Flucht und/oder Wachstum

Bis zum Sommerurlaub sind es nur noch ein paar Tage. Die Stimmung im Pfarramt ist ungefähr so, wie noch zu Schulzeiten in der letzten Woche vor Ferienbeginn: ich hänge schief und außerordentlich angeödet am Schreibtisch und wünsche mich innig woanders hin.

Deshalb schreibe ich jetzt auch Blog (auf der Couch, nicht am Schreibtisch, immerhin ein kleiner Ortswechsel) und nicht die Andacht für den nächsten Gemeindebrief. Ezechiel und die Gedanken an Herbst/Winter 2017 müssen warten.  Ich stelle mir in diesen Tagen entweder vor, schon Urlaub zu haben und höre dazu dann  sehr laut „Arbeit“ von Sido und Helge Schneider und denke versonnen an die Ordination meiner lieben Frederike  (Alle gehen arbeiten, NUR ICH NICHT!) oder ich begebe mich in eine frühkindliche Verweigerungshaltung und  stimme lauthals Gisbert zu: IMMER MUSS ICH ALLES SOLLEN! Wie so oft hat Gisbert einfach Recht.

Um mit den Worten einer klugen Freundin zu reden: Gisbert singt mein Tagebuch, in so vieler Hinsicht und seit so langer Zeit, dass es mich nicht mehr wundert, ab und an vom ihm zu träumen. Im Traum schaffe ich es dann auch, mit ihm zu reden – im wahren Leben gelang mir das vor lauter Nervosität und Anhimmelei (plötzlichschüchtern@bekloppt.de) bisher nicht, obwohl es sogar Gelegenheiten gegeben hätte. Wahrscheinlich käme sowieso nur Quatsch dabei heraus und er kann das mit den Worten eindeutig besser als ich, also lasse ich einfach ihn sprechen, bzw. singen.

So getan als Impuls nach der Predigt für den vorletzten Sonntag. Wie es nicht anders zu erwarten war (siehe oben, der matschige Zustand ist nicht neu), ging mir bei der Vorbereitung derselben Predigt schnell die Puste aus. Dabei hab ich es sogar das erste Mal mit einer Bildbetrachtung versucht. Davon erzählte ich gestern am Telefon Julia, die wie ich gerade mit dem Sommerloch ringt, obwohl sie ihren Urlaub schon hatte. Die Idee mit dem Bild fand sie gut, merkte aber an, dass ja nicht in jeder Kirche ein Beamer mit Leinwand sei und dass man das besser vorher checken solle. Mir entwich ein verzweifeltes Lachen beim Gedanken an die Kirchen dieser großen, waldigen Gemeinde. Hier fehlen nicht nur Beamer und Leinwände, es gibt ja teilweise nicht einmal elektrisches Geläut, genügend (auch moderne) Gesangsbücher oder standardmäßige Sicherheitsmaßnahmen. Erst jetzt werden die vor zwei Jahren gefassten Pläne für Feuerlöscher und Rauchmelder endlich in die Tat umgesetzt. Besser spät als nie, aber oh my – die Zeit läuft hier wirklich langsamer als anderswo. Inklusive der Kirchenuhr, die aus unerfindlichen Gründen immer wieder stehen bleibt, obwohl sie ständig repariert wird.

Da es hier also weder Beamer noch Leinwände gibt, habe ich das Bild für die Predigt  kurzerhand ausgedruckt und kopiert und den Leuten ganz analog an die Hand gegeben. So viele sind es ja nicht, die sich Sonntags zu mir  in die Gottesdienste verirren (mööp). Selbstverständlich gibt es nirgendwo Musikanlagen oder Lautsprecher, also nahm ich mein kleines Bluetooth-Würfelchen mit und positionierte es in Dorf F auf dem Altar neben der linken Altarkerze. In Dorf J war die Ortsfindung im zweiten Gottesdienst etwas komplizierter. Hier wird Gottesdienst im Dorfgemeinschaftshaus gefeiert, das früher einmal die Schule war. Der Raum  (gegenüber dem ehemaligen Tante-Emma-Laden) ist wahlweise Sporthalle, Festsaal oder eben Kirchraum und strahlt einen entsprechenden Pragmatismus aus, inklusive einer Tischtennisplatte, herbstfarbenden Turnmatten im Schrank und von Zeit zu Zeit ein paar hilflosen Girlanden an der Decke. Der Altar ist ein ovaler Plastiktisch in schwarz, der für den Gottesdienst mit einer weißen Tischdecke, Kerzen, einem kleinen Kruzifix und Blumen versehen wird. Ich hätte den Würfel auch auf den Schrank mit den Turmatten stellen können, stellte ihn dann aber doch unauffällig auf den Tisch zwischen die Blumen.

Der Gottesdienst ist erfreulicherweise gut besucht – der Vorsitzende des Presbyteriums wohnt hier und schafft es auf rätselhafte Weise, den Mehrzweckraum mit Menschen zu füllen. Man singt, betet, hört aufmerksam zu und betrachtet das Bild des tastenden Engels- halb im Hellen, halb im Dunkeln, träumt sich weg, findet wieder Anschluss, befragt die eigene Sehnsucht nach Gott, denkt an das Mittagessen und die Kartoffeln auf dem Herd, an die Enkel, die kommen und dann spielt da plötzlich leicht und sanft eine Gitarre und jemand singt:  Du wirfst dich hinein in das Licht dieser Welt, dann fängst du an zu schreien, es kommt ein Mensch der dich hält. Und die Liiiebe, die du spürst, wirst du nie wieder verlieren. Sie ist für dich da, bis der Vorhang fällt. Gisbert zu Knyphausen klingt und singt sich zwischen den Stuhlreihen hindurch von Ohr zu Ohr und trifft mich wie immer mitten ins Herz. Ich höre zu und gucke mal auf den Boden, mal aus dem Fenster, einmal in die Gemeinde. Eine Frau hat den Kopf hoch erhoben und blickt wachsam nach vorne. Bewegen sie die Worte etwa wie mich?  Hach, ich bin gerührt.

Am Ausgang spricht die Frau mich auf die Musik an: Danke, danke,  aber ich habe mich die ganze Zeit gefragt, wo die Musik herkommt. Wirklich, ich war ganz unruhig und hab überall so geschaut und gesucht. (…) Ach! Aus diesem kleinen Würfel hier? Das ist ja doll.. Auch der Vorsitzende bewunderte die neue Technik und freute sich über ihren Einsatz.

Immerhin bewegt etwas die Gemüter, wenn auch nicht unbedingt Gisberts weise Worte. Die Gemeinde muss mir ja auch nicht alles nachmachen. Denn auch die muss nicht immer alles sollen. Ich versuche jetzt noch, etwas an meinen Aufgaben zu wachsen und fahre zu einem hochzeitswilligen Paar. Das ist ja auch eine Form von Flucht, Flucht vor zu viel Ablenkung. Uff.

Liebe Internet-Gemeinde, lasst es euch gut gehen, genießt den Sommer, das Baden, die Sonnenblumen und: auch wenn das Unglück dieser Welt, mal auf deine Schultern fällt, ein neuer Tag wartet schon auf dich am Ende jeder noch so langen Nacht. 

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Flow oder Nicht-Flow

Es gibt Tage, an denen bin ich im Flow mit dieser Gemeinde und ihren Menschen. Jüngst geschehen beim letzten Taizégebet, wo endlich einmal mehr Menschen da waren als nur Martha und ich. Vier Jugendliche und drei Erwachsene, keine Martha, aber ich und ich war verzückt. Zwei Mädels aus der aktuellen Konfigruppe sind mit zwei Freundinnen gekommen. Jemand aus der Konfi-Whatsapp-Gruppe fragte hinterher, wie das Gebet denn nun war und sie schrieben „voll schön“ und „toll“. Sie kannten kein einziges Lied, sangen aber trotzdem sofort mit (schüchterner 13jährigen-Gesang hat etwas äußerst Herzergreifendes). Hach.

Es gibt Tage, an denen bin ich mehr im Flow mit anderen Menschen, als denen aus der Gemeinde. Letzte Woche z.B. habe ich gemeinsam mit Rahel höchst motiviert einen Gottesdienst ausgeheckt, mit allem drum und dran. Ab morgen habe ich über das Wochenende Urlaub (ENDLICH!), besuche sie (ENDLICH!) und feiere mit ihr dann neben unserem Wiedersehen  diesen Gottesdienst. Damit sich der Aufwand auch gelohnt hat, habe ich das ganze Paket letzten Sonntag hier in der Gemeinde an die Leute gebracht, was in meiner Hauptpredigtstätte fast ein Ding der Unmöglichkeit war. Es waren nämlich kaum Leute da. Nur drei treue Seelen versammelten sich letzten Sonntag im Gemeinderaum. Vermutlich, weil dieser fälschlicherweise als Lektorengottesdienst ausgeschrieben war. Aber come on, der gute Herr Fritz hätte hier durchaus mehr als drei Leute verdient. Und man soll mir bitte nicht kommen mit „wo zwei, oder drei in meinem Namen versammelt sind“. Wenig Leute im Gottesdienst machen neben aller Geistesgegenwart (sorry, Chef) meistens viel Frust, für alle Beteiligten.

Es war Rahels schöne Idee, in der Predigt ein Lied von Wir sind Helden zu spielen, Bring mich nach Hause. Immerhin, die drei Leute hier freuten sich hinterher sehr darüber („So ein schöner Gottesdienst!“) und ich war während der Predigt sowas von extrem im Flow. Predigen ist an sich schon intensiv, während des Predigens selbst zu musizieren (Gitarre und Gesang) steigert diese Intensität für mich nochmal deutlich. Als säße da das größte Publikum der Welt und nicht nur drei Menschen. Oder es ist am Ende doch die Geistesgegenwart (in dem Fall: erwischt! Danke, Chef).

Trotzdem schimpfe ich im Gemeindebüro gestern über den so mau besuchten Gottesdienst und drohe erbost und völlig ungeflowt damit, die Gottesdienste hier nur noch alle sechs bis acht Wochen zu feiern (dann könnte ich schließlich auch mehr Urlaub machen). Zufällig ist gerade eine Frau aus der Gemeinde da, die ihr Fehlen (alle haben dann immer so Erklärungen von wegen: krank, draußen glatt, verschlafen, Gäste zum Essen,  Hund krank, Mutter krank, Pferd krank, pffff)  mit den Worten zu rechtfertigen versucht: „Ich wollte ja wirklich zum Gottesdienst kommen, aber (hier kam eine kleine, dramatische Pause) ich saß auf der Toilette.“ Huh. Moment mal – hat sie das gerade wirklich gesagt? Auf der Toilette? So völlig ungeniert im Gemeindebüro? Zu mir? Ich kenne die Dame und ihr Redeverhalten (sintflutartig!) und plötzlich sehe ich sie sitzen, auf der Toilette und schlagartig wird es mir zu viel.  Ich mache „Hmhm, aha, ja…ich muss eben noch oben..“ und verlasse fluchtartig den Raum. Nicht sonderlich professionell, aber wenigstens effektiv.

Was manche Leute so von sich geben und teilen, ist doch wirklich erstaunlich. Heute nachmittag ging es im Gemeindekreis um das Thema Freiheit. Es war eine verhältnismäßig schöne Runde, man kam angeregt ins Gespräch, Erfahrungen wurden geteilt – alles super. Bis auf Herrn M., der leicht zwanghaft immer dazwischen quatschen musste. Herr M. ist sehr von sich überzeugt und glaubt, die Welt verstanden zu haben, daran will er alle teilhaben lassen, immer. Er wähnt sich mit der Welt im flow, eckt aber tatsächlich überall fürchterlich an. Mit ihm fand gerade eben folgender Wortwechsel statt:

Er: „Sie sollten das nächste Mal mal über UNfreiheit reden! DAS wär mal was.“ Ich: „Vielleicht mögen Sie ja etwas über Unfreiheit erzählen? Da könnten Sie bestimmt viel zu beitragen.“ Er: „Ich kann über ALLES reden.“ Okok...An Selbstvertrauen mangelt es Herrn M. offensichtlich nicht. Ich reagiere geübt souverän mit „Hmhm, aha, ja.. ich muss oben noch…“ und steige flugs die Treppen hoch in die Wohnung.

Es ist gut, dass morgen der Urlaub anfängt. YOFlO.

 

 

 

Weihnachtsgrüße aus gegebenem Anlass

Frohe und gesegnete Weihnachten, liebe Internetgemeinde! Noch vor der ersten Christvesper in den Dörfern (insgesamt drei Gottesdienste, drei verschiedene Krippenspiele, viel Potential für Wahnsinn) und der Christmette  hier für euch mein  Impuls zum Tag. Keep on lovin!

Impuls Christvesper

Weihnachten passt dieses Jahr eigentlich nicht, finde ich. Die Bilder aus aus Syrien, besonders aus Aleppo, die Erinnerungen an Nizza und die Aufnahmen vom Weihnachtsmarkt in Berlin – sie legen sich wie ein dunkler Schleier über die Lichter, die seit Wochen in meiner Wohnung gegen die langen Nächte leuchten: sie verdunkeln die Kerzen des Adventskranzes, den geschmückten Weihnachtsbaum und selbst den kleinen roten Stern an meinem Wohnzimmerfenster.
Es ist in diesen Tagen für mich und viele andere schwierig mit besinnlicher Stimmung, mit weihnachtlicher Wohligkeit. Die Welt und ihre Geschehnisse werfen ihre langen Schatten hinein in die Zeit, in der es doch eigentlich heller in uns und um uns herum werden sollte. Weihnachten, ich gebe es frei heraus zu, stört mich in diesem Jahr.
Wie können wir in diesen Tagen Weihnachtsfreude empfinden? Wie passen das festlich geschmückte Haus, der Gänsebraten und die Geschenke unterm Baum in diese Welt, die gerade vielen so finster und erlösungsbedürftig erscheint?
In der Geschichte von Jesu Geburt, die wir gerade so schön als Krippenspiel gesehen haben, passte damals auch so einiges nicht: Es gab Störungen und Unvorhergesehnes und ja.. Es gab damals wie heute Unrecht und Gewalt. Die Geschichte von Jesu Geburt war eigentlich nicht wohlig und gemütlich:
So vermute ich, dass Maria eine ganze Weile gebraucht haben wird, um Freude über ihre überraschende Schwangerschaft zu empfinden. Der Engel, der ihr die Botschaft überbrachte jagte ihr mit seinem Erscheinen und seiner Ankündigung zunächst einen gehörigen Schrecken ein. Und neun Monate später hat sich Maria die Geburt ihres Kindes sicherlich anders vorgestellt. So wie jede Mutter wird sie sich viele Gedanken gemacht haben, wie ihr Kind gut in dieser Welt ankommen kann. Ein langer Fußmarsch ohne Unterkunft war vermutlich nicht Teil des Plans.
Ihren Mann Josef kostete es zunächst Überwindung, das ungeborene Kind anzunehmen und bei Maria zu bleiben. Ein Engel musste kommen und ihn zum Bleiben überreden.
Außerdem waren die Zeiten damals alles andere als sicher und ruhig. Die Römer hatten das Land besetzt, immer wieder gab es gewaltvolle Aufstände. König Herodes war ein Herrscher, der mit Schrecken in Jerusalem regierte und mit Gewalt seine Macht ausübte.
Das Kind wird schließlich in Bethlehem geboren, – in einem Stall, zwischen Tieren, es liegt in einer Futterkrippe – keine Hebamme ist da, kein Arzt, niemand der den werdenden Eltern hilft. Hirten vom Felde sind die ersten, die das besondere Kind besuchen. Leute, die mit ihren Herden unstet umher ziehen, die unter freiem Himmel schlafen und ärmlich leben. Bald nach der Geburt kann die Familie nicht gleich nach Hause, sondern muss über Ägypten fliehen, weil König Herodes nach dem besonderem Kind sucht und ihm Gefahr droht. Das waren keine besinnlichen Zeiten damals, es war nicht alles friedlich oder gut – im Gegenteil.
Und doch: Gott kam genau in diese Welt. Er kam, um diese Welt zu erlösen von all dem, was sie dunkel machte. Seine Geburt in jenem Stall passt nicht – sie stört in ihrer Armseligkeit den Gedanken an einen mächtigen Gott, der doch das Geschick der Welt in den Händen hält. Der Schöpfer selbst wird in Bethlehem zum hilfsbedürftigen, schutzlosem Geschöpf, das den Wirren der Welt und des Lebens ausgesetzt ist. Die Antwort Gottes auf die Gewalt in der Welt war gerade keine Machtdemonstration, keine Gegengewalt – nein, seine Antwort war eine Friedensbotschaft in Gestalt eines gewickelten Kindes in einer Futterkrippe. Auf den Hass der Welt reagierte Gott so mit entwaffnenden Vertrauen, mit unbedingter Liebe.
Gott hat auch nicht versäumt der Welt mitzuteilen, was man braucht, um diese Antwort, diese Liebesbotschaft empfangen zu können. Oder besser gesagt: was man nicht braucht: Bevor die Engel den Hirten die Freudenbotschaft von der Geburt des Kindes verkünden, sagen sie:
Fürchtet euch nicht!
Mit diesen Worten beginnt die Weihnachtsbotschaft in der Welt: Fürchtet euch nicht! Wenn das Herz von Angst beherrscht ist, kann es die göttliche Botschaft der Liebe nicht aufnehmen, nicht spüren. Angst macht Herzen eng und hart.
Weihnachten feiern bedeutet deshalb nicht in erster Linie Gemütlichkeit oder Besinnlichkeit., die kommen für mich an zweiter Stelle. Weihnachten feiern bedeutet für mich in erster Linie eine echte Mutprobe: Fürchtet euch nicht!
Besonders in diesem Jahr lädt uns das Fest von Jesu Geburt ein, Angst zu überwinden und Platz für Vertrauen und Liebe machen. Denn ich glaube daran, dass Liebe den Hass stört und überwindet. Liebe ist stärker als Hass. Wer in diesen Tagen Stärke beweisen will, der hält sein oder ihr Herz offen: Wir haben keine Angst. Wir fürchten uns nicht.
Weihnachten stellt den dramatischen Schreckensbotschaften diesen Jahres eine jubilierende Liebesbotschaft entgegen. Ehre sei Gott in der Höhe und sein Friede kommt auf die Erde zu den Menschen, denen er sich in Liebe zuwendet“ Mit diesen Worten endet die Botschaft der Engel an die Hirten auf dem Feld. Zuerst wird den Hirten also die Angst genommen und zum Schluss wird ihnen Frieden zugesprochen. Wunderbar.
Nein, Weihnachten passt gerade nicht in diese Welt, seine Botschaft stammt ja auch nicht aus dieser Welt und ich glaube, das ist im besten Sinne gut so. Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir Weihnachten hier und zuhause und vor allem auch in diesem Jahr besonders strahlen lassen. Hier in der Kirche, an der Festtagstafel oder unter dem Weihnachtsbaum: Wir haben keine Angst. Wir fürchten uns nicht. Frieden kommt auf die Erde.
Weihnachten stört mich immer noch, aber es stört mich auf wunderbare Weise.
Hoffentlich noch lange über die Festtage hinaus.
Amen.

Fröhliche Menschen auf Dörfern

O wohl dem Land, o wohl der Stadt, so diesen König bei sich hat (…). In allen Gottesdiensten, Kreisen und Andachten singe ich gerade Macht hoch die Tür, die Nr. 1  aus dem EG, die Nr. 1 unter den Adventsliedern für mich und das schon echt lange. Ich erinnere mich gut an die Gottesdienste zur Weihnachtszeit in meiner Heimatstadt, an die leuchtenden Gesichter meiner Freundinnen und Freunde, an vom Schnee nasse Mäntel, die harten Kirchenbänke aus hellem Holz und eben den  melancholisch-feierlichen Klang der Zeile Gelobet sei mein Gott, mein Tröster früh und spat  begleitet mit den unvermeidlichen, schrägen Aussetzern unserer Organistin.

O wohl dem Land ist machmal nicht so leicht. Manche Landbewohner*innen dieses Gemeindegebiets sind fest davon überzeugt, dass alles Wohl in die Städte geht und es verdirbt ihnen gehörig die Laune. Hier herrscht ein tiefverwurzelter Städteneid, verbunden mit einem eigentümlichem Lokalpatriotismus. Gegen diesen allgemeinen Trend spricht neuerdings immerhin, dass ihre landflüchtige Pfarrerin vorerst doch nicht landflüchtig wird und noch ein paar Monate (vielleicht ein Jahr?) hier bleibt. Das ist zwar Grund zur Freude, die mir jetzt von vielen entgegenschlägt, was wirklich schön ist. Ansonsten ist es mit dem Freude-Zeigen hier auf dem Land so eine Sache. Fröhlichkeit, Dankbarkeit und überhaupt emotionale Reaktionen zeigt man verhalten bis gar nicht. Außer ein Gospelchor aus den USA ist zufällig da und heizt den Leuten so richtig ein, aber das geschieht hier ungefähr alle sieben Jahre und ist einen anderen Blogeintrag wert.

Meine Großeltern mütterlicherseits stammen vom Land und sind in den 50ern in die Stadt gegangen und dort geblieben. Von der Sippschaft meines Großvaters gibt es zu meinem Vergnügen aber ein paar richtig alte, vergilbte Fotos (Fotos gucken fand ich auch schon immer toll)  von z.B. Hochzeitsgesellschaften in seinem Heimatdorf („Das da hinten ist Opa Paul! Und da Tante Gerda! Und hier ist Erika, meine….“). Auf diesen Bildern  stehen dann um die 60, 70 Dorfbewohner*innen vor irgendeinem großen Bauernhaus auf einer Treppe, in der Mitte das jeweilige Brautpaar, drumherum die Festgesellschaft und: niemand lacht. Man schaut ernst und direkt ins Bild, guckt vielleicht an der Kamera vorbei, starrt auf den Boden oder schielt nur mit einem Auge Richtung Fotograf – aber dass irgendjemand auch nur den Hauch eines Lächeln zeigt – Pustekuchen (und das obwohl man damals Kuchen in unvorstellbaren Massen in riesigen Backöfen buk, was bestimmt viele Menschen gerne mochten).

Dass ich einmal dermaßen auf dem Land landen würde haben weder meine Großeltern noch ich geahnt. Und dass die Einheimischen mich mit jenem „gelösten“ Gesichtsausdruck bis in die Gegenwart bei allen Gelegenheiten konfrontieren würden ist für mich auch nach zwei Jahren hier im Dienst immer wieder verwunderlich. Ich verstehe die Ernsthaftigkeit bei Beisetzungen oder am Ewigkeitssonntag und irgendwelchen Gedenkveranstaltungen. Ich verstehe sie nicht bei vergnüglichen Anlässen wie z.B.Taufen oder Jubelkonfirmationen. Leute, es heißt doch nicht Wir trauern Gottesdienst, sondern Wir feiern... Würde ja sonst auch völlig bescheuert klingen. Thema völlig bescheuerter Klang: Am letzten Sonntag war hier endlich mal wieder eine Taufe (Philip, 13 Jahre alt, wird nächstes Jahr konfirmiert). Die Kirche war erfreulicherweise voll (also mehr als 10 Teilnehmende) mit kirchenfernen (!) Dorfmenschen (sogar mit Kindern) und ausgerechnet an diesem Sonntag war kein Herr Tafel an der Orgel da, um den Gemeindegesang zu verstärken. Ich also mit der Gitarre u.a.  Macht hoch die Tür (whoop whoop!) begleitet und voller Inbrunst stimmlich (laut!) und stimmungsmäßig  (Freude!) alles gegeben und von den 40 Anwesenden sang gefühlt und gehört niemand mit (seufz). Gleichzeitig Kirchenmusikerin, Liturgin und Predigerin zu sein macht mich immer fix und fertig und seit meiner ersten Babytaufe in meiner Vikariatsgemeinde (da war das schon mal so) versuche ich diese dreifach-Überlastung tunlichst zu vermeiden. Am 3. Advent ging es nun nicht anders ohne Herrn Tafel – ich gab wirklich alles und bekam: ernste Gesichter im Gottesdienst und Schweigen am Ausgang, kein nettes Wort zum Gottesdienst, zur Taufe, oder zur Predigt (so viel Mühe), nix.  Immerhin freute sich jemand über mein Gitarrenspiel. Die Zweiglein der Gottseligkeit steckt auf mit Andacht, Lust und Freud.. Mal sehen, ob ich aus dieser Gemeinde doch noch ein bisschen mehr Freude herauskitzeln kann, es bleibt nun ja etwas mehr Zeit für pädagogische Maßnahmen. Yippie yeah.

Champagner und Schnittchen

Am  1. Januar vor einem Jahr bin ich irgendwann gegen Mittag mit einem gehörigen Kater aufgewacht. Ich lag im Bett und befühlte vorsichtig mein neues Leben: Pfar-re-rin. Alles neu, alles Wahnsinn. Meine erste Nacht im Pfarrhaus fand nach zwei Altjahresgottesdiensten in meiner Vikariatsgemeinde und einer Stunde Autofahrt als berauschendes Fest zwischen Umzugskartons, Raclette und Lagerfeuer statt- der Gang sei dank.  Um Mitternacht zogen wir mit Wunderkerzen und Raketen auf den Marktplatz und begrüßten das neue Jahr in einer scheinbar menschenleeren Stadt.

In diesem Jahr klingelte am 1. Januar um neun der Wecker. Träge schlurfte ich Richtung Kaffeemaschine und Bad, die anderen schliefen noch.  Zwei Gottesdienste am Neujahrstag  wollten gefeiert werden – einer vormittags, der andere um 14 Uhr mit anschließendem Neujahrsempfang. Club Mate und einer gewissen Disziplin in der Silvesternacht sei Dank hielten sich Müdigkeit und Kater dann auch in erträglichen Grenzen. Beim Anziehen der talarfähigen Kleidung (schwarz, vier Schichten) wird der Liebste wach und fragt: „Na, haste Bock?“ Und ich sage trotz Müdigkeit und dem Drang mit der Gang tagsüber abzuhängen: „Joa, ich freu mich auf die Gottesdienste, vor allem auf die Predigt“

Martha ist die einzige aus der Gemeinde, die an Neujahr auf meine Predigt reagiert. Sie hat bis morgens um sechs gefeiert und dabei mit ihren Gästen über die weibliche Seite von Gott diskutiert. Darum ging es auch in meiner Predigt und so war ihre Freude groß. Auch die Gang findet den Weg über die Straße vom Pfarrhaus in die Kirche und reißt während des Gottesdienstes den Altersdurchschnitt kräftig herunter. Sie verhalten sich ruhig und unauffällig im Gegensatz zur Nacht davor: jemand hatte silber glitzernde Tröten mit zur Party gebracht und während wir mit Wunderkerzen und Raketen zum Marktplatz gingen, machten wir damit ungeheuerlichen Krach.

Wieder hatten wir den Platz für uns alleine. Um die Ecke gab es dafür großes Feuerwerk und kurz nach Mitternacht kamen doch ein paar bekannte Leute aus dem Ort dazu. Obwohl ich nicht daran gedacht habe die Kirchenglocken zu läuten. Weil ich nach einem Jahr hier immer noch nicht weiß, wie das eigentlich geht (dafür kann ich heizen). Luft nach oben bleibt  in der Plötzlich-Pfarrerin-Welt wohl immer. Und damit Platz für mehr Geschichten.

Euch allen da draußen ein frohes neues Jahr! Wir lesen uns und ich freu mich drauf. Cheers!

Die Jugend

Bis vor Kurzem dachte ich ja, ich wäre nicht so mega weit entfernt von der Lebenswelt der Konfirmanden und Konfirmandinnen. Mit 30 ist man ja auch noch nicht so mega alt. Und dann tauchten auf meinem Smartphone-Bildschirm folgende 3 Buchstaben auf: „wmd“.

Ich antworte meinem jüngsten Konfi (ok, der jüngste und nächstes Jahr auch der einzige) nicht, denn ich glaube, Max hat sich vertippt und schreibt nochmal neu. Max wechselt stattdessen das Medium von whatsapp zum facebook-messenger und wieder: „wmd“. Also muss ich mir die Blöße geben und antworte: „?“

Erwähnte ich hier schon, dass der Vorsitzende des Presbyteriums (Zitat!) „kein email“ hat? Wie ungefähr die Hälfte des gesamten Presbyteriums? In meiner Vikariatsgemeinde haben wir ganz entspannt über Mails die Leute zu Sitzungen eingeladen. Die Mutter der Konfirmandin Maria (in diesem Jahr gibt es 4 Konfis)  antwortete erst 2 Wochen später auf eine Anfrage von mir per Mail, öfter checkt sie einfach nicht ihr Postfach.

Ich befürchte, ich verstehe weder meine Konfis noch ihre Eltern. Aber immerhin scheint man mich zu verstehen, jedenfalls im Gottesdienst. Heute wurde ich wieder für meine deutliche Aussprache gelobt. Witzig, was die sich hier für Komplimente ausdenken. Dann haben die vielen Stunden mit der Sprechtherapeutin im Predigerseminar wohl tatsächlich etwas gebracht. Meine Worte kommen bisher jedenfalls an. Und ich wurde schon zweimal auf den Inhalt einer Predigt angesprochen. Eine Woche nach dem Gottesdienst – Zucker auf der Seele der Entsendungsdienstlerin!

Heute habe ich die Eltern der 4 Konfis die dieses Jahr dran sind eingeladen. Es erschienen: die Mütter. Angeblich mussten die Väter arbeiten. Abends um sieben. Auf dem Bau. Wie auch immer, die Damen waren gut drauf und lassen sich gerne auf meine Experimente ein. Statt Prüfung vor der Konfirmation ein selbstverantworteter Gottesdienst für die Gemeinde. Wir verstehen uns! Außerdem haben sie mir erzählt, dass zu Pfingsten die Kirchen mit Birken geschmückt werden, weil das böse Geister vertreibt. Klingt jetzt für mich eher heidnisch („Nee nee! Das ist eine kirchliche Tradition! Das war hier schon immer so!“), aber Lokaltradition lass ich als Grund mal durchgehen. Und Birken sind schön, so what.

Konfi Max habe ich übrigens im letzten Gottesdienst zur Mitarbeit verpflichtet. Und er hat ganz tapfer die (echt nicht leichte) Epistel aus dem Hebräerbrief gelesen. Laut und verständlich. Er muss wirklich geübt haben, wie wir es ausgemacht haben. Krasser Scheiß. Max antwortete mir schließlich auf mein hiflloses „?“  – „wmd= was machst du“ Ach so, na dann. „Noch ein bisschen Arbeiten“ schreib ich zurück. Klingt mega langweilig und auch irgendwie alt. Aber so ist das wohl mit Anfang 30 wenn man (whoop!whoop!) plötzlich Pfarrerin geworden ist.