Momente für die Ewigkeit III

Samstagabend letzte Woche, gegen 22 Uhr. Vor einer Stunde bin ich heimgekommen von einem Familiengeburtstag. Zum ersten Mal bin ich nicht mit Ulf, sondern mit einem geliehenem Auto (sehr neu, sehr sauber, sehr nicht-Ulf) unterwegs gewesen, was aufregend war. Dass man Autos über Fotos mit dem Smartphone öffnen und wieder abschließen kann, erscheint mir irgendwie übersinnlich.

Samstage sind, wenn ich sonntags Dienst hab, stets von einer gewissen Unruhe durchzogen. Predigt und Liturgie sind dann zwar meistens grob fertig, aber oft fehlen noch Fürbitten und einzelne Gebete. Außerdem lese ich mir alles noch einmal durch und schraube hier und da noch an ein paar Formulierungen. Das braucht dann noch ein bisschen Zeit und Mühe, dann kann ich alles ausdrucken und in mein schwarzes Mäppchen heften.

Vorgestern war ich mit zwei Freundinnen unterwegs die sich für einen kurzen Moment darüber unterhielten, dass sie ihre Drucker eigentlich nie mehr benutzten. Höchstens für Bahnreisen oder mal ein Konzertticket. Ich hingegen brauche meinen Drucker ständig, all die Ansprachen und Andachten und was nicht alles. Nach dem Umzug musste ich ein neues Exemplar kaufen, das zwar schick weiß, aber irgendwie etwas eigensinnig ist. Ständig piepst und ruckelt was oder es behauptet, es könne kein amerikanisches Papierformat. Autos können Technik offensichtlich besser als Drucker.

An einem typischen Samstagabend habe ich außerdem immer die klamme Befürchtung, dass ich ein Gedenken vergessen könnte und dann eine Trauerfamilie erwartungsvoll und mitgenommen in den Bänken sitzt, und ich die verstorbene Person vergesse abzukündigen. Nicht schön. Also schau ich lieber doppelt durch meine Unterlagen (Name richtig? Geburts – und Sterbedatum korrekt? Was war noch mal der Bibelspruch?) und erst dann bin ich beruhigt. In der neuen Gemeinde gibt es zudem immer eine Lektorin oder einen Lektor (Luxus!). Seit der Perikopenrevision herrscht etwas Verwirrung über Abläufe der Lesungen, also drucke ich zur Sicherheit die Texte für die Lesenden noch einmal aus, damit alle orientiert sind. Dann schreibe ich noch die Lieder auf einen Zettel (wobei ich mich fast am Meisten konzentrieren muss, denn meine Handschrift neigt zum Chaos), damit jemand am nächsten Morgen vor dem Gottesdienst die Liednummern an die Liedertafeln stecken kann.

Letzte Woche ich also: müde und erschöpft von den Autofahrten endlich am Schreibtisch. Ich drucke Liturgie aus (inklusive richtiger Daten der verstorbenen Frau H. und mit eben noch formulierten Gebeten), drucke Predigt aus, Blätter fliegen mit hohem Schwung durch das Arbeitszimmer (Halterung am neuen Drucker vergessen auszuklappen, mööp), ich hefte alles ein. Die Katze tapst erwartungsfroh über den Schreibtisch, nagt am Bildschirm (Chrrr!Chrrr) und verteilt großzügig Katzenhaare. Dann die Lesungen für die Lektorin , die kommt in den großen, roten Papphefter (den ich seit 15 Jahren, den Tag meiner Immatrikulation an der Uni, eigentlich den Eltern einer Freundin zurückgeben wollte) zu dem Zettel mit den Liedern, dann falle ich ins Bett mit dem guten Gefühl, an alles gedacht zu haben.

Sonntagmorgen, gegen halb elf. Ich stehe am Pult und blicke in den vollen Gemeindesaal. Hinten sitzt die Trauerfamilie von Frau H., einige aus dem Presbyterium sind da, gleich drei Pfarrer im Ruhestand, teilweise mit Ehefrauen, insgesamt um die 40 Leute (riesen Luxus!!). Der Organist, der heute Klavier spielt, setzt sich auf meinen freigewordenen Stuhl, es kann losgehen mit der Predigt.

Ich lese ab, aber gucke dazwischen immer mal wieder hoch, lasse Pausen. Der Einstieg um die Kitakinder und um Dankbarkeit macht Spaß. Bei meinem Vorschlag, statt shitstorms lovestorms in die Welt zu setzen wird zustimmend gelacht. Der Übergang zum Predigttext ( der Anfang des ersten Korintherbriefes) läuft, Verlesung des Textes auch, ich blättere um und vor mir sehe ich: den Schlussteil der Predigt. Aber der ist jetzt noch gar nicht dran. Ich blättere nach vorne und nach hinten, aber, der zweiseitige Hauptteil um Paulus fehlt. Und der war so schön! Wah! Ich blicke in die Gemeinde (ernste Gesichter) und versuche ein paar Sekunden lang, einfach weiterzureden (the show must go on), aber ich hab total den Faden verloren und ich vermute, man sieht mir meine Verwirrung auch an und manche gucken etwas besorgt und was ich sage, ergibt zudem leider auch nicht viel Sinn. Da hilft nur Ehrlichkeit:

Ja, liebe Gemeinde. Wie es aussieht, fehlt mir heute ein Teil meiner Predigt. Das ist jetzt etwas…Hmmm, ok, geben Sie mir einen Moment, ich krieg meine Gedanken hoffentlich noch zusammen. Es folgen einige, äußerst angespannte Momente der Stille. Ich versuche mich mit aller Kraft zu erinnern (wenn ich wenigstens Stichpunkte hätte! Und warum hab ich mir vorher nicht nochmal alles durchgelesen?! Crap!), dann fällt mein eigener Bogen wieder ein (ha!). Gnade im Griechischen, die Bedeutungen von Charis, dann zum bekannten Bild vom Leib mit den vielen Gliedern über die Gemeindegespräche zur Jahreslosung (innerer Frieden wirkt äußeren Frieden, auch über Dankbarkeit) und den Schlussteil hab ich dann ja wieder in Schriftform.

Während ich aus Versehen frei predige (was ich, mit guter Vorbereitung – wenigstens Stichpunkte!-, durchaus auch gerne öfter machen würde), gestikuliere ich, um meine Gedanken verständlicher zu machen. Die Gemeinde folgt mit den Augen meinen Bewegungen, ein Pfarrer nickt nachdenklich, mit zusammen gekniffenen Augen. Ich glaube, alle in diesem Raum geben sich gerade richtig viel Mühe. Und mir ist unheimlich heiß. Ich freue mich über jeden klaren Gedanken, den ich fassen kann und der mit der Predigt und ihrer Aussage zu tun hat. Im Schlussteil angekommen, entspanne ich mich etwas, aber es ist auch plötzlich komisch, den Blick ins Mäppchen zu senken und nicht mehr in die Gesichter der Gemeinde schauen zu können. Das ist ein neues Gefühl.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen. Erleichterung rollt durch den Raum wie eine kleine Lawine, jemand vorne links beginnt zu klatschen. Ich muss lachen und gleichzeitig den Kopf schütteln, über meine eigene Schusseligkeit, aus Verlegenheit und aus Glück (Gott sei Dank!), dass es jetzt doch noch irgendwie geklappt hat. Das war Gnade in Reinform, puh. Die Gemeinde freut sich mit mir und auch das tut gut. Per Mail schreibt jemand einen Tag später: Vielleicht ist es sogar gut, wenn Sie ab und an Ihr Manuskript zuhause lassen?

Als ich nach dem Gottesdienst erschöpft, aber zufrieden nach Hause komme und meine Sachen ins Arbeitszimmer bringe, entdecke ich auf dem Fußboden vor einem Regal die fehlenden Seiten. Die sind aber weit geweht worden, da habe ich beim Aufsammeln gestern gar nicht hingeschaut! Ich überfliege meinen Text und stelle beruhigt und nochmal anders erleichtert fest, dass ich das Meiste tatsächlich gesagt hab. Was für eine Aufregung! Jeden Sonntag würde ich das nicht aushalten, aber wer weiß, vielleicht wirklich ab und an?

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Ein Nachruf

Die erste Begegnung mit ihm war über das Internet. Er war einem Bekannten aufgefallen, der mich auf ihn aufmerksam machte: Sara, könnte der nicht was für dich sein?“ Auf dem Foto strahlte er in der Sonne. Gutaussehend, richtig sportlich für sein Alter. Eigentlich hatte ich mich mit einem anderen gesehen, größer und kräftiger, vielleicht ein Schwede. Dennoch zog der Kleine meine Aufmerksamkeit auf sich und weckte mein Interesse, obwohl die Farbe (Zitat Bekannter) Geschmackssache sei.

Im Herbst 1996 fuhr Ulf seine ersten Kilometer auf Deutschlands Straßen. Er wuchs auf in ländlichem Gebiet, zwischen weit gezogenen Wäldern, Kleinstädten und Dörfern. Seine ersten Besitzenden werden sich erfreut haben an seiner (damals noch) modernen Ausstattung: Klima, ein Schiebedach, elektrische Fensterheber. Ein Auto, das mit seiner Farbe auffiel und auch durch seine Schnelligkeit, auf der Autobahn machte ihm niemand etwas vor. Ulf fuhr und fuhr, über Stadt und Land, viele Jahre gut versorgt und gepflegt. Eine behütete Kindheit und Jugend.

Eines Tages wurde er von einem jungen Mann übernommen, der davon überzeugt war, dass er sich mit Autos auskannte. Ihm verdankte Ulf eine nachgerüstete Standheizung und eine beachtlich laute Soundanlange im Kofferraum. Nun war Ulf nicht nur gut zu sehen, sondern auch aus kilometerweiter Entfernung zu hören. Das war seine wildeste Zeit, an die die eine oder andere kleine Beule oder nicht schließende Tür später erinnern würde.

Ob Ulf in diesen Jahren oder davor mit den Glauben in Berührung gekommen ist, können wir nicht sagen. Darüber sprach er nicht, so wie er auch sonst ein eher wortkarger Zeitgenosse war. Aber als einige Zeit später eine junge Pfarrerin und Fahrerin (Führerschein damals ganz frisch) ihn aufnahm und schließlich einen kleinen, gelben Fisch auf sein Heck klebte, schien er sich zu freuen. Seit er auf dem Weg zu einem Festival mit Gaffa-Tape am linken Auge notoperiert werden musste, war seine frische Optik beeinträchtigt, aber Ulf nahm es mit einem fröhlichen Zwinkern, das er nie wieder verlor. Auch die kleineren und größeren Blechschäden aus den Jahren seines Pfarrfahrdienstes haben ihm nie wirklich etwas ausgemacht, er behielt sein jugendliches Aussehen und seine durchtrainierte Haltung. Ulf war eben hart im Nehmen und fuhr und fuhr. Jetzt von Dorf A bis Dorf H, auf sandigen Waldwegen und holprigen Dorfstraßen, knapp an Füchsen, Wildschweinen und Hirschen vorbei, an Badeseen und durch verschneite Landschaften, zu Kirchen und Dorfgemeinschaftshäusern. Mit Kindern auf dem Rücksitz oder nöligen Konfirmandinnen und Konfirmanden, manchmal mit Seniorinnen, die Gitarre im Kofferraum neben der Kiste mit Liederbüchern und frischen Eiern von den glücklichsten Hühnern der Welt und einem Reste-Paket aus dem Gesprächskreis mit geschmierten Broten und Kuchen.

Mit Ulf fuhr ich durch Abende und Nächste um mit der Band zu proben, Freundinnen und Freunde zu treffen, Menschen im Urlaub von Bahnhöfen abzuholen, um zu meiner Familie zu kommen und selbst Urlaub zu machen. Wir waren in den Bergen und am Meer und auch in der Wüste. Mit Ulf habe ich atemlos und ohne dabei Musik hören zu können (so viel Aufregung) die erste Autofahrt alleine in meine erste Gemeinde unternommen. In Ulf habe ich gelacht, erzählt, geküsst, gesungen und geschrien, ich habe zugehört und geweint, nachgedacht, gebetet und geschlafen (nicht beim Fahren natürlich), getanzt und telefoniert. Ich wurde mit Ulf zwei Mal rausgewunken, des Öfteren geblitzt und angehupt, wir wurden gemeinsam bewundert, aber auch bemitleidet. Es hätte noch lange so weitergehen können.

Aber der letzte große Umzug in die Stadt muss für ihn zu viel gewesen sein. Plötzlich änderte sich sein Charakter. Er wurde bockig und aufbrausend, neigte zum Explodieren. Manchmal fuhr er einfach nicht mehr los. Vier Mal wurde er seit Dezember abgeschleppt, was eigentlich überhaupt nicht seine Art war. Ein Mechaniker fand nach langen Untersuchungen die Ursache: die Bastelarbeiten in seiner wilden Jugendzeit rächten sich im Alter. Ulf verlor nun alle(n) Kraft(stoff), die (Kraftstoff-)Pumpe wurde immer schwächer bis sie schließlich gar nicht mehr ging. Lebenserhaltende Maßnahmen lehnten wir beide ab. Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

Alles, was mir von Ulf bleiben sollte, passte in eine rote Plastikkiste. Als ich mit der Kiste und feuchten Augen in der Werkstatt stand, versuchte mich ein Mitarbeiter zu trösten: Sie werden noch viele, viele Autos fahren und die werden schöner sein.

Ich schüttelte nur traurig den Kopf. Ich wollte doch niemals ein anderes Auto fahren. Jetzt fährt Ulf ohne mich. Er fährt und fährt, in einer anderen Welt. Und eines Tages, da sehen wir uns vielleicht wieder. Und dann wird er mich anzwinkern und ich werde die Fahrertür öffnen und immer noch wissen, dass ich sie zwei Mal zuziehen muss. Und wenn wir dann zwischen gelb blühenden Feldern dem Horizont entgegen fahren, werde ich das Schiebedach öffnen, den Fahrtwind genießen und die Anlage ganz laut aufdrehen und mitsingen und mit wippen: If you´ll be my bodyguard I can be your long lost pal I can call you Betty And Betty, when you call me, you can call me Al.

Lieber Ulf, es war mir eine Ehre. Auf Wiedersehen.

Neues Jahr, neuer Wahnsinn

Nach dem Weihnachtsirrsinn und Silvestertrubel war an diesem Wochenende endlich etwas Zeit für Quality-Time mit den Mädels (die nach wie vor zwar aus den Augen, aber überhaupt nicht aus dem Sinn sind). Das war auch dringend nötig. Obwohl die Weihnachtsdienste in der neuen Gemeinde deutlich anders sind als noch auf dem Land (weniger Krippenspiele und Fahrerei, überhaupt weniger Dienste), waren sie doch auf ihre Weise kräftezehrend. Nicht nur, weil alles hier noch ungewohnt und ungeübt ist (ich habe tatsächlich etwas gefremdelt mit all den unbekannten Menschen bei der Christvesper und hatte Heimweh nach meiner ersten Gemeinde), auch weil Gottesdienst vorbereiten und Gottesdienste feiern irgendwelche energetischen Sachen mit einem macht.

Die ersten Dienst-Tage im neuen Jahr waren zwar noch relativ ruhig, aber der schon jetzt prall gefüllte Kalender konnte sich so ungestört gedanklich zu einem schönen Scheinriesen aufbauen und ekligen Stress auslösen: OhGottderGemeindebriefder Ehrenamtsempfangdie Konfizeitdie Taufen im Januarder Kindergottesdienstdie junge GemeindediePresbyteriumssitzungderArbeitskreisdieKitaandachtendernächsteGottesdienstdieAndachtdieSeniorenkreisedieBaustelledieGeflüchtetenunterkunftWaaaah. Von wegen frischer Neuanfang, hier war mehr so Neujahrsdepression. Dazu kam dann noch Herzschmerz, weil ich mich demnächst von Ulf trennen muss. Der ist explosionsgefährdet (deswegen roch er innen manchmal so komisch nach Benzin, ich hatte mich schon etwas gewundert) und eine Reparatur lohnt sich nicht mehr. Ich hatte wohl ganz schönes Glück dass mir (und anderen) mit ihm nichts passiert ist. Trotzdem doof, ich habe noch vor wenigen Wochen einem Freund glaubhaft versichert, dass ich niemals ein anderes Auto würde fahren wollen. Niemals. Tja..

Deshalb also: Flucht zu lieben Menschen. In diesem Fall zu Julia, die mittlerweile in einer Studierendenstadt Pastorin ist. Unsere Frederike war leider dienstlich verhindert (immer diese Gottesdienste, tzzzz), aber dafür kam Jana angereist mit einer beachtlichen Babykugel.

An einer Wand in Julias Badezimmer hängen Postkarten und Fotos, u.a eines von ihr, Frederike, Jana und mir auf einem Steg an dem großen Fluss in der Stadt, in der wir für ein paar Semester gemeinsam studiert haben. In einem Knäuel hängen wir da alle aufeinander und schauen unbeschwert und fröhlich in die Kamera. Fast kann man uns gackern und juchzen hören. Seinerzeit konnte ich noch ganz bequem mit dem Rad zu Julia oder Jana tüdeln, auf ein Bier und Musik machen am Abend (Julia), bzw. auf Sekt und Kippen auf dem Balkon (Jana). Heute braucht es entweder einen Ulf (ach, ach…) oder eine lange Fahrt mit ICE und Öffentlichem Nahverkehr und mindestens ein für alle predigtfreies Wochenende, oder eben Mutterschutz, damit wir uns sehen können. Und wir trinken alkoholfreien Sekt (Jana) und viel Tee und Kaffee, und ein wenig Rotwein. Mehr als wenig Rotwein vertrage ich auch nicht. An Silvester hatte ich das (nach dem Gottesdienst und in geselliger Runde bei Anna) vergessen und einfach viel getrunken, was lecker war und Spaß gemacht hat, aber doch unangenehme Folgen hatte (zum Glück kein Dienst an Neujahr).

Davon erzählte ich Julia und Jana gestern, während wir gemütlich und entspannt im Wohnzimmer herumlümmelten. Wenn Pfarrmenschen zusammen kommen, geht es auch oft um den Wahnsinn im Dienst (ihr habt vielleicht auch schon irgendwo davon gelesen :-P), davon gibt es ja auch eine ganze Menge. Jana und Julia haben da auch so ihre Stories zu bieten und wir erfanden für unsere Gesprächsbeiträge den schönen Titel „Kotz – und Motzgeschichten“. Die Maus war gestern, hier kommt der Kater. Ein paar Auszüge für euch:

Jana hat es nach einer Beisetzung erlebt, dass ein Angehöriger sich Wochen später am Telefon darüber beschwert hat, dass sie beim Singen nicht stand und nicht in die Gemeinde geguckt hat und ihre Haare angeblich die Sicht auf ihr Gesicht verhindert hätten.

Julia hat von ihrem Vorgänger einen Hausmeister geerbt, der keine Dienstbeschreibung hat, Vollzeit angestellt ist, aber immer um 14 Uhr seinen Dienst beendet, um seinem Zweitjob nachzugehen.

Jana hat einen Kollegen der sich weigert, einen gemeinsamen digitalen Kalender zu nutzen und der niemals seinen freien Tag einlöst.

Frederike war zwar nicht anwesend, aber ihre Motzgeschichten (wir telefonieren regelmäßig) haben es dafür besonders in sich. Sie wurde tatsächlich einmal von einem Gemeindeglied als „Enttäuschung“ beschimpft.

Man macht schon ganz schön was mit. Aber natürlich nicht nur mit so Nervkram. Es gibt auch genügend Lach – und Sachgeschichten im Leben von Pfarrmenschen, sonst würde ja niemand diesen Wahnsinn aushalten. Und jede*r könnte damit mindestens einen Blog füllen. Oder einen Roman, oder das Skript für eine Serie. Aber das ist hier ist mein Blog und deswegen hier zum Schluss ein paar schöne Blitzlichter aus meinen letzten Wochen:

Eine Postkarte von Frau S. Aus Dorf G meiner alten Gemeinde: Wir vermissen Sie so. Schöne Grüße von unserer Kaffeerunde, ich drücke Sie, Ihre Frau S.

Eine Weihnachtskarte von einer Familie aus der neuen Gemeinde: Wir sind froh, dass du jetzt zu uns gehörst. Frohe Weihnachten!

Dass jemand aus der neuen Gemeinde Ulf mit mir in die Werkstatt abgeschleppt hat.

Wie sich meine Konfis in der WhatsApp-Gruppe alle gegenseitig ein frohes neues Jahr gewünscht haben (die gehen so süß miteinander um).

Das Weihnachtsfestessen, das meine Mutter uns gekocht hat am 1. Weihnachtsfeiertag.

Dass manche aus der Gemeinde noch Tage später Themen aus meiner Predigt aufnehmen und miteinander darüber reden.

Dass ich fantastische Menschen in meinem Leben habe, die mir das Herz wärmen und mich mit Kotz- und Motz und Lach – und Sachgeschichten, aber vor allem mit unendlich viel Glück und Liebe erfüllen.

Insgesamt also ganz schön viel Segen. Schöner Wahnsinn. Halleluja!

Ulf forever

Zwischen dem alltäglichen und speziellen Wahnsinn dieser Gemeinde und meiner naturgemäßen Verchecktheit fallen doch so manche Dinge unter den Tisch. Oder fahren irgendwo gegen – so wie es Ulf während eines hektischen Ausparkmanövers (Keine Zeit! Keine Zeit!) schon letzten November passiert ist. Es regnete, der hintere Scheibenwischer ging nicht (kaputt oder so), folglich fuhr ich mit Schwung gegen eine Ecke des Carports. Seitdem hat Ulf eine kleine, knautschige Beule über dem rechten Hinterreifen. Für mich eine weitere liebenswerte Macke, für andere ein Grund skeptisch die Augenbrauen zusammenzuziehen und mit dem Kopf zu schütteln.

So geschehen bei meiner vorletzten Bestattung (der Marathon geht zumindest diese Woche noch weiter). Auf jenem Friedhof habe ich tatsächlich einen Stammparkplatz (yeah!) neben dem kleinen Transporter des Bestattungsunternehmens. Bzw. rechts vom Transporter ist immer noch Platz für Ulf, wobei er sich diesen Platz mit einem riesigem Laubhaufen teilen muss, der dort seltsamer Weise niemals weggeräumt wird. Letzte Woche also komme ich dort an und parke neben dem Transporter und vor dem Laubhaufen und steige aus. Kurt Tafel ist auch schon da und dreht sich gerade eine Zigarette. Amüsiert schaut er mir dabei zu, wie ich die Fahrertür schließe. Phase 1: locker zuwerfen. Phase 2: mit der Hüfte noch einmal lässig (!) nachhelfen, sonst ist Ulf nämlich nicht wirklich zu. Während dieser Prozedur schleicht ein blonder Sargträger um Ulfs Hinterteil und schüttelt lautlos den Kopf. Er beugt sich etwas nach unten, schaut er jetzt auf die Beule oder diese schwarze Schramme? Er sagt nichts, aber sein Gesichtsausdruck lässt auf eine Mischung aus Unverständlichkeit und tiefem Bedauern schließen.

Als ich den Kofferraum öffne ertönt ein lautes, hohes Quietschen, das über den Friedhof schallt. Knut will die Liederhefte verteilen, ich greife in den Kofferraum, stütze mich kurz ab und irgendwo aus Ulfs Innereien  dringt ein Laut, so tief und unheimlich-knurrend, dass er aus der Unterwelt stammen könnte.  Rrrrroooar. Ich gebe Knut die Hefte und hole dann meinen Talar aus der bunt gestreiften Strandtasche (angeblich soll es auch elegante Talartaschen geben, aber pfft). Rrrrrrooooar. „Das klingt ja gar nicht gut!“ Knut wirft einen besorgten Blick auf Ulf. „Klingt fast so, als würde dein Auto leben!“ Dann erhellt sich sein Blick: „Kennst du den Film Christine?“ „Nee.“ Er nimmt einen tiefen Zug von seiner Zigarette. „Da geht es auch um so ein Auto, so eine richtige Klapperkiste, total kaputt, so wie deins (hier zucke ich etwas zusammen). Das Auto heißt Christine und das lebt! Und ist gefährlich!“ „Hm, aha“ „Am Ende, da lassen die das Auto dann verschrotten, wird richtig platt gemacht. Und dann denken die, das wäre jetzt tot.“ „Aha.“ “ Aber ist es dann gar nicht, Christine lebt nämlich immer noch! Da leuchten dann am Schluss die Scheinwerfer auf und das ganze geht wieder von vorne los!“ Kurt lacht brummend. Mein Amüsement hält sich in Grenzen, Ulf und ein Horrorauto? Auf dem Schrottplatz?? Niemals! Dann sage ich: „Touché“. Vielleicht hat Knut mein Troubadix-Vergleich doch mehr getroffen, als ich dachte.

Während Knut noch steht und weiter raucht muss ich zwei weitere Male die Fahrertür öffnen und wieder schließen (erst das Handy und dann die Mate vergessen). Schließlich brauche ich noch mein schwarzes Mäppchen mit den Texten aus der Strandtasche.

Die Kofferraumtür quietscht kurz auf. Stille.  Rrrrrrooooar. Ulf und ich, wir verstehen uns.

Hoffentlich noch lange, er muss nämlich zum TÜV. Seit Februar.

Landleben live

Im Sommer letzten Jahres hatte ich Besuch von einer Freundin, die sich mit ihrem Söhnchen ein paar Tage Auszeit von der Großstadt nehmen wollte. Meine Gegend bietet sich auch tatsächlich an für Urlaube. Je nachdem in welchem Dorf man sich aufhält, behaupten die Anwohner*innen, bei ihnen um die Ecke befände sich der schönste See der Welt (bisher habe ich drei schönste Seen der Welt bebadet, einer schöner als der andere, obwohl das gar nicht möglich sein sollte). Außerdem befinde ich mich quasi mitten im Wald, man kann stundenlang spazieren gehen und keine Menschenseele treffen, stattdessen findet man unterwegs unter Umständen Füchse, Rehe und Hirsche, Hasen, auch Elche wurden hier schon gesichtet (leider nicht von mir). Mit jener Freundin und deren Kind fuhren wir mit Ulf in das Dorf von Herrn Fritz, auch dort gibt es eine schöne Wanderstrecke in der Nähe eines (Überraschung!) schönsten Sees der Welt.

Auf dem Weg dorthin kommt man durch viele Dörfer, die zu meinem Gemeindegebiet gehören und zu jedem Ort wollte ich der Freundin, die zum ersten Mal zu Besuch war, alles erzählen: „Schau mal, hier ist der Ort mit dem Schloss und den ehemaligen Straßenkindern und den tollen Seminaren.[…] Und hier an der Ecke bei den Enten wohnte diese faszinierende alte Frau mit den unglaublich blauen Augen, die ich vorletztes Jahr beigesetzt habe. [..] In dieser schnuckeligen Kirche hier feiern wir immer Reformationsgottesdienst! Da ist der Gemeinderaum und da gibt es dann fast immer Kuchen und Kaffee und diese leckeren Schmalzbrote von Frau Blume. […] Und hier war das mit dieser Taufe, wo das eine Kind nicht wollte und ich  dachte, ich müsste..“ Zwischen den Anekdoten fuhren wir an Wäldern, Seen und Feldern vorbei, die Straßen mal besser und mal schlechter und plötzlich sagte die Freundin staunend und nachdenklich: „Was du eigentlich für ein Leben führst! Das ist so ganz… Anders…“

Und da fiel mir plötzlich wieder auf, dass der Pfarrdienst auf dem Land für eine Anfang 30jährige eine vergleichsweise abgefahrene  Angelegenheit ist, nicht nur wenn man Eigentümerin eines ramponierten Ulfs ist. Ich könnte ja auch in einer richtigen Stadt leben, mich abends mit Menschen aus meiner Peergroup treffen und in Kneipen auf Retrosesseln Craft Beer trinken und dann angetüdelt und entspannt  mit den Öffentlichen in meine Altbauwohnung mit Stuck fahren. Stattdessen sitze ich mit meiner neuen Mitbewohnerin Franka auf der kleinen grünen Couch im pfarrhäuslichen Wohnzimmer, streiche ihr ab und an über den Kopf und trinke statt Bier Tee (Pfarrer*innen und Lehrer*innen sind angeblich besonders gefährdet, dem Alkohol zu verfallen, mit dem Alleine-Trinken fange ich deshalb besser gar nicht erst an).

Nach Weihnachten hat mich mein Bestatter zu sich und seiner Familie zum Reste-Essen und Biertrinken (rein gar nicht Craft, aber besser als nix) eingeladen und wir saßen auf riesigen Polstermöbeln vor einem noch riesigeren Flatscreen, auf dem nebenbei leise Traumschiff lief. Schlimmer wäre es nur mit dem Helene Fischer-Weihnachtsspecial gewesen, das ich gleich zweimal innerhalb von einer Woche in der Adventszeit bei Freunden mitgucken durfte (seufz). Mein Bestatter jedenfalls hat einen immens großen, schwarzen Hund der sich wahrscheinlich nicht mit meiner kleinen, rabenschwarzen Franka vertragen würde. Hier haben ja alle Hunde. Oder Kinder. Ich hingeben habe seit ein paar Wochen eine Katze.

Eine junge Kollegin, die mit Rahel und mir im Predigerseminar war, erzählte mir, sie und ihre Familie seien erst dann richtig in der Gemeinde angekommen, als sie sich Hühner angeschafft haben. Nun könne sie über ihr Federvieh smalltalken und peinliche Gesprächspausen bei z.B. Geburtstagsbesuchen seien passé. Sie ist damit in guter Gesellschaft:

Ein Pfarrer aus der Nähe, mit dem ich mich im letzten Jahr etwas  angefreundet habe, hält auch Hühner. Und Kaninchen. Und ein Pferd. Und Kartoffeln. Im Dezember war ich dort für ein paar Tage zu Besuch und just zu dieser Zeit schlachtete er diverse Hühner und einen Hahn, mit der Axt, im Hof, auf einem Holzbock. In der Küche lagen dann die gerupften Tiere kopflos auf der Arbeitsplatte und sahen seltsam dürr aus. Durchaus gewöhnungsbedürftig, aber ich finde wer Fleisch isst, kann auch ruhig wissen wo es herkommt und muss das dann auch aushalten können.  Ich guckte also scheu- interessiert zu, roch (igitt) und befühlte u.a. eine Hühnerniere. Jener Kollege geht auch gerne auf die Jagd, wobei er vor allem das Warten auf den Kanzeln und die Atmosphäre im Wald mag. Und die Geräusche der Natur. Mit ihm, seiner Frau  und dem hiesigen Förster  hörte ich letzten Herbst zum ersten Mal das Röhren der Hirsche zur Brunftzeit. Absolut irre! Es klingt mehr außerirdisch als natürlich. Ich stand da im dunklen Wald und begriff mit einem Mal, dass diese Natur und ihre Kreaturen ja auch in dieser Welt leben, ihren Raum für sich beanspruchen und einen ganz eigenen Alltag haben. Es kam mir vor, als hätte ich ein Paralleluniversum entdeckt, Gänsehaut! Auf dem Heimweg sah ich dann einen riesigen Hirsch auf der Straße (zum Glück auf der anderen Seite), der Ulf und mich seelenruhig  beim Vorüberfahren betrachtete. Klar, wer hier der Chef war.

In den großen Städten mit den Kiosken, die immer auf haben,  kann man diese glänzenden Magazine kaufen die „Landliebe“ oder so heißen. Scheinbar liege ich mit meinem Leben auf dem platten Land voll im Trend. Ich bin quasi Vorreiterin des Trendes. Ohne tatsächlich reiten zu können, aber mir fallen spontan mindestens drei Gemeindeglieder in meinem Wohnort ein, bei denen ich etwas dagegen unternehmen könnte. Pferdemädchen mit Anfang 3o? Alles ist möglich.

Viva la Reformation

Ein paar Entwürfe für Blogbeiträge schlummern schon seit längerer Zeit mehr oder weniger beachtet im hiesigen Archiv. Einer handelt vom Reformationsgottesdienst im letzten Jahr. Ich weiß noch gut, wie überrascht ich an diesem Tag war. Eigentlich war bis zu diesem Gottesdienst nämlich alles maximal blöd gelaufen, der Predigttext sagte mir beunruhigend wenig, Rahel konnte aus irgendeinem Grund nicht gegenlesen (oder ich war einfach zu spät fertig), das Wetter war hässlich grau  und ich hatte insgesamt überhaupt keine rechte Lust auf Reformationstag und Paulus und Luther.

Als ich dann zum ersten Mal im wehendem Talar vor der winzigen, kleinen Backsteinkirche in Dorf H stand und nach und nach die Gemeindeglieder eintrudeln sah, da hatte ich einen besonderen Moment. Es war, als hätte sich in mir irgendetwas zurechtgeruckelt und geöffnet, plötzlich war da etwas wärmer als vorher und ich dachte verwundert zufrieden: das hier ist meine Gemeinde und ich bin ihre Pfarrerin – so ist das jetzt und das ist gar nicht so schlimm. Darüber wollte ich schon letztes Jahr schreiben, denn das Gefühl war ein besonderes und denkwürdiges, aber dann passierte so viel so schnell und schwupp, wir hams 2016 und eröffnen das Lutherjahr, total crazy.

Als ich am Reformationstag in diesem Jahr in Dorf H ankomme und mit Ulf um die Ecke gurke, kann ich schon von Weitem sehen, dass irgendjemand sich kreativ mit dem Eingangsbereich der Kirchentür verausgabt hat. Große Windlichter auf weißem und fliederfarbenen Stoff, dazwischen kunstvoll drapierter Tüll. Ein Schmuck, wie man ihn sonst wohl  bei bei Hochzeiten in großen Städten findet, die Grenze zum Kitsch ist definitiv überschritten und ich in meinem Abschieds-Aufregungs-Gefühlstaumel bin tief, wirklich tief davon ergriffen (feuchte Augen).  Ich finde schnell die zwei Helferinnen („Die Sparkasse hat uns auch geholfen!“ „Äh, wie schön…“) , bedanke mich vor dem Gottesdienst, im Gottesdienst und nach dem Gottesdienst überschwänglich und bin insgesamt im Flow. In diesem Jahr kann ich die meisten Gemeindeglieder vor der Kirchentür sogar mit Namen begrüßen und bin darauf ein bisschen stolz, denn ich bin echt unfassbar schlecht mit Namen. Gesichter und Lebensgeschichten merken ok, aber Namen? Fatal.

Selbst vom Gottesdienst bin ich später angetan, obwohl es im Vorfeld  wieder kompliziert mit Luther und Paulus und mir war. Die unsäglichen Bläser blasen in der winzigen Kirche erstaunlich erträglich und nur selten schief und beim Agapemahl wird doch tatsächlich GELACHT, was könnte ich mehr wollen? Man findet es  scheinbar schön, das Fladenbrot gegenseitig zu teilen und die Weintrauben mit Segensworten herumzureichen und ich bin selig. So hatte ich mir das immer gewünscht, wow. Abendmahl feiern kann in vielerlei Hinsicht eine so deprimierende Angelegenheit sein, dabei ist es doch eigentlich etwas Wunderbares (Liebe! Gemeinschaft!…) was wir da feiern und man könnte doch wenigstens dabei lächeln, statt nur so betreten auf den Boden zu gucken (die Story hat schließlich ein fulminantes Happy End).  Aber am Reformationstag in Dorf H ist, wie gesagt, alles cool und man ist mit Freude dabei.

Nach dem Gottesdienst gibt es  Kaffee und Kuchen (keine Schnittchen, ich bin etwas traurig und kaue lange an zwei Stücken Napfkuchen). Jemand hat Luther-Luftballons in die Ecke gestellt und  verteilt Luther-Bonbons, Begeisterung auf allen Seiten. Ich muss tatsächlich auch darüber lachen, verrückt, aber das finde ich heute auch gar nicht so schlimm. So ist es dann wohl. Das hier ist meine Gemeinde und ich bin ihre Pfarrerin.

Die Stühle an der Tafel reichen nicht, weil mehr gekommen und geblieben sind als erwartet. Wir sitzen lange zusammen und erzählen. Als ich viel später als gedacht endlich mit Ulf aufbreche, sehe ich draussen noch quatschende Leute in Grüppchen zusammenstehen. Die können sich wohl auch nicht gut trennen, denke ich und gehe langsam und bewegt weiter.

Trauerarbeit im dritten Examen

Seit zwei Wochen befinde ich mich im dritten Examen. Ruth hat unlängst diesen Begriff erfunden und ich übernehme ihn dankend (danke, Ruth). Auf das dritte Examen hat einen niemand vorbereitet und es ist das Schwerste.

„Aufgrund meiner privaten Situation – Sie wissen ja, dass mein Partner in XX wohnt und dort auch arbeitet – habe ich mich dazu entschieden, mich ab sofort auf andere Stellen zu bewerben. Diese Entscheidung fällt mir nicht leicht, ich habe mich hier immer sehr wohl gefühlt, doch ohne meinen Partner ist diese Stelle für mich keine längerfristige..“ Während die Worte noch stockend meinen Mund verlassen kann ich beobachten, wie sie  bei den Männern und Frauen im Presbyterium durch die Ohren, in den Kopf nach unten Richtung Herz sacken. Es dauert einen Moment – jemand atmet hörbar tief ein, dann folgt Stille.

Ich hatte Angst vor diesem Moment und das völlig zu Recht. Der Gemeinde zu verkünden, dass man vorhat zu gehen, ist wie Schlussmachen. Es liegt an mir, nicht an euch. Wir können Freunde bleiben, ich würde gerne Freunde bleiben. Wenn wenigstens die Wahrscheinlichkeit hoch wäre, dass sich jemand auf diese Stelle bewerben wird – aber nein, es zieht die meisten in die größeren und großen Städte und ich bin nun auch eine von denen, die weggeht. Crap. Ich habe für die Stellenanzeige  ein werbewirksames Anschreiben verfasst und die Vorzüge der Gemeinde versucht darzustellen, mit sonnigen Fotos der sanierten Kirchen und vom Gemeindefest im Pfarrgarten unter dem Apfelbaum mit der gestreiften Picknickdecke. Ich bin auch traurig.

Vorhin habe ich ein paar der alten Blogeinträge gelesen und realisiert: so entspannt wird es ab sofort nicht mehr. Ich versuche der Kerngemeinde persönlich zu sagen, dass ich nicht bleiben werde. Die Reaktionen auszuhalten ist von nun an Teil meiner Arbeit – Trauerarbeit. „Aber wir haben noch gar nicht all unseren Bekannten von Ihnen und Ihrer tollen Arbeit erzählt – die haben Sie noch gar nicht kennengelernt! Und jetzt gehen Sie schon wieder? Ach..“ „Aber wer bestattet uns denn jetzt?“ „Wir verstehen Ihre Gründe, aber es ist sehr schade.“ „Wenn es wenigstens nicht so schön mit Ihnen gewesen wäre, dann wäre es jetzt leichter. Aber es hat doch so gut gepasst!“ „Sie haben mich gerade sehr, sehr traurig gemacht, Frau Hitchschmock.“

In der Nacht nach der Presbyteriumssitzung habe ich kaum geschlafen. Das ist bemerkenswert, schließlich habe ich nach der Sitzung mit Tina aus dem Presbyterium den Rest Whiskey von der letzten Gartenparty geleert. Sie hat geraucht, ich habe getrunken und wollte auch rauchen (hab ich aber nicht). Tina war richtig geschockt und brauchte eine Weile, um sich zu sortieren. Trotzdem fand sie so liebevolle Worte für meine Zeit in der Gemeinde (setzt die Verklärung einer Pfarrperson so schnell ein?) , dass ich feuchte Augen bekam. Tina ist die Frau meines Bestatters: „Armin kannst du das aber schön selber sagen, ich mach das sicherlich nicht.“

Der nächste Morgen war unangenehm, nicht nur wegen des Katers und des Schlafmangels.   Im Büro erfuhr ich von unserer Sekretärin, dass Herr A. (auch Teil des Presbyteriums) in der Nacht überhaupt nicht geschlafen hatte und nun alles hinschmeißen möchte, es flossen sogar Tränen. Herr A. und ich waren nie richtig befreundet, aber zwischen uns herrschte eine unausgesprochene, tiefe Grundsympathie. Seit der Sitzung vor zwei Wochen habe ich ihn nicht mehr gesehen, es fällt auf, wenn er in den Gottesdiensten fehlt. Kommt er jetzt nie wieder?  Vielleicht zieht er sich nun zurück und vielleicht ist das jetzt gut für ihn. Auch das muss ich aushalten, wider dem Reflex es irgendwie wieder gutmachen zu wollen. Ich gehe ja doch. Auch deswegen war ich dankbar, in der letzten Woche zu einer Fortbildung fahren zu können und der ganzen Trauer für ein paar Tage zu entfliehen. Der Trauer der anderen, aber auch meiner eigenen.

Heute Abend fahre ich zurück in die Gemeinde und den Soundtrack werden „Torpus & The Art directors“  bilden. Als Ulf und ich noch ganz frisch zusammen unterwegs waren, konnte ich erst gar keine Musik hören, weil ich so unfassbar nervös war. Die erste CD, die ich beim Autofahren überhaupt ertragen konnte, war „From Lost Home to Hope“ von Torpus. In meinen ersten Wochen im Dienst in der Gemeinde  habe ich ausschließlich diese Musik im Auto gehört. Nun singt es seit 14 Tagen in mir immer mal wieder „Sad, sad, sad,  oh sad..“, ein Torpus-Song, nur welcher?  Eben fragte ich den Liebsten (der kann sich so Sachen besser merken) und seine Antwort war: „The Leaving“. Das erste Lied auf dem Album.