Kirschen, wenn der Sommer kommt

Ein Gesprächsauszug von der vorletzten Bandprobe  zwischen unserem neuen Schlagzeuger Simon (der außerhalb der Bandprobezeiten als Koch in einer Grundschule arbeitet) und mir. „Hej Simon. Du bist doch aus Hamburg – dann kennst du doch bestimmt Nils Koppruch!“ Irritierter Blick seitens Simon. „Äh was? Nee, kenn ich nicht. Was denn für ein neues Kochbuch?“

Herein steht an der Falltür und willkommen sagt der Hai, es ist ne sonderbare Welt.

Sonderbar ist die Welt ja sowieso schon, aber seit Januar ist die Liste der „echt jetzt?“-Momente deutlich länger geworden. Weit oben auf der Liste steht eine Seniorin, die am Gemeindecafé hier im Ort teilnimmt. Sie fällt sowieso schon auf, weil sie vieles nicht mehr so richtig mitbekommt und oft laut nachfragt („Welchen Psalm? Wo finde ich den? Unter welcher Nummer?“). Sie hat eine Lesebrille, die sie dann aufsetzt. Und in besonders verzweifelten Momenten („Ich finde diesen Psalm nicht! Wo ist das denn?? Ich seh gar nichts hier!“) kann sie bei dieser Brille ein Knöpfchen drücken und dann leuchten links und rechts von den Gläsern zwei Lämpchen, wie bei einer Taschenlampe. So sitzt die Dame dann bei der Andacht, drei Stühle links von mir, blättert im Gesangbuch und wenn sie beim Fragen hochguckt, leuchtet mich die Brille an wie die Scheinwerfer eines Autos. Sonderbar bis amüsant ist auch, was meine Gemeindeglieder so über mich erzählen und mir dann weiter sagen: „Unsere neue Pfarrerin ist jung, hübsch und nett!“ In dieser Reihenfolge. Ich habe betreffender Person gegenüber nicht erwähnt, dass nett die kleine Schwester von Scheiße ist und ich für jung und hübsch ja überhaupt nichts kann. Ist ja trotzdem nett (…) gemeint. Jemand anderes sagte über mich: „Unsere neue Pfarrerin singt so schön! Aber immer so neue Lieder, die wir gar nicht kennen.“ Sätze mit „immer“ sind sowieso immer die schönsten. Heute beim Gemeindecafé in Dorf F kannte man das Lied Vertraut den neuen Wegen nicht. Das ist von 1989 und ein echter Schlager! Die ahnen ja nicht, dass bald wirklich neue Lieder gesungen werden. Best of neues geistliches Liedgut von mir zusammengestellt und hinten dran ein großer Teil Taizélieder. Neu wird noch ganz anders, liebe Gemeinde, muhaha.

Falltüren tauchen auch immer mal wieder auf. Bei mir hat das meistens etwas mit dem Thema Bau zu tun. Ich erwähnte hier ja schon die eine  Kirche mit der kaputten Decke. Sie hat auch einen kaputten Turm, nasse Böden und die Orgel muss raus, bevor losgelegt werden kann. Unser Presbyteriumsvorsitzender war heute fatalerweise verhindert und so stand ich recht hilflos einer gemischten Gang vom Kirchenkreis und der Landeskirche gegenüber, die mit verdammt hohen Zahlen (30 000, 65000, 150 000) und wilden Abkürzungen um sich warfen (SKV, Kiba – nicht der Cocktail – DDS). Nebenbei ging es um Dienstwege und Fristen, die nicht eingehalten wurden (ziemlicher Ärger von den Chefs) und ich muss jetzt extra Termine einplanen und hoffen, dass sich die Dinge doch wie geplant regeln werden. Der Hai lässt es sich schmecken.

In diesem Jahr gibts Kirschen wenn der Sommer kommt und wenn du deine Augen offen hältst, kannst du dir besten von den Bäumen nehmen…

Im Predigerseminar hat Rahel zu diesem Lied eine Andacht gehalten und ich habe dazu das Lied mit ein paar Leuten gespielt. Mitten im tristen November, in dem Jahr als Nils Koppruch gestorben ist.  Die Kirschen-Andacht ist bei uns legendär geworden und seitdem liebe ich das Lied noch mehr. Jetzt ist Juni, es ist wirklich Sommer und tatsächlich bekomme ich massig Kirschen geschenkt.  Eine Gemeindepädagogin meinte letztens zu mir: „wir wollen dich mästen!“. Anders kann ich mir das auch nicht erklären, ständig gibt es von irgendwoher Eier, Erdbeeren und leckere Kirschen. Großartig!

Der letzte Pfarrkonvent fand unter freiem Himmel und unter einem Kirschbaum statt. Gegen Ende der Zusammenkunft waren die reifen Kirschen alle weggepflückt und vernascht. Zwischendurch standen meine Kollegen in einer Reihe und übten sich im Kirschkern-Weitsprucken. Kirschen machen froh, sogar auf Pfarrkonventen.

Gerade entdecke ich, die Vorzüge meines riesigen Pfarrgartens, was meinen Liebsten und mich am Wochenende dazu verführt hat Holunderblütensirup selber zu machen, ein Blumenbeet anzulegen, darauf eine Sommerbienenwiese auszusäen und Radieschen und Salat anzupflanzen. Seit ich nur noch Auto fahre oder am Schreib/ Gemeinde oder Kaffeetisch sitze ist der kümmerliche Rest Sportlichkeit, der vielleicht von meinem letztjährigen Anfall von Fitnesswahn übrig geblieben ist, gänzlich verpufft. Zwei Stunden Hacken, Rupfen und Gießen – ich völlig am Ende und zwei Tage fieser Muskelkater. Schon als wir noch dabei waren habe ich prognostiziert, dass unsere Bemühungen bei den geübten Gärtnerinnen und Gärtnern in der Gemeinde bestimmt für Amüsement sorgen werden. Heute vormittag betrachtete nun Frau N. unser Werk und lachte laut los: „Und das Unkraut haben Sie stehen lassen!“

Der Pfarrgarten hat den Ginko, einen Ahorn (und viele Ahornbabys, die sich überall breit machen), Apfelbäume, Johannesbeersträucher, Brombeeren, Holunder und wahrscheinlich noch einiges, was ich noch nicht erkannt oder entdeckt habe. Der Superpfarrer hat hier einige Bäume gepflanzt, die jetzt fröhlich wachsen und gedeihen. Vielleicht lass ich mich in dieser Hinsicht mal von ihm inspirieren. Welchen Baum ich pflanzen würde dürfte der geneigten Leserschaft (schöne Grüße bei dieser Gelegenheit!) wohl klar sein. Und dann werde ich mit meinem Gitarrenbaby (und vielleicht auch Simon mit seiner Cajon) unter diesem Baum in der Sommersonne sitzen und singen:

Jeder Tag ruft deinen Namen, ich wünsch Glück an allen Tagen, nichts ist besser als ne Liebe auf der Welt. Kirschen gibts an Sommertagen, nur solang die Bäume tragen, und lebend gehen wir nicht mehr aus der Welt.

Die Jugend

Bis vor Kurzem dachte ich ja, ich wäre nicht so mega weit entfernt von der Lebenswelt der Konfirmanden und Konfirmandinnen. Mit 30 ist man ja auch noch nicht so mega alt. Und dann tauchten auf meinem Smartphone-Bildschirm folgende 3 Buchstaben auf: „wmd“.

Ich antworte meinem jüngsten Konfi (ok, der jüngste und nächstes Jahr auch der einzige) nicht, denn ich glaube, Max hat sich vertippt und schreibt nochmal neu. Max wechselt stattdessen das Medium von whatsapp zum facebook-messenger und wieder: „wmd“. Also muss ich mir die Blöße geben und antworte: „?“

Erwähnte ich hier schon, dass der Vorsitzende des Presbyteriums (Zitat!) „kein email“ hat? Wie ungefähr die Hälfte des gesamten Presbyteriums? In meiner Vikariatsgemeinde haben wir ganz entspannt über Mails die Leute zu Sitzungen eingeladen. Die Mutter der Konfirmandin Maria (in diesem Jahr gibt es 4 Konfis)  antwortete erst 2 Wochen später auf eine Anfrage von mir per Mail, öfter checkt sie einfach nicht ihr Postfach.

Ich befürchte, ich verstehe weder meine Konfis noch ihre Eltern. Aber immerhin scheint man mich zu verstehen, jedenfalls im Gottesdienst. Heute wurde ich wieder für meine deutliche Aussprache gelobt. Witzig, was die sich hier für Komplimente ausdenken. Dann haben die vielen Stunden mit der Sprechtherapeutin im Predigerseminar wohl tatsächlich etwas gebracht. Meine Worte kommen bisher jedenfalls an. Und ich wurde schon zweimal auf den Inhalt einer Predigt angesprochen. Eine Woche nach dem Gottesdienst – Zucker auf der Seele der Entsendungsdienstlerin!

Heute habe ich die Eltern der 4 Konfis die dieses Jahr dran sind eingeladen. Es erschienen: die Mütter. Angeblich mussten die Väter arbeiten. Abends um sieben. Auf dem Bau. Wie auch immer, die Damen waren gut drauf und lassen sich gerne auf meine Experimente ein. Statt Prüfung vor der Konfirmation ein selbstverantworteter Gottesdienst für die Gemeinde. Wir verstehen uns! Außerdem haben sie mir erzählt, dass zu Pfingsten die Kirchen mit Birken geschmückt werden, weil das böse Geister vertreibt. Klingt jetzt für mich eher heidnisch („Nee nee! Das ist eine kirchliche Tradition! Das war hier schon immer so!“), aber Lokaltradition lass ich als Grund mal durchgehen. Und Birken sind schön, so what.

Konfi Max habe ich übrigens im letzten Gottesdienst zur Mitarbeit verpflichtet. Und er hat ganz tapfer die (echt nicht leichte) Epistel aus dem Hebräerbrief gelesen. Laut und verständlich. Er muss wirklich geübt haben, wie wir es ausgemacht haben. Krasser Scheiß. Max antwortete mir schließlich auf mein hiflloses „?“  – „wmd= was machst du“ Ach so, na dann. „Noch ein bisschen Arbeiten“ schreib ich zurück. Klingt mega langweilig und auch irgendwie alt. Aber so ist das wohl mit Anfang 30 wenn man (whoop!whoop!) plötzlich Pfarrerin geworden ist.