöpfchen drücken und dann leuchten links und rechts von den Gläsern zwei Lämpchen, wie bei einer Taschenlampe. So sitzt die Dame dann bei der Andacht, drei Stühle links von mir, blättert im Gesangbuch und wenn sie beim Fragen hochguckt, leuchtet mich die Brille an wie die Scheinwerfer eines Autos. Sonderbar bis amüsant ist auch, was meine Gemeindeglieder so über mich erzählen und mir dann weiter sagen: „Unsere neue Pfarrerin ist jung, hübsch und nett!“ In dieser Reihenfolge. Ich habe betreffender Person gegenüber nicht erwähnt, dass nett die kleine Schwester von Scheiße ist und ich für jung und hübsch ja überhaupt nichts kann. Ist ja trotzdem nett (…) gemeint. Jemand anderes sagte über mich: „Unsere neue Pfarrerin singt so schön! Aber immer so neue Lieder, die wir gar nicht kennen.“ Sätze mit „immer“ sind sowieso immer die schönsten. Heute beim Gemeindecafé in Dorf F kannte man das Lied Vertraut den neuen Wegen nicht. Das ist von 1989 und ein echter Schlager! Die ahnen ja nicht, dass bald wirklich neue Lieder gesungen werden. Best of neues geistliches Liedgut von mir zusammengestellt und hinten dran ein großer Teil Taizélieder. Neu wird noch ganz anders, liebe Gemeinde, muhaha.

Falltüren tauchen auch immer mal wieder auf. Bei mir hat das meistens etwas mit dem Thema Bau zu tun. Ich erwähnte hier ja schon die eine  Kirche mit der kaputten Decke. Sie hat auch einen kaputten Turm, nasse Böden und die Orgel muss raus, bevor losgelegt werden kann. Unser Presbyteriumsvorsitzender war heute fatalerweise verhindert und so stand ich recht hilflos einer gemischten Gang vom Kirchenkreis und der Landeskirche gegenüber, die mit verdammt hohen Zahlen (30 000, 65000, 150 000) und wilden Abkürzungen um sich warfen (SKV, Kiba – nicht der Cocktail – DDS). Nebenbei ging es um Dienstwege und Fristen, die nicht eingehalten wurden (ziemlicher Ärger von den Chefs) und ich muss jetzt extra Termine einplanen und hoffen, dass sich die Dinge doch wie geplant regeln werden. Der Hai lässt es sich schmecken.

In diesem Jahr gibts Kirschen wenn der Sommer kommt und wenn du deine Augen offen hältst, kannst du dir besten von den Bäumen nehmen…

Im Predigerseminar hat Rahel zu diesem Lied eine Andacht gehalten und ich habe dazu das Lied mit ein paar Leuten gespielt. Mitten im tristen November, in dem Jahr als Nils Koppruch gestorben ist.  Die Kirschen-Andacht ist bei uns legendär geworden und seitdem liebe ich das Lied noch mehr. Jetzt ist Juni, es ist wirklich Sommer und tatsächlich bekomme ich massig Kirschen geschenkt.  Eine Gemeindepädagogin meinte letztens zu mir: „wir wollen dich mästen!“. Anders kann ich mir das auch nicht erklären, ständig gibt es von irgendwoher Eier, Erdbeeren und leckere Kirschen. Großartig!

Der letzte Pfarrkonvent fand unter freiem Himmel und unter einem Kirschbaum statt. Gegen Ende der Zusammenkunft waren die reifen Kirschen alle weggepflückt und vernascht. Zwischendurch standen meine Kollegen in einer Reihe und übten sich im Kirschkern-Weitsprucken. Kirschen machen froh, sogar auf Pfarrkonventen.

Gerade entdecke ich, die Vorzüge meines riesigen Pfarrgartens, was meinen Liebsten und mich am Wochenende dazu verführt hat Holunderblütensirup selber zu machen, ein Blumenbeet anzulegen, darauf eine Sommerbienenwiese auszusäen und Radieschen und Salat anzupflanzen. Seit ich nur noch Auto fahre oder am Schreib/ Gemeinde oder Kaffeetisch sitze ist der kümmerliche Rest Sportlichkeit, der vielleicht von meinem letztjährigen Anfall von Fitnesswahn übrig geblieben ist, gänzlich verpufft. Zwei Stunden Hacken, Rupfen und Gießen – ich völlig am Ende und zwei Tage fieser Muskelkater. Schon als wir noch dabei waren habe ich prognostiziert, dass unsere Bemühungen bei den geübten Gärtnerinnen und Gärtnern in der Gemeinde bestimmt für Amüsement sorgen werden. Heute vormittag betrachtete nun Frau N. unser Werk und lachte laut los: „Und das Unkraut haben Sie stehen lassen!“

Der Pfarrgarten hat den Ginko, einen Ahorn (und viele Ahornbabys, die sich überall breit machen), Apfelbäume, Johannesbeersträucher, Brombeeren, Holunder und wahrscheinlich noch einiges, was ich noch nicht erkannt oder entdeckt habe. Der Superpfarrer hat hier einige Bäume gepflanzt, die jetzt fröhlich wachsen und gedeihen. Vielleicht lass ich mich in dieser Hinsicht mal von ihm inspirieren. Welchen Baum ich pflanzen würde dürfte der geneigten Leserschaft (schöne Grüße bei dieser Gelegenheit!) wohl klar sein. Und dann werde ich mit meinem Gitarrenbaby (und vielleicht auch Simon mit seiner Cajon) unter diesem Baum in der Sommersonne sitzen und singen:

Jeder Tag ruft deinen Namen, ich wünsch Glück an allen Tagen, nichts ist besser als ne Liebe auf der Welt. Kirschen gibts an Sommertagen, nur solang die Bäume tragen, und lebend gehen wir nicht mehr aus der Welt.

Der Duft von Quitten

Vier Monate im Pfarramt habe ich bisher überstanden. Pfarramt in dieser Landgemeinde. Wenn ich auf Pfarrkonventen Kollegen und Kolleginnen treffe, reagieren die teilweise so: „Ach da bist du jetzt gelandet? Oh je. Und das für die erste Stelle!“ Dazu kommt dann meistens ein mitleidiges Streicheln über den Arm. Mega erbaulich.

Zwischendurch denke ich mir manchmal auch: Ach hier bin ich jetzt gelandet. Und ich bemerke zunehmend wie schwierig es ist, 8 Predigtstätten und 16 Dörfer unter einen Hut zu bekommen. Es gibt immer mindestens ein Dorf, das sich vernachlässigt fühlt („In Dorf X halten Sie doch auch Gottesdienste für 6 Leute. Bei uns sind es 8! Warum kommen Sie nicht auch zu uns?“). In dem Dorf von Herrn Fritz (dem Prädikanten) haben sich die Leute hinterher beschwert, dass er den Karfreitagsgottesdienst dort gehalten hat (was mich so gefreut hat!) und nicht ich. Es gibt Dörfer, die ganz nah beieinander liegen – man könnte rein räumlich betrachtet unter besten Vorzeichen gemeinsame Gottesdienste mit 15 statt 8 Leuten feiern – aber nöö, Dorf A und Dorf B bleiben lieber für sich. „Das war doch schon immer so“ Und was macht das mit mir (so fragt man in der Seelsorge. Und dann lernt man, dass man nicht man sagen soll und spricht ab sofort leicht zwanghaft in Ich-Botschaften)? Ganz klar: Ich (!) bin dann so richtig  „ANTI-ANTI“ (bitte die Bonaparte-Melodie mitdenken).  Und dann passieren so Sachen:

Erstes Gemeindecafé in einem der Dörfer. Ein kleiner, unscheinbarer Bungalow  beim Friedhof, an dem ich natürlich erstmal vorbei fahre  („Bei den weißen Schafen müssen Sie anhalten“. Dass die weißen Schafe Garten-Plastik-Deko sind hab ich erst bei der zweiten Tour über die Hauptstraße bemerkt). Drinnen dann 4 ältere Damen und ein Herr.  Ich blicke auf den Tisch und traue meinen Augen kaum: kein Kuchen, keine Torte, sondern tatsächlich saure Gurken und Leberwurstbrote! Herzhaftes Essen bei einem Gemeindecafé – irre. Ich werde herzlich begrüßt, halte die Andacht, danach machen wir eine kleine Vorstellungsrunde. Eine Dame fällt mir besonders auf. Sie ist die Älteste (an Pfingsten wird sie 92!) und spricht nicht, sie sitzt nur da und blickt in die Runde. Eine Tasse hat sie auch nicht dabei (der Bungalow hat keine Küche, also müssen alle Geschirr mitbringen. Nur ich nicht – für mich wird gesorgt, hehe), aber auch sie wird mit Leberwurstbroten versorgt. Die anderen erzählen viel, wo sie herkommen, wie das Dorf früher mal war. Zwei Damen beginnen während dieser Vorstellungsrunde zu meiner Überraschung und leichten Überforderung zu weinen, die Fluchtgeschichten…Vielleicht sollte ich eine andere Impuls-Frage als „Und stammen Sie von hier?“ überlegen.. Jedenfalls, etwas hat es mit dem Blick der ältesten Frau auf sich (Und nein. Ich habe nicht mit ihr geflirtet). Ich erfahre später, dass sie stark schwerhörig ist. Aber wenn sie mich über den Tisch anschaut, ist es als würde sie mich genau verstehen und mir etwas sagen wollen, nur eben ohne Worte.  Das passiert ein paar Mal – am Ende lächeln wir uns an.

Treffen mit den vier Konfirmanden und Konfirmandinnen. An Pfingsten werden sie konfirmiert, dabei werden sie – aller Voraussicht nach –  ihren Glauben bekennen, also reden wir passenderweise über das Glaubensbekenntnis, gehen die verschiedenen Sätze durch (überraschenderweise stößt sich niemand von ihnen an der Jungfrauengeburt – weird!) und bleiben lange beim Thema Tod und Auferstehung. In der kurzen Zeit, in der ich die jetzt begleite, werde ich  immer wieder überrascht und  hingehoddert von dem, was diese Jungschen so denken, hoffen und glauben. In der kleinen Runde reden sie ganz offen davon, wie liebe Leute gestorben sind (schon wieder feuchte Augen, auch ich), wie es ihnen damit ging und wie sie sich das Leben nach dem Tod vorstellen. Später lesen sie mir die Konfirmationssprüche vor, die bei ihnen in der näheren Auswahl sind (bis nächste Woche müssen sie sich entscheiden) . Wirklich, ich freue mich darauf, diese kleine, feine Gruppe an Pfingsten zu konfirmieren.

Jetzt sitze ich in meiner eigentlich viel zu großen Pfarrwohnung und höre endlich mal wieder in Ruhe Musik. Ein Gewitter hat mich reingescheucht – eigentlich saß ich bis eben auf dem Marktplatz, versorgt mit Bratwurst und Bier, auf der Bank bei der Gärtnerfamilie des Ortes. Die Pfarrerin kann sich ja auch mal in der Öffentlichkeit zeigen und so. Jedenfalls rede ich mit der Gärtnerin und dann erzählt sie mit weichem Blick vom Pfarrgarten und den Apfelbäumen und den Quittenbäumen. „Im Herbst“ sagt sie zu mir “ da riecht das ganze Pfarrhaus nach Quitten. Das ist wunderschön – genau so riecht das Pfarrhaus hier. Nur hier riecht es so. „