Neues Jahr, neuer Wahnsinn

Nach dem Weihnachtsirrsinn und Silvestertrubel war an diesem Wochenende endlich etwas Zeit für Quality-Time mit den Mädels (die nach wie vor zwar aus den Augen, aber überhaupt nicht aus dem Sinn sind). Das war auch dringend nötig. Obwohl die Weihnachtsdienste in der neuen Gemeinde deutlich anders sind als noch auf dem Land (weniger Krippenspiele und Fahrerei, überhaupt weniger Dienste), waren sie doch auf ihre Weise kräftezehrend. Nicht nur, weil alles hier noch ungewohnt und ungeübt ist (ich habe tatsächlich etwas gefremdelt mit all den unbekannten Menschen bei der Christvesper und hatte Heimweh nach meiner ersten Gemeinde), auch weil Gottesdienst vorbereiten und Gottesdienste feiern irgendwelche energetischen Sachen mit einem macht.

Die ersten Dienst-Tage im neuen Jahr waren zwar noch relativ ruhig, aber der schon jetzt prall gefüllte Kalender konnte sich so ungestört gedanklich zu einem schönen Scheinriesen aufbauen und ekligen Stress auslösen: OhGottderGemeindebriefder Ehrenamtsempfangdie Konfizeitdie Taufen im Januarder Kindergottesdienstdie junge GemeindediePresbyteriumssitzungderArbeitskreisdieKitaandachtendernächsteGottesdienstdieAndachtdieSeniorenkreisedieBaustelledieGeflüchtetenunterkunftWaaaah. Von wegen frischer Neuanfang, hier war mehr so Neujahrsdepression. Dazu kam dann noch Herzschmerz, weil ich mich demnächst von Ulf trennen muss. Der ist explosionsgefährdet (deswegen roch er innen manchmal so komisch nach Benzin, ich hatte mich schon etwas gewundert) und eine Reparatur lohnt sich nicht mehr. Ich hatte wohl ganz schönes Glück dass mir (und anderen) mit ihm nichts passiert ist. Trotzdem doof, ich habe noch vor wenigen Wochen einem Freund glaubhaft versichert, dass ich niemals ein anderes Auto würde fahren wollen. Niemals. Tja..

Deshalb also: Flucht zu lieben Menschen. In diesem Fall zu Julia, die mittlerweile in einer Studierendenstadt Pastorin ist. Unsere Frederike war leider dienstlich verhindert (immer diese Gottesdienste, tzzzz), aber dafür kam Jana angereist mit einer beachtlichen Babykugel.

An einer Wand in Julias Badezimmer hängen Postkarten und Fotos, u.a eines von ihr, Frederike, Jana und mir auf einem Steg an dem großen Fluss in der Stadt, in der wir für ein paar Semester gemeinsam studiert haben. In einem Knäuel hängen wir da alle aufeinander und schauen unbeschwert und fröhlich in die Kamera. Fast kann man uns gackern und juchzen hören. Seinerzeit konnte ich noch ganz bequem mit dem Rad zu Julia oder Jana tüdeln, auf ein Bier und Musik machen am Abend (Julia), bzw. auf Sekt und Kippen auf dem Balkon (Jana). Heute braucht es entweder einen Ulf (ach, ach…) oder eine lange Fahrt mit ICE und Öffentlichem Nahverkehr und mindestens ein für alle predigtfreies Wochenende, oder eben Mutterschutz, damit wir uns sehen können. Und wir trinken alkoholfreien Sekt (Jana) und viel Tee und Kaffee, und ein wenig Rotwein. Mehr als wenig Rotwein vertrage ich auch nicht. An Silvester hatte ich das (nach dem Gottesdienst und in geselliger Runde bei Anna) vergessen und einfach viel getrunken, was lecker war und Spaß gemacht hat, aber doch unangenehme Folgen hatte (zum Glück kein Dienst an Neujahr).

Davon erzählte ich Julia und Jana gestern, während wir gemütlich und entspannt im Wohnzimmer herumlümmelten. Wenn Pfarrmenschen zusammen kommen, geht es auch oft um den Wahnsinn im Dienst (ihr habt vielleicht auch schon irgendwo davon gelesen :-P), davon gibt es ja auch eine ganze Menge. Jana und Julia haben da auch so ihre Stories zu bieten und wir erfanden für unsere Gesprächsbeiträge den schönen Titel „Kotz – und Motzgeschichten“. Die Maus war gestern, hier kommt der Kater. Ein paar Auszüge für euch:

Jana hat es nach einer Beisetzung erlebt, dass ein Angehöriger sich Wochen später am Telefon darüber beschwert hat, dass sie beim Singen nicht stand und nicht in die Gemeinde geguckt hat und ihre Haare angeblich die Sicht auf ihr Gesicht verhindert hätten.

Julia hat von ihrem Vorgänger einen Hausmeister geerbt, der keine Dienstbeschreibung hat, Vollzeit angestellt ist, aber immer um 14 Uhr seinen Dienst beendet, um seinem Zweitjob nachzugehen.

Jana hat einen Kollegen der sich weigert, einen gemeinsamen digitalen Kalender zu nutzen und der niemals seinen freien Tag einlöst.

Frederike war zwar nicht anwesend, aber ihre Motzgeschichten (wir telefonieren regelmäßig) haben es dafür besonders in sich. Sie wurde tatsächlich einmal von einem Gemeindeglied als „Enttäuschung“ beschimpft.

Man macht schon ganz schön was mit. Aber natürlich nicht nur mit so Nervkram. Es gibt auch genügend Lach – und Sachgeschichten im Leben von Pfarrmenschen, sonst würde ja niemand diesen Wahnsinn aushalten. Und jede*r könnte damit mindestens einen Blog füllen. Oder einen Roman, oder das Skript für eine Serie. Aber das ist hier ist mein Blog und deswegen hier zum Schluss ein paar schöne Blitzlichter aus meinen letzten Wochen:

Eine Postkarte von Frau S. Aus Dorf G meiner alten Gemeinde: Wir vermissen Sie so. Schöne Grüße von unserer Kaffeerunde, ich drücke Sie, Ihre Frau S.

Eine Weihnachtskarte von einer Familie aus der neuen Gemeinde: Wir sind froh, dass du jetzt zu uns gehörst. Frohe Weihnachten!

Dass jemand aus der neuen Gemeinde Ulf mit mir in die Werkstatt abgeschleppt hat.

Wie sich meine Konfis in der WhatsApp-Gruppe alle gegenseitig ein frohes neues Jahr gewünscht haben (die gehen so süß miteinander um).

Das Weihnachtsfestessen, das meine Mutter uns gekocht hat am 1. Weihnachtsfeiertag.

Dass manche aus der Gemeinde noch Tage später Themen aus meiner Predigt aufnehmen und miteinander darüber reden.

Dass ich fantastische Menschen in meinem Leben habe, die mir das Herz wärmen und mich mit Kotz- und Motz und Lach – und Sachgeschichten, aber vor allem mit unendlich viel Glück und Liebe erfüllen.

Insgesamt also ganz schön viel Segen. Schöner Wahnsinn. Halleluja!

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trial and error

Ich bin schon lange der Meinung, dass alle Menschen im Pfarrdienst (sicherlich auch in anderen Berufsgruppen) selbstverständlich und zu jeder Zeit Entspannungsmassagen verdient hätten. Für so einen personal Physiotherapeuten oder eine Therapeutin wäre ich eine sichere Einkommensquelle und zudem eine berufliche Herausforderung. Schließlich sitze ich die ganze Zeit nur rum: am Schreibtisch, wenn ich mit Ulf unterwegs bin (der mit der Zeit leider sehr unbequem wird), bei Kasualgesprächen auf irgendwelchen Küchenstühlen, Sofas und Sesseln und natürlich bei den obligatorischen Stuhlkreisrunden in Konventen und Gesprächsrunden. Nur in Gottesdiensten stehe ich ab und an auf. Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, dass ich hinterher immer so unendlich müde bin? Dazu kommt, dass ich für gewöhnlich ein wirklich ganz träger Haufen bin (ach, Gisbert) und Sport nur im äußersten Notfall (nach Stunden keine Predigtidee oder abgründig schlechte Laune, die bald in Menschenhasserstimmung umschlagen könnte) mache. Ergebnis: null Sportlichkeit und gerne Rücken. Vor allem natürlich, wenn in der Gemeinde und bei mir viel los ist. Gerade ist viel los und da ich immer noch keinen personal Massagemenschen habe (was ich fatal finde!) musste ich mir jemanden suchen. Die Idee war gut, meine Wahl ungünstig, das Experiment darf als gescheitert betrachtet werden.

Erste Erkenntnis: keine Physiotherapeuten im Gemeindegebiet aufsuchen.

Der Behandelnde wurde mir von unserer Sekretärin empfohlen. Sie meinte schon, er sei speziell, wie auch seine Praxis, aber man bekomme schnell Termine. Die erste Frage des Physiotherapeuten an mich lautete dann auch: Geht es Ihnen gut bei uns? Werden Sie hier bleiben? Zu der Zeit lag ich schon halbnackt auf einem steinharten Frotteetuch auf der Liege und erwartete eigentlich die ultimative Entspannung. Ich brummelte so uneindeutig vor mich hin, wie es mir möglich war. Dann erzählte der Therapeut von Dorf G und meiner letzten Beisetzung dort (hatte ich schon wieder vergessen) und was die Leute über mich reden. Dann erklärte er mir seinen ganzheitlichen Ansatz: reden hilft. Wir müssen dahin kommen, wo die Verspannung herkommt. Das war der Moment, in dem ich hätte gehen sollen. Bin ich aber nicht. Die Massage hatte noch gar nicht richtig angefangen.

Zweite Erkenntnis: als Pfarrerin ist man (auf Gemeindegebiet) niemals nicht die Pfarrerin.

Wenn nicht ich irgendetwas Belangloses erzählte (auch darüber muss man ja nachdenken), sprach er, Reden hilft wohl in beide Richtungen. Und schwupp, war ich nicht etwa Einkommensquelle oder Patientin mit Mitleids-erregender Rückenmuskulatur, nein ich war die Seelsorgerin (crap) und für den Moment diesem Menschen und seiner Lebensgeschichte ausgeliefert. Ehe, Kinder, Erfahrungen mit der Kirche, mit dem Islam, mit dem Ort, mit den Leuten, Pfarrern aus der Nähe. Als er den linken Fuß massierte, kam er auf eine Predigt von mir zu sprechen, in der ich behauptet hatte, dass Gott auch weibliche Züge trägt und ein rein männliches Reden von Gott eine Engführung sei. Ganz schwierig, hat mich lange beschäftigt. Ganz schwierig, fand ich gar nicht gut sagt er, und knetete meinen Fuß nachdrücklich. Vielleicht gibt es Exemplare unter Theologinnen und Theologen, die an solcherlei Diskussionen immer ihre Freude haben, ich bin da anders. Statt lässig professionell zu reagieren und ihm irgendwie den Wind aus den Segeln zu nehmen, sah ich mich gezwungen auszuholen (Gott, die Schöpferkraft..die Quelle…Vater und Mutter..)  und zu erklären (kein Bildnis… ), schließlich sogar zu diskutieren (Gott ist anders!), aber alles sehr widerwillig und ohne nennenswerte Reaktion des Therapeuten. Am Ende der Massage war auch ich mit meinem Latein am Ende und ging verstimmt nach Hause.

Dritte Erkenntnis: aus manchen Nummern kommt man nur schwer wieder raus.

Wie verklickert man dem ortsbekannten Physiotherapeuten, dass man nicht mehr zu ihm will, ohne ihm vor den Kopf zu stoßen? Mir war ja schon aufgefallen, dass er gerne viel erzählt. Was, wenn er zukünftig in seine Anekdoten auch ein bisschen Pfarrerin-gossip untermischen würde?  Haben Physiotherapeuten eigentlich auch Schweigepflicht? Ich rätselte und rätselte und kam zu keiner rechten Lösung, dafür zu wenig Schlaf.

Letzten Sonntag tauchte er dann tatsächlich in Begleitung seiner Frau im Gottesdienst auf. Danke, Chef, dachte ich bei mir und schnappte ihn mir am Ausgang und erklärte, warum ich nicht mehr zu ihm wolle (Rollenkonflikt, die Methode etc.). Auf einmal bot er mir doch Massagen in Stille an, was ich dankend ablehnte (doch was gelernt!). Wir verabschiedeten uns freundlich, ich war sehr erleichtert und dann fiel ihm doch noch was ein und er hob den Zeigefinger, während er sprach:  Aber wir haben doch auch Lieder gesungen, wo wir vom „Herren“ gesungen haben. Ich habe genau darauf geachtet, hatte ich also doch Recht!  Ich seufzte und mir entwich ein Ja,ja  während ich zur Tür  entschwand, um die Sachen für den nächsten Gottesdienst zu packen.

Herbstzeitlose

2,5 Jahre bin ich jetzt hier im Pfarrdienst auf dem Land. In der Pfarrer*innen-Welt ist das vergleichsweise nur ein winzig kleiner Pups. Manche meiner Kollegen aus der Region sind schon 20 Jahre auf ihrer Stelle. In meiner Vorstellung ist das eine unglaublich lange Zeit. Andererseits ist es mit dem Zeitempfinden im Amt irgendwie schräg: Um etwas Neues in der Gemeinde (oder überhaupt bei Kirchens) zu starten und etwas zu verändern braucht es schon ein paar Jahre (mindestens fünf meinte mein Mentor), viel länger als anderswo. Gleichzeitig rasen die Wochen und Monate als Pfarrer*in  nur so an einem vorbei. Ich wette, die 20 Jahre fühlen sich für die Kollegen höchstens an wie sieben Jahre, die allerdings mit Erlebnissen aus 50 Jahren gefüllt sind.

Manchmal ist schon ein einziger Tag so bunt und voll und  irre, dass man darüber einen Roman schreiben könnte. Oder einen Blogeintrag.

Für gestern hatte ich mir viel vorgenommen: erst ein Besuch im Krankenhaus,  dann ein Kasualgespräch für eine Jubelhochzeit, danach eine Traueransprache schreiben (der Herbst greift um sich) und abends dann auf den Ball des Fördervereins zu gehen.

Ich fahre etwas zu spät los in Richtung Krankenhaus, weil ich für Knut Tafel noch die Lieder für den Sonntagsgottesdienst rausgesucht habe. Und weil ich noch Oblaten im Archiv für den Abendmahlskoffer finden (und passend in ihm unterbringen) musste. Die Krankenschwester erwartet mich gegen halb elf, wir haben morgens noch telefoniert. Es ist mein erster Besuch dort und für mich fast eine halbe Stunde Ulffahrt – da wollte ich mich besser vorher anmelden.

Auf der Fahrt merke ich, dass ich emotionaler als sonst bin. Nervös und aufgeregt und auch besorgt. Ich mag diesen Mann, dem es seit ein paar Wochen zunehmend schlechter geht. Ein paar Mal habe ich ihn in seinem Häuschen besucht, er hat einen traumhaften Garten in dem alles grünt und blüht, direkt neben dem Pfarrgarten. Ich finde ihn sehr tapfer, seit Jahren kämpft diese kleine Person mit den wachen brauen Augen gegen den Krebs. Als ich ihn zuletzt gesehen habe (vor einer Woche), lag er im Wohnzimmer auf der Couch und war kaum wieder zu erkennen, so schmal war er geworden. Während unseres Gespräches hielt ich die ganze Zeit seine Hand, oder er meine. So viel Stärke in so dünnen Fingern, oh man. Ich schlug Herrn B. vor, bald wiederzukommen und gemeinsam Abendmahl zu feiern. Seine Augen leuchteten auf  Ja, vielleicht gibt mir das noch die Kraft, bis Weihnachten durchzuhalten.  

Ich finde am Krankenhaus keinen Parkplatz, alles rappelvoll. Was ist hier denn los? Wieder denke ich, dass Seelsorgende doch einen extra Spot für ihre PKWs haben sollten.  But no, Ulf und ich müssen uns in der Nebenstraße platzieren, doof. Mit dem eleganten Abendmahlskoffer in der rechten Hand fühle ich mich optisch seriös, der neue hipsteresce Rucksack jedoch könnte diesen Eindruck wieder schmälern, aber egal. Ich eile zum Eingang zu „Every breathe you take“ von The Police (ungelogen, just in diesem Moment fällt mir auf, wie strange dieser Song in diesem Zusammenhang ist). Die Musik schallt von der immens großen Bühne auf dem Platz vor dem Eingang, daneben Bude an Bude, Bänke, eine Springburg inklusive quietschender Kinder und alles voll mit Leuten. Krass, voll die Action hier, Tag der offenen Tür oder so. Vielleicht ist das ganz schön für die Patienten, dass hier auch mal was los ist. Oder es nervt einfach nur gewaltig. Wie es wohl Herrn B. damit geht? Nachdem ich erst auf der falschen Station (alles voll mit Leuten!!) nach Herrn B. gesucht habe, finde ich das richtige Stockwerk und den Flur zu seiner Station. Endlich!

Plötzlich sind da zwei bunt-schrille Krankenhaus-Clowns direkt vor mir und fragen, was in dem Koffer ist. Sie duzen mich. Ich überlege kurz, ob ich das jetzt unhöflich oder übergriffig finden soll und ob ich überhaupt noch Zeit für so einen Quatsch habe (Herr B. wartet sicherlich schon) und lasse mich widerwillig auf die beiden ein. Mir sind Clowns immer schon unheimlich. Die Mischung aus Mitleid, Irritation und  leichter Furcht, die Clowns bei mir auslösen, überfordert mich. Vielleicht bleibe ich deshalb stehen und zeige, was sich in meinem Koffer verbirgt: der kleine Kelch, das Kreuz aus Holz, Kerzenständer, Kerzen, ein Feuerzeug,  die Patene und die Oblaten von vorhin. Aufgerissene Augen, großes Staunen, Theatralik auf dem Krankenhausflur, Ohhhh, Ahhhh, toll.

Ich frage nach, wen sie schon besucht haben und ob sie wohl auch schon bei Herrn B. waren. Die Clowns tauschen einen bedeutungsvollen Blick aus, eine zückt einen Zettel, tippt auf etwas Unlesbares, zeigt mir den Zettel und meint, dass sie nicht bei Herrn B. gewesen wären, weil Herr B. laut diesem Zettel schon verstorben sei.  Ähhh, wie bitte? Aber das wüsste ich doch. Ich hab doch noch die Schwester angerufen heute morgen und die meinte, ich könnte gut heut vormittag… Das kann doch gar nicht sein!  Obwohl ich den beiden keine bösen Clownsabsichten unterstelle, glaube ich ihnen reflexartig kein Wort. Das ist bestimmt ein Missverständnis, ein Irrtum. Herr B. ist da sicher in irgendeinem Zimmer und freut sich schon auf meinen Besuch und das Abendmahl. Eine der Clowns schenkt mir zum Abschied einen rot glitzernden Stern, der mir Mut machen soll oder so. Ich klebe ihn auf den Koffer, finde eine Schwester und frage, wo Herr B. liegt.

Sie: Gleich vorne rechts, können Sie gerne reingehen. Ich: Und wie geht es ihm? Ist alles in Ordnung? Diese Clowns da meinten, irgendjemand sei gestorben, aber Herrn B. geht es doch gut oder? Ich hab doch noch angerufen heute früh.  Sie:  Ja, ja ich weiß, Wir haben telefoniert. Heute Nacht ist er gestorben. Eben war sein Sohn da und hat die Sachen abgeholt.

Zack. Für einen Moment bleibt die Zeit stehen. Ich realisiere, dass ich zu spät gekommen bin, viel zu spät. Die Clowns hatten wirklich Recht. Scheiße. Der arme Herr B., die arme Frau B., das wird schlimm werden alles. Oh je. Oh je. Ich war noch nie mit einem verstorbenen Menschen alleine in einem Raum. Überhaupt habe ich bis jetzt erst einen einzigen Toten gesehen. Mir wird mulmig. Gleich vorne rechts liegt er also. Ich nehme den nutzlosen Koffer, gehe  ein paar Schritte, hole tief Luft und öffne die Tür.

Eine LED-Kerze flackert, Herr B. liegt in seinem Bett, eine rote Blume auf der grün gestreiften Bettdecke, Fotos der Enkelkinder in Sichtweite. Tatsächlich, als würde er schlafen. Ich stelle Rucksack und Koffer auf den Boden und setze mich links neben ihn. Bis auf das leise Ticken einer Uhr ist es ganz still im Zimmer. Man sieht Herrn B. nicht an, ob er sich hat quälen müssen, aber ich weiß von der Schwester, dass es nicht leicht für ihn war. Oder er hat es dem Tod nicht leicht gemacht, was ich für wahrscheinlicher halte. Ich bleibe eine ganze Weile bei ihm und bete, halte Stille, singe ein paar Zeilen, segne ihn ein letztes Mal und ein allerletztes Mal, dann wieder Stille. Fast wundert es mich, dass er nicht doch zwischendurch atmet. Gut, dass ich erst im Krankenhaus von seinem Tod erfahren habe. Wahrscheinlich wäre ich sonst nicht hingefahren.

Ich nehme meinen Koffer und den Rucksack und gehe über das Treppenhaus ins Erdgeschoss. Uff. Auf dem Weg werfe ich einen Blick aus einem Fenster nach unten auf das wilde Treiben und  erkenne den hünenhaften Vater von Flo, meinem Konfirmanden aus dem letzten Jahr an einem Stehtisch vor der Bühne. Flo sitzt mit seiner Posaune inmitten eines großen Blasorchesters auf der Bühne. Ich beschließe, noch kurz bei den beiden vorbei zu schauen.

Als ich den Koffer und den Rucksack unter den Stehtisch stelle, ist es halb zwölf. Das Orchester spielt Filmmusik (die Trommeln! Das Xylophon! So viel Action!), Flos Vater bringt heißen Kaffee, mich durchströmt tiefe Dankbarkeit. Die Krankenhaus-Clowns tragen eine unfassbar bunte Torte vorbei und bieten mir ein Stück an, aber ich mag jetzt nicht. Ich könnte schwören, in ihren Blicken war auch eine Spur Traurigkeit.

Fortsetzung folgt.

Landleben live

Im Sommer letzten Jahres hatte ich Besuch von einer Freundin, die sich mit ihrem Söhnchen ein paar Tage Auszeit von der Großstadt nehmen wollte. Meine Gegend bietet sich auch tatsächlich an für Urlaube. Je nachdem in welchem Dorf man sich aufhält, behaupten die Anwohner*innen, bei ihnen um die Ecke befände sich der schönste See der Welt (bisher habe ich drei schönste Seen der Welt bebadet, einer schöner als der andere, obwohl das gar nicht möglich sein sollte). Außerdem befinde ich mich quasi mitten im Wald, man kann stundenlang spazieren gehen und keine Menschenseele treffen, stattdessen findet man unterwegs unter Umständen Füchse, Rehe und Hirsche, Hasen, auch Elche wurden hier schon gesichtet (leider nicht von mir). Mit jener Freundin und deren Kind fuhren wir mit Ulf in das Dorf von Herrn Fritz, auch dort gibt es eine schöne Wanderstrecke in der Nähe eines (Überraschung!) schönsten Sees der Welt.

Auf dem Weg dorthin kommt man durch viele Dörfer, die zu meinem Gemeindegebiet gehören und zu jedem Ort wollte ich der Freundin, die zum ersten Mal zu Besuch war, alles erzählen: „Schau mal, hier ist der Ort mit dem Schloss und den ehemaligen Straßenkindern und den tollen Seminaren.[…] Und hier an der Ecke bei den Enten wohnte diese faszinierende alte Frau mit den unglaublich blauen Augen, die ich vorletztes Jahr beigesetzt habe. [..] In dieser schnuckeligen Kirche hier feiern wir immer Reformationsgottesdienst! Da ist der Gemeinderaum und da gibt es dann fast immer Kuchen und Kaffee und diese leckeren Schmalzbrote von Frau Blume. […] Und hier war das mit dieser Taufe, wo das eine Kind nicht wollte und ich  dachte, ich müsste..“ Zwischen den Anekdoten fuhren wir an Wäldern, Seen und Feldern vorbei, die Straßen mal besser und mal schlechter und plötzlich sagte die Freundin staunend und nachdenklich: „Was du eigentlich für ein Leben führst! Das ist so ganz… Anders…“

Und da fiel mir plötzlich wieder auf, dass der Pfarrdienst auf dem Land für eine Anfang 30jährige eine vergleichsweise abgefahrene  Angelegenheit ist, nicht nur wenn man Eigentümerin eines ramponierten Ulfs ist. Ich könnte ja auch in einer richtigen Stadt leben, mich abends mit Menschen aus meiner Peergroup treffen und in Kneipen auf Retrosesseln Craft Beer trinken und dann angetüdelt und entspannt  mit den Öffentlichen in meine Altbauwohnung mit Stuck fahren. Stattdessen sitze ich mit meiner neuen Mitbewohnerin Franka auf der kleinen grünen Couch im pfarrhäuslichen Wohnzimmer, streiche ihr ab und an über den Kopf und trinke statt Bier Tee (Pfarrer*innen und Lehrer*innen sind angeblich besonders gefährdet, dem Alkohol zu verfallen, mit dem Alleine-Trinken fange ich deshalb besser gar nicht erst an).

Nach Weihnachten hat mich mein Bestatter zu sich und seiner Familie zum Reste-Essen und Biertrinken (rein gar nicht Craft, aber besser als nix) eingeladen und wir saßen auf riesigen Polstermöbeln vor einem noch riesigeren Flatscreen, auf dem nebenbei leise Traumschiff lief. Schlimmer wäre es nur mit dem Helene Fischer-Weihnachtsspecial gewesen, das ich gleich zweimal innerhalb von einer Woche in der Adventszeit bei Freunden mitgucken durfte (seufz). Mein Bestatter jedenfalls hat einen immens großen, schwarzen Hund der sich wahrscheinlich nicht mit meiner kleinen, rabenschwarzen Franka vertragen würde. Hier haben ja alle Hunde. Oder Kinder. Ich hingeben habe seit ein paar Wochen eine Katze.

Eine junge Kollegin, die mit Rahel und mir im Predigerseminar war, erzählte mir, sie und ihre Familie seien erst dann richtig in der Gemeinde angekommen, als sie sich Hühner angeschafft haben. Nun könne sie über ihr Federvieh smalltalken und peinliche Gesprächspausen bei z.B. Geburtstagsbesuchen seien passé. Sie ist damit in guter Gesellschaft:

Ein Pfarrer aus der Nähe, mit dem ich mich im letzten Jahr etwas  angefreundet habe, hält auch Hühner. Und Kaninchen. Und ein Pferd. Und Kartoffeln. Im Dezember war ich dort für ein paar Tage zu Besuch und just zu dieser Zeit schlachtete er diverse Hühner und einen Hahn, mit der Axt, im Hof, auf einem Holzbock. In der Küche lagen dann die gerupften Tiere kopflos auf der Arbeitsplatte und sahen seltsam dürr aus. Durchaus gewöhnungsbedürftig, aber ich finde wer Fleisch isst, kann auch ruhig wissen wo es herkommt und muss das dann auch aushalten können.  Ich guckte also scheu- interessiert zu, roch (igitt) und befühlte u.a. eine Hühnerniere. Jener Kollege geht auch gerne auf die Jagd, wobei er vor allem das Warten auf den Kanzeln und die Atmosphäre im Wald mag. Und die Geräusche der Natur. Mit ihm, seiner Frau  und dem hiesigen Förster  hörte ich letzten Herbst zum ersten Mal das Röhren der Hirsche zur Brunftzeit. Absolut irre! Es klingt mehr außerirdisch als natürlich. Ich stand da im dunklen Wald und begriff mit einem Mal, dass diese Natur und ihre Kreaturen ja auch in dieser Welt leben, ihren Raum für sich beanspruchen und einen ganz eigenen Alltag haben. Es kam mir vor, als hätte ich ein Paralleluniversum entdeckt, Gänsehaut! Auf dem Heimweg sah ich dann einen riesigen Hirsch auf der Straße (zum Glück auf der anderen Seite), der Ulf und mich seelenruhig  beim Vorüberfahren betrachtete. Klar, wer hier der Chef war.

In den großen Städten mit den Kiosken, die immer auf haben,  kann man diese glänzenden Magazine kaufen die „Landliebe“ oder so heißen. Scheinbar liege ich mit meinem Leben auf dem platten Land voll im Trend. Ich bin quasi Vorreiterin des Trendes. Ohne tatsächlich reiten zu können, aber mir fallen spontan mindestens drei Gemeindeglieder in meinem Wohnort ein, bei denen ich etwas dagegen unternehmen könnte. Pferdemädchen mit Anfang 3o? Alles ist möglich.

„Der Herr ist auferstanden!“

„Der Herr ist (…) Er ist aufer(…) Wer ist auferstanden!?“

Meine Idee, die Gemeinde in meiner Hauptpredigtstätte am Ostersonntag miteinzubeziehen war gut. Doch die Gemeinde war nicht so weit. Beziehungsweise, sie war  einfach nicht da (Zeitumstellung? Osterbrunch?). So rief ich dann dem versammelten Häufchen Gemeinde von ca. 30 Menschen zu: „Der Herr ist auferstanden!“ und  das Häufchen antwortete zunächst mehr widerwillig als österlich erfreut. Sie wurden erst richtig froh, als Konfirmand Flo vor dem Segen einen Osterwitz zum Besten gab. Es ging um Hasen, Eier, Schwänze und einmal im Jahr Kommen. Öhm, vielleicht hätte ich den Witz vorher abfragen sollen. Immerhin verließ die Gemeinde anschließend lachend die Kirche und so soll es ja sein.

Nun liegen die zweiten Osterfeierlichkeiten in dieser Gemeinde hinter mir und träge Müdigkeit macht sich breit. Seit Donnerstag war das Pfarrhaus voll (Freund und Familie, wir waren zu acht) und der Zeitplan knapp. Sechs Gottesdienste in sechs verschiedenen Ortschaften, dazu nebenbei das Ferienprogramm mit der Familie und ein Rest Erkältung.  Ein ganz schöner Balanceakt! Ich verstehe, warum Menschen behaupten, der Pfarrberuf sei familienfreundlich: man kann sich die Arbeitszeit schon einigermaßen so hinschieben, dass man viel zu Hause ist. Außerdem kann es sehr schön sein, die Familie miteinzubeziehen (wenn sie denn will):

Den Gottesdienst zum Tischabendmahl am Gründonnerstag schmeiße ich komplett mit Barbara, Greta und Stefan (jüngerer Bruder von Freund/großer Bruder von Greta). Eigentlich sollten meine Konfirmanden helfen, aber Max ist eine Häckselmaschine auf den Fuß gefallen (mega fies) und  Flo war zu lange beim Arzt und schaffte es nicht rechtzeitig zurück (weite Wege auf dem Land). Der Gottesdienst ist gut besucht, wir müssen noch Tische anbauen. Auch Greta (mittlerweile in der zweiten Klasse) liest zwei Gebete. Wie im letzten Jahr halte ich die Luft an, während sie liest: sie kommt durch, ohne Stocken, ohne Fehler, flüssig und herzergreifend schön. Als sie fertig ist, geht ein Seufzen durch den Raum. Alle sind bewegt.

Aber ich verstehe auch, warum Menschen behaupten, der Pfarrberuf und Familie passten überhaupt nicht zusammen:

Ich sitze abends um halb neun  im Arbeitszimmer am Schreibtisch und bedenke die Liturgie für Ostersonntag. Es klopft an der Tür und Greta steckt ihren Kopf herein: „Saraaaa?  Wie lange musst du noch arbeiten? “ „Noch so 15 Minuten, ich komm gleich!“ Während ich die Daten für die Abkündigungen zusammen suche, höre ich die Bagage nebenan lachen und mit Schnaps anstoßen. Ich will auch Schnaps. Und dabei sein. Dann bemerke ich, dass am nächsten Tag ja  Abendmahl gefeiert wird und ich meinen schick ausgedruckten Ablaufplan (Reihenfolge der Gesänge mit Noten und Texten) aus meinem Gottesdienstbüchlein unlängst für Notizen zweckentfremdet und rausgenommen hab und ich die Noten noch mal neu kopieren  und einheften muss. Vielleicht könnte ich das Ganze auch auswendig, aber gerade an Ostern, wenn die Kirche voll ist (ach ja..) will ich das nicht ausprobieren. Zudem tendiere ich seit einigen Wochen dazu, selbst für meine Verhältnisse, unfassbar viel durcheinander zu bringen: Den Kurzurlaubsbeginn Anfang März (Freitag oder Donnerstag?), das Gemeindecafé bei Herrn Fritz (hatte Vertretung für mich organisiert,  das aber erst bemerkt als ich dort angekommen  bin *mööp*),  in Dorf F wartete man umsonst auf mich. Also auf Nummer sicher: Abendmahl reloaded für das praktische A5-Mäppchen. „Saraaa! Wir wollen Skip-Bo spielen! Kommst duuu?“ Nach 45 Minuten bin ich endlich fertig und das Mitspielen lohnt sich: ich gewinne.

Jetzt sitze ich wieder alleine in meinem großen Pfarrhaus und es ist seltsam still. Am Vormittag war ich im Büro so beschäftigt, dass ich mich gar nicht richtig von der Familie verabschieden konnte. Die Feuerstelle im Garten ist jetzt noch warm und zeugt von der ostermontäglichen, monströsen Gartenaktion der Familie: zwei Beete wurden frühjahrsfein gemacht, diverse Bäume und Sträucher zurückgeschnitten und die wilde, ausufernde Brombeere dem Erdboden gleich gemacht.Plötzlich ist (noch mehr) Platz für Gartenmöbel. Ich brauche Gartenmöbel!  Eben habe ich zwei Johannisbeersträucher eingepflanzt, die wir gestern vor dem Feuer gerettet haben. Mehr Obst, mehr Schnaps! Ich freue mich auf den Sommer, wenn ich meinen Geburtstag mit einem Mini-Festival im Pfarrgarten groß feiern werde  – mit Freund, Familie, der Gang, meiner Band und lieben Menschen, die ich seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen habe.

Eben habe ich mit Rahel telefoniert, sie ist seit Januar auch Pfarrerin im Probedienst und hat ihre Familie im Gegensatz zu mir ständig da. Ihr Liebster bleibt zuhause und kümmert sich um die zwei Kinder und den Haushalt. Wie die beiden das anstellen und wie es dabei läuft ist hier nachzulesen:  www.sonnenklauberin.wordpress.com und herrpfarrfrau.de.

Ich freue mich aber auch, wieder Ruhe zu haben. So komme ich endlich wieder zum Bloggen! Seid gegrüßt, ihr lieben Lesenden: „Der Herr ist auferstanden!“ …

 

 

Die erste Konfifreizeit

Drei Treffen zur Vorbereitung à drei Stunden für drei Tage Konfifreizeit: schon bevor ich zugesagt habe, mit zur Jugendherberge Fliegenstädter Bach  zu fahren war mir klar, dass diese Freizeit ein Kraftakt werden würde. Selbst ohne einen einzigen Konfirmanden oder eine einzige Konfirmandin. Trotz der langen und langwierigen Vorbereitung unter uns Pfarrern und Pfarrerinnen („Ich will Räume gestalten!“ „Was denn für Räume – wir haben doch nur einen Gruppenraum..“ „Ich will mit denen Räume gestalten!“ „Und wie soll das für das Plenum gehen?“ „Ich will Räume gestalten.“) gab es an diesen drei Tagen einige Momente, an denen ich mich woanders hin gewünscht habe.

Die einzige weibliche Kollegin (mit der ich ein Zimmer und ein Doppelstockbett teilen musste – ich fahre da nie.Wieder.Hin.) kommt schwer erkältet mit Fieber an, versteht kein Wort (Ohren verstopft)  und kann kaum sprechen. Optimal für eine Horde von 40 Jugendlichen und das (nicht ganz unkomplizierte) Activity-Kennenlern- Spiel, das sie anleiten soll . Überhaupt – 40 Jugendliche: die sind ja unfassbar laut und schreien ständig rum! „Frau Hitchschmooooock! Wann geht es weiter?“ „Frau Hitchschmooooock. Haben Sie das Spiel verstanden? Was müssen wir jetzt machen?“ Hätte ich gewusst, dass ich Konfi-Namen auf Hebräisch würde aufschreiben müssen, dann hätte ich vorher nochmal in die Lehrbücher geguckt. Mein Gekritzel hat in keiner Sprache auch nur irgendeinen Sinn ergeben. Meinem Konfi Flo soll ich jetzt übrigens Latein-Nachhilfe geben. Seine Eltern denken, ich kann das. Omfg.

Dass ich am Sonnabend nachmittags noch eine Bestattung angenommen habe, gehört auch zu den weniger cleveren Aktionen bezüglich dieses Wochenendes. Wer hier schon etwas länger mitliest weiß, dass ich nach Bestattungen (und Gottesdiensten) immer unfassbaren Hunger habe und ebenso unfassbar müde werde. Bevor ich mit Ulf zu meinem Dorf F zur Bestattung losdüse, bitte ich Flo darum, mir etwas vom Mittag aufheben zu lassen. Noch während ich mit ihm spreche ahne ich, dass er es vergessen wird. Als ich nach der Bestattung wiederkomme (hungrig und müde) eile ich in die Küche: Ich quengelig:“Gibt es noch was zu essen?“ Küchenmann überrascht: “ Nein, da hätten Sie vorher Bescheid sagen müssen..“ Ich zunehmend verzweifelt: „Aber es wurde doch..Oh je..Gibt es hier irgendwo noch was zu essen?“ Er mitleidig „Na, eigentlich haben alle Gasthäuser zu. Ist ja gerade keine Saison. Probieren Sie es sonst in Fliegenstädt. Da könnten Sie Glück haben.“

Ich rase mit Ulf zurück nach Fliegenstädt-Ort.Die Jugendherberge liegt nämlich im Wald daneben, direkt an einem Telefon-Funk-Masten. Und es gibt dort kein Handynetz (Frage: was macht der Mast denn da? Ich glaube, der wollte mich einfach mies verarschen)  und das W-Lan kostet 1 Euro pro Stunde. Ich fahre da nie. Wieder. Hin. In Fliegenstädt finde ich das Gasthaus Zur Linde und parke hinter dem Haus auf dem Hof. Aus meiner leichten Verzweiflung ist Panik geworden: Was, wenn es hier auch nichts zu essen gibt? Muss ich dann 30km bis zur nächsten Stadt fahren? Oder hungrig zurück und es gibt ein Gemetzel an 40 schreienden Jugendlichen und drei Pfarrern und Pfarrerinnen? Wer mich kennt weiß, dass letzteres bei mir im hungrigen Zustand durchaus realistisch ist. Als ich zur Eingangstür eile, bemerke ich den Duft nach Essen. Ich stürme hinein, sehe einen halbglatzigen Mann hinter der Theke und rufe :“Gibt es hier was zu essen?“ „Ja. Aber dauert nen Moment.“ „Kann ich schonmal nen Kaffe haben, bitte?“ „Ja, aber dauert nen Moment.“

Ich bin alleine in dem riesigen Gasthaus, bis auf ein paar ausgestopfte Tiere an den hellen Wänden. Mein Tisch in der Ecke bietet Platz für mindestens fünf  weitere Personen. Aber außer mir kommt niemand nachmittags halb drei auf die Idee, in der Linde zum Mittag einzukehren. Es ist davor auch niemand auf die Idee gekommen, das Bad zu benutzen – das Licht muss der Gastwirt von der Theke aus erst anmachen. Nach ein paar Minuten erklingen deutsche Oldies aus den Lautsprechern, ich fühle mich wie in den fünfziger Jahren. Doch zum Glück gibt es hier E-Netz und so kann ich endlich Mails checken und chatten, hallo Welt, hallo Gegenwart.  Zwischendurch kommt die Karte als ausgedrucktes, knittriges  A4-Blatt zu mir und ich kann zwischen fünf Sorten Schnitzel wählen. Dass ich irgendwann mal darüber nachgedacht habe, vegan oder wenigstens vegetarisch leben zu wollen glaubt mir mittlerweile kein Mensch mehr. Wenn in unserer Nähe ein neues Schnitzelhaus eröffnet wird, denkt man stattdessen direkt an mich und lädt mich ein („Die Hitchschmock,  die ist doch immer soviel und so gerne  Fleisch.“ ) . Ich bestelle also (surprise!) Schnitzel mit Rahmchampignon und Kroketten und warte. Meine Zeit vertreibe ich mir mit einer Freundin aus dem Jahre 2009. Sommer-Flirt-Horoskop und die neuesten Kleidertrends. Der Kaffee kommt und ich kann mich endlich etwas  aufwärmen, die Bestattung war gut besucht und der Wind eisekalt. Als das Schnitzel endlich serviert wird, schlinge ich drauflos. Schön kann das nicht ausgesehen haben, gut dass ich alleine war. Der Wirt ist mit seinem Handy beschäftigt. Als ich etwa die Hälfte geschafft habe, mache ich ein Foto und schicke es meinem Kumpel Jannis mit den Worten: ich übe schon mal für unser Schnitzeldate.

Ich komme satt und unendlich müde zurück zu den Konfis. Der Tag wird noch lang. Besonders, als nacheinander, also einzeln,  40 schreiende Jugendliche einen Raum (…) im Nachbarhaus entdecken sollen und für den wartenden Rest keine Überbrückungsspiele geplant sind.  Max sagt mir während der Freizeit mindestens drei Mal, dass er schnell wieder nach Hause möchte. Da haben wir was gemeinsam. An diesem Abend findet meine Kollegin ihre Stimme wieder. Vor dem Einschlafen (ihr erinnert euch, das Doppelstockbett) plaudern wir ein bisschen und sie fragt: „Sag mal, Hitchschmock. Wie alt bist du jetzt? 41 oder?“ Auch für die Konfis zähle ich zu den Älteren, aber hey, 31 ist noch nicht 41. Menno.

Bevor ich Freitag losgefahren bin, habe ich einen letzten Blick in den Spiegel geworfen und erschrocken massig viele neue graue Haare entdeckt, dazu äußerst dunkle Augenschatten. Vor der Konfirüste. Den Blick danach in den Spiegel habe ich mir besser geschenkt. Auf der Rückfahrt im Auto singen Max und Flo laut den Kanon, den ich mit der Gruppe immer wieder geübt habe: King of kings and Lord of Lords. Sie singen ihn auch, als sie von ihren Eltern vor dem Pfarrhaus abgeholt werden. Und sie lachen dabei. So schlimm kann es doch nicht gewesen sein.

Champagner und Schnittchen

Am  1. Januar vor einem Jahr bin ich irgendwann gegen Mittag mit einem gehörigen Kater aufgewacht. Ich lag im Bett und befühlte vorsichtig mein neues Leben: Pfar-re-rin. Alles neu, alles Wahnsinn. Meine erste Nacht im Pfarrhaus fand nach zwei Altjahresgottesdiensten in meiner Vikariatsgemeinde und einer Stunde Autofahrt als berauschendes Fest zwischen Umzugskartons, Raclette und Lagerfeuer statt- der Gang sei dank.  Um Mitternacht zogen wir mit Wunderkerzen und Raketen auf den Marktplatz und begrüßten das neue Jahr in einer scheinbar menschenleeren Stadt.

In diesem Jahr klingelte am 1. Januar um neun der Wecker. Träge schlurfte ich Richtung Kaffeemaschine und Bad, die anderen schliefen noch.  Zwei Gottesdienste am Neujahrstag  wollten gefeiert werden – einer vormittags, der andere um 14 Uhr mit anschließendem Neujahrsempfang. Club Mate und einer gewissen Disziplin in der Silvesternacht sei Dank hielten sich Müdigkeit und Kater dann auch in erträglichen Grenzen. Beim Anziehen der talarfähigen Kleidung (schwarz, vier Schichten) wird der Liebste wach und fragt: „Na, haste Bock?“ Und ich sage trotz Müdigkeit und dem Drang mit der Gang tagsüber abzuhängen: „Joa, ich freu mich auf die Gottesdienste, vor allem auf die Predigt“

Martha ist die einzige aus der Gemeinde, die an Neujahr auf meine Predigt reagiert. Sie hat bis morgens um sechs gefeiert und dabei mit ihren Gästen über die weibliche Seite von Gott diskutiert. Darum ging es auch in meiner Predigt und so war ihre Freude groß. Auch die Gang findet den Weg über die Straße vom Pfarrhaus in die Kirche und reißt während des Gottesdienstes den Altersdurchschnitt kräftig herunter. Sie verhalten sich ruhig und unauffällig im Gegensatz zur Nacht davor: jemand hatte silber glitzernde Tröten mit zur Party gebracht und während wir mit Wunderkerzen und Raketen zum Marktplatz gingen, machten wir damit ungeheuerlichen Krach.

Wieder hatten wir den Platz für uns alleine. Um die Ecke gab es dafür großes Feuerwerk und kurz nach Mitternacht kamen doch ein paar bekannte Leute aus dem Ort dazu. Obwohl ich nicht daran gedacht habe die Kirchenglocken zu läuten. Weil ich nach einem Jahr hier immer noch nicht weiß, wie das eigentlich geht (dafür kann ich heizen). Luft nach oben bleibt  in der Plötzlich-Pfarrerin-Welt wohl immer. Und damit Platz für mehr Geschichten.

Euch allen da draußen ein frohes neues Jahr! Wir lesen uns und ich freu mich drauf. Cheers!