Plötzlich in Taizé

Soweit hier von „plötzlich“ die Rede sein kann, schließlich habe ich gefühlt meine halbe Jugend auf dem Hügel im Südburgund verbracht. Tatsächlich waren es über die Jahre verteilt wohl insgesamt eher einige Monate (Zahlen, ihr wisst schon..), aber die waren bedeutsam.

Ich erinnere mich an Sträucher mit unzähligen reifen Brombeeren auf dem Weg nach Olinda. An das Pferd, das an der Straße stand und das wir nicht füttern sollten (und es trotzdem machten). An heißen Asphalt unter den Schuhsohlen und den Duft von vertrocknetem Gras, an bunte Trinkschalen, aus denen sich kringelig das Plastik herausschälte, an kalte Duschen und den leichten Duft von Sonnenblumen und den Geschmack von Zitronentee und der Schokolade zum Frühstück.

Ich erinnere mich an den klugen Gunnar aus Österreich und Gerti, die fast genauso aussah wie ich (wie das wohl heute ist?), an Jack aus England, Madeleine aus Frankreich und den musikbegeisterten Portugiesen Ricardo, an die Leute aus meine Heimatgemeinde, an unsere Pfarrer*innen, an Anna und ihre etwas jüngere Schwester und an Menschen, die damals wichtig für mich waren. Und besonders an Frére Roger, der klein, bestimmt und etwas gebückt zu seinem Platz im hinteren Teil der Kirche ging, um sich herum ein Scheinen aus Gutmütigkeit und Vertrauen.

Ich war 12 Jahre alt, als ich zum ersten Mal nach Taizé kam. Das ist nun schon über 20 Jahre her (omg!!) und so kam es, dass ich in diesem Jahr zum ersten Mal als „adult“ anreiste. Tent F, Kaffee zum Frühstück, heiße Duschen und ruhige(re) Nächte. Um mich herum Familien, junge und nicht mehr ganz so junge Erwachsene, Begleiter*innen von Jugendgruppen und nicht wenige Menschen im Pfarrdienst. Den einen (mutmaßlichen) Kollegen meinte ich an seiner Art lesend auf einem Stuhl zu sitzen (sehr wichtig, aber auch betont entspannt und mit Strohhut) und an der Art der Begrüßung seiner Leute als Pfarrer zu erkennen „Guten Morgen“ – mit Betonung auf den jeweils ersten Silben und in tiefer Tonlage. Entwickele ich eine Art Pfarr-dar, ähnlich wie Gustavo aus Brasilien über einen recht treffsicheren Gaydar verfügt? God only knows..

Wenn irgendwo Glocken klingen gerät in mir immer etwas mit in Bewegung. Das war schon in meiner Heimatstadt so, als ich noch gar nichts mit Kirche am Hut hatte. Läuteten die Glocken spitzte ich die Ohren und bekam eine Ahnung davon, das es irgendwie noch mehr geben musste als das, was mir vor Augen war. Wenn in Taizé die Glocken dreimal am Tag zum Gebet rufen, lassen die Menschen auf dem Hügel alles stehen und liegen und begeben sich in die Kirche, ohne Hektik, ganz selbstverständlich. Ich finde das immer unheimlich schön zu sehen und zu erleben. So kann es also auch sein. Zusammen mit Gerti, Ricardo und Madeleine und tausenden anderen Menschen, die gemeinsam singen, beten, hören und schweigen, sich bewussst in Gottes Nähe bringen. Die Brüder meinen, das verändere einen mit der Zeit, der Heilige Geist wirke und schaffe und erneuere. Ich glaube, das kann gut möglich sein.

Es ist anders mit fast 35 Jahren in Taizé zu sein, als mit 16 Jahren. Aber es ist gut. Und obwohl es dafür eigentlich zu früh war, habe ich auf einem Spaziergang in einem kühlen Wald in der Nähe tatsächlich ein paar reife Brombeeren entdeckt. Und eine äußerst bezaubernde blaue Libelle. Hach. <3.

Der Abschied von Taizé fiel mir immer unheimlich schwer, jetzt war es mehr eine kleine Traurigkeit. Ich weiß, dass ich mit manchen Taizéfreundinnen und -Freunden in Kontakt bleiben werde, auch über Jahre hinweg. Und ich weiß auch, dass ich zurück komme werde, im Idealfall mit Jugendlichen aus der Gemeinde und dem Kirchenkreis. Wenn sie dann Taizé-Twister auf den Bänken oder Ninja unterm Glockenturm spielen, beim Abwaschen klatschnass werden oder die Namen der Staubsauger in der Kirche aufzählen, wenn sie sich mit Händen und Füßen in ihren Gesprächgruppen versuchen auszudrücken, sich von den Glocken zum Gebet einladen lassen und beim Abschied ein paar Tränen verdrücken, dann werde ich eine extrem zufriedene Pfarrerin sein.

(ein gestaltetes Gebetsbänkchen im vorderen Teil der Kirche)

Kirschen, wenn der Sommer kommt

Ein Gesprächsauszug von der vorletzten Bandprobe  zwischen unserem neuen Schlagzeuger Simon (der außerhalb der Bandprobezeiten als Koch in einer Grundschule arbeitet) und mir. „Hej Simon. Du bist doch aus Hamburg – dann kennst du doch bestimmt Nils Koppruch!“ Irritierter Blick seitens Simon. „Äh was? Nee, kenn ich nicht. Was denn für ein neues Kochbuch?“

Herein steht an der Falltür und willkommen sagt der Hai, es ist ne sonderbare Welt.

Sonderbar ist die Welt ja sowieso schon, aber seit Januar ist die Liste der „echt jetzt?“-Momente deutlich länger geworden. Weit oben auf der Liste steht eine Seniorin, die am Gemeindecafé hier im Ort teilnimmt. Sie fällt sowieso schon auf, weil sie vieles nicht mehr so richtig mitbekommt und oft laut nachfragt („Welchen Psalm? Wo finde ich den? Unter welcher Nummer?“). Sie hat eine Lesebrille, die sie dann aufsetzt. Und in besonders verzweifelten Momenten („Ich finde diesen Psalm nicht! Wo ist das denn?? Ich seh gar nichts hier!“) kann sie bei dieser Brille ein Knöpfchen drücken und dann leuchten links und rechts von den Gläsern zwei Lämpchen, wie bei einer Taschenlampe. So sitzt die Dame dann bei der Andacht, drei Stühle links von mir, blättert im Gesangbuch und wenn sie beim Fragen hochguckt, leuchtet mich die Brille an wie die Scheinwerfer eines Autos. Sonderbar bis amüsant ist auch, was meine Gemeindeglieder so über mich erzählen und mir dann weiter sagen: „Unsere neue Pfarrerin ist jung, hübsch und nett!“ In dieser Reihenfolge. Ich habe betreffender Person gegenüber nicht erwähnt, dass nett die kleine Schwester von Scheiße ist und ich für jung und hübsch ja überhaupt nichts kann. Ist ja trotzdem nett (…) gemeint. Jemand anderes sagte über mich: „Unsere neue Pfarrerin singt so schön! Aber immer so neue Lieder, die wir gar nicht kennen.“ Sätze mit „immer“ sind sowieso immer die schönsten. Heute beim Gemeindecafé in Dorf F kannte man das Lied Vertraut den neuen Wegen nicht. Das ist von 1989 und ein echter Schlager! Die ahnen ja nicht, dass bald wirklich neue Lieder gesungen werden. Best of neues geistliches Liedgut von mir zusammengestellt und hinten dran ein großer Teil Taizélieder. Neu wird noch ganz anders, liebe Gemeinde, muhaha.

Falltüren tauchen auch immer mal wieder auf. Bei mir hat das meistens etwas mit dem Thema Bau zu tun. Ich erwähnte hier ja schon die eine  Kirche mit der kaputten Decke. Sie hat auch einen kaputten Turm, nasse Böden und die Orgel muss raus, bevor losgelegt werden kann. Unser Presbyteriumsvorsitzender war heute fatalerweise verhindert und so stand ich recht hilflos einer gemischten Gang vom Kirchenkreis und der Landeskirche gegenüber, die mit verdammt hohen Zahlen (30 000, 65000, 150 000) und wilden Abkürzungen um sich warfen (SKV, Kiba – nicht der Cocktail – DDS). Nebenbei ging es um Dienstwege und Fristen, die nicht eingehalten wurden (ziemlicher Ärger von den Chefs) und ich muss jetzt extra Termine einplanen und hoffen, dass sich die Dinge doch wie geplant regeln werden. Der Hai lässt es sich schmecken.

In diesem Jahr gibts Kirschen wenn der Sommer kommt und wenn du deine Augen offen hältst, kannst du dir besten von den Bäumen nehmen…

Im Predigerseminar hat Rahel zu diesem Lied eine Andacht gehalten und ich habe dazu das Lied mit ein paar Leuten gespielt. Mitten im tristen November, in dem Jahr als Nils Koppruch gestorben ist.  Die Kirschen-Andacht ist bei uns legendär geworden und seitdem liebe ich das Lied noch mehr. Jetzt ist Juni, es ist wirklich Sommer und tatsächlich bekomme ich massig Kirschen geschenkt.  Eine Gemeindepädagogin meinte letztens zu mir: „wir wollen dich mästen!“. Anders kann ich mir das auch nicht erklären, ständig gibt es von irgendwoher Eier, Erdbeeren und leckere Kirschen. Großartig!

Der letzte Pfarrkonvent fand unter freiem Himmel und unter einem Kirschbaum statt. Gegen Ende der Zusammenkunft waren die reifen Kirschen alle weggepflückt und vernascht. Zwischendurch standen meine Kollegen in einer Reihe und übten sich im Kirschkern-Weitsprucken. Kirschen machen froh, sogar auf Pfarrkonventen.

Gerade entdecke ich, die Vorzüge meines riesigen Pfarrgartens, was meinen Liebsten und mich am Wochenende dazu verführt hat Holunderblütensirup selber zu machen, ein Blumenbeet anzulegen, darauf eine Sommerbienenwiese auszusäen und Radieschen und Salat anzupflanzen. Seit ich nur noch Auto fahre oder am Schreib/ Gemeinde oder Kaffeetisch sitze ist der kümmerliche Rest Sportlichkeit, der vielleicht von meinem letztjährigen Anfall von Fitnesswahn übrig geblieben ist, gänzlich verpufft. Zwei Stunden Hacken, Rupfen und Gießen – ich völlig am Ende und zwei Tage fieser Muskelkater. Schon als wir noch dabei waren habe ich prognostiziert, dass unsere Bemühungen bei den geübten Gärtnerinnen und Gärtnern in der Gemeinde bestimmt für Amüsement sorgen werden. Heute vormittag betrachtete nun Frau N. unser Werk und lachte laut los: „Und das Unkraut haben Sie stehen lassen!“

Der Pfarrgarten hat den Ginko, einen Ahorn (und viele Ahornbabys, die sich überall breit machen), Apfelbäume, Johannesbeersträucher, Brombeeren, Holunder und wahrscheinlich noch einiges, was ich noch nicht erkannt oder entdeckt habe. Der Superpfarrer hat hier einige Bäume gepflanzt, die jetzt fröhlich wachsen und gedeihen. Vielleicht lass ich mich in dieser Hinsicht mal von ihm inspirieren. Welchen Baum ich pflanzen würde dürfte der geneigten Leserschaft (schöne Grüße bei dieser Gelegenheit!) wohl klar sein. Und dann werde ich mit meinem Gitarrenbaby (und vielleicht auch Simon mit seiner Cajon) unter diesem Baum in der Sommersonne sitzen und singen:

Jeder Tag ruft deinen Namen, ich wünsch Glück an allen Tagen, nichts ist besser als ne Liebe auf der Welt. Kirschen gibts an Sommertagen, nur solang die Bäume tragen, und lebend gehen wir nicht mehr aus der Welt.