Landleben live

Im Sommer letzten Jahres hatte ich Besuch von einer Freundin, die sich mit ihrem Söhnchen ein paar Tage Auszeit von der Großstadt nehmen wollte. Meine Gegend bietet sich auch tatsächlich an für Urlaube. Je nachdem in welchem Dorf man sich aufhält, behaupten die Anwohner*innen, bei ihnen um die Ecke befände sich der schönste See der Welt (bisher habe ich drei schönste Seen der Welt bebadet, einer schöner als der andere, obwohl das gar nicht möglich sein sollte). Außerdem befinde ich mich quasi mitten im Wald, man kann stundenlang spazieren gehen und keine Menschenseele treffen, stattdessen findet man unterwegs unter Umständen Füchse, Rehe und Hirsche, Hasen, auch Elche wurden hier schon gesichtet (leider nicht von mir). Mit jener Freundin und deren Kind fuhren wir mit Ulf in das Dorf von Herrn Fritz, auch dort gibt es eine schöne Wanderstrecke in der Nähe eines (Überraschung!) schönsten Sees der Welt.

Auf dem Weg dorthin kommt man durch viele Dörfer, die zu meinem Gemeindegebiet gehören und zu jedem Ort wollte ich der Freundin, die zum ersten Mal zu Besuch war, alles erzählen: „Schau mal, hier ist der Ort mit dem Schloss und den ehemaligen Straßenkindern und den tollen Seminaren.[…] Und hier an der Ecke bei den Enten wohnte diese faszinierende alte Frau mit den unglaublich blauen Augen, die ich vorletztes Jahr beigesetzt habe. [..] In dieser schnuckeligen Kirche hier feiern wir immer Reformationsgottesdienst! Da ist der Gemeinderaum und da gibt es dann fast immer Kuchen und Kaffee und diese leckeren Schmalzbrote von Frau Blume. […] Und hier war das mit dieser Taufe, wo das eine Kind nicht wollte und ich  dachte, ich müsste..“ Zwischen den Anekdoten fuhren wir an Wäldern, Seen und Feldern vorbei, die Straßen mal besser und mal schlechter und plötzlich sagte die Freundin staunend und nachdenklich: „Was du eigentlich für ein Leben führst! Das ist so ganz… Anders…“

Und da fiel mir plötzlich wieder auf, dass der Pfarrdienst auf dem Land für eine Anfang 30jährige eine vergleichsweise abgefahrene  Angelegenheit ist, nicht nur wenn man Eigentümerin eines ramponierten Ulfs ist. Ich könnte ja auch in einer richtigen Stadt leben, mich abends mit Menschen aus meiner Peergroup treffen und in Kneipen auf Retrosesseln Craft Beer trinken und dann angetüdelt und entspannt  mit den Öffentlichen in meine Altbauwohnung mit Stuck fahren. Stattdessen sitze ich mit meiner neuen Mitbewohnerin Franka auf der kleinen grünen Couch im pfarrhäuslichen Wohnzimmer, streiche ihr ab und an über den Kopf und trinke statt Bier Tee (Pfarrer*innen und Lehrer*innen sind angeblich besonders gefährdet, dem Alkohol zu verfallen, mit dem Alleine-Trinken fange ich deshalb besser gar nicht erst an).

Nach Weihnachten hat mich mein Bestatter zu sich und seiner Familie zum Reste-Essen und Biertrinken (rein gar nicht Craft, aber besser als nix) eingeladen und wir saßen auf riesigen Polstermöbeln vor einem noch riesigeren Flatscreen, auf dem nebenbei leise Traumschiff lief. Schlimmer wäre es nur mit dem Helene Fischer-Weihnachtsspecial gewesen, das ich gleich zweimal innerhalb von einer Woche in der Adventszeit bei Freunden mitgucken durfte (seufz). Mein Bestatter jedenfalls hat einen immens großen, schwarzen Hund der sich wahrscheinlich nicht mit meiner kleinen, rabenschwarzen Franka vertragen würde. Hier haben ja alle Hunde. Oder Kinder. Ich hingeben habe seit ein paar Wochen eine Katze.

Eine junge Kollegin, die mit Rahel und mir im Predigerseminar war, erzählte mir, sie und ihre Familie seien erst dann richtig in der Gemeinde angekommen, als sie sich Hühner angeschafft haben. Nun könne sie über ihr Federvieh smalltalken und peinliche Gesprächspausen bei z.B. Geburtstagsbesuchen seien passé. Sie ist damit in guter Gesellschaft:

Ein Pfarrer aus der Nähe, mit dem ich mich im letzten Jahr etwas  angefreundet habe, hält auch Hühner. Und Kaninchen. Und ein Pferd. Und Kartoffeln. Im Dezember war ich dort für ein paar Tage zu Besuch und just zu dieser Zeit schlachtete er diverse Hühner und einen Hahn, mit der Axt, im Hof, auf einem Holzbock. In der Küche lagen dann die gerupften Tiere kopflos auf der Arbeitsplatte und sahen seltsam dürr aus. Durchaus gewöhnungsbedürftig, aber ich finde wer Fleisch isst, kann auch ruhig wissen wo es herkommt und muss das dann auch aushalten können.  Ich guckte also scheu- interessiert zu, roch (igitt) und befühlte u.a. eine Hühnerniere. Jener Kollege geht auch gerne auf die Jagd, wobei er vor allem das Warten auf den Kanzeln und die Atmosphäre im Wald mag. Und die Geräusche der Natur. Mit ihm, seiner Frau  und dem hiesigen Förster  hörte ich letzten Herbst zum ersten Mal das Röhren der Hirsche zur Brunftzeit. Absolut irre! Es klingt mehr außerirdisch als natürlich. Ich stand da im dunklen Wald und begriff mit einem Mal, dass diese Natur und ihre Kreaturen ja auch in dieser Welt leben, ihren Raum für sich beanspruchen und einen ganz eigenen Alltag haben. Es kam mir vor, als hätte ich ein Paralleluniversum entdeckt, Gänsehaut! Auf dem Heimweg sah ich dann einen riesigen Hirsch auf der Straße (zum Glück auf der anderen Seite), der Ulf und mich seelenruhig  beim Vorüberfahren betrachtete. Klar, wer hier der Chef war.

In den großen Städten mit den Kiosken, die immer auf haben,  kann man diese glänzenden Magazine kaufen die „Landliebe“ oder so heißen. Scheinbar liege ich mit meinem Leben auf dem platten Land voll im Trend. Ich bin quasi Vorreiterin des Trendes. Ohne tatsächlich reiten zu können, aber mir fallen spontan mindestens drei Gemeindeglieder in meinem Wohnort ein, bei denen ich etwas dagegen unternehmen könnte. Pferdemädchen mit Anfang 3o? Alles ist möglich.

Viva la Reformation

Ein paar Entwürfe für Blogbeiträge schlummern schon seit längerer Zeit mehr oder weniger beachtet im hiesigen Archiv. Einer handelt vom Reformationsgottesdienst im letzten Jahr. Ich weiß noch gut, wie überrascht ich an diesem Tag war. Eigentlich war bis zu diesem Gottesdienst nämlich alles maximal blöd gelaufen, der Predigttext sagte mir beunruhigend wenig, Rahel konnte aus irgendeinem Grund nicht gegenlesen (oder ich war einfach zu spät fertig), das Wetter war hässlich grau  und ich hatte insgesamt überhaupt keine rechte Lust auf Reformationstag und Paulus und Luther.

Als ich dann zum ersten Mal im wehendem Talar vor der winzigen, kleinen Backsteinkirche in Dorf H stand und nach und nach die Gemeindeglieder eintrudeln sah, da hatte ich einen besonderen Moment. Es war, als hätte sich in mir irgendetwas zurechtgeruckelt und geöffnet, plötzlich war da etwas wärmer als vorher und ich dachte verwundert zufrieden: das hier ist meine Gemeinde und ich bin ihre Pfarrerin – so ist das jetzt und das ist gar nicht so schlimm. Darüber wollte ich schon letztes Jahr schreiben, denn das Gefühl war ein besonderes und denkwürdiges, aber dann passierte so viel so schnell und schwupp, wir hams 2016 und eröffnen das Lutherjahr, total crazy.

Als ich am Reformationstag in diesem Jahr in Dorf H ankomme und mit Ulf um die Ecke gurke, kann ich schon von Weitem sehen, dass irgendjemand sich kreativ mit dem Eingangsbereich der Kirchentür verausgabt hat. Große Windlichter auf weißem und fliederfarbenen Stoff, dazwischen kunstvoll drapierter Tüll. Ein Schmuck, wie man ihn sonst wohl  bei bei Hochzeiten in großen Städten findet, die Grenze zum Kitsch ist definitiv überschritten und ich in meinem Abschieds-Aufregungs-Gefühlstaumel bin tief, wirklich tief davon ergriffen (feuchte Augen).  Ich finde schnell die zwei Helferinnen („Die Sparkasse hat uns auch geholfen!“ „Äh, wie schön…“) , bedanke mich vor dem Gottesdienst, im Gottesdienst und nach dem Gottesdienst überschwänglich und bin insgesamt im Flow. In diesem Jahr kann ich die meisten Gemeindeglieder vor der Kirchentür sogar mit Namen begrüßen und bin darauf ein bisschen stolz, denn ich bin echt unfassbar schlecht mit Namen. Gesichter und Lebensgeschichten merken ok, aber Namen? Fatal.

Selbst vom Gottesdienst bin ich später angetan, obwohl es im Vorfeld  wieder kompliziert mit Luther und Paulus und mir war. Die unsäglichen Bläser blasen in der winzigen Kirche erstaunlich erträglich und nur selten schief und beim Agapemahl wird doch tatsächlich GELACHT, was könnte ich mehr wollen? Man findet es  scheinbar schön, das Fladenbrot gegenseitig zu teilen und die Weintrauben mit Segensworten herumzureichen und ich bin selig. So hatte ich mir das immer gewünscht, wow. Abendmahl feiern kann in vielerlei Hinsicht eine so deprimierende Angelegenheit sein, dabei ist es doch eigentlich etwas Wunderbares (Liebe! Gemeinschaft!…) was wir da feiern und man könnte doch wenigstens dabei lächeln, statt nur so betreten auf den Boden zu gucken (die Story hat schließlich ein fulminantes Happy End).  Aber am Reformationstag in Dorf H ist, wie gesagt, alles cool und man ist mit Freude dabei.

Nach dem Gottesdienst gibt es  Kaffee und Kuchen (keine Schnittchen, ich bin etwas traurig und kaue lange an zwei Stücken Napfkuchen). Jemand hat Luther-Luftballons in die Ecke gestellt und  verteilt Luther-Bonbons, Begeisterung auf allen Seiten. Ich muss tatsächlich auch darüber lachen, verrückt, aber das finde ich heute auch gar nicht so schlimm. So ist es dann wohl. Das hier ist meine Gemeinde und ich bin ihre Pfarrerin.

Die Stühle an der Tafel reichen nicht, weil mehr gekommen und geblieben sind als erwartet. Wir sitzen lange zusammen und erzählen. Als ich viel später als gedacht endlich mit Ulf aufbreche, sehe ich draussen noch quatschende Leute in Grüppchen zusammenstehen. Die können sich wohl auch nicht gut trennen, denke ich und gehe langsam und bewegt weiter.

Trauerarbeit im dritten Examen

Seit zwei Wochen befinde ich mich im dritten Examen. Ruth hat unlängst diesen Begriff erfunden und ich übernehme ihn dankend (danke, Ruth). Auf das dritte Examen hat einen niemand vorbereitet und es ist das Schwerste.

„Aufgrund meiner privaten Situation – Sie wissen ja, dass mein Partner in XX wohnt und dort auch arbeitet – habe ich mich dazu entschieden, mich ab sofort auf andere Stellen zu bewerben. Diese Entscheidung fällt mir nicht leicht, ich habe mich hier immer sehr wohl gefühlt, doch ohne meinen Partner ist diese Stelle für mich keine längerfristige..“ Während die Worte noch stockend meinen Mund verlassen kann ich beobachten, wie sie  bei den Männern und Frauen im Presbyterium durch die Ohren, in den Kopf nach unten Richtung Herz sacken. Es dauert einen Moment – jemand atmet hörbar tief ein, dann folgt Stille.

Ich hatte Angst vor diesem Moment und das völlig zu Recht. Der Gemeinde zu verkünden, dass man vorhat zu gehen, ist wie Schlussmachen. Es liegt an mir, nicht an euch. Wir können Freunde bleiben, ich würde gerne Freunde bleiben. Wenn wenigstens die Wahrscheinlichkeit hoch wäre, dass sich jemand auf diese Stelle bewerben wird – aber nein, es zieht die meisten in die größeren und großen Städte und ich bin nun auch eine von denen, die weggeht. Crap. Ich habe für die Stellenanzeige  ein werbewirksames Anschreiben verfasst und die Vorzüge der Gemeinde versucht darzustellen, mit sonnigen Fotos der sanierten Kirchen und vom Gemeindefest im Pfarrgarten unter dem Apfelbaum mit der gestreiften Picknickdecke. Ich bin auch traurig.

Vorhin habe ich ein paar der alten Blogeinträge gelesen und realisiert: so entspannt wird es ab sofort nicht mehr. Ich versuche der Kerngemeinde persönlich zu sagen, dass ich nicht bleiben werde. Die Reaktionen auszuhalten ist von nun an Teil meiner Arbeit – Trauerarbeit. „Aber wir haben noch gar nicht all unseren Bekannten von Ihnen und Ihrer tollen Arbeit erzählt – die haben Sie noch gar nicht kennengelernt! Und jetzt gehen Sie schon wieder? Ach..“ „Aber wer bestattet uns denn jetzt?“ „Wir verstehen Ihre Gründe, aber es ist sehr schade.“ „Wenn es wenigstens nicht so schön mit Ihnen gewesen wäre, dann wäre es jetzt leichter. Aber es hat doch so gut gepasst!“ „Sie haben mich gerade sehr, sehr traurig gemacht, Frau Hitchschmock.“

In der Nacht nach der Presbyteriumssitzung habe ich kaum geschlafen. Das ist bemerkenswert, schließlich habe ich nach der Sitzung mit Tina aus dem Presbyterium den Rest Whiskey von der letzten Gartenparty geleert. Sie hat geraucht, ich habe getrunken und wollte auch rauchen (hab ich aber nicht). Tina war richtig geschockt und brauchte eine Weile, um sich zu sortieren. Trotzdem fand sie so liebevolle Worte für meine Zeit in der Gemeinde (setzt die Verklärung einer Pfarrperson so schnell ein?) , dass ich feuchte Augen bekam. Tina ist die Frau meines Bestatters: „Armin kannst du das aber schön selber sagen, ich mach das sicherlich nicht.“

Der nächste Morgen war unangenehm, nicht nur wegen des Katers und des Schlafmangels.   Im Büro erfuhr ich von unserer Sekretärin, dass Herr A. (auch Teil des Presbyteriums) in der Nacht überhaupt nicht geschlafen hatte und nun alles hinschmeißen möchte, es flossen sogar Tränen. Herr A. und ich waren nie richtig befreundet, aber zwischen uns herrschte eine unausgesprochene, tiefe Grundsympathie. Seit der Sitzung vor zwei Wochen habe ich ihn nicht mehr gesehen, es fällt auf, wenn er in den Gottesdiensten fehlt. Kommt er jetzt nie wieder?  Vielleicht zieht er sich nun zurück und vielleicht ist das jetzt gut für ihn. Auch das muss ich aushalten, wider dem Reflex es irgendwie wieder gutmachen zu wollen. Ich gehe ja doch. Auch deswegen war ich dankbar, in der letzten Woche zu einer Fortbildung fahren zu können und der ganzen Trauer für ein paar Tage zu entfliehen. Der Trauer der anderen, aber auch meiner eigenen.

Heute Abend fahre ich zurück in die Gemeinde und den Soundtrack werden „Torpus & The Art directors“  bilden. Als Ulf und ich noch ganz frisch zusammen unterwegs waren, konnte ich erst gar keine Musik hören, weil ich so unfassbar nervös war. Die erste CD, die ich beim Autofahren überhaupt ertragen konnte, war „From Lost Home to Hope“ von Torpus. In meinen ersten Wochen im Dienst in der Gemeinde  habe ich ausschließlich diese Musik im Auto gehört. Nun singt es seit 14 Tagen in mir immer mal wieder „Sad, sad, sad,  oh sad..“, ein Torpus-Song, nur welcher?  Eben fragte ich den Liebsten (der kann sich so Sachen besser merken) und seine Antwort war: „The Leaving“. Das erste Lied auf dem Album.

 

Pfad-Finderei

Letzte Woche stolperte ich bei Facebook über das Foto eines Kleinwagens (nichts Ulfiges, sondern glänzend und neu), der gerade eine ziemlich steile Treppe hinunterbretterte. Unterschrift war: „Sie folgte dem Navi“. Natürlich störte mich sofort das Sie. Als ob nur weibliche Fahrerinnen einen schlechten Orientierungssinn hätten! Perfide, in Humor verpackte Diskriminierung, zum Kotzen.

Dieses Bild würden viele meiner Gemeindeglieder total witzig finden, Männer und Frauen. Seufz. Eine Dame aus dem Presbyterium behauptet hier auch  allen Ernstes, sie würde als „Lehrer“ arbeiten. Eine andere, nur wenig älter als ich, kauft für ihre Nichte ausschließlich rosa Kleidung und Spielzeug – weil sie so eine kleine Prinzessin ist. Die Gender-Debatte findet man an diesem vergessenen Fleckchen Erde absonderlich, wenn man sie überhaupt irgendwo findet – es wird nämlich nicht gegendert. Außer natürlich, ich kann mitmischen: die für den Gemeindebrief  beigesteuerten Artikel werden ausnahmslos korrigiert (*innen!) und an das Wort Jüngerinnen in meinen Andachten und Predigten, sowie den inklusiven Segen  haben sich scheinbar alle gewöhnt. Doch, ich versuche auch meinen Bildungsauftrag irgendwie ernst zu nehmen. Zu Beginn meiner Zeit hier meinte auch jemand zu mir: „In dieser Gemeinde sind die Frauen die Starken“ – so lebensfern ist das alles also gar nicht.

Was sonst noch nervt,  ist mein Orientierungssinn. Ich würde dem dämlichen  Klischee so gerne widersprechen, aber verdammt noch mal,  wenn mein Weg sich  gabelt und ich mich für eine Richtung entscheiden muss, dann geh ich mit trauriger Gewissheit in die falsche (auch wenn ich das weiß und extra versuche, anders zu laufen). Also lebe ich in ungesunder Abhängigkeit vom Navi in meinem Telefon und vom Netzempfang. Ist es übrigens zu fassen, dass ein Netzanbieter in meinem Ort seit einem halben Jahr den defekten Sendemast nicht repariert? Man lebt so abgehängt in der Pampa! Jedenfalls,  kurz nachdem ich den blöden Facebook-Post gesehen und beärgert hatte, war ich auf dem Rückweg von einer Beisetzung hin zu einem Gemeindecafé. Die Zeit war knapp, weil die Familie zum Kaffeetrinken danach wirklich spät dran war, 15 Minuten habe ich vor der Gaststätte gewartet. Die belegten Brote auf den Tischen wurden später wohl von anderen gegessen (man ließ sich auch Zeit damit, die Tafel zu eröffnen), ich raste zu diesem Zeitpunkt schon  an Feldern und Wäldern vorbei Richtung Dorf G.

Über die große Landstraße kenne ich den Weg dorthin. Fahrzeit ca. 20 Minuten, ich würde also mindestens 10 Minuten zu spät kommen. Ich kann es überhaupt nicht leiden, zu spät zu kommen, zur Sicherheit befrage ich das Telefon und siehe da:  es zeigt mir eine unbekannte Strecke hinten über Dorf F, die mich noch pünktlich ankommen lässt. Schon hier hätten bei mir alle Alarmglocken angehen sollen,  aber stattdessen denke ich: yeah, dann los! Das denke ich auch noch, als das Navi mich auf den breiten Sandweg am Feld entlang schickt – irgendwo wird ja wohl wieder eine befestigte Straße kommen. Auch als ich minutenlang Waldwege mit kratertiefen Schlaglöchern entlangholpere (der arme Ulf!)  lasse ich mich nicht entmutigen, das Navi wird es schon wissen. Das Ziel nähert sich auf dem Display unaufhaltsam (komme immer noch pünktlich!), ich fahre mitten im Wald an Teichen und Wanderwegen vorbei (ganz nett eigentlich) und stelle mich darauf ein, bald die ersten Häuser in der Ferne zu sichten. Als das Navi dann behauptet, ich sei am Ankunftsort angekommen, steht rechts von mir ein kleiner Nadelwald und links von mir ein großer Nadelwald, dazwischen Farne, viele Farne. Von Dorf G keine Spur – laut Navi bin ich im Dorfkern, pünktlich um 15 Uhr. Irgendetwas ist offensichtlich  fatal schief gelaufen (gefahren?),  liegt es am Netz? An der Karten-App? Etwa an mir? Ulf und ich wenden, ohne einen Baum umzunieten und darüber bin froh, ich weiß nicht wie ich irgendjemandem hätte den Weg erklären sollen. Dann erinnere ich mich an eine Weggabelung mit Schildern  und rumpele eilig zu ihr zurück. Ich könnte nun zurückfahren, wie ich gekommen bin, aber dann würde ich mindestens 15 Minuten verlieren. Oder ich folge ganz altmodisch analog  dem Schild, das nach Dorf G zeigt. Risiko! denke ich und los gehts. Das Navi behauptet derweil, dass ich noch 25 Minuten bis zum Zielort bräuchte, aber ich fahre unbeirrt weiter. Ulf macht zwischendurch komische Geräusche (bis heute, er nimmt mir die Fahrt noch übel, glaube ich), ich schwitze und versuche, Ulf wenigstens die tiefsten Löcher zu ersparen. Am Ende des Weges tauchen nun tatsächlich Häuser auf! Aus dem Weg wird endlich eine Straße, nur welches Dorf ist das hier? Kurz stelle ich mir vor, ich hätte ein noch unbekanntes Dorf fernab der menschlichen Zivilisation entdeckt, doch kurz darauf sehe ich das schon ziemlich verfallene Gemeindehaus und stelle fest, dass das Dorf fernab der Zivilisation zu meinem Gemeindegebiet gehört. Gott sei Dank! So sehr habe ich mich noch nie gefreut, in Dorf G angekommen zu sein. Kaffee, Kuchen und die  vier alten Damen erfüllen das Klischee, aber das ist ok. Echt ok.

 

 

Gestorben wird immer

Ich kann mich noch ziemlich genau an mein erstes Trauergespräch im Vikariat erinnern: damals ich saß mit meinem Mentor in einem großen, elegant eingerichteten Haus und war nervös. Wie verhält man sich der Familie gegenüber? Was, wenn ich mich von der Trauer der Familie nicht abgrenzen kann und gleich mitweine? Zum Glück übernahm mein Mentor die Gesprächsführung, ich saß neben ihm auf der Couch, hörte zu und trank Wein. Viel Wein, denn das Gespräch dauerte geschlagene 2,5 Stunden. Ein alter Mann war gestorben und seine drei erwachsenen Kinder und die Witwe hatten sich zum Gespräch eingefunden. War mein Weinglas leer, wurde ungefragt nachgefüllt. Je länger ich da stumm und trinkend auf der Couch saß , desto unschärfer wurde mein Bild von der Familie: Mutter und Tochter waren sich über den Verstorbenen irgendwie einig, doch die zwei Söhne hatten seit einigen Jahren einen fiesen Streit zu laufen und pochten jeweils auf ihre Darstellung des Vaters. Es war entsetzlich, ich rutschte auf meinem Couchplatz hin und her und zählte die Minuten. Irgendwann musste ich das Glas zuhalten, alles drehte sich und gleich hätte ich mich mitgedreht, auf der Couch, dem flauschigen Teppich oder den dunkel glänzenden Fliesen im Flur. Auf dem Heimweg (ohne Ulf, den gab es da noch nicht) im Auto meines Mentors merkte ich, wie durchgeschwitzt ich war, ohne dass ich mich tatsächlich irgendwo herumgedreht hätte. Das reine Zuhören hatte mich so angestrengt.

Das ist nun schon über 3 Jahre her und seitdem habe ich in sehr vielen Wohnzimmern, Wintergärten oder  Küchen gesessen (mich nicht gedreht) und mit Trauernden gesprochen. Mir wurde Kaffee, Wasser, Saft und Cola angeboten – aber nie wieder Wein (vielleicht hätte das manchmal geholfen). Manchmal gab es zum Gespräch Kuchen (immer Kuchen, aber niemals Schnittchen, garh!), manchmal hinterher und manchmal auch gar nichts. Es wurde gelacht, geweint, gestritten und geschwiegen – ich wurde umarmt, angezickt und angeflunkert – wirklich alles ist in diesen Gesprächen möglich. Ich bin froh, dass ich bisher bei keiner Begegnung in Tränen ausgebrochen bin. Feuchte Augen und ein  Kloß im Hals hatte ich dagegen öfter – doch damit kann ich leben und vor allem noch arbeiten.

Nach 1,5 Jahren kenne ich auch die meisten Bestattungsunternehmen aus meiner Region, oft sind es kleine Familienbetriebe: der Vater gründete die Firma, die Tochter übernimmt so langsam und die Tante spielt Orgel. Am Liebsten arbeite ich mit dem Bestatter aus meiner Hauptpredigtstätte zusammen. Wenn es um ihn geht, spreche ich mittlerweile auch nur von „meinem Bestatter“, was für Außenstehende in vielerlei Hinsicht irritierend sein dürfte. Armin und ich  duzen uns seit dem Feuerwehrball im letzten Herbst (Schnaps, Dorffest, Coverband  – den Rest könnt ihr euch ausmalen), ich kenne seine Frau und die Kinder und wenn wir uns im Städtchen über den Weg laufen ist immer Zeit für einen kleinen Schnack. Eigentlich ist er ja Tischler, aber er kommt mit dem Geschäft neben der Bestatterei nicht mehr hinterher, deshalb lässt er das Tischlern jetzt für eine Weile bleiben. Mich interessiert wie er seinen Job so macht und wie es ihm dabei geht, schließlich haben wir ja oft mit denselben Leuten zu tun. Seit ich über meinen Liebsten die fantastische (gar beste?) Serie Six Feet Under entdeckt habe,  ist meine Neugierde noch größer.                                                                                                                                                            Ich: „Holst du mit diesem Wagen der Verstorbenen ab?“ Er: „Nein, da ist der Bagger drin.“ Ich: „Warst du schon zum Gespräch? “ Er: „Ja, schöne Scheiße, die sind alle zerstritten. Und wie immer geht es nur um Knete.“ Ich: „Es kann sein, dass der verlorene Sohn zur Beisetzung kommt, was machen wir dann?“

Vor ein paar Wochen nach einer Beisetzung dann dieser Wortwechsel: Ich: „Kennst du Six Feet Under?“ Er: „Nee, was das denn?“ Wenn es sich irgendwie ergibt, bekommt Armin von mir eine DVD dieser Serie geschenkt. Und dann gibt es noch viel mehr zum Quatschen und das fänd ich gar nicht so schlimm.

 

 

 

 

 

 

 

Momente für die Ewigkeit

Es gibt Szenarien, auf die wird man im Studium einfach nicht vorbereitet. Weder im Wahnsinn des Ersten Theologischen Examens, noch in den 2  – 2,5 Jahren Vikariat und dem ständigen Spagat zwischen Gemeinde, Predigerseminar und Abschlussprüfungen. Das Beste aus meiner Vikariatszeit ist eine kleine Gruppe großartiger Menschen zu der u.a. auch Rahel und Ruth gehören. Wir sind ingesamt sieben (mittlerweile) Pfarrer_innen und treffen uns alle paar Wochen zur Supervision und zum Essen und einfach so Schnacken.

Zu Beginn des Vikariats erzählte Andreas in dieser Gruppe  davon, wie er im Gottesdienst ein dreijähriges Kind taufte. Als Vikar_in macht man ja viele Sachen zum ersten Mal: ich weiß noch wie aufgeregt ich war, als ich zum ersten Mal die Lesungen und die Fürbitten übernehmen sollte – aus heutiger Sicht total bekloppt und übertrieben. Aber damals: alles krass, alles neu, alles irre. Unser Andreas stand damals also mit Täufling, Eltern und Paten am Taufstein und war froh, es gut und heil bis dahin geschafft gehabt zu haben.  Auch bei der eigentlichen Taufhandlung lief alles glatt:  „im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes…“, er konnte Segensspruch, Taufspruch und alles was sonst noch dazu gehört sprechen und dann fing der kleine Junge plötzlich an zu heulen und zu strampeln. Er bekam einen richtigen Wutanfall, kämpfte sich aus den Armen seines Vaters und stürmte schreiend aus der Kirche. Andreas entschlüpfte daraufhin ein gut hörbares: „Naja, getauft is er ja.“ Wir haben Tränen gelacht, als er diese Geschichte erzählt hat.

Mir ist letztens etwas Ähnliches passiert, Tränen wären mir auch fast gekommen, aber aus anderen Gründen. Ich bin heute nicht mehr sicher,  was um aller Welt mich dazu bewogen hat, an einem Sonntag zwei Gottesdienste mit insgesamt drei Taufen, zwei unterschiedlichen Predigten, Kinderbespaßung und Gitarrenbegleitung zu feiern. Es muss die pure Hybris gewesen sein.

Im ersten Gottesdienst wurde der kleine Paul getauft, das jüngste von vier Geschwisterkindern, seine Cousine Jana besucht bei mir den Religionsunterricht und verblüfft mich immer mit klugen Gedanken und süßen gemalten Bildern (ein Engel schwebt  über der Welt mit der Sprechblase: „Hier ist noch viel zu tun“). Zum ersten Mal ist an jenem Sonntag übrigens der neue ehrenamtliche Organist dabei. Er heißt Tim, ist jünger als ich (wie ungewohnt!!Wie wunderbar!)  und spielt zu meiner großen Freude solide und teilweise sogar beschwingt. Er erobert mein in der Gemeinde vereinsamtes Musikerinnenherz, als wir mit Orgel und Gitarre gemeinsam „Möge die Straße“ begleiten. Was für ein Fest! Die Kirche ist voll mit Kindern, die auf meine Anregung hin konzentriert und in  kunterbunten Farben ein großes Bild mit Segenswünschen für Paul malen. Sie helfen mir beim Taufwasser einfüllen  (ich hab so hübsche, bunte Fläschchen) und später lesen sie  sogar die Fürbitten, von Aufregung bei den Kleinen dabei übrigens keine Spur, pfft. Auch Paul (1 Jahr alt) macht seine Sache gut. So kleine Geister bekommen ja gerne mal einen gehörigen Schreck wenn sie das Taufwasser trifft, aber Paul guckt kurz irritiert und lacht mich dann fröhlich an. Ehrlich – was könnte ich mehr wollen?

Als ich ungefähr eine Stunde später in Dorf E  mit Täufling Nr.3 , Eltern und Patinnen an der Taufschale stehe, ist die geglückte Taufe von Paul nur noch eine wehmütige Erinnerung. Die erste Taufe im zweiten Gottesdienst  ist zu diesem Zeitpunkt schon vollzogen, Emma ist mit ihren 1,5 Jahren frisch und zufrieden Teil der weltweiten Christenheit geworden und sitzt mit ihren Eltern,  einer leuchtenden Taufkerze und ihrem Geschenk (eine Kinderbibel, ich liebe Kinderbibeln!) wieder auf der Bank in der ersten Reihe. Soeben fragte ich die Eltern von Täufling Nr. 3: „Wollt ihr, dass euer Kind Magda  getauft wird und  […], so antwortet Ja, mit Gottes Hilfe.“ Sie antworteten wenig überraschend: Ja, mit Gottes Hilfe. Nur die kleine Magda ist sich ihrer Sache nicht so sicher. Sie ist 3 Jahre alt und hat schon am Tag zuvor  den Altarraum und die Taufschale mit äußerst kritischängstlichem Blick beäugt. Ich habe dieses Treffen mit den Eltern und den beiden Täuflingen extra geplant (an meinem freien Tag!), um eventuelle Ängste oder so abzubauen. Ein bisschen durch die Kirche laufen, auf die Empore klettern, hinter den Altar schauen und die Taufschale inspizieren – eigentlich total cool (finde ich). Doch  über Nacht muss Magda beschlossen haben, dass das mit der Taufe eine total uncoole Idee war. Jetzt befindet sie sich in den Armen ihrer Mutter und sagt mehrfach und für alle gut hörbar: „ICH WILL NICHT GETAUFT WERDEN!“ Mit rotgeweinten Augen schaut Magda kurz zu mir, dann auf die Taufschale mit dem Wasser, dreht den Kopf zu ihrer Mutter und wiederholt unter Tränen: „NEIN!!!ICH WILL NICHT GETAUFT WERDEN!“

Ehrlich – wie blöd kann es laufen? Die Eltern schauen sich und mich hilflos an – in meinem Kopf überschlagen sich die Gedanken: Was mache ich jetzt? Man kann (und darf!) ja niemanden gegen seinen oder ihren Willen taufen, Magda ist alt genug für Widerspruch. Nicht auszumalen, wenn sie nun ein Trauma von ihrer Taufe davontragen würde!  Woher kommt die Angst? Kann ich irgendwas tun? Wenn ja, was?  Wie kommen alle Beteiligten jetzt einigermaßen souverän aus dieser unangenehmen Situation? Es vergehen wahrscheinlich nur ein paar Sekunden, doch in meinem Empfinden ziehen sich diese Sekunden eine quälende Ewigkeit hin. Magda quengelt mich aus meinen Überlegungen: „ICH WILL NICHT GETAUFT WERDEN!“ Schluchzen, Tränen.“Ok, Magda – kein Problem, wir versuchen das später, nach dem Gottesdienst in kleinerer Runde einfach noch mal. Vielleicht ist das auch ganz schön, wenn nicht so viele Leute zugucken, mich würde das auch nervös machen.“ Ich blicke entschuldigend in die Kirche, die rappelvoll ist mit Verwandten und Bekannten von Emma und Magda, die erwartungsvoll nach vorne schauen. Crap. Die Taufgesellschaft um Magda nimmt wieder Platz auf der Bank neben Emma und Co. Magdas Mutter hat verdächtig rote Wangen, der Vater schaut angestrengt auf den Boden. Ich weiß, wie sehr sie sich die Taufe für Magda wünschen, ihre Enttäuschung ist nicht zu übersehen.

Die anwesenden Kinder sollten übrigens auch hier ein Bild für die Täuflinge malen, aber auch das hat irgendwie nicht geklappt: stattdessen haben zwei Lausebengel alle Buntstifte von beiden Seiten angespitzt und die Späne weitläufig im Altarraum verteilt. Auch beim Taufwasser einfüllen waren die Kinder hier anders drauf: statt auf mein Kommando zum warten (eine Taufwassermeditation hat ja auch eine gewisse Reihenfolge), kippten einige das Wasser sofort in die Taufschale und  kamen dann zu mir und der Taufkanne zurück: „das Wasser ist alle, wir brauchen mehr“.

Nach dem Gottesdienst verabschiede ich die Gemeinde an der Kirchentür. Ein Ehepaar aus der Großstadt stellt sich vor, die Frau ist ebenfalls Pastorin und sagt mitfühlend: „Sie Arme, das ist mir in 40 Jahren Dienstzeit nicht einmal passiert! Das wird schon noch – vielleicht hilft ja ein Ortswechsel!“ Wenig später kehre ich zurück in die Kirche zu Magda, ihren Eltern und den zukünftigen Patentanten. Man hat sich schon wieder in Stellung vor die Taufschale begeben (ok, also kein Ortswechsel), aber Magda weigert sich weiterhin. Rahel wüsste genau, was man in diesem Moment machen muss, schießt es mir durch den Kopf. Aber Rahel, die mit ihren Töchtern so unendlich liebevoll umgeht und weiß, wie man selbst dreijährigen die Taufe erklären kann, ist von mir mindestens 2,5h mit Ulf entfernt, also keine Option. Improvisation ist gefragt.

Magda und ich schauen uns nun genau die bunten Blümchen an der Taufschale an (jetzt erträgt sie immerhin schon den Anblick der Schale!) „Ich mag am Liebsten die blauen und du?“ Schniefen von Magda: „Die roten..“ „Komm, wir legen mal ein paar von den Blümchen ins Wasser, das gefällt denen bestimmt gut..“  Magda und ich tauchen die dekorativen Blümchen ins Becken (Wasser berühren geht also auch) und lassen sie schwimmen. „Marta, wollen wir dich jetzt vielleicht t…“ „NEIN, ICH WILL NICHT GETAUFT WERDEN“ In den nächsten ewigen Minuten zeige ich ihr die Taufkerze („Mit Glitzerschrift, Magda!!“), die verpackte Kinderbibel („Emma hat ihr Geschenk schon, da ist was ganz Tolles drin“), male ihrer Mutter ein Kreuzzeichen mit Wasser auf die Hand und spreche ein Segenswort („Wasser tut gar nicht weh, schau!“). Immer mal wieder frage ich, ob sie jetzt vielleicht mit der Taufe einverstanden sei, aber Magda schüttelt den Kopf. Ich beginne mich mit dem Gedanken anzufreunden, dass Magda heute nicht getauft wird – vielleicht später, in einem halben Jahr oder so. Aber eine Idee kommt mir noch,  vielleicht will sie ja sehen was passiert und vielleicht hat sie Angst vor Wasser. „Magda, schau mal her – ich zeige dir jetzt genau, was ich mache: ich nehm hier in meine rechte Hand  nur gaaanz wenig Wasser und meinst du so könnten wir dich taufen?“ Magda guckt und sagt völlig überraschend: „Ja.“ Wow, wer hätte das noch für möglich gehalten? „Magda XX,  ich taufe dich im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes […]“ Es sprudelt nur so aus mir heraus (wer weiß, ob Magda es sich gleich doch noch anders überlegt) und schließlich ist auch dieses Kind getauft (HALLELUJA!!) und meine Erleichterung und schlagartige Erschöpfung kennt keine Grenzen. Was für ein Krimi!

Emmas und Magdas Eltern laden mich ein zum Mittag zu bleiben und ich nehme dankend an. Mit letzter Kraft schleppe ich mich zum Buffet und entdecke neben kalten Platten, Brot, Obst, Salat, Kartoffeln und Spargel zu meinem großen Verzücken einen großen Berg Schnitzel. Ehrlich – was könnte ich jetzt noch mehr wollen? Während ich versuche möglichst schnell möglichst viel zu essen, höre ich die Kinder auf der Wiese nebenan lachen und schreien. Sie haben ein neues Spiel und rufen: „ICH WILL NICHT GETAUFT WERDEN! ICH WILL NICHT GETAUFT WERDEN“. Ach Magda, man wird noch lange von diesem Tag reden. Und ich auch.

 

 

 

Gartenfreuden

Ulf hat seit ein paar Wochen einen neuen Spitznamen. Mit seinen schicken neuen Sommerreifen und den elegant glänzenden Felgen (live on LandpfarramtTV: Pimp my Ulf)  macht er auf den holprigen Straße einen derart freshen Eindruck, dass ich ihn jetzt manchmal Sport-Ulf, kurz „Spulf“ nenne. Ich glaube, er freut sich darüber, jedenfalls sieht er von vorne so aus, als würde er mir vergnügt zuzwinkern. Oder als sei der eine Blinker mit Gaffa festgetaped (fällt sonst raus), whatever.

Wenn Spulf (<3) und ich nach Hause kommen, werden wir von Nachbars Schafen begrüßt. Obwohl, die blöken eigentlich den ganzen Tag herum und wahrscheinlich bilde ich mir das mit der Begrüßung auch nur ein. Es wäre auch eine wirklich unfreundliche Begrüßung, das eine Schaf scheint nämlich permanent schlechte Laune zu haben, es macht nicht einfach so „möh“, es klingt eher nach „MÖÖÖHH!!!!„. Vielleicht gibt es auch unter Schafen Anhänger_innen populistischer Parteien? Vielleicht hat es panische Angst vor schwarzen Schafen? Während ich diese Sätze schreibe, schreit das Schaf nebenan weiter. Die mediale Beachtung scheint das Schaf weiter anzustacheln. Ob nebenan der Gauland unter den Schafen steht und seine Weisheiten in die Herde  (und den Pfarrgarten) brüllt? Vielleicht hat das Schaf Schwierigkeiten mit der Nachbarschaft, am Ende mit mir (ich bin ja schließlich ein Schwarzkittel), oh no.

Höchste Zeit, sich zwei Gärten weiter links umzuhören. Frau G. hat einen gepflegten Garten und einen großen Hof mit Tauben und Hühnern. Ich habe bisher nur ihren  Garten gesehen, der direkt an meinen angrenzt. In regelmäßigen Abständen kräht ein Hahn ein ordentliches, klassisches „Kikeriki!“. Was danach folgt ist mit Buchstaben eigentlich nicht zu beschreiben: ein krächzendes Geräusch, das nur deshalb an das Krähen eines Hahnes erinnert, weil es kurz nach dem tatsächlichen Krähen eines Hahnes zu hören ist: „ähchrrchrri“. Wenn ich das Geräusch nicht  seit Monaten mehrmals am Tag hören würde  wäre ich davon überzeugt, dass das arme Tier beim „Krähen“ erwürgt wurde. So vermute ich, dass das Geräusch seinen Ursprung in einem sehr  kleinen, zerrupften Hähnchen hat, das gerne größer wäre (ob er Bart trägt?). Das Hähnchen bildet dann wohl die Opposition im Hühnerstall, um die es scheinbar nicht gut bestellt ist.

Um meinen Garten ist es übrigens auch nicht gut bestellt: voll frühsommerlichen Übermuts habe ich mir eine wundervoll buntgestreifte Hängematte besorgt und sie zwischen zwei Bäumen im hinteren Teil des Gartens aufgehängt. Abwechselnd, teilweise auch gleichzeitig schaukelten der Liebste und ich, einen Tag später Max und Flo in ihr herum und nach drei Tagen und einem großen Sturm lag einer der beiden Bäume dar nieder, hingestreckt und auf alle Zeit von Mutter Erde getrennt. Man munkelt, vielleicht seien auch Wühlmäuse an der Aktion beteiligt gewesen (die Wurzeln sehen wohl angenagt aus), aber trotzdem habe ich ein schlechtes Gewissen, lieber Baum, es tut mir leid.

Kurz vor der Konfirmation war ich bei Max  im Garten, um mit seiner Mutter noch ein paar Sachen für den Gottesdienst zu regeln (Blumenschmuck für den Altar, der später für einen kleinen Eklat sorgen würde, weil er in den Augen mancher viel zu klein war. Nerv.). Ordentlich gemähter (nicht gemöh!!!ter) Rasen, ein braun-weißer Hund mit Schlappohren und Watschelgang der wohl gut für die Jagd ist, eine riesige Kühlkammer mit einem Reh („Wollen Sie mal gucken? Hat mein Vater geschossen! Das hängt da jetzt.“ Ja, doch,.. Oh…“). Max war vergnügt: „Jetzt können Sie endlich mal meine Schildkröte sehen!“ Ich: „Ähh ja, das haben wir letztes Mal nicht geschafft…Wie heißt deine Schildkröte denn?“ Max: „Schildi.“ Ich ziehe die Augenbrauen hoch: „Ernsthaft?“  Max guckt mich irritiert an:  „Klar, warum nicht?!“ Schildi ist eine schon über  60 Jahre alte griechische, männliche Landschildkröte, ungefähr so groß wie meine zwei Handflächen nebeneinander. Das Alter tut seiner Libido keinen Abbruch, Schildi will kleine Baby-Schildis zeugen, koste es was es wolle. Ich hatte keine Ahnung, wie schnell so eine Schildkröte unterwegs sein kann oder wie eine Schildkröte flirtet. Schildi kommt zielstrebig angekrochen und stößt mit seinem Kopf gegen meinen Schuh: Tock – tock -tock-tock. Und  noch in dem Moment, in dem ich mich darüber wundere wo eine Schildkröte diese Kraft und Geschwindigkeit hernimmt, ist er auf meinem Schuh und ruckelt herum. Max`Mutter seufzt und setzt ihn abseits auf einen einzeln herumliegenden Gartenschuh um: „Ja…Der Schildi hatte auch mal ein Weibchen, aber das ist lange her und eigentlich bräuchte er drei..“ Max „Irgendwann macht er dabei auch so ganz komische Geräusche..Wollen Sie mal hören? Das klingt voll lustig..Warten Sie mal kurz!“ Bekanntlich soll man gehen, wenn es am Schönsten ist.

Das Schaf schimpft entrüstet, als ich nach Hause komme, was soll es auch sonst tun? Es gibt scheinbar keine Alternative für dieses Schaf. Vereinzelt rufen jetzt auch die anderen, wenn auch noch zaghafter („mäh!“ „bäh!“). Wie auch immer –  in meinen Garten kommen die jedenfalls nicht. Spulfi hat mir da mit einem charmanten Zwinkern zugestimmt.