Nach der Predigt

Sonntag, 06. Oktober 2019 gegen 11 Uhr:

Eine kleine Gruppe findet sich zum Kaffee nach dem Gottesdienst zusammen. Dabei sind Mitglieder des Presbyteriums und Partnerinnen, zwei Seniorinnen und ein Pfarrehepaar (im Ruhestand). Wir wärmen uns auf und reden über die nächsten Konzerte und Gemeindeveranstaltungen. Ich bin seit einer Woche ziemlich erkältet und froh, dass ich während des Dienstes meine Stimme nicht verloren habe und freue mich auf eine warme Suppe zuhause. Unvermittelt geht es los.

Einer: Also,um nochmal auf deine Predigt zurück zu kommen, wegen Greta Thunberg. Ich finde es völlig übertrieben, wie sie dargestellt wird. So als Heilige Schwedens! Das ist doch total überzogen.

Eine: Sie hat doch auch dieses Buch geschrieben mit dem Titel „Ich will, dass ihr Panik habt.“

Eine: Wer kann schon sagen, ob nicht ihre Eltern eigentlich dahinter stecken?

Eine: Hat sie nicht auch diese Krankheit? Diese Form von Autismus“

Ich: Sie hat Asperger und geht damit auch offen um. Aber lieber „Einer“, dir ist schon aufgefallen, dass ich sie nicht als Heilige bezeichnet habe, oder? Mr ging es in der Predigt um etwas anderes.

Er: Mich stört einfach, dass sie so allgemeine Aussagen macht und solche Vorwürfe in den Raum stellt. Sie hat doch gar kein politisches Konzept.

Ich: Sie ist 16. Und sollten nicht eher wir gemeinsam mit der Politik so ein Konzept erarbeiten? Das kann doch nicht die Aufgabe der Kinder sein!

Eine zischt: Ich hasse dieses Mädchen, sie ist einfach völlig unmöglich (verschwindet dann in der Küche um Abzuwaschen).

Eine: Und der Klimawandel, wer weiß, ob der nicht sowieso gekommen wäre, nur vielleicht nicht so schnell?

Einer: Liebe Eine, dass der Klimewandel menschenverschuldet ist, ist ja wohl eine Tatsache. Aber wir brauchen ein politisches Konzept um etwas tun zu können.

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Etwas später auf dem Heimweg. Das Pfarrehepaar und ich reden noch einmal über den Gottesdienst, die Gesprächsrunde und meine Predigt. Ich bin mitgenommen und durchgerüttelt von den Reaktionen. In der Gemeinde gibt es auch Menschen, die ganz anders denken, doch die waren heute nicht da.

Ich: Mich erschrecken solche Reaktionen wie eben gerade. Puh.

Er: Aber es ist doch gut, wenn du so sprichst und predigst. Du willst ja gerade diese Leute erreichen.

Ich: Es ist schon ein deutliches Anecken. Warum haben die sich an dem Greta-Thema so aufgezogen? Darum ging es doch gar nicht vordergründig.

Sie: Wolltest du nicht sagen, dass wir uns für die Kinder für die Zukunft einsetzen müssen?

Ich: Ja genau.

Sie: Es geht um Verantwortung und Teilen. Du meintest ja auch, Greta hat etwas Prophetisches an sich. Ich habe darüber nachgedacht und glaube, das stimmt auch. Prophetinnn und Propheten im Alten Testament haben ja auch laut gesprochen und Aufmerksamkeit bekommen und haben Anstoß erregt.

Er: Irgendwas war heute auch anders mit deiner Predigt als sonst. Sonst kann ich dir so gut folgen, es ist bilderreich. Aber den Mittelteil habe ich überhaupt nicht richtig wahrgenommen. Und am Ende war es dann für mich auch kurz. Hast du es vielleicht zu stark durchdacht?

Ich (zunehmend bedrückt): Hm, ich hatte ein ganz anderes Gefühl beim Schreiben…

Sie: Aber die Lieder waren sehr schön! Und sie haben gut gepasst zur Predigt und dem Thema des Gottesdienstes.

Momente für die Ewigkeit III

Samstagabend letzte Woche, gegen 22 Uhr. Vor einer Stunde bin ich heimgekommen von einem Familiengeburtstag. Zum ersten Mal bin ich nicht mit Ulf, sondern mit einem geliehenem Auto (sehr neu, sehr sauber, sehr nicht-Ulf) unterwegs gewesen, was aufregend war. Dass man Autos über Fotos mit dem Smartphone öffnen und wieder abschließen kann, erscheint mir irgendwie übersinnlich.

Samstage sind, wenn ich sonntags Dienst hab, stets von einer gewissen Unruhe durchzogen. Predigt und Liturgie sind dann zwar meistens grob fertig, aber oft fehlen noch Fürbitten und einzelne Gebete. Außerdem lese ich mir alles noch einmal durch und schraube hier und da noch an ein paar Formulierungen. Das braucht dann noch ein bisschen Zeit und Mühe, dann kann ich alles ausdrucken und in mein schwarzes Mäppchen heften.

Vorgestern war ich mit zwei Freundinnen unterwegs die sich für einen kurzen Moment darüber unterhielten, dass sie ihre Drucker eigentlich nie mehr benutzten. Höchstens für Bahnreisen oder mal ein Konzertticket. Ich hingegen brauche meinen Drucker ständig, all die Ansprachen und Andachten und was nicht alles. Nach dem Umzug musste ich ein neues Exemplar kaufen, das zwar schick weiß, aber irgendwie etwas eigensinnig ist. Ständig piepst und ruckelt was oder es behauptet, es könne kein amerikanisches Papierformat. Autos können Technik offensichtlich besser als Drucker.

An einem typischen Samstagabend habe ich außerdem immer die klamme Befürchtung, dass ich ein Gedenken vergessen könnte und dann eine Trauerfamilie erwartungsvoll und mitgenommen in den Bänken sitzt, und ich die verstorbene Person vergesse abzukündigen. Nicht schön. Also schau ich lieber doppelt durch meine Unterlagen (Name richtig? Geburts – und Sterbedatum korrekt? Was war noch mal der Bibelspruch?) und erst dann bin ich beruhigt. In der neuen Gemeinde gibt es zudem immer eine Lektorin oder einen Lektor (Luxus!). Seit der Perikopenrevision herrscht etwas Verwirrung über Abläufe der Lesungen, also drucke ich zur Sicherheit die Texte für die Lesenden noch einmal aus, damit alle orientiert sind. Dann schreibe ich noch die Lieder auf einen Zettel (wobei ich mich fast am Meisten konzentrieren muss, denn meine Handschrift neigt zum Chaos), damit jemand am nächsten Morgen vor dem Gottesdienst die Liednummern an die Liedertafeln stecken kann.

Letzte Woche ich also: müde und erschöpft von den Autofahrten endlich am Schreibtisch. Ich drucke Liturgie aus (inklusive richtiger Daten der verstorbenen Frau H. und mit eben noch formulierten Gebeten), drucke Predigt aus, Blätter fliegen mit hohem Schwung durch das Arbeitszimmer (Halterung am neuen Drucker vergessen auszuklappen, mööp), ich hefte alles ein. Die Katze tapst erwartungsfroh über den Schreibtisch, nagt am Bildschirm (Chrrr!Chrrr) und verteilt großzügig Katzenhaare. Dann die Lesungen für die Lektorin , die kommt in den großen, roten Papphefter (den ich seit 15 Jahren, den Tag meiner Immatrikulation an der Uni, eigentlich den Eltern einer Freundin zurückgeben wollte) zu dem Zettel mit den Liedern, dann falle ich ins Bett mit dem guten Gefühl, an alles gedacht zu haben.

Sonntagmorgen, gegen halb elf. Ich stehe am Pult und blicke in den vollen Gemeindesaal. Hinten sitzt die Trauerfamilie von Frau H., einige aus dem Presbyterium sind da, gleich drei Pfarrer im Ruhestand, teilweise mit Ehefrauen, insgesamt um die 40 Leute (riesen Luxus!!). Der Organist, der heute Klavier spielt, setzt sich auf meinen freigewordenen Stuhl, es kann losgehen mit der Predigt.

Ich lese ab, aber gucke dazwischen immer mal wieder hoch, lasse Pausen. Der Einstieg um die Kitakinder und um Dankbarkeit macht Spaß. Bei meinem Vorschlag, statt shitstorms lovestorms in die Welt zu setzen wird zustimmend gelacht. Der Übergang zum Predigttext ( der Anfang des ersten Korintherbriefes) läuft, Verlesung des Textes auch, ich blättere um und vor mir sehe ich: den Schlussteil der Predigt. Aber der ist jetzt noch gar nicht dran. Ich blättere nach vorne und nach hinten, aber, der zweiseitige Hauptteil um Paulus fehlt. Und der war so schön! Wah! Ich blicke in die Gemeinde (ernste Gesichter) und versuche ein paar Sekunden lang, einfach weiterzureden (the show must go on), aber ich hab total den Faden verloren und ich vermute, man sieht mir meine Verwirrung auch an und manche gucken etwas besorgt und was ich sage, ergibt zudem leider auch nicht viel Sinn. Da hilft nur Ehrlichkeit:

Ja, liebe Gemeinde. Wie es aussieht, fehlt mir heute ein Teil meiner Predigt. Das ist jetzt etwas…Hmmm, ok, geben Sie mir einen Moment, ich krieg meine Gedanken hoffentlich noch zusammen. Es folgen einige, äußerst angespannte Momente der Stille. Ich versuche mich mit aller Kraft zu erinnern (wenn ich wenigstens Stichpunkte hätte! Und warum hab ich mir vorher nicht nochmal alles durchgelesen?! Crap!), dann fällt mein eigener Bogen wieder ein (ha!). Gnade im Griechischen, die Bedeutungen von Charis, dann zum bekannten Bild vom Leib mit den vielen Gliedern über die Gemeindegespräche zur Jahreslosung (innerer Frieden wirkt äußeren Frieden, auch über Dankbarkeit) und den Schlussteil hab ich dann ja wieder in Schriftform.

Während ich aus Versehen frei predige (was ich, mit guter Vorbereitung – wenigstens Stichpunkte!-, durchaus auch gerne öfter machen würde), gestikuliere ich, um meine Gedanken verständlicher zu machen. Die Gemeinde folgt mit den Augen meinen Bewegungen, ein Pfarrer nickt nachdenklich, mit zusammen gekniffenen Augen. Ich glaube, alle in diesem Raum geben sich gerade richtig viel Mühe. Und mir ist unheimlich heiß. Ich freue mich über jeden klaren Gedanken, den ich fassen kann und der mit der Predigt und ihrer Aussage zu tun hat. Im Schlussteil angekommen, entspanne ich mich etwas, aber es ist auch plötzlich komisch, den Blick ins Mäppchen zu senken und nicht mehr in die Gesichter der Gemeinde schauen zu können. Das ist ein neues Gefühl.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen. Erleichterung rollt durch den Raum wie eine kleine Lawine, jemand vorne links beginnt zu klatschen. Ich muss lachen und gleichzeitig den Kopf schütteln, über meine eigene Schusseligkeit, aus Verlegenheit und aus Glück (Gott sei Dank!), dass es jetzt doch noch irgendwie geklappt hat. Das war Gnade in Reinform, puh. Die Gemeinde freut sich mit mir und auch das tut gut. Per Mail schreibt jemand einen Tag später: Vielleicht ist es sogar gut, wenn Sie ab und an Ihr Manuskript zuhause lassen?

Als ich nach dem Gottesdienst erschöpft, aber zufrieden nach Hause komme und meine Sachen ins Arbeitszimmer bringe, entdecke ich auf dem Fußboden vor einem Regal die fehlenden Seiten. Die sind aber weit geweht worden, da habe ich beim Aufsammeln gestern gar nicht hingeschaut! Ich überfliege meinen Text und stelle beruhigt und nochmal anders erleichtert fest, dass ich das Meiste tatsächlich gesagt hab. Was für eine Aufregung! Jeden Sonntag würde ich das nicht aushalten, aber wer weiß, vielleicht wirklich ab und an?

trial and error

Ich bin schon lange der Meinung, dass alle Menschen im Pfarrdienst (sicherlich auch in anderen Berufsgruppen) selbstverständlich und zu jeder Zeit Entspannungsmassagen verdient hätten. Für so einen personal Physiotherapeuten oder eine Therapeutin wäre ich eine sichere Einkommensquelle und zudem eine berufliche Herausforderung. Schließlich sitze ich die ganze Zeit nur rum: am Schreibtisch, wenn ich mit Ulf unterwegs bin (der mit der Zeit leider sehr unbequem wird), bei Kasualgesprächen auf irgendwelchen Küchenstühlen, Sofas und Sesseln und natürlich bei den obligatorischen Stuhlkreisrunden in Konventen und Gesprächsrunden. Nur in Gottesdiensten stehe ich ab und an auf. Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, dass ich hinterher immer so unendlich müde bin? Dazu kommt, dass ich für gewöhnlich ein wirklich ganz träger Haufen bin (ach, Gisbert) und Sport nur im äußersten Notfall (nach Stunden keine Predigtidee oder abgründig schlechte Laune, die bald in Menschenhasserstimmung umschlagen könnte) mache. Ergebnis: null Sportlichkeit und gerne Rücken. Vor allem natürlich, wenn in der Gemeinde und bei mir viel los ist. Gerade ist viel los und da ich immer noch keinen personal Massagemenschen habe (was ich fatal finde!) musste ich mir jemanden suchen. Die Idee war gut, meine Wahl ungünstig, das Experiment darf als gescheitert betrachtet werden.

Erste Erkenntnis: keine Physiotherapeuten im Gemeindegebiet aufsuchen.

Der Behandelnde wurde mir von unserer Sekretärin empfohlen. Sie meinte schon, er sei speziell, wie auch seine Praxis, aber man bekomme schnell Termine. Die erste Frage des Physiotherapeuten an mich lautete dann auch: Geht es Ihnen gut bei uns? Werden Sie hier bleiben? Zu der Zeit lag ich schon halbnackt auf einem steinharten Frotteetuch auf der Liege und erwartete eigentlich die ultimative Entspannung. Ich brummelte so uneindeutig vor mich hin, wie es mir möglich war. Dann erzählte der Therapeut von Dorf G und meiner letzten Beisetzung dort (hatte ich schon wieder vergessen) und was die Leute über mich reden. Dann erklärte er mir seinen ganzheitlichen Ansatz: reden hilft. Wir müssen dahin kommen, wo die Verspannung herkommt. Das war der Moment, in dem ich hätte gehen sollen. Bin ich aber nicht. Die Massage hatte noch gar nicht richtig angefangen.

Zweite Erkenntnis: als Pfarrerin ist man (auf Gemeindegebiet) niemals nicht die Pfarrerin.

Wenn nicht ich irgendetwas Belangloses erzählte (auch darüber muss man ja nachdenken), sprach er, Reden hilft wohl in beide Richtungen. Und schwupp, war ich nicht etwa Einkommensquelle oder Patientin mit Mitleids-erregender Rückenmuskulatur, nein ich war die Seelsorgerin (crap) und für den Moment diesem Menschen und seiner Lebensgeschichte ausgeliefert. Ehe, Kinder, Erfahrungen mit der Kirche, mit dem Islam, mit dem Ort, mit den Leuten, Pfarrern aus der Nähe. Als er den linken Fuß massierte, kam er auf eine Predigt von mir zu sprechen, in der ich behauptet hatte, dass Gott auch weibliche Züge trägt und ein rein männliches Reden von Gott eine Engführung sei. Ganz schwierig, hat mich lange beschäftigt. Ganz schwierig, fand ich gar nicht gut sagt er, und knetete meinen Fuß nachdrücklich. Vielleicht gibt es Exemplare unter Theologinnen und Theologen, die an solcherlei Diskussionen immer ihre Freude haben, ich bin da anders. Statt lässig professionell zu reagieren und ihm irgendwie den Wind aus den Segeln zu nehmen, sah ich mich gezwungen auszuholen (Gott, die Schöpferkraft..die Quelle…Vater und Mutter..)  und zu erklären (kein Bildnis… ), schließlich sogar zu diskutieren (Gott ist anders!), aber alles sehr widerwillig und ohne nennenswerte Reaktion des Therapeuten. Am Ende der Massage war auch ich mit meinem Latein am Ende und ging verstimmt nach Hause.

Dritte Erkenntnis: aus manchen Nummern kommt man nur schwer wieder raus.

Wie verklickert man dem ortsbekannten Physiotherapeuten, dass man nicht mehr zu ihm will, ohne ihm vor den Kopf zu stoßen? Mir war ja schon aufgefallen, dass er gerne viel erzählt. Was, wenn er zukünftig in seine Anekdoten auch ein bisschen Pfarrerin-gossip untermischen würde?  Haben Physiotherapeuten eigentlich auch Schweigepflicht? Ich rätselte und rätselte und kam zu keiner rechten Lösung, dafür zu wenig Schlaf.

Letzten Sonntag tauchte er dann tatsächlich in Begleitung seiner Frau im Gottesdienst auf. Danke, Chef, dachte ich bei mir und schnappte ihn mir am Ausgang und erklärte, warum ich nicht mehr zu ihm wolle (Rollenkonflikt, die Methode etc.). Auf einmal bot er mir doch Massagen in Stille an, was ich dankend ablehnte (doch was gelernt!). Wir verabschiedeten uns freundlich, ich war sehr erleichtert und dann fiel ihm doch noch was ein und er hob den Zeigefinger, während er sprach:  Aber wir haben doch auch Lieder gesungen, wo wir vom „Herren“ gesungen haben. Ich habe genau darauf geachtet, hatte ich also doch Recht!  Ich seufzte und mir entwich ein Ja,ja  während ich zur Tür  entschwand, um die Sachen für den nächsten Gottesdienst zu packen.

Januar 2018

Dieser Jahresanfang ist turbulenter als erwartet. Ich frage mich, warum ich im vierten Jahr meines Probedienstes immer noch die irrige Vorstellung hatte, der Januar sei nach Weihnachten und Silvester vergleichsweise entspannt. Wenn man sich nicht rechtzeitig und für mindestens zwei Wochen an die Südsee oder so verkrümelt, ist man dem neuen Jahr mit aller Matschigkeit, die vom Ende des letzten Jahres noch an einem klebt, hilflos ausgeliefert. Erfreulicherweise bringt 2018 bisher noch mehr als Baubesprechungen, Gesprächsrunden und Haushaltsplanung:

Letztens ging es für mich zum zweiten Mal auf überregionale Konfifreizeit und ich muss sagen, es war wirklich vergnüglich. Schon auch mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden, besonders aber mit dem anderen Mitarbeitenden. Ich fühle mich mittlerweile so gut im Pfarrkonvent aufgehoben, dass ich mich auf sämtliche Treffen freue (auch auf Konventsfahrten!), selbst wenn es nur kurz spätabends nach einem Wahnsinnskonfifreizeittag auf ein Feierabendgetränk ist. Es waren jüngere (Teamer) wie ältere Leute (Jugendmitarbeiter) dabei, mit denen ich im Herbst letzten Jahres im fernen Süden unterwegs war. Das Wiedersehen war freudig („Saaaaaraa!Du bist hiiiieer!“), ein Nachtreffen in meinen Gefilden wurde verabredet und ich plane schon, wie ich die Meute satt bekomme. Komme ich auf das Angebot von Flos Vater zurück, der mir noch ein Reh überlassen wollte und passt ein Reh in meinen Ofen? Oder kann man das über einem Lagerfeuer braten? Wer macht das Feuer? Oder frage ich den Kollegen, der selbst Jäger ist und dessen Gefriertruhe immer übervoll ist mit Wildschwein, Hühnern und Co.?  Oder gibt es einfach Chili und das dann vegetarisch und in Massen? Auch die Gemeinde wird etwas von diesem Besuch haben. Die Truppe kommt dann am Sonntag mit in die Gottesdienste und wird irgendwas beitragen. Ich schätze, was mit Springen, Jubeln und jugendlichem Überschwung. Schätze auch, dass das einen amüsanten Kulturschock auf beiden Seiten verursachen wird.

Ebenfalls in diesem Monat war ich undercover zu Besuch in einer Gemeinde anderswo, in der in diesem Jahr eine Pfarrstelle frei werden wird. Die Glocken läuteten zum Gottesdienst, die helle Kirche war bestuhlt und ausreichend warm geheizt (wie ungewohnt!) . Die Gemeinde sang auf Englisch (wow!), da ein Gastprediger aus dem mittleren Osten (auch ziemlich cool) anwesend war. Und die Kirche war voll! Und die Stimmung gut! Und hinterher gab es einen Brunch im Gemeindehaus nebenan (ohne Mettbrötchen, dafür gab es geschnippeltes Gemüse und Käsebrote). Und obwohl mir eine Frau um die 40 sehr überzeugt und beseelt von Jesus und ihrem Glauben erzählte und der ältere Herr neben mir in aller seiner Konservativität überaus freundlich war, konnte ich mich für diesen Ort nicht recht erwärmen. Für mich war es das erste Mal, dass ich eine potentielle, neue Gemeinde angeschaut habe und welch Überraschung, ich habe ordentlich gefremdelt. Ich hatte gehofft, dass ich dort ein eindeutiges Gefühl bekommen würde, das mir dann sagt: Ja, genau, das ist es, hier gehörst du hin. So Liebe-auf- den- ersten- Blick-mäßig. Andererseits habe ich damals, nachdem ich  zum ersten Mal durch meinen jetziges Wohnörtchen gefahren bin, auch erstmal heftig geheult. Ach, es ist kompliziert.

Die letzten Tage waren hier nahezu frühlingshaft und prompt steigt die Zahl der Beisetzungen an. Zum Auftakt  hatte ich heute bereits zweifach das Vergnügen (und bin entsprechend platt). Allerdings war ich schon vor der ersten Trauerfeier so zerstreut, dass ich den einen Sargträger gleich zweimal begrüßt habe. Ähh, ja. Die Bestattungsunternehmen aus der Ecke hier kennen mich mittlerweile und wissen, dass ich mich über ein Lesepult in der Trauerhalle freue. Es ist viel angenehmer, wenn man das Mäppchen ablegen und seine Hände auch mal abstützen kann. Heute hat das Unternehmen auch dran gedacht und ich habe mich auch gefreut, bis das schwere Holzpult mit einem lauten Rumms während der ersten Minute nach unten stürzte, zusammen mit dem Mäppchen und der würdevoll-ruhigen Atmosphäre. Manche Freude währt außerordentlich kurz.

Knut Tafel war heute auch dabei und hat an den Tasten wieder alles gegeben. Wir sehen uns gerade seltener als sonst, aber aus eigentlich schönen Gründen: es gibt einen neuen Kollegen in der Region (eine Vakanz weniger, juhuh!), der seine Gottesdienste etwas mehr im Voraus plant als ich und so ist Knut meistens schon verplant, wenn ich ihn zu Gottesdiensten anfrage. Auf Friedhöfen laufen wir uns aber weiterhin über den Weg, so wie eben heute.

Das ganze Dorf ist zur Trauerfeier gekommen, der Verstorbene war bekannt und beliebt. Entsprechend lange dauern die Erdwürfe am Grab. Obwohl ich in der wärmenden Sonne stehe, zittern meine Beine leicht, von unten kriecht doch noch etwas Winterwetter an mir hoch. Während Knut ein paar Meter weiter Trauerlieder auf dem Keyboard spielt, blicke ich mal ins Grab, mal nach rechts zur Trauerfamilie und dann nach links zu der Menschentraube, auf deren Erdwürfe ich noch warten muss. Mindestens noch 20 Minuten, schätze ich.

Ein alter Mann im beigen Mantel fällt mir auf, der nach dem Erdwurf leicht schwankend auf die Trauerfamilie zugeht. Gehört er dazu? Ist er verwirrt? Kurz bevor er bei der Witwe ankommt, hebt er seine Sonnenbrille und schaut auf einen Grabstein zu seiner Rechten und seufzt laut auf, um dann der Witwe um den Hals zu fallen. Ich hoffe inständig, dass er das darf. Knut spielt derweil Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer und ich denke den Text mit und versinke in eigene Gedanken, wie Wind und Weite und wie ein Zuhaus. Der Mann in beige taucht plötzlich ein paar Meter rechts von mir vor einem anderen Grabstein auf, nimmt wieder die Sonnenbrille ab und stößt nun, für alle gut hörbar ein „Ohhh je!“ aus. Ich frage mich, ob sich nicht vielleicht jemand um ihn kümmern sollte. War da nicht so ein junger Mann, mit dem er gekommen ist – wo ist der denn abgeblieben?

Suchend blicke ich mich um, von Knut erklingt derweil der Anfang von Von guten Mächten,  die alte Melodie, die heute nicht mehr so oft gesungen wird. Ich blicke nun auf den Sarg mit den roten und weißen Rosen, der immer mehr mit Erde bedeckt wird. Singt sich tatsächlich auch schwieriger, diese alte Melodie. Ein selbst für Knut völlig schräger Akkord reißt mich plötzlich aus den Gedanken und lässt mich aufblicken: Der Mann in beige steht direkt neben Knut hinterm Keyboard  (wo kommt der denn nun wieder her?) und blickt ungeniert in die Noten und auf die Tastatur. Knut ist sichtlich wenig begeistert und lehnt sich soweit wie möglich zur anderen Seite, spielt aber weiter, Strophe um Strophe. Der Mann bleibt und starrt, rückt noch näher an Knut heran und ich stehe am Grab und versuche das laute Gelächter das aus mir herausplatzen möchte, still und unauffällig in meine Mundwinkel umzuleiten.

Hinterher erzählt mir Knut, dass der Mann in beige einen Liedwunsch hatte, den er ihm dann noch erfüllt hat. Beim Trauerkaffee erfahre ich, dass der Mann in beige nicht verwirrt ist, sondern ehemaliger Lehrer des Dorfes und ein enger Freund der Familie, und eine wandelnde Wilhelm Busch-Zitat-Maschine.

Aber hier wie überhaupt, kommt es anders als man glaubt. 

Landleben live

Im Sommer letzten Jahres hatte ich Besuch von einer Freundin, die sich mit ihrem Söhnchen ein paar Tage Auszeit von der Großstadt nehmen wollte. Meine Gegend bietet sich auch tatsächlich an für Urlaube. Je nachdem in welchem Dorf man sich aufhält, behaupten die Anwohner*innen, bei ihnen um die Ecke befände sich der schönste See der Welt (bisher habe ich drei schönste Seen der Welt bebadet, einer schöner als der andere, obwohl das gar nicht möglich sein sollte). Außerdem befinde ich mich quasi mitten im Wald, man kann stundenlang spazieren gehen und keine Menschenseele treffen, stattdessen findet man unterwegs unter Umständen Füchse, Rehe und Hirsche, Hasen, auch Elche wurden hier schon gesichtet (leider nicht von mir). Mit jener Freundin und deren Kind fuhren wir mit Ulf in das Dorf von Herrn Fritz, auch dort gibt es eine schöne Wanderstrecke in der Nähe eines (Überraschung!) schönsten Sees der Welt.

Auf dem Weg dorthin kommt man durch viele Dörfer, die zu meinem Gemeindegebiet gehören und zu jedem Ort wollte ich der Freundin, die zum ersten Mal zu Besuch war, alles erzählen: „Schau mal, hier ist der Ort mit dem Schloss und den ehemaligen Straßenkindern und den tollen Seminaren.[…] Und hier an der Ecke bei den Enten wohnte diese faszinierende alte Frau mit den unglaublich blauen Augen, die ich vorletztes Jahr beigesetzt habe. [..] In dieser schnuckeligen Kirche hier feiern wir immer Reformationsgottesdienst! Da ist der Gemeinderaum und da gibt es dann fast immer Kuchen und Kaffee und diese leckeren Schmalzbrote von Frau Blume. […] Und hier war das mit dieser Taufe, wo das eine Kind nicht wollte und ich  dachte, ich müsste..“ Zwischen den Anekdoten fuhren wir an Wäldern, Seen und Feldern vorbei, die Straßen mal besser und mal schlechter und plötzlich sagte die Freundin staunend und nachdenklich: „Was du eigentlich für ein Leben führst! Das ist so ganz… Anders…“

Und da fiel mir plötzlich wieder auf, dass der Pfarrdienst auf dem Land für eine Anfang 30jährige eine vergleichsweise abgefahrene  Angelegenheit ist, nicht nur wenn man Eigentümerin eines ramponierten Ulfs ist. Ich könnte ja auch in einer richtigen Stadt leben, mich abends mit Menschen aus meiner Peergroup treffen und in Kneipen auf Retrosesseln Craft Beer trinken und dann angetüdelt und entspannt  mit den Öffentlichen in meine Altbauwohnung mit Stuck fahren. Stattdessen sitze ich mit meiner neuen Mitbewohnerin Franka auf der kleinen grünen Couch im pfarrhäuslichen Wohnzimmer, streiche ihr ab und an über den Kopf und trinke statt Bier Tee (Pfarrer*innen und Lehrer*innen sind angeblich besonders gefährdet, dem Alkohol zu verfallen, mit dem Alleine-Trinken fange ich deshalb besser gar nicht erst an).

Nach Weihnachten hat mich mein Bestatter zu sich und seiner Familie zum Reste-Essen und Biertrinken (rein gar nicht Craft, aber besser als nix) eingeladen und wir saßen auf riesigen Polstermöbeln vor einem noch riesigeren Flatscreen, auf dem nebenbei leise Traumschiff lief. Schlimmer wäre es nur mit dem Helene Fischer-Weihnachtsspecial gewesen, das ich gleich zweimal innerhalb von einer Woche in der Adventszeit bei Freunden mitgucken durfte (seufz). Mein Bestatter jedenfalls hat einen immens großen, schwarzen Hund der sich wahrscheinlich nicht mit meiner kleinen, rabenschwarzen Franka vertragen würde. Hier haben ja alle Hunde. Oder Kinder. Ich hingeben habe seit ein paar Wochen eine Katze.

Eine junge Kollegin, die mit Rahel und mir im Predigerseminar war, erzählte mir, sie und ihre Familie seien erst dann richtig in der Gemeinde angekommen, als sie sich Hühner angeschafft haben. Nun könne sie über ihr Federvieh smalltalken und peinliche Gesprächspausen bei z.B. Geburtstagsbesuchen seien passé. Sie ist damit in guter Gesellschaft:

Ein Pfarrer aus der Nähe, mit dem ich mich im letzten Jahr etwas  angefreundet habe, hält auch Hühner. Und Kaninchen. Und ein Pferd. Und Kartoffeln. Im Dezember war ich dort für ein paar Tage zu Besuch und just zu dieser Zeit schlachtete er diverse Hühner und einen Hahn, mit der Axt, im Hof, auf einem Holzbock. In der Küche lagen dann die gerupften Tiere kopflos auf der Arbeitsplatte und sahen seltsam dürr aus. Durchaus gewöhnungsbedürftig, aber ich finde wer Fleisch isst, kann auch ruhig wissen wo es herkommt und muss das dann auch aushalten können.  Ich guckte also scheu- interessiert zu, roch (igitt) und befühlte u.a. eine Hühnerniere. Jener Kollege geht auch gerne auf die Jagd, wobei er vor allem das Warten auf den Kanzeln und die Atmosphäre im Wald mag. Und die Geräusche der Natur. Mit ihm, seiner Frau  und dem hiesigen Förster  hörte ich letzten Herbst zum ersten Mal das Röhren der Hirsche zur Brunftzeit. Absolut irre! Es klingt mehr außerirdisch als natürlich. Ich stand da im dunklen Wald und begriff mit einem Mal, dass diese Natur und ihre Kreaturen ja auch in dieser Welt leben, ihren Raum für sich beanspruchen und einen ganz eigenen Alltag haben. Es kam mir vor, als hätte ich ein Paralleluniversum entdeckt, Gänsehaut! Auf dem Heimweg sah ich dann einen riesigen Hirsch auf der Straße (zum Glück auf der anderen Seite), der Ulf und mich seelenruhig  beim Vorüberfahren betrachtete. Klar, wer hier der Chef war.

In den großen Städten mit den Kiosken, die immer auf haben,  kann man diese glänzenden Magazine kaufen die „Landliebe“ oder so heißen. Scheinbar liege ich mit meinem Leben auf dem platten Land voll im Trend. Ich bin quasi Vorreiterin des Trendes. Ohne tatsächlich reiten zu können, aber mir fallen spontan mindestens drei Gemeindeglieder in meinem Wohnort ein, bei denen ich etwas dagegen unternehmen könnte. Pferdemädchen mit Anfang 3o? Alles ist möglich.

Trauerarbeit im dritten Examen

Seit zwei Wochen befinde ich mich im dritten Examen. Ruth hat unlängst diesen Begriff erfunden und ich übernehme ihn dankend (danke, Ruth). Auf das dritte Examen hat einen niemand vorbereitet und es ist das Schwerste.

„Aufgrund meiner privaten Situation – Sie wissen ja, dass mein Partner in XX wohnt und dort auch arbeitet – habe ich mich dazu entschieden, mich ab sofort auf andere Stellen zu bewerben. Diese Entscheidung fällt mir nicht leicht, ich habe mich hier immer sehr wohl gefühlt, doch ohne meinen Partner ist diese Stelle für mich keine längerfristige..“ Während die Worte noch stockend meinen Mund verlassen kann ich beobachten, wie sie  bei den Männern und Frauen im Presbyterium durch die Ohren, in den Kopf nach unten Richtung Herz sacken. Es dauert einen Moment – jemand atmet hörbar tief ein, dann folgt Stille.

Ich hatte Angst vor diesem Moment und das völlig zu Recht. Der Gemeinde zu verkünden, dass man vorhat zu gehen, ist wie Schlussmachen. Es liegt an mir, nicht an euch. Wir können Freunde bleiben, ich würde gerne Freunde bleiben. Wenn wenigstens die Wahrscheinlichkeit hoch wäre, dass sich jemand auf diese Stelle bewerben wird – aber nein, es zieht die meisten in die größeren und großen Städte und ich bin nun auch eine von denen, die weggeht. Crap. Ich habe für die Stellenanzeige  ein werbewirksames Anschreiben verfasst und die Vorzüge der Gemeinde versucht darzustellen, mit sonnigen Fotos der sanierten Kirchen und vom Gemeindefest im Pfarrgarten unter dem Apfelbaum mit der gestreiften Picknickdecke. Ich bin auch traurig.

Vorhin habe ich ein paar der alten Blogeinträge gelesen und realisiert: so entspannt wird es ab sofort nicht mehr. Ich versuche der Kerngemeinde persönlich zu sagen, dass ich nicht bleiben werde. Die Reaktionen auszuhalten ist von nun an Teil meiner Arbeit – Trauerarbeit. „Aber wir haben noch gar nicht all unseren Bekannten von Ihnen und Ihrer tollen Arbeit erzählt – die haben Sie noch gar nicht kennengelernt! Und jetzt gehen Sie schon wieder? Ach..“ „Aber wer bestattet uns denn jetzt?“ „Wir verstehen Ihre Gründe, aber es ist sehr schade.“ „Wenn es wenigstens nicht so schön mit Ihnen gewesen wäre, dann wäre es jetzt leichter. Aber es hat doch so gut gepasst!“ „Sie haben mich gerade sehr, sehr traurig gemacht, Frau Hitchschmock.“

In der Nacht nach der Presbyteriumssitzung habe ich kaum geschlafen. Das ist bemerkenswert, schließlich habe ich nach der Sitzung mit Tina aus dem Presbyterium den Rest Whiskey von der letzten Gartenparty geleert. Sie hat geraucht, ich habe getrunken und wollte auch rauchen (hab ich aber nicht). Tina war richtig geschockt und brauchte eine Weile, um sich zu sortieren. Trotzdem fand sie so liebevolle Worte für meine Zeit in der Gemeinde (setzt die Verklärung einer Pfarrperson so schnell ein?) , dass ich feuchte Augen bekam. Tina ist die Frau meines Bestatters: „Armin kannst du das aber schön selber sagen, ich mach das sicherlich nicht.“

Der nächste Morgen war unangenehm, nicht nur wegen des Katers und des Schlafmangels.   Im Büro erfuhr ich von unserer Sekretärin, dass Herr A. (auch Teil des Presbyteriums) in der Nacht überhaupt nicht geschlafen hatte und nun alles hinschmeißen möchte, es flossen sogar Tränen. Herr A. und ich waren nie richtig befreundet, aber zwischen uns herrschte eine unausgesprochene, tiefe Grundsympathie. Seit der Sitzung vor zwei Wochen habe ich ihn nicht mehr gesehen, es fällt auf, wenn er in den Gottesdiensten fehlt. Kommt er jetzt nie wieder?  Vielleicht zieht er sich nun zurück und vielleicht ist das jetzt gut für ihn. Auch das muss ich aushalten, wider dem Reflex es irgendwie wieder gutmachen zu wollen. Ich gehe ja doch. Auch deswegen war ich dankbar, in der letzten Woche zu einer Fortbildung fahren zu können und der ganzen Trauer für ein paar Tage zu entfliehen. Der Trauer der anderen, aber auch meiner eigenen.

Heute Abend fahre ich zurück in die Gemeinde und den Soundtrack werden „Torpus & The Art directors“  bilden. Als Ulf und ich noch ganz frisch zusammen unterwegs waren, konnte ich erst gar keine Musik hören, weil ich so unfassbar nervös war. Die erste CD, die ich beim Autofahren überhaupt ertragen konnte, war „From Lost Home to Hope“ von Torpus. In meinen ersten Wochen im Dienst in der Gemeinde  habe ich ausschließlich diese Musik im Auto gehört. Nun singt es seit 14 Tagen in mir immer mal wieder „Sad, sad, sad,  oh sad..“, ein Torpus-Song, nur welcher?  Eben fragte ich den Liebsten (der kann sich so Sachen besser merken) und seine Antwort war: „The Leaving“. Das erste Lied auf dem Album.

 

Pfad-Finderei

Letzte Woche stolperte ich bei Facebook über das Foto eines Kleinwagens (nichts Ulfiges, sondern glänzend und neu), der gerade eine ziemlich steile Treppe hinunterbretterte. Unterschrift war: „Sie folgte dem Navi“. Natürlich störte mich sofort das Sie. Als ob nur weibliche Fahrerinnen einen schlechten Orientierungssinn hätten! Perfide, in Humor verpackte Diskriminierung, zum Kotzen.

Dieses Bild würden viele meiner Gemeindeglieder total witzig finden, Männer und Frauen. Seufz. Eine Dame aus dem Presbyterium behauptet hier auch  allen Ernstes, sie würde als „Lehrer“ arbeiten. Eine andere, nur wenig älter als ich, kauft für ihre Nichte ausschließlich rosa Kleidung und Spielzeug – weil sie so eine kleine Prinzessin ist. Die Gender-Debatte findet man an diesem vergessenen Fleckchen Erde absonderlich, wenn man sie überhaupt irgendwo findet – es wird nämlich nicht gegendert. Außer natürlich, ich kann mitmischen: die für den Gemeindebrief  beigesteuerten Artikel werden ausnahmslos korrigiert (*innen!) und an das Wort Jüngerinnen in meinen Andachten und Predigten, sowie den inklusiven Segen  haben sich scheinbar alle gewöhnt. Doch, ich versuche auch meinen Bildungsauftrag irgendwie ernst zu nehmen. Zu Beginn meiner Zeit hier meinte auch jemand zu mir: „In dieser Gemeinde sind die Frauen die Starken“ – so lebensfern ist das alles also gar nicht.

Was sonst noch nervt,  ist mein Orientierungssinn. Ich würde dem dämlichen  Klischee so gerne widersprechen, aber verdammt noch mal,  wenn mein Weg sich  gabelt und ich mich für eine Richtung entscheiden muss, dann geh ich mit trauriger Gewissheit in die falsche (auch wenn ich das weiß und extra versuche, anders zu laufen). Also lebe ich in ungesunder Abhängigkeit vom Navi in meinem Telefon und vom Netzempfang. Ist es übrigens zu fassen, dass ein Netzanbieter in meinem Ort seit einem halben Jahr den defekten Sendemast nicht repariert? Man lebt so abgehängt in der Pampa! Jedenfalls,  kurz nachdem ich den blöden Facebook-Post gesehen und beärgert hatte, war ich auf dem Rückweg von einer Beisetzung hin zu einem Gemeindecafé. Die Zeit war knapp, weil die Familie zum Kaffeetrinken danach wirklich spät dran war, 15 Minuten habe ich vor der Gaststätte gewartet. Die belegten Brote auf den Tischen wurden später wohl von anderen gegessen (man ließ sich auch Zeit damit, die Tafel zu eröffnen), ich raste zu diesem Zeitpunkt schon  an Feldern und Wäldern vorbei Richtung Dorf G.

Über die große Landstraße kenne ich den Weg dorthin. Fahrzeit ca. 20 Minuten, ich würde also mindestens 10 Minuten zu spät kommen. Ich kann es überhaupt nicht leiden, zu spät zu kommen, zur Sicherheit befrage ich das Telefon und siehe da:  es zeigt mir eine unbekannte Strecke hinten über Dorf F, die mich noch pünktlich ankommen lässt. Schon hier hätten bei mir alle Alarmglocken angehen sollen,  aber stattdessen denke ich: yeah, dann los! Das denke ich auch noch, als das Navi mich auf den breiten Sandweg am Feld entlang schickt – irgendwo wird ja wohl wieder eine befestigte Straße kommen. Auch als ich minutenlang Waldwege mit kratertiefen Schlaglöchern entlangholpere (der arme Ulf!)  lasse ich mich nicht entmutigen, das Navi wird es schon wissen. Das Ziel nähert sich auf dem Display unaufhaltsam (komme immer noch pünktlich!), ich fahre mitten im Wald an Teichen und Wanderwegen vorbei (ganz nett eigentlich) und stelle mich darauf ein, bald die ersten Häuser in der Ferne zu sichten. Als das Navi dann behauptet, ich sei am Ankunftsort angekommen, steht rechts von mir ein kleiner Nadelwald und links von mir ein großer Nadelwald, dazwischen Farne, viele Farne. Von Dorf G keine Spur – laut Navi bin ich im Dorfkern, pünktlich um 15 Uhr. Irgendetwas ist offensichtlich  fatal schief gelaufen (gefahren?),  liegt es am Netz? An der Karten-App? Etwa an mir? Ulf und ich wenden, ohne einen Baum umzunieten und darüber bin froh, ich weiß nicht wie ich irgendjemandem hätte den Weg erklären sollen. Dann erinnere ich mich an eine Weggabelung mit Schildern  und rumpele eilig zu ihr zurück. Ich könnte nun zurückfahren, wie ich gekommen bin, aber dann würde ich mindestens 15 Minuten verlieren. Oder ich folge ganz altmodisch analog  dem Schild, das nach Dorf G zeigt. Risiko! denke ich und los gehts. Das Navi behauptet derweil, dass ich noch 25 Minuten bis zum Zielort bräuchte, aber ich fahre unbeirrt weiter. Ulf macht zwischendurch komische Geräusche (bis heute, er nimmt mir die Fahrt noch übel, glaube ich), ich schwitze und versuche, Ulf wenigstens die tiefsten Löcher zu ersparen. Am Ende des Weges tauchen nun tatsächlich Häuser auf! Aus dem Weg wird endlich eine Straße, nur welches Dorf ist das hier? Kurz stelle ich mir vor, ich hätte ein noch unbekanntes Dorf fernab der menschlichen Zivilisation entdeckt, doch kurz darauf sehe ich das schon ziemlich verfallene Gemeindehaus und stelle fest, dass das Dorf fernab der Zivilisation zu meinem Gemeindegebiet gehört. Gott sei Dank! So sehr habe ich mich noch nie gefreut, in Dorf G angekommen zu sein. Kaffee, Kuchen und die  vier alten Damen erfüllen das Klischee, aber das ist ok. Echt ok.