Geschichten vom Dorf und der Straße

Wo viele Dörfer und Menschen sind, passieren spannende Dinge. Mein großer Traum ist es ja, die 16 Dörfer meiner Gemeinde etwas näher zusammen zu bringen. Deshalb machen wir im Juli mit den verschiedenen Gemeindecafés gemeinsam einen Tagesausflug (Andacht, Museum, Essen). Deshalb probiere ich es mit zentralen Gottesdiensten und versuche Fahrmöglichkeiten für die Älteren zu organisieren. Deshalb wurde der Gemeindebrief so aufgepimpt, dass alle mal mitkriegen, was in der Gemeinde überhaupt so geht. In der letzter Woche habe ich außerdem Welten aufeinander prallen lassen und geguckt was passiert:

Dorfleben vs. Straßenkind-Erfahrung

In einem kleinen Ort in der Nähe hat ein Verein ein altes Schloss gekauft. Das riesige Gebäude soll ein Begegnungs- und Bildungsort werden für Demokratie-Seminare, kulturelle Veranstaltungen und unterschiedlichste Aktionen mit den Dorfbewohnern und Dorfbewohnerinnen. Für einige Monate ziehen dort junge Leute ein, teilweise mit Straßen – und/oder Drogenerfahrungen, helfen beim Aufbau mit, engagieren sich bei sozialen Trägern und gewinnen so Abstand von ihrem Leben auf der Straße und können überlegen, wo es danach hingehen soll.

Ein junger Mann (Felix, 21 Jahre), der seit ein paar Monaten im Schloss wohnt und arbeitet hat mich letzte Woche zu den Gemeindecafés begleitet. Felix ist es schon gewohnt, über sein krasses Leben zu sprechen: über die Gewalt, die er seit frühester Kindheit erfahren hat, über die vielen, verschiedenen Stationen auf seiner Flucht weg von zuhause. Von den Drogen, dem Dealen und den Neonazis, bei denen er eine zeitlang mitgemacht hat. Von der beschissenen Zeit im Knast, weil er zu oft schwarzgefahren ist. Er ist es gewohnt darüber zu reden und trotzdem merke ich ihm seine Anspannung im Dorf C an. Felix spricht an sich schon sehr laut (gut für die schon schwerhörigen Gemeindecafé-Gäste), wenn er lacht wird die Stimme noch lauter. Er lacht besonders laut an den Stellen, wo es eigentlich nichts zu lachen gibt. Manchmal legt er den Kopf zur Seite und streicht sich mit dem Arm schnell über das Gesicht. Ein bisschen wirkt er noch immer so, als wäre er auf der Flucht.

Dieser Felix sitzt nun links neben mir und den vier Seniorinnen im fast baufälligen Gemeinderaum in Dorf C, singt die Lieder aus dem Evangelischen Gottesdienstbuch mit, betet Psalm und Vater Unser, obwohl er Kirche eigentlich total ablehnt. Ich staune. Felix mag (im Gegensatz zu mir) Kuchen und Torte und so wird er hervorragend versorgt („Essen Sie doch noch ein Stück! Hier, bitte, essen Sie!“). Dann erzählt er seine Geschichte. Während er von den Schlägen seines Stiefvaters berichtet, von den  Auseinandersetzungen in den verschiedenen Notunterkünften, dem Leben auf der Straße („Glauben Sie RTL nicht! Das ist totaler Scheiß!!“) ist es ganz still in dem Raum. Sein lautes Lachen, das immer mal wieder aus ihm herausbricht hallt von den Wänden wieder. Keine von uns lacht mit, stattdessen bekommen zwei Frauen Gänsehaut,  ich schaffe manchmal ein schiefes Lächeln. Mit großen Augen betrachten die Damen Felix, wie er da vor ihnen sitzt: blasse Haut, klein und schlank, die Hände und Finger tätowiert (ACAB), auf dem Kopf ein schwarzes Käppi. Sein Gesicht will nicht zu seinem Alter passen, er sieht viel älter aus. Es kommt zu einem Gespräch. Die Damen fragen nach, was sie interessiert. Wie es mit seiner Mutter war. Was mit seiner Freundin ist. Wie es jetzt weitergehen soll. Felix gibt bereitwillig Auskunft. Die Frauen haben Mitgefühl und suchen nach Gründen, wie Felix Schicksal vielleicht hätte anders verlaufen können. „ein so junger Mensch mit einer solchen Lebensgeschichte!!“, irgendjemand muss doch daran Schuld sein. Die Mutter? Das Jugendamt? Die Betreuer in den Unterkünften, die ihn vor die Tür setzten? Felix weiß und gibt offen zu, dass er auch richtig Scheiß gebaut hat.

Dann beginnt völlig unerwartet die Dame rechts von mir eine Geschichte aus ihrem Leben zu erzählen. Auch sie war einmal auf der Flucht, damals nach dem Krieg. Zusammen mit ihrer Mutter und dem kleinen Bruder. Sie war sechs Jahre alt, er vier. Nach wochenlanger Flucht bei Eiseskälte kamen sie endlich in einem der riesigen, überfüllten Auffanglager an. Ihr ganzer Besitz hatte Platz auf einem Handkarren, das Kostbarste: 2 Brote und ein Topf Grütze. Aber das Essen wurde ihnen gestohlen und so begann sie mit ihrem kleinen Bruder fürchterlich zu weinen und zu jammern. So laut, dass ein Besatzungssoldat kam und streng fragte, was denn los sei. Sie heulten, dass sie bestohlen wurden und nun nichts mehr zu essen hatten. Der Soldat ging wortlos und kehrte nach einiger Zeit zurück: mit den 2 Broten und dem Topf Grütze. Die Frau aus Dorf C erzählte von ihrer Flucht, aber wählte die schönste Geschichte, eine Wundergeschichte,  aus – obwohl sie bestimmt auch ganz anderes hätte erzählen können.

Für Felix soll es jetzt anders werden, seine Flucht ist hoffentlich auch endlich vorbei. Er plant eine Ausbildung, will sein Abi nachholen. Die Seniorinnen überhäufen ihn mit guten Wünschen und Bestärkungen, sie nötigen ihn, noch mehr Kuchen zu essen und auch welchen einzupacken für die anderen im Schloss. Felix lacht und endlich lachen wir mit. Beim Segen bitte ich alle, sich die Hände zu reichen. Kurz bevor ich den Segen spreche denke ich, wie schön es doch ist, hier zu sein: in diesem Haus (das von außen nicht so aussieht, als könnte man unbeschadet hineingehen), an diesem kleinen Tisch mit diesen Leuten, die sich ihr Kaffeegeschirr immer in Körbchen von zuhause mitbringen, mit Felix, der jetzt auch seine Hände öffnet. Auf dem Rückweg erzählt er mir, wie sehr ihn die Fluchtgeschichte der Frau berührt hat. „Ungelogen. Fast hätte ich rausgehen müssen. Ich hatte richtig Tränen in den Augen!“

An diesem Tag sind Welten aufeinandergeprallt und was ist passiert? Für mich ein kleines Wunder.  Dass  Flüchtlingen aus verschiedenen Generationen sich gegenseitig so zuhören, kennenlernen und dadurch berühren. Was könnte ich mehr wollen?

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