Ein Nachruf

Die erste Begegnung mit ihm war über das Internet. Er war einem Bekannten aufgefallen, der mich auf ihn aufmerksam machte: Sara, könnte der nicht was für dich sein?“ Auf dem Foto strahlte er in der Sonne. Gutaussehend, richtig sportlich für sein Alter. Eigentlich hatte ich mich mit einem anderen gesehen, größer und kräftiger, vielleicht ein Schwede. Dennoch zog der Kleine meine Aufmerksamkeit auf sich und weckte mein Interesse, obwohl die Farbe (Zitat Bekannter) Geschmackssache sei.

Im Herbst 1996 fuhr Ulf seine ersten Kilometer auf Deutschlands Straßen. Er wuchs auf in ländlichem Gebiet, zwischen weit gezogenen Wäldern, Kleinstädten und Dörfern. Seine ersten Besitzenden werden sich erfreut haben an seiner (damals noch) modernen Ausstattung: Klima, ein Schiebedach, elektrische Fensterheber. Ein Auto, das mit seiner Farbe auffiel und auch durch seine Schnelligkeit, auf der Autobahn machte ihm niemand etwas vor. Ulf fuhr und fuhr, über Stadt und Land, viele Jahre gut versorgt und gepflegt. Eine behütete Kindheit und Jugend.

Eines Tages wurde er von einem jungen Mann übernommen, der davon überzeugt war, dass er sich mit Autos auskannte. Ihm verdankte Ulf eine nachgerüstete Standheizung und eine beachtlich laute Soundanlange im Kofferraum. Nun war Ulf nicht nur gut zu sehen, sondern auch aus kilometerweiter Entfernung zu hören. Das war seine wildeste Zeit, an die die eine oder andere kleine Beule oder nicht schließende Tür später erinnern würde.

Ob Ulf in diesen Jahren oder davor mit den Glauben in Berührung gekommen ist, können wir nicht sagen. Darüber sprach er nicht, so wie er auch sonst ein eher wortkarger Zeitgenosse war. Aber als einige Zeit später eine junge Pfarrerin und Fahrerin (Führerschein damals ganz frisch) ihn aufnahm und schließlich einen kleinen, gelben Fisch auf sein Heck klebte, schien er sich zu freuen. Seit er auf dem Weg zu einem Festival mit Gaffa-Tape am linken Auge notoperiert werden musste, war seine frische Optik beeinträchtigt, aber Ulf nahm es mit einem fröhlichen Zwinkern, das er nie wieder verlor. Auch die kleineren und größeren Blechschäden aus den Jahren seines Pfarrfahrdienstes haben ihm nie wirklich etwas ausgemacht, er behielt sein jugendliches Aussehen und seine durchtrainierte Haltung. Ulf war eben hart im Nehmen und fuhr und fuhr. Jetzt von Dorf A bis Dorf H, auf sandigen Waldwegen und holprigen Dorfstraßen, knapp an Füchsen, Wildschweinen und Hirschen vorbei, an Badeseen und durch verschneite Landschaften, zu Kirchen und Dorfgemeinschaftshäusern. Mit Kindern auf dem Rücksitz oder nöligen Konfirmandinnen und Konfirmanden, manchmal mit Seniorinnen, die Gitarre im Kofferraum neben der Kiste mit Liederbüchern und frischen Eiern von den glücklichsten Hühnern der Welt und einem Reste-Paket aus dem Gesprächskreis mit geschmierten Broten und Kuchen.

Mit Ulf fuhr ich durch Abende und Nächste um mit der Band zu proben, Freundinnen und Freunde zu treffen, Menschen im Urlaub von Bahnhöfen abzuholen, um zu meiner Familie zu kommen und selbst Urlaub zu machen. Wir waren in den Bergen und am Meer und auch in der Wüste. Mit Ulf habe ich atemlos und ohne dabei Musik hören zu können (so viel Aufregung) die erste Autofahrt alleine in meine erste Gemeinde unternommen. In Ulf habe ich gelacht, erzählt, geküsst, gesungen und geschrien, ich habe zugehört und geweint, nachgedacht, gebetet und geschlafen (nicht beim Fahren natürlich), getanzt und telefoniert. Ich wurde mit Ulf zwei Mal rausgewunken, des Öfteren geblitzt und angehupt, wir wurden gemeinsam bewundert, aber auch bemitleidet. Es hätte noch lange so weitergehen können.

Aber der letzte große Umzug in die Stadt muss für ihn zu viel gewesen sein. Plötzlich änderte sich sein Charakter. Er wurde bockig und aufbrausend, neigte zum Explodieren. Manchmal fuhr er einfach nicht mehr los. Vier Mal wurde er seit Dezember abgeschleppt, was eigentlich überhaupt nicht seine Art war. Ein Mechaniker fand nach langen Untersuchungen die Ursache: die Bastelarbeiten in seiner wilden Jugendzeit rächten sich im Alter. Ulf verlor nun alle(n) Kraft(stoff), die (Kraftstoff-)Pumpe wurde immer schwächer bis sie schließlich gar nicht mehr ging. Lebenserhaltende Maßnahmen lehnten wir beide ab. Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

Alles, was mir von Ulf bleiben sollte, passte in eine rote Plastikkiste. Als ich mit der Kiste und feuchten Augen in der Werkstatt stand, versuchte mich ein Mitarbeiter zu trösten: Sie werden noch viele, viele Autos fahren und die werden schöner sein.

Ich schüttelte nur traurig den Kopf. Ich wollte doch niemals ein anderes Auto fahren. Jetzt fährt Ulf ohne mich. Er fährt und fährt, in einer anderen Welt. Und eines Tages, da sehen wir uns vielleicht wieder. Und dann wird er mich anzwinkern und ich werde die Fahrertür öffnen und immer noch wissen, dass ich sie zwei Mal zuziehen muss. Und wenn wir dann zwischen gelb blühenden Feldern dem Horizont entgegen fahren, werde ich das Schiebedach öffnen, den Fahrtwind genießen und die Anlage ganz laut aufdrehen und mitsingen und mit wippen: If you´ll be my bodyguard I can be your long lost pal I can call you Betty And Betty, when you call me, you can call me Al.

Lieber Ulf, es war mir eine Ehre. Auf Wiedersehen.

Autumn leaves

Vor kurzem erzählte mir ein befreundeter Kollege, dass er an der Wand neben seinem Schreibtisch Fotos von „seinen Paaren“ angebracht hat. Glückliche Menschen nach Trauungen mit lauter love in the air. Ich frage mich, warum ich bisher nie auf diese Idee gekommen bin. Fotos habe ich nach Trauungen als Dankeschön und Erinnerung auch oft genug geschenkt bekommen. Bisher sind sie alle in einem edel bestickten Hefter gelandet, den Anna mir noch zu Schulzeiten geschenkt hat. Mit den meisten Trauungen die ich bisher feiern durfte, verbinde ich schöne und fröhliche Erinnerungen – bestimmt tut es gut (auch so ressourenorientierungsmäßig), öfter mal an sie zu denken und love in the air kann ja wohl mal überhaupt nicht schaden.

Thema Erinnern und Kasualien: was mich immer wieder tief erschreckt ist, wenn bei Trauergesprächen Verwandte meinen, so überhaupt nichts über ihre Verstorbenen sagen zu können. Manche kündigen das schon am Telefon an, wenn der Termin für das Gespräch ausgemacht wird –Wird nicht so lange dauern, wir wissen eigentlich kaum was. Schon diese Ansage finde ich total hart.

Wie war Ihre Mutter denn so? Vielleicht können Sie sie mir etwas beschreiben, ich habe sie ja leider nicht mehr kennengelernt.. – [Schweigen, Starren auf Wände oder Tischlplatten] ganz normal.

Hat Ihr Onkel denn mal erzählt, wie er aufgewachsen ist? – Nein, der war ein ganz ruhiger und hat eigentlich kaum gesprochen (es gibt erstaunlich viele solcher sehr ruhigen Menschen, scheint mir).

Wie ging es ihr nach dem Tod ihres Mannes? – Pfff, keine Ahnung [Stille], hat sie mit sich alleine ausgemacht…

Was glauben Sie, hatte er Angst vor dem Sterben oder konnte er gut loslassen? – [Schweigen, Starren auf Wände oder Tischplatten] – Hm, also, nee, oder? [ratloses Austauschen von Blicken] Darüber haben wir nie gesprochen.

Hatte sie eine Hoffnung für das, was nach dem Tod kommt? – [Schweigen] Wissen wir nicht.

Es ist mühsam, so ein Gespür für den Verstorbenen oder die Verstorbene zu bekommen. Manchmal trifft die Hinterbliebenen im Laufe des Trauergespräches dann der schmerzliche Wunsch, es zu Lebzeiten anders gemacht zu haben und dann ist es zu spät. Will sagen, Leute, passt auf euch und eure Lieben auf und redet miteinander. Auch über das, was fies ist. Ob Urne oder Sarg, ob Friedhof oder Wiese oder Meer, ob weltlich oder kirchlich – was auch immer, das Leben kann einem dermaßen eine reinhauen, ich weiß wovon ich schreibe. Übrigens (kleiner Werbeblock in eigener Sache): mir ist bekannt, dass es gute weltliche Redner gibt. Aber man, ohne die Hoffnung auf Auferstehung und Erlösung ist für mich die schönste Ansprache einfach nur trostlos. Ich glaube, wir alle brauchen Zukunft, auch unsere Toten.

Hier in der neuen Gemeinde habe ich die Bekanntschaft mit einer im Endstadium an Krebs erkrankten Frau gemacht. Sie kann nur noch flüssige Nahrung zu sich nehmen und befühlt vor dem Einschlafen die sieben oder acht Metastasen an ihrem Körper und spricht mit ihnen als wären es alte Bekannte. Das Krankenhaus hat sie heimgeschickt, es können noch Tage oder Wochen werden. Diese sterbenskranke Frau hat mit mir in den letzten Wochen ihre eigene Beisetzung vorbereitet und das war wirklich [Schweigen, Starren an die Wand über dem Klavier] eigentümlich.

Sie hat mir ihr ganzes Leben erzählt, alles, was ihr wichtig erschien und gesagt werden musste. Und ich konnte mitschreiben und mich einfühlen und versuchen zu verstehen und die großen Fragen stellen, ganz direkt und echt. Die Frau hat sich schon eine Stelle auf dem Friedhof ausgesucht, der Bestatter ist informiert und bezahlt, der Chor wird singen.

Bei unserem letzten Treffen haben wir nach passenden Liedern für die Trauerfeier gesucht und saßen eng nebeneinander über mein rotes Gesangsbuch gebeugt, mal Texte lesend oder Melodien summend – ein Bild für die Ewigkeit. Am Ende haben wir gemeinsam gesungen, beide mit feuchten Augen, ihre Stimme rutschte in den Tönen leicht auf und ab, meine Stimme klang viel rauer als sonst:

Müde bin ich, geh‘ zur Ruh‘,
Schließe beide Augen zu:
Vater, laß die Augen dein
Über meinem Bette sein!

Wir sangen alle Strophen, die sechste und letzte kannte sie noch nicht:

Kranken Herzen sende Ruh’,
Nasse Augen schließe zu!
Laß den Mond am Himmel stehn
Und die stille Welt besehn!

Too much love will kill you

Die letzten sieben Tage im Dienst dieser weiten und schönen Landgemeinde haben begonnen. In meinem Flur stehen, noch völlig unberührt, verpackte Umzugskisten. Eine Freundin hat mir einen schicken Grundriss meiner neuen Wohnung erstellt und ich könnte jetzt Möbel vermessen und aufmalen und ausschneiden und auf dem Plan herumschieben, aber mir kommt es vor, als seien Umzug und Neuanfang noch Ewigkeiten hin.

Heute wird das auch sowieso nichts mehr, am Nachmittag war mein Abschiedsgottesdienst und all das Schöne und Dankbare und Traurige daher muss sich erstmal setzen. Ich bin völlig erschöpft, aber glücklich. Das hätte ich nie gedacht, dass ich einmal mit so viel Liebe und Wertschätzung würde verabschiedet werden. Kopf und Herz schwirren mir vor lauter Rührung. Vielleicht wird das ein Abschied, der gut gelingt. Das wäre wunderbar.

In meinem Arbeitszimmer stapeln sich Geschenke neben Präsentkörben neben Grußkarten neben neuen großen und kleinen Topfpflanzen. Ich sitze auf meiner grünen Couch im Wohnzimmer und es duftet um mich herum ziemlich betörend von diversen Blumensträußen, auf den Kommoden im Flur stehen zwei neue Orchideen, die hoffentlich bis zum Umzug noch am Leben sind. Wer mir Pflanzen schenkt hat Mut zum Risiko, oder einfach viel Gottvertrauen.

Auf dem Weg nach Hause bin ich noch einmal bei Herrn Fritz vorbei gefahren. Ich bekam Eier (von den wahrscheinlich glücklichsten Hühnern der Welt) geschenkt, eine immens riesige Zucchini (wer kommt zum Essen vorbei?) und dann sind wir nach hinten in seinen riesigen Garten gegangen, um ein paar Birnen zu ernten. Schau, wenn die so schön rot sind auf der Seite, sind sie gut. Greif zu und nimm dir! Immer nimm! Der gütige Herr Fritz mit seinen himmelblauen Augen wird mir fehlen, genau wie seine Altherrenwitze und seine einmalig ernsthafte und aufrechte Art zu lesen. Zum Abschied umarmen wir uns. Es schmerzt mich, ihn und die anderen Menschen, die mir ans Herz gewachsen sind, nicht weiter sehen und begleiten zu können.

In der nächsten Woche ist (neben den letzten Übergabegeschichten) noch eine Trauerfeier, eine goldene Hochzeit und dann ein allerletzter Gottesdienst. Ich bin ganz schön busy, was mich dankbarerweise davon ablenkt, wie unglaublich lange sich dieser Abschied schon hinzieht und dass mir langsam die Puste ausgeht. Mein Herz so schwer wie ein Planet. 

Aber das Herz ist auch voll klopfender Vorfreude. Der Umzug in die neue Gemeinde bringt Nähe zu Freundinnen und Freunden mit sich, zu Rahel und ihrer Familie, zu meiner Heimatstadt und meiner Familie und zu Flüssen, an denen ich mit meinen Bandjungs von früher gedenke, Musik zu machen. Und dann wird ein ganz neues Kapitel anfangen. Auch hier. Hoffentlich mit euch.

Ich schwenke meiner Trauer jetzt noch etwas in fantastischer Musik (Sufjan Stevens!) und Kerzenschein. Every road leads to an end. Oder, um auch einmal Bruce zu Wort kommen zu lassen: Everything dies, baby that`s a fact. But maybe everything that dies someday comes back.  Ach, hach.

Trauerarbeit im dritten Examen

Seit zwei Wochen befinde ich mich im dritten Examen. Ruth hat unlängst diesen Begriff erfunden und ich übernehme ihn dankend (danke, Ruth). Auf das dritte Examen hat einen niemand vorbereitet und es ist das Schwerste.

„Aufgrund meiner privaten Situation – Sie wissen ja, dass mein Partner in XX wohnt und dort auch arbeitet – habe ich mich dazu entschieden, mich ab sofort auf andere Stellen zu bewerben. Diese Entscheidung fällt mir nicht leicht, ich habe mich hier immer sehr wohl gefühlt, doch ohne meinen Partner ist diese Stelle für mich keine längerfristige..“ Während die Worte noch stockend meinen Mund verlassen kann ich beobachten, wie sie  bei den Männern und Frauen im Presbyterium durch die Ohren, in den Kopf nach unten Richtung Herz sacken. Es dauert einen Moment – jemand atmet hörbar tief ein, dann folgt Stille.

Ich hatte Angst vor diesem Moment und das völlig zu Recht. Der Gemeinde zu verkünden, dass man vorhat zu gehen, ist wie Schlussmachen. Es liegt an mir, nicht an euch. Wir können Freunde bleiben, ich würde gerne Freunde bleiben. Wenn wenigstens die Wahrscheinlichkeit hoch wäre, dass sich jemand auf diese Stelle bewerben wird – aber nein, es zieht die meisten in die größeren und großen Städte und ich bin nun auch eine von denen, die weggeht. Crap. Ich habe für die Stellenanzeige  ein werbewirksames Anschreiben verfasst und die Vorzüge der Gemeinde versucht darzustellen, mit sonnigen Fotos der sanierten Kirchen und vom Gemeindefest im Pfarrgarten unter dem Apfelbaum mit der gestreiften Picknickdecke. Ich bin auch traurig.

Vorhin habe ich ein paar der alten Blogeinträge gelesen und realisiert: so entspannt wird es ab sofort nicht mehr. Ich versuche der Kerngemeinde persönlich zu sagen, dass ich nicht bleiben werde. Die Reaktionen auszuhalten ist von nun an Teil meiner Arbeit – Trauerarbeit. „Aber wir haben noch gar nicht all unseren Bekannten von Ihnen und Ihrer tollen Arbeit erzählt – die haben Sie noch gar nicht kennengelernt! Und jetzt gehen Sie schon wieder? Ach..“ „Aber wer bestattet uns denn jetzt?“ „Wir verstehen Ihre Gründe, aber es ist sehr schade.“ „Wenn es wenigstens nicht so schön mit Ihnen gewesen wäre, dann wäre es jetzt leichter. Aber es hat doch so gut gepasst!“ „Sie haben mich gerade sehr, sehr traurig gemacht, Frau Hitchschmock.“

In der Nacht nach der Presbyteriumssitzung habe ich kaum geschlafen. Das ist bemerkenswert, schließlich habe ich nach der Sitzung mit Tina aus dem Presbyterium den Rest Whiskey von der letzten Gartenparty geleert. Sie hat geraucht, ich habe getrunken und wollte auch rauchen (hab ich aber nicht). Tina war richtig geschockt und brauchte eine Weile, um sich zu sortieren. Trotzdem fand sie so liebevolle Worte für meine Zeit in der Gemeinde (setzt die Verklärung einer Pfarrperson so schnell ein?) , dass ich feuchte Augen bekam. Tina ist die Frau meines Bestatters: „Armin kannst du das aber schön selber sagen, ich mach das sicherlich nicht.“

Der nächste Morgen war unangenehm, nicht nur wegen des Katers und des Schlafmangels.   Im Büro erfuhr ich von unserer Sekretärin, dass Herr A. (auch Teil des Presbyteriums) in der Nacht überhaupt nicht geschlafen hatte und nun alles hinschmeißen möchte, es flossen sogar Tränen. Herr A. und ich waren nie richtig befreundet, aber zwischen uns herrschte eine unausgesprochene, tiefe Grundsympathie. Seit der Sitzung vor zwei Wochen habe ich ihn nicht mehr gesehen, es fällt auf, wenn er in den Gottesdiensten fehlt. Kommt er jetzt nie wieder?  Vielleicht zieht er sich nun zurück und vielleicht ist das jetzt gut für ihn. Auch das muss ich aushalten, wider dem Reflex es irgendwie wieder gutmachen zu wollen. Ich gehe ja doch. Auch deswegen war ich dankbar, in der letzten Woche zu einer Fortbildung fahren zu können und der ganzen Trauer für ein paar Tage zu entfliehen. Der Trauer der anderen, aber auch meiner eigenen.

Heute Abend fahre ich zurück in die Gemeinde und den Soundtrack werden „Torpus & The Art directors“  bilden. Als Ulf und ich noch ganz frisch zusammen unterwegs waren, konnte ich erst gar keine Musik hören, weil ich so unfassbar nervös war. Die erste CD, die ich beim Autofahren überhaupt ertragen konnte, war „From Lost Home to Hope“ von Torpus. In meinen ersten Wochen im Dienst in der Gemeinde  habe ich ausschließlich diese Musik im Auto gehört. Nun singt es seit 14 Tagen in mir immer mal wieder „Sad, sad, sad,  oh sad..“, ein Torpus-Song, nur welcher?  Eben fragte ich den Liebsten (der kann sich so Sachen besser merken) und seine Antwort war: „The Leaving“. Das erste Lied auf dem Album.

 

Gestorben wird immer

Ich kann mich noch ziemlich genau an mein erstes Trauergespräch im Vikariat erinnern: damals ich saß mit meinem Mentor in einem großen, elegant eingerichteten Haus und war nervös. Wie verhält man sich der Familie gegenüber? Was, wenn ich mich von der Trauer der Familie nicht abgrenzen kann und gleich mitweine? Zum Glück übernahm mein Mentor die Gesprächsführung, ich saß neben ihm auf der Couch, hörte zu und trank Wein. Viel Wein, denn das Gespräch dauerte geschlagene 2,5 Stunden. Ein alter Mann war gestorben und seine drei erwachsenen Kinder und die Witwe hatten sich zum Gespräch eingefunden. War mein Weinglas leer, wurde ungefragt nachgefüllt. Je länger ich da stumm und trinkend auf der Couch saß , desto unschärfer wurde mein Bild von der Familie: Mutter und Tochter waren sich über den Verstorbenen irgendwie einig, doch die zwei Söhne hatten seit einigen Jahren einen fiesen Streit zu laufen und pochten jeweils auf ihre Darstellung des Vaters. Es war entsetzlich, ich rutschte auf meinem Couchplatz hin und her und zählte die Minuten. Irgendwann musste ich das Glas zuhalten, alles drehte sich und gleich hätte ich mich mitgedreht, auf der Couch, dem flauschigen Teppich oder den dunkel glänzenden Fliesen im Flur. Auf dem Heimweg (ohne Ulf, den gab es da noch nicht) im Auto meines Mentors merkte ich, wie durchgeschwitzt ich war, ohne dass ich mich tatsächlich irgendwo herumgedreht hätte. Das reine Zuhören hatte mich so angestrengt.

Das ist nun schon über 3 Jahre her und seitdem habe ich in sehr vielen Wohnzimmern, Wintergärten oder  Küchen gesessen (mich nicht gedreht) und mit Trauernden gesprochen. Mir wurde Kaffee, Wasser, Saft und Cola angeboten – aber nie wieder Wein (vielleicht hätte das manchmal geholfen). Manchmal gab es zum Gespräch Kuchen (immer Kuchen, aber niemals Schnittchen, garh!), manchmal hinterher und manchmal auch gar nichts. Es wurde gelacht, geweint, gestritten und geschwiegen – ich wurde umarmt, angezickt und angeflunkert – wirklich alles ist in diesen Gesprächen möglich. Ich bin froh, dass ich bisher bei keiner Begegnung in Tränen ausgebrochen bin. Feuchte Augen und ein  Kloß im Hals hatte ich dagegen öfter – doch damit kann ich leben und vor allem noch arbeiten.

Nach 1,5 Jahren kenne ich auch die meisten Bestattungsunternehmen aus meiner Region, oft sind es kleine Familienbetriebe: der Vater gründete die Firma, die Tochter übernimmt so langsam und die Tante spielt Orgel. Am Liebsten arbeite ich mit dem Bestatter aus meiner Hauptpredigtstätte zusammen. Wenn es um ihn geht, spreche ich mittlerweile auch nur von „meinem Bestatter“, was für Außenstehende in vielerlei Hinsicht irritierend sein dürfte. Armin und ich  duzen uns seit dem Feuerwehrball im letzten Herbst (Schnaps, Dorffest, Coverband  – den Rest könnt ihr euch ausmalen), ich kenne seine Frau und die Kinder und wenn wir uns im Städtchen über den Weg laufen ist immer Zeit für einen kleinen Schnack. Eigentlich ist er ja Tischler, aber er kommt mit dem Geschäft neben der Bestatterei nicht mehr hinterher, deshalb lässt er das Tischlern jetzt für eine Weile bleiben. Mich interessiert wie er seinen Job so macht und wie es ihm dabei geht, schließlich haben wir ja oft mit denselben Leuten zu tun. Seit ich über meinen Liebsten die fantastische (gar beste?) Serie Six Feet Under entdeckt habe,  ist meine Neugierde noch größer.                                                                                                                                                            Ich: „Holst du mit diesem Wagen der Verstorbenen ab?“ Er: „Nein, da ist der Bagger drin.“ Ich: „Warst du schon zum Gespräch? “ Er: „Ja, schöne Scheiße, die sind alle zerstritten. Und wie immer geht es nur um Knete.“ Ich: „Es kann sein, dass der verlorene Sohn zur Beisetzung kommt, was machen wir dann?“

Vor ein paar Wochen nach einer Beisetzung dann dieser Wortwechsel: Ich: „Kennst du Six Feet Under?“ Er: „Nee, was das denn?“ Wenn es sich irgendwie ergibt, bekommt Armin von mir eine DVD dieser Serie geschenkt. Und dann gibt es noch viel mehr zum Quatschen und das fänd ich gar nicht so schlimm.