Nach der Predigt

Sonntag, 06. Oktober 2019 gegen 11 Uhr:

Eine kleine Gruppe findet sich zum Kaffee nach dem Gottesdienst zusammen. Dabei sind Mitglieder des Presbyteriums und Partnerinnen, zwei Seniorinnen und ein Pfarrehepaar (im Ruhestand). Wir wärmen uns auf und reden über die nächsten Konzerte und Gemeindeveranstaltungen. Ich bin seit einer Woche ziemlich erkältet und froh, dass ich während des Dienstes meine Stimme nicht verloren habe und freue mich auf eine warme Suppe zuhause. Unvermittelt geht es los.

Einer: Also,um nochmal auf deine Predigt zurück zu kommen, wegen Greta Thunberg. Ich finde es völlig übertrieben, wie sie dargestellt wird. So als Heilige Schwedens! Das ist doch total überzogen.

Eine: Sie hat doch auch dieses Buch geschrieben mit dem Titel „Ich will, dass ihr Panik habt.“

Eine: Wer kann schon sagen, ob nicht ihre Eltern eigentlich dahinter stecken?

Eine: Hat sie nicht auch diese Krankheit? Diese Form von Autismus“

Ich: Sie hat Asperger und geht damit auch offen um. Aber lieber „Einer“, dir ist schon aufgefallen, dass ich sie nicht als Heilige bezeichnet habe, oder? Mr ging es in der Predigt um etwas anderes.

Er: Mich stört einfach, dass sie so allgemeine Aussagen macht und solche Vorwürfe in den Raum stellt. Sie hat doch gar kein politisches Konzept.

Ich: Sie ist 16. Und sollten nicht eher wir gemeinsam mit der Politik so ein Konzept erarbeiten? Das kann doch nicht die Aufgabe der Kinder sein!

Eine zischt: Ich hasse dieses Mädchen, sie ist einfach völlig unmöglich (verschwindet dann in der Küche um Abzuwaschen).

Eine: Und der Klimawandel, wer weiß, ob der nicht sowieso gekommen wäre, nur vielleicht nicht so schnell?

Einer: Liebe Eine, dass der Klimewandel menschenverschuldet ist, ist ja wohl eine Tatsache. Aber wir brauchen ein politisches Konzept um etwas tun zu können.

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Etwas später auf dem Heimweg. Das Pfarrehepaar und ich reden noch einmal über den Gottesdienst, die Gesprächsrunde und meine Predigt. Ich bin mitgenommen und durchgerüttelt von den Reaktionen. In der Gemeinde gibt es auch Menschen, die ganz anders denken, doch die waren heute nicht da.

Ich: Mich erschrecken solche Reaktionen wie eben gerade. Puh.

Er: Aber es ist doch gut, wenn du so sprichst und predigst. Du willst ja gerade diese Leute erreichen.

Ich: Es ist schon ein deutliches Anecken. Warum haben die sich an dem Greta-Thema so aufgezogen? Darum ging es doch gar nicht vordergründig.

Sie: Wolltest du nicht sagen, dass wir uns für die Kinder für die Zukunft einsetzen müssen?

Ich: Ja genau.

Sie: Es geht um Verantwortung und Teilen. Du meintest ja auch, Greta hat etwas Prophetisches an sich. Ich habe darüber nachgedacht und glaube, das stimmt auch. Prophetinnn und Propheten im Alten Testament haben ja auch laut gesprochen und Aufmerksamkeit bekommen und haben Anstoß erregt.

Er: Irgendwas war heute auch anders mit deiner Predigt als sonst. Sonst kann ich dir so gut folgen, es ist bilderreich. Aber den Mittelteil habe ich überhaupt nicht richtig wahrgenommen. Und am Ende war es dann für mich auch kurz. Hast du es vielleicht zu stark durchdacht?

Ich (zunehmend bedrückt): Hm, ich hatte ein ganz anderes Gefühl beim Schreiben…

Sie: Aber die Lieder waren sehr schön! Und sie haben gut gepasst zur Predigt und dem Thema des Gottesdienstes.

Momente für die Ewigkeit III

Samstagabend letzte Woche, gegen 22 Uhr. Vor einer Stunde bin ich heimgekommen von einem Familiengeburtstag. Zum ersten Mal bin ich nicht mit Ulf, sondern mit einem geliehenem Auto (sehr neu, sehr sauber, sehr nicht-Ulf) unterwegs gewesen, was aufregend war. Dass man Autos über Fotos mit dem Smartphone öffnen und wieder abschließen kann, erscheint mir irgendwie übersinnlich.

Samstage sind, wenn ich sonntags Dienst hab, stets von einer gewissen Unruhe durchzogen. Predigt und Liturgie sind dann zwar meistens grob fertig, aber oft fehlen noch Fürbitten und einzelne Gebete. Außerdem lese ich mir alles noch einmal durch und schraube hier und da noch an ein paar Formulierungen. Das braucht dann noch ein bisschen Zeit und Mühe, dann kann ich alles ausdrucken und in mein schwarzes Mäppchen heften.

Vorgestern war ich mit zwei Freundinnen unterwegs die sich für einen kurzen Moment darüber unterhielten, dass sie ihre Drucker eigentlich nie mehr benutzten. Höchstens für Bahnreisen oder mal ein Konzertticket. Ich hingegen brauche meinen Drucker ständig, all die Ansprachen und Andachten und was nicht alles. Nach dem Umzug musste ich ein neues Exemplar kaufen, das zwar schick weiß, aber irgendwie etwas eigensinnig ist. Ständig piepst und ruckelt was oder es behauptet, es könne kein amerikanisches Papierformat. Autos können Technik offensichtlich besser als Drucker.

An einem typischen Samstagabend habe ich außerdem immer die klamme Befürchtung, dass ich ein Gedenken vergessen könnte und dann eine Trauerfamilie erwartungsvoll und mitgenommen in den Bänken sitzt, und ich die verstorbene Person vergesse abzukündigen. Nicht schön. Also schau ich lieber doppelt durch meine Unterlagen (Name richtig? Geburts – und Sterbedatum korrekt? Was war noch mal der Bibelspruch?) und erst dann bin ich beruhigt. In der neuen Gemeinde gibt es zudem immer eine Lektorin oder einen Lektor (Luxus!). Seit der Perikopenrevision herrscht etwas Verwirrung über Abläufe der Lesungen, also drucke ich zur Sicherheit die Texte für die Lesenden noch einmal aus, damit alle orientiert sind. Dann schreibe ich noch die Lieder auf einen Zettel (wobei ich mich fast am Meisten konzentrieren muss, denn meine Handschrift neigt zum Chaos), damit jemand am nächsten Morgen vor dem Gottesdienst die Liednummern an die Liedertafeln stecken kann.

Letzte Woche ich also: müde und erschöpft von den Autofahrten endlich am Schreibtisch. Ich drucke Liturgie aus (inklusive richtiger Daten der verstorbenen Frau H. und mit eben noch formulierten Gebeten), drucke Predigt aus, Blätter fliegen mit hohem Schwung durch das Arbeitszimmer (Halterung am neuen Drucker vergessen auszuklappen, mööp), ich hefte alles ein. Die Katze tapst erwartungsfroh über den Schreibtisch, nagt am Bildschirm (Chrrr!Chrrr) und verteilt großzügig Katzenhaare. Dann die Lesungen für die Lektorin , die kommt in den großen, roten Papphefter (den ich seit 15 Jahren, den Tag meiner Immatrikulation an der Uni, eigentlich den Eltern einer Freundin zurückgeben wollte) zu dem Zettel mit den Liedern, dann falle ich ins Bett mit dem guten Gefühl, an alles gedacht zu haben.

Sonntagmorgen, gegen halb elf. Ich stehe am Pult und blicke in den vollen Gemeindesaal. Hinten sitzt die Trauerfamilie von Frau H., einige aus dem Presbyterium sind da, gleich drei Pfarrer im Ruhestand, teilweise mit Ehefrauen, insgesamt um die 40 Leute (riesen Luxus!!). Der Organist, der heute Klavier spielt, setzt sich auf meinen freigewordenen Stuhl, es kann losgehen mit der Predigt.

Ich lese ab, aber gucke dazwischen immer mal wieder hoch, lasse Pausen. Der Einstieg um die Kitakinder und um Dankbarkeit macht Spaß. Bei meinem Vorschlag, statt shitstorms lovestorms in die Welt zu setzen wird zustimmend gelacht. Der Übergang zum Predigttext ( der Anfang des ersten Korintherbriefes) läuft, Verlesung des Textes auch, ich blättere um und vor mir sehe ich: den Schlussteil der Predigt. Aber der ist jetzt noch gar nicht dran. Ich blättere nach vorne und nach hinten, aber, der zweiseitige Hauptteil um Paulus fehlt. Und der war so schön! Wah! Ich blicke in die Gemeinde (ernste Gesichter) und versuche ein paar Sekunden lang, einfach weiterzureden (the show must go on), aber ich hab total den Faden verloren und ich vermute, man sieht mir meine Verwirrung auch an und manche gucken etwas besorgt und was ich sage, ergibt zudem leider auch nicht viel Sinn. Da hilft nur Ehrlichkeit:

Ja, liebe Gemeinde. Wie es aussieht, fehlt mir heute ein Teil meiner Predigt. Das ist jetzt etwas…Hmmm, ok, geben Sie mir einen Moment, ich krieg meine Gedanken hoffentlich noch zusammen. Es folgen einige, äußerst angespannte Momente der Stille. Ich versuche mich mit aller Kraft zu erinnern (wenn ich wenigstens Stichpunkte hätte! Und warum hab ich mir vorher nicht nochmal alles durchgelesen?! Crap!), dann fällt mein eigener Bogen wieder ein (ha!). Gnade im Griechischen, die Bedeutungen von Charis, dann zum bekannten Bild vom Leib mit den vielen Gliedern über die Gemeindegespräche zur Jahreslosung (innerer Frieden wirkt äußeren Frieden, auch über Dankbarkeit) und den Schlussteil hab ich dann ja wieder in Schriftform.

Während ich aus Versehen frei predige (was ich, mit guter Vorbereitung – wenigstens Stichpunkte!-, durchaus auch gerne öfter machen würde), gestikuliere ich, um meine Gedanken verständlicher zu machen. Die Gemeinde folgt mit den Augen meinen Bewegungen, ein Pfarrer nickt nachdenklich, mit zusammen gekniffenen Augen. Ich glaube, alle in diesem Raum geben sich gerade richtig viel Mühe. Und mir ist unheimlich heiß. Ich freue mich über jeden klaren Gedanken, den ich fassen kann und der mit der Predigt und ihrer Aussage zu tun hat. Im Schlussteil angekommen, entspanne ich mich etwas, aber es ist auch plötzlich komisch, den Blick ins Mäppchen zu senken und nicht mehr in die Gesichter der Gemeinde schauen zu können. Das ist ein neues Gefühl.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen. Erleichterung rollt durch den Raum wie eine kleine Lawine, jemand vorne links beginnt zu klatschen. Ich muss lachen und gleichzeitig den Kopf schütteln, über meine eigene Schusseligkeit, aus Verlegenheit und aus Glück (Gott sei Dank!), dass es jetzt doch noch irgendwie geklappt hat. Das war Gnade in Reinform, puh. Die Gemeinde freut sich mit mir und auch das tut gut. Per Mail schreibt jemand einen Tag später: Vielleicht ist es sogar gut, wenn Sie ab und an Ihr Manuskript zuhause lassen?

Als ich nach dem Gottesdienst erschöpft, aber zufrieden nach Hause komme und meine Sachen ins Arbeitszimmer bringe, entdecke ich auf dem Fußboden vor einem Regal die fehlenden Seiten. Die sind aber weit geweht worden, da habe ich beim Aufsammeln gestern gar nicht hingeschaut! Ich überfliege meinen Text und stelle beruhigt und nochmal anders erleichtert fest, dass ich das Meiste tatsächlich gesagt hab. Was für eine Aufregung! Jeden Sonntag würde ich das nicht aushalten, aber wer weiß, vielleicht wirklich ab und an?

Advent 2018

Impressionen aus der Adventszeit:

Letzte Woche:

In der Kirche findet ein großes Abendprogramm der Grundschule statt. Kinder huschen vor Beginn der Aufführung nervös und in illustren Kostümen durch das Gemeindehaus. Ich bin in der Küche und sortiere Gewürze in Schälchen (für eine Abendandacht ) und sehe kleine Artistinnen mit silbernen Leggins, eine Prinzessin in mintgrün und mit Diadem und einen Jungen, dem ich (ganz die Pastorin) auf Grund seiner Fellweste sofort einen biblischen Bezug andichte. „Na, spielst du heute Abend etwa einen Hirten?“ „Nö, ich bin ein Löwe!“ In den ersten 20 Minuten der Aufführung kann ich dabei sein und staune über einen vergnügten Kinderchor und die freundlichen Lehrer*innen. Bei einem lässig-groovigen Stück singen und rappen die Kinder über den Weihnachtsmann, der die Geschenke bringt. Es klingt gut und macht Spaß, auch ich wippe mit und muss Lächeln. Und dann plötzlich piekst mich die Frage: warum singen und rappen die vom bekloppten Weihnachtsmann und nicht über Weihnachten und Wunder und Bethlehem? Warum Löwe und nicht Hirte?

Gerüchteküche:

Ich erwähnte in diesem Blog schon an anderer Stelle, dass die Stadt dem Land nicht in allem voraus ist. Hier bin ich tatsächlich die erste (von der Gemeinde gewählte) Frau auf der Pfarrstelle. Mich irritiert, dass es sowas im Jahre 2018 überhaupt noch gibt. Und die Gemeinde ist (in Teilen) tatsächlich irritiert von mir. Nicht nur, das manche mich für ein „junges Mädchen“ halten (ich bin 34, und sehe nach fast vier Jahren im Dienst auch wirklich so aus). Neuerdings spricht und wundert man sich angeblich darüber, dass ich Mitglieder des Presbyteriums zur Begrüßung umarme. Mein Vorgänger hat das auch gemacht, aber da war das ok. Bei mir scheint das anders zu sein. Natürlich könnte sich die Gemeinde auch einfach darüber freuen, dass die Leitung sich gut versteht und sich gerne sieht. Aber man kann sich eben auch darüber wundern, dass die Pfarrerin – OMG!- ein freundliches Wesen hat. Als würden sich Herzlichkeit und Professionalität ausschließen! Und dann ist sie auch noch jung und attraktiv und unverheiratet, da muss doch irgendwas komisch sein! So viel Engstirnigkeit hätte ich hier nicht erwartet. Vergleichsweise ist das ein harmloses Gerede (man hat immer irgendwelche absurden Gerüchte), aber das Frauenbild dahinter finde ich richtig fies.

Gottesdienst

Am 3. Advent haben die Konfis den Gottesdienst mitgefeiert. Also mit Menschen am Eingang begrüßen und Liederbücher verteilen, Glocken läuten, Kollekte einsammeln, Fürbitten lesen und Lied singen. Einiges an Gewusel und Orga (Habt ihr eure Zettel? Geht ihr beide läuten? Könnt ihr das Keyboard kurz runterräumen? Macht ihr bitte die Liednummern an die Tafeln? Habt ihr alle Liederbücher?) und Aufregung für mich (Kriegen die den Turm wieder abgeschlossen? Wird C. das Wort „destruktiv“ in ihrer Fürbitte lesen können? [konnte sie nachher nicht] Frieren die nicht ohne ihre Jacken? Wer tuschelt denn da hinten?), aber auch Herzerwärmendes.

Am Tag davor waren wir in einem Seniorenheim und haben da ein paar Lieder und Gedichte zum Besten gegeben. Dort haben die Jungs und Mädels und ich u.a. die Erfahrung gemacht, dass es auch unhöfliche Exemplare innerhalb der älteren Generation gibt, selbst wenn man für die extra und einfach aus Nettigkeit ein tolles Programm aufführt. Eine Dame wollte permanent aufstehen und gehen und wurde von ihrer Sitznachbarin jedes Mal aufgehalten (Bleibst du sitzen! Das macht man nicht! Das ist unhöflich!), eine andere pöbelte bei einem Klavierstück von hinten gut hörbar Ist das öde, kann das Lied mal aufhören? Ich bewundere die Jugendlichen dafür, dass sie den Besuch hinterher trotzdem toll fanden und unbedingt mehr Auftritte dieser Art machen wollten. So kam es, dass die Konfis im Gottesdienst am letzten Sonntag noch einmal den letzten Song (den Hit!) vom Auftritt im Seniorenheim sangen. Last Christmas.

Ein Mädchen aus der Gruppe konnte das auf Gitarre begleiten, dazu eine am Klavier und zwei mit Rasseln – fast waren sie eine kleine Band und ich war davon natürlich maximal gerührt. Beim Refrain sollte die Gemeinde mitsingen. Ich bin davon ausgegangen, dass jede*r dieses Lied kennt. Wie könnte dem auch nicht so sein? Seit Spätsommer kommt man schließlich nicht mehr drum herum und das seit 1984. Beim Singen warf ich einen Blick in die Gemeinde, Einige wippten und sangen amüsiert mit. Aber manche blickten auch etwas hilflos herum, weil sie den Text nicht kannten. Vereinzelt kannte man das Lied überhaupt nicht (mir war nicht klar, dass das möglich ist), eine Konfirmandin übte nach dem Gottesdienst mit ihrem Vater Melodie und Text: Last Christmas, I gave you my heart, but the very next day.. Dass dieser eigentlich unerträgliche Ohrwurm mir noch einmal so viel Vergnügen bereiten würde, hätte ich auch nicht für möglich gehalten. Nun ja, Weihnachten nähert sich unaufhaltsam :).

Wie man sieht (wenn man eben hinsieht):

Eine gesegnete Adventszeit euch allen! ❤

trial and error

Ich bin schon lange der Meinung, dass alle Menschen im Pfarrdienst (sicherlich auch in anderen Berufsgruppen) selbstverständlich und zu jeder Zeit Entspannungsmassagen verdient hätten. Für so einen personal Physiotherapeuten oder eine Therapeutin wäre ich eine sichere Einkommensquelle und zudem eine berufliche Herausforderung. Schließlich sitze ich die ganze Zeit nur rum: am Schreibtisch, wenn ich mit Ulf unterwegs bin (der mit der Zeit leider sehr unbequem wird), bei Kasualgesprächen auf irgendwelchen Küchenstühlen, Sofas und Sesseln und natürlich bei den obligatorischen Stuhlkreisrunden in Konventen und Gesprächsrunden. Nur in Gottesdiensten stehe ich ab und an auf. Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, dass ich hinterher immer so unendlich müde bin? Dazu kommt, dass ich für gewöhnlich ein wirklich ganz träger Haufen bin (ach, Gisbert) und Sport nur im äußersten Notfall (nach Stunden keine Predigtidee oder abgründig schlechte Laune, die bald in Menschenhasserstimmung umschlagen könnte) mache. Ergebnis: null Sportlichkeit und gerne Rücken. Vor allem natürlich, wenn in der Gemeinde und bei mir viel los ist. Gerade ist viel los und da ich immer noch keinen personal Massagemenschen habe (was ich fatal finde!) musste ich mir jemanden suchen. Die Idee war gut, meine Wahl ungünstig, das Experiment darf als gescheitert betrachtet werden.

Erste Erkenntnis: keine Physiotherapeuten im Gemeindegebiet aufsuchen.

Der Behandelnde wurde mir von unserer Sekretärin empfohlen. Sie meinte schon, er sei speziell, wie auch seine Praxis, aber man bekomme schnell Termine. Die erste Frage des Physiotherapeuten an mich lautete dann auch: Geht es Ihnen gut bei uns? Werden Sie hier bleiben? Zu der Zeit lag ich schon halbnackt auf einem steinharten Frotteetuch auf der Liege und erwartete eigentlich die ultimative Entspannung. Ich brummelte so uneindeutig vor mich hin, wie es mir möglich war. Dann erzählte der Therapeut von Dorf G und meiner letzten Beisetzung dort (hatte ich schon wieder vergessen) und was die Leute über mich reden. Dann erklärte er mir seinen ganzheitlichen Ansatz: reden hilft. Wir müssen dahin kommen, wo die Verspannung herkommt. Das war der Moment, in dem ich hätte gehen sollen. Bin ich aber nicht. Die Massage hatte noch gar nicht richtig angefangen.

Zweite Erkenntnis: als Pfarrerin ist man (auf Gemeindegebiet) niemals nicht die Pfarrerin.

Wenn nicht ich irgendetwas Belangloses erzählte (auch darüber muss man ja nachdenken), sprach er, Reden hilft wohl in beide Richtungen. Und schwupp, war ich nicht etwa Einkommensquelle oder Patientin mit Mitleids-erregender Rückenmuskulatur, nein ich war die Seelsorgerin (crap) und für den Moment diesem Menschen und seiner Lebensgeschichte ausgeliefert. Ehe, Kinder, Erfahrungen mit der Kirche, mit dem Islam, mit dem Ort, mit den Leuten, Pfarrern aus der Nähe. Als er den linken Fuß massierte, kam er auf eine Predigt von mir zu sprechen, in der ich behauptet hatte, dass Gott auch weibliche Züge trägt und ein rein männliches Reden von Gott eine Engführung sei. Ganz schwierig, hat mich lange beschäftigt. Ganz schwierig, fand ich gar nicht gut sagt er, und knetete meinen Fuß nachdrücklich. Vielleicht gibt es Exemplare unter Theologinnen und Theologen, die an solcherlei Diskussionen immer ihre Freude haben, ich bin da anders. Statt lässig professionell zu reagieren und ihm irgendwie den Wind aus den Segeln zu nehmen, sah ich mich gezwungen auszuholen (Gott, die Schöpferkraft..die Quelle…Vater und Mutter..)  und zu erklären (kein Bildnis… ), schließlich sogar zu diskutieren (Gott ist anders!), aber alles sehr widerwillig und ohne nennenswerte Reaktion des Therapeuten. Am Ende der Massage war auch ich mit meinem Latein am Ende und ging verstimmt nach Hause.

Dritte Erkenntnis: aus manchen Nummern kommt man nur schwer wieder raus.

Wie verklickert man dem ortsbekannten Physiotherapeuten, dass man nicht mehr zu ihm will, ohne ihm vor den Kopf zu stoßen? Mir war ja schon aufgefallen, dass er gerne viel erzählt. Was, wenn er zukünftig in seine Anekdoten auch ein bisschen Pfarrerin-gossip untermischen würde?  Haben Physiotherapeuten eigentlich auch Schweigepflicht? Ich rätselte und rätselte und kam zu keiner rechten Lösung, dafür zu wenig Schlaf.

Letzten Sonntag tauchte er dann tatsächlich in Begleitung seiner Frau im Gottesdienst auf. Danke, Chef, dachte ich bei mir und schnappte ihn mir am Ausgang und erklärte, warum ich nicht mehr zu ihm wolle (Rollenkonflikt, die Methode etc.). Auf einmal bot er mir doch Massagen in Stille an, was ich dankend ablehnte (doch was gelernt!). Wir verabschiedeten uns freundlich, ich war sehr erleichtert und dann fiel ihm doch noch was ein und er hob den Zeigefinger, während er sprach:  Aber wir haben doch auch Lieder gesungen, wo wir vom „Herren“ gesungen haben. Ich habe genau darauf geachtet, hatte ich also doch Recht!  Ich seufzte und mir entwich ein Ja,ja  während ich zur Tür  entschwand, um die Sachen für den nächsten Gottesdienst zu packen.

Januar 2018

Dieser Jahresanfang ist turbulenter als erwartet. Ich frage mich, warum ich im vierten Jahr meines Probedienstes immer noch die irrige Vorstellung hatte, der Januar sei nach Weihnachten und Silvester vergleichsweise entspannt. Wenn man sich nicht rechtzeitig und für mindestens zwei Wochen an die Südsee oder so verkrümelt, ist man dem neuen Jahr mit aller Matschigkeit, die vom Ende des letzten Jahres noch an einem klebt, hilflos ausgeliefert. Erfreulicherweise bringt 2018 bisher noch mehr als Baubesprechungen, Gesprächsrunden und Haushaltsplanung:

Letztens ging es für mich zum zweiten Mal auf überregionale Konfifreizeit und ich muss sagen, es war wirklich vergnüglich. Schon auch mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden, besonders aber mit dem anderen Mitarbeitenden. Ich fühle mich mittlerweile so gut im Pfarrkonvent aufgehoben, dass ich mich auf sämtliche Treffen freue (auch auf Konventsfahrten!), selbst wenn es nur kurz spätabends nach einem Wahnsinnskonfifreizeittag auf ein Feierabendgetränk ist. Es waren jüngere (Teamer) wie ältere Leute (Jugendmitarbeiter) dabei, mit denen ich im Herbst letzten Jahres im fernen Süden unterwegs war. Das Wiedersehen war freudig („Saaaaaraa!Du bist hiiiieer!“), ein Nachtreffen in meinen Gefilden wurde verabredet und ich plane schon, wie ich die Meute satt bekomme. Komme ich auf das Angebot von Flos Vater zurück, der mir noch ein Reh überlassen wollte und passt ein Reh in meinen Ofen? Oder kann man das über einem Lagerfeuer braten? Wer macht das Feuer? Oder frage ich den Kollegen, der selbst Jäger ist und dessen Gefriertruhe immer übervoll ist mit Wildschwein, Hühnern und Co.?  Oder gibt es einfach Chili und das dann vegetarisch und in Massen? Auch die Gemeinde wird etwas von diesem Besuch haben. Die Truppe kommt dann am Sonntag mit in die Gottesdienste und wird irgendwas beitragen. Ich schätze, was mit Springen, Jubeln und jugendlichem Überschwung. Schätze auch, dass das einen amüsanten Kulturschock auf beiden Seiten verursachen wird.

Ebenfalls in diesem Monat war ich undercover zu Besuch in einer Gemeinde anderswo, in der in diesem Jahr eine Pfarrstelle frei werden wird. Die Glocken läuteten zum Gottesdienst, die helle Kirche war bestuhlt und ausreichend warm geheizt (wie ungewohnt!) . Die Gemeinde sang auf Englisch (wow!), da ein Gastprediger aus dem mittleren Osten (auch ziemlich cool) anwesend war. Und die Kirche war voll! Und die Stimmung gut! Und hinterher gab es einen Brunch im Gemeindehaus nebenan (ohne Mettbrötchen, dafür gab es geschnippeltes Gemüse und Käsebrote). Und obwohl mir eine Frau um die 40 sehr überzeugt und beseelt von Jesus und ihrem Glauben erzählte und der ältere Herr neben mir in aller seiner Konservativität überaus freundlich war, konnte ich mich für diesen Ort nicht recht erwärmen. Für mich war es das erste Mal, dass ich eine potentielle, neue Gemeinde angeschaut habe und welch Überraschung, ich habe ordentlich gefremdelt. Ich hatte gehofft, dass ich dort ein eindeutiges Gefühl bekommen würde, das mir dann sagt: Ja, genau, das ist es, hier gehörst du hin. So Liebe-auf- den- ersten- Blick-mäßig. Andererseits habe ich damals, nachdem ich  zum ersten Mal durch meinen jetziges Wohnörtchen gefahren bin, auch erstmal heftig geheult. Ach, es ist kompliziert.

Die letzten Tage waren hier nahezu frühlingshaft und prompt steigt die Zahl der Beisetzungen an. Zum Auftakt  hatte ich heute bereits zweifach das Vergnügen (und bin entsprechend platt). Allerdings war ich schon vor der ersten Trauerfeier so zerstreut, dass ich den einen Sargträger gleich zweimal begrüßt habe. Ähh, ja. Die Bestattungsunternehmen aus der Ecke hier kennen mich mittlerweile und wissen, dass ich mich über ein Lesepult in der Trauerhalle freue. Es ist viel angenehmer, wenn man das Mäppchen ablegen und seine Hände auch mal abstützen kann. Heute hat das Unternehmen auch dran gedacht und ich habe mich auch gefreut, bis das schwere Holzpult mit einem lauten Rumms während der ersten Minute nach unten stürzte, zusammen mit dem Mäppchen und der würdevoll-ruhigen Atmosphäre. Manche Freude währt außerordentlich kurz.

Knut Tafel war heute auch dabei und hat an den Tasten wieder alles gegeben. Wir sehen uns gerade seltener als sonst, aber aus eigentlich schönen Gründen: es gibt einen neuen Kollegen in der Region (eine Vakanz weniger, juhuh!), der seine Gottesdienste etwas mehr im Voraus plant als ich und so ist Knut meistens schon verplant, wenn ich ihn zu Gottesdiensten anfrage. Auf Friedhöfen laufen wir uns aber weiterhin über den Weg, so wie eben heute.

Das ganze Dorf ist zur Trauerfeier gekommen, der Verstorbene war bekannt und beliebt. Entsprechend lange dauern die Erdwürfe am Grab. Obwohl ich in der wärmenden Sonne stehe, zittern meine Beine leicht, von unten kriecht doch noch etwas Winterwetter an mir hoch. Während Knut ein paar Meter weiter Trauerlieder auf dem Keyboard spielt, blicke ich mal ins Grab, mal nach rechts zur Trauerfamilie und dann nach links zu der Menschentraube, auf deren Erdwürfe ich noch warten muss. Mindestens noch 20 Minuten, schätze ich.

Ein alter Mann im beigen Mantel fällt mir auf, der nach dem Erdwurf leicht schwankend auf die Trauerfamilie zugeht. Gehört er dazu? Ist er verwirrt? Kurz bevor er bei der Witwe ankommt, hebt er seine Sonnenbrille und schaut auf einen Grabstein zu seiner Rechten und seufzt laut auf, um dann der Witwe um den Hals zu fallen. Ich hoffe inständig, dass er das darf. Knut spielt derweil Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer und ich denke den Text mit und versinke in eigene Gedanken, wie Wind und Weite und wie ein Zuhaus. Der Mann in beige taucht plötzlich ein paar Meter rechts von mir vor einem anderen Grabstein auf, nimmt wieder die Sonnenbrille ab und stößt nun, für alle gut hörbar ein „Ohhh je!“ aus. Ich frage mich, ob sich nicht vielleicht jemand um ihn kümmern sollte. War da nicht so ein junger Mann, mit dem er gekommen ist – wo ist der denn abgeblieben?

Suchend blicke ich mich um, von Knut erklingt derweil der Anfang von Von guten Mächten,  die alte Melodie, die heute nicht mehr so oft gesungen wird. Ich blicke nun auf den Sarg mit den roten und weißen Rosen, der immer mehr mit Erde bedeckt wird. Singt sich tatsächlich auch schwieriger, diese alte Melodie. Ein selbst für Knut völlig schräger Akkord reißt mich plötzlich aus den Gedanken und lässt mich aufblicken: Der Mann in beige steht direkt neben Knut hinterm Keyboard  (wo kommt der denn nun wieder her?) und blickt ungeniert in die Noten und auf die Tastatur. Knut ist sichtlich wenig begeistert und lehnt sich soweit wie möglich zur anderen Seite, spielt aber weiter, Strophe um Strophe. Der Mann bleibt und starrt, rückt noch näher an Knut heran und ich stehe am Grab und versuche das laute Gelächter das aus mir herausplatzen möchte, still und unauffällig in meine Mundwinkel umzuleiten.

Hinterher erzählt mir Knut, dass der Mann in beige einen Liedwunsch hatte, den er ihm dann noch erfüllt hat. Beim Trauerkaffee erfahre ich, dass der Mann in beige nicht verwirrt ist, sondern ehemaliger Lehrer des Dorfes und ein enger Freund der Familie, und eine wandelnde Wilhelm Busch-Zitat-Maschine.

Aber hier wie überhaupt, kommt es anders als man glaubt. 

Flow oder Nicht-Flow

Es gibt Tage, an denen bin ich im Flow mit dieser Gemeinde und ihren Menschen. Jüngst geschehen beim letzten Taizégebet, wo endlich einmal mehr Menschen da waren als nur Martha und ich. Vier Jugendliche und drei Erwachsene, keine Martha, aber ich und ich war verzückt. Zwei Mädels aus der aktuellen Konfigruppe sind mit zwei Freundinnen gekommen. Jemand aus der Konfi-Whatsapp-Gruppe fragte hinterher, wie das Gebet denn nun war und sie schrieben „voll schön“ und „toll“. Sie kannten kein einziges Lied, sangen aber trotzdem sofort mit (schüchterner 13jährigen-Gesang hat etwas äußerst Herzergreifendes). Hach.

Es gibt Tage, an denen bin ich mehr im Flow mit anderen Menschen, als denen aus der Gemeinde. Letzte Woche z.B. habe ich gemeinsam mit Rahel höchst motiviert einen Gottesdienst ausgeheckt, mit allem drum und dran. Ab morgen habe ich über das Wochenende Urlaub (ENDLICH!), besuche sie (ENDLICH!) und feiere mit ihr dann neben unserem Wiedersehen  diesen Gottesdienst. Damit sich der Aufwand auch gelohnt hat, habe ich das ganze Paket letzten Sonntag hier in der Gemeinde an die Leute gebracht, was in meiner Hauptpredigtstätte fast ein Ding der Unmöglichkeit war. Es waren nämlich kaum Leute da. Nur drei treue Seelen versammelten sich letzten Sonntag im Gemeinderaum. Vermutlich, weil dieser fälschlicherweise als Lektorengottesdienst ausgeschrieben war. Aber come on, der gute Herr Fritz hätte hier durchaus mehr als drei Leute verdient. Und man soll mir bitte nicht kommen mit „wo zwei, oder drei in meinem Namen versammelt sind“. Wenig Leute im Gottesdienst machen neben aller Geistesgegenwart (sorry, Chef) meistens viel Frust, für alle Beteiligten.

Es war Rahels schöne Idee, in der Predigt ein Lied von Wir sind Helden zu spielen, Bring mich nach Hause. Immerhin, die drei Leute hier freuten sich hinterher sehr darüber („So ein schöner Gottesdienst!“) und ich war während der Predigt sowas von extrem im Flow. Predigen ist an sich schon intensiv, während des Predigens selbst zu musizieren (Gitarre und Gesang) steigert diese Intensität für mich nochmal deutlich. Als säße da das größte Publikum der Welt und nicht nur drei Menschen. Oder es ist am Ende doch die Geistesgegenwart (in dem Fall: erwischt! Danke, Chef).

Trotzdem schimpfe ich im Gemeindebüro gestern über den so mau besuchten Gottesdienst und drohe erbost und völlig ungeflowt damit, die Gottesdienste hier nur noch alle sechs bis acht Wochen zu feiern (dann könnte ich schließlich auch mehr Urlaub machen). Zufällig ist gerade eine Frau aus der Gemeinde da, die ihr Fehlen (alle haben dann immer so Erklärungen von wegen: krank, draußen glatt, verschlafen, Gäste zum Essen,  Hund krank, Mutter krank, Pferd krank, pffff)  mit den Worten zu rechtfertigen versucht: „Ich wollte ja wirklich zum Gottesdienst kommen, aber (hier kam eine kleine, dramatische Pause) ich saß auf der Toilette.“ Huh. Moment mal – hat sie das gerade wirklich gesagt? Auf der Toilette? So völlig ungeniert im Gemeindebüro? Zu mir? Ich kenne die Dame und ihr Redeverhalten (sintflutartig!) und plötzlich sehe ich sie sitzen, auf der Toilette und schlagartig wird es mir zu viel.  Ich mache „Hmhm, aha, ja…ich muss eben noch oben..“ und verlasse fluchtartig den Raum. Nicht sonderlich professionell, aber wenigstens effektiv.

Was manche Leute so von sich geben und teilen, ist doch wirklich erstaunlich. Heute nachmittag ging es im Gemeindekreis um das Thema Freiheit. Es war eine verhältnismäßig schöne Runde, man kam angeregt ins Gespräch, Erfahrungen wurden geteilt – alles super. Bis auf Herrn M., der leicht zwanghaft immer dazwischen quatschen musste. Herr M. ist sehr von sich überzeugt und glaubt, die Welt verstanden zu haben, daran will er alle teilhaben lassen, immer. Er wähnt sich mit der Welt im flow, eckt aber tatsächlich überall fürchterlich an. Mit ihm fand gerade eben folgender Wortwechsel statt:

Er: „Sie sollten das nächste Mal mal über UNfreiheit reden! DAS wär mal was.“ Ich: „Vielleicht mögen Sie ja etwas über Unfreiheit erzählen? Da könnten Sie bestimmt viel zu beitragen.“ Er: „Ich kann über ALLES reden.“ Okok...An Selbstvertrauen mangelt es Herrn M. offensichtlich nicht. Ich reagiere geübt souverän mit „Hmhm, aha, ja.. ich muss oben noch…“ und steige flugs die Treppen hoch in die Wohnung.

Es ist gut, dass morgen der Urlaub anfängt. YOFlO.

 

 

 

Aus den Augen und überhaupt nicht aus dem Sinn

Die Weihnachtstage gehen wohl für alle Pfarrer*innen wie im Rausch vorüber. Ich weiß von Kollegen, die im Januar Urlaub nehmen, wegfahren und Weihnachten mit ihrer Familie dann in Ruhe nachfeiern. Im letzten Jahr habe ich es versäumt, meine Urlaubsplanung aktiv voranzutreiben (mööp!) mit dem wenig überraschenden Ergebnis, dass ich jetzt keinen Urlaub habe, bis ins Frühjahr hinein nicht.  Zum Glück ergab sich erfreulicher Besuch zwischen den Jahren, der doch ein wenig Urlaubsglücksgefühl und Entspannung mit sich brachte.

Da mein Umgang mit Zahlen nach wie vor ein ziemlich krautiger ist (ich schreibe hier nicht, in welche Gewissensnöte mich die galaktisch hohen Kollekten von Heiligabend gebracht haben), bin ich mir bei folgender Angabe nicht ganz sicher: vor vermutlich 12 Jahren (oh Gott, ist das lange her!) traf ich während des Hebräischkurses, bzw. während der Kaffeepausen danach auf Frederike. Es folgten Monate der Glückseligkeit. Irgendwo las ich letztens, Freundschaft sei Liebe ohne Sex. Frederike und ich klebten tatsächlich wie Frischverliebte aufeinander und genossen das Studentenleben mit allem was dazugehörte: durchtanzte Nächte, Radtouren zum Baggersee (mit Melonen-Picknick!), über u.a. Hebräisch ächzen, manchmal Gottesdienste besuchen (und währenddessen auswerten)  und sogar regelmäßige gemeinsame Schwimm-Dates (so sportlich wurde ich bisher nie wieder). Frederike half mir bei sämtlichem (vielen) Umzügen in und aus meiner Universitätsstadt und ich schleppte auch für sie Kisten, Regale und Kunst. Leider wohnt sie heute viel zu weit weg, aber der Grund dafür ist einer, den ich akzeptieren kann (die Liebe).

Als ich meine erste Universitätsstadt und mit ihr auch Frederike (wohnlich) hinter mir gelassen hatte, war der Neustart in der anderen Stadt mit viel Herzschmerz und Trauer verbunden. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich dort jemals glücklich werden könnte (alles neu! Alles grausig!) und war felsenfest davon überzeugt, dieser Umzug vor wahrscheinlich 8 Jahren (?) sei der größte Fehler meines Lebens gewesen. Ich saß  also  am Schreibtisch und beschniefte mein Unglück. Dann klopfte es an meiner Zimmertür und jemand fragte: „Hey, magst du mit uns Abendessen?“ Mit Essen konnte man mich schon damals aus der Reserve locken. Wie gut, dass Julia mich damals eingeladen hat! Mit ihr verbinde ich die schönsten Straßenmusik-Erinnerungen, durchfeierte Nächte (die Theo-Partys sind zu Recht berüchtigt), Taizéandachten in der Bibliothek,  die ersten Aufnahmen im Tonstudio und eine etwas zeitversetzte, aber dennoch gemeinsam überstandene Examenszeit. Höchstselten gibt es seitdem Wochen, in denen wir nicht voneinander lesen oder hören, obwohl auch Julia schon einige Jahre woanders wohnt und arbeitet.

Es ist das Schicksal von Theologiestudierenden, dass wir nach dem 1. Examen in alle Himmelsrichtungen (=Landeskirchen, blöde Erfindung!) zerstreut werden und dann mit viel Aufwand (Urlaubsplanung bestenfalls ein Jahr im voraus -> mööp!) schauen müssen, wie man es schafft in Kontakt zu bleiben. Vor 11 bzw. 8 Jahren hätte ich niemals gedacht, dass ich einmal mit Frederike oder Julia gemeinsam einen Gottesdienst in der Hauptpredigtstätte meiner ersten Pfarrstelle auf dem platten Land feiern würde, am Silvesterabend 2016. Doch Wunder geschehen ja bekanntlich immer wieder und ich schätze, meine Gemeinde wird sich auch gewundert haben: Plötzlich waren aus einer jungen Pfarrerin drei junge Pfarrerinnen geworden. Ja, liebe Leute, es gibt nämlich noch mehr davon! Hurray! Wir drei wechselten uns ab mit den Lesungen und Gebeten und schnell wurde mir klar, dass hier etwas Besonderes passierte. Ich lernte Frederike und Julia in ihren Rollen als Pfarrerinnen kennen und bin bis heute geflasht davon. Zu unserer Freundschaft gesellte sich während dieser knappen Stunde  Dienst nämlich auch noch eine spirituelle Ebene dazu – echt krass und schön. Es bleibt für mich äußerst betrüblich, dass weder Julia noch Frederike hier in meiner Ecke wirken, aber ihre Gemeinden können sich glücklich schätzen und ich freue mich für sie. Und auf den nächsten Urlaub, der mich dann vielleicht in die Gemeinden von Frederike oder Julia führen wird. Und dann werden wir bestimmt wieder mehr als Gottesdienste feiern, so wie schon Silvester 2016. Cheers!

Liebe Internetgemeinde, etwas spät (so busy gewesen) aber von Herzen jetzt: Frohes Neues euch allen und in allem was so geht und kommt, let love rule!  Man liest sich 🙂